Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 49 (6.12.1901)
- Article
- Chanukah
- Date
- 1901-12-06
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3315905-3315956-3315955-3401705--29466-3401820- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
liehe Feinde sind, mit ihnen reden wir beim Scheine dieser Lichter. Vor der Menorah, die länger gedauert hat als die Aresta flamme Korns und als. das ewige Feuer der nordischen Völker, fragen wir sie, welch unerhörte Dinge sie noch vom Schicksal fordern, um endlich einzusehen, dass nicht nur die Vergangenheit mit uns ist, sondern auch die Zukunft. Wir fragen sie, warum jüdische Männer ihre Hände in den Schoss legen und für den Weinstock unseres Volkes nichts anderes mehr wissen als das Verdorren im Sande der Diaspora. Wir fragen sie die Frage aller Fragen: warum sie nicht mit uns gehen. Freilich, weder Verkennung noch Missgunst wird imstande sein, unsere Ueberzeugung ins Wanken zu bringen. Wenn die Seele eines Volkes spricht und nicht seine Laune, so ist das keine vergängliche Tagesmode. Launen zu haben, das hat Israel verlernt in 3800 Jahren des Exils, Dass aber gerade in unseren Tagen die Seele des Judcntlmms angefangen hat, nicht nur zu empfinden, sondern auch zu w ollen, dass unsere Zeit das Erbe von vielen Menschen- ^(Tii an tritt, das erfüllt uns mit tiefer Dankbarkeit für vVfis AValten der Geschichte. Und hier liegt wieder einer von de]i tausend Beweisen für die Echtheit und die Grösse dieser nationalen Renaissance: Wir selber haben den Umsehwim g dieser Jahre ertragen. Die Gefasstheit unseres Volksempfindens hat uns vor Ausschreitungen bewahrt. Mit Thatcnmuth und Thatenkraft sieht der Jude die Pforten seiner Freiheit winken, aber auch mit herbem Stolz und mit jener Gelassenheit, die ein Zeichen höchster Cid tu r ist. — Was immer unsere Gegner sagen mögen, das eine müssen sie anerkennen: wir brauchen uns wenigstens nicht meinzu verstecken vor den Geistern der Geschichte, wir brauchen uns nicht mehr zu schämen; und -schon darauf stolz zu sein, ist wahrlich nicht die schwächlichste Moral. Deshalb feiern wir kein Friedensfest, wenn draussen in der Natur gleichmachender Friede herrscht : den Kämpfen, ihren Thaten und ihren Gedanken gilt unsere spätgeborene Huldigung. Und wenn es auch Nacht ist, da die Menorah strahlt — unsere Sprache weiss nichts davon; wir feiern keine Chanukah-Näehte, sondern Chanukah - Tage, wir feiern Tage der Weihe. Wir feiern aber auch den „Chinuch", der nicht Einweihung bedeutet, sondern Gewöhnung an Pflichterfüllung. AVenn die Lichter brennen, dann erneuern wir mit der eisernen Zuversicht und mit der Glut unserer ererbten Treue das Gelübde, festzuhalten an den Idealen und zu leben für die Pflichten, deren Lehrer die Makkabäer für uns sind. Auch wir sind nicht mit dem Königszeichen auf der Stirne geboren worden, aber wir wollen es uns verdienen. Und wenn noch manche Lichter brennen werden, wir decken heute schon mit dem Hecht des Kämpfers an unseren Kampf preis. Wir denken an das grössere Chanukah, das kommt, an die Weihe, die sich Israel selbst geben wird auf dem Boden seiner Ahnen. Wir denken an den Traum unserer Nächte, an die Arbeit unserer Tage: Chauukah in J u d a e a! Unser Chanukah. Wir wollen durch die stillen Nächte-gehen, So wie die Kinder gehen, Hand in Hand; Und vor uns werden wir ein Dämmern sehen, Das webt und schwebt ob unbekanntem Land. Wir werden geh'n und eine Höhe finden: Das ist der Ort, und dann ist es die Zeit, Makkabis Siegeskerzen anzuzünden Zum Fest der Jugend und Unsterblichkeit. Ihr festlich Schimmern wird das Land erleuchten, Das — fast wie träumend — uns zu Füssen liegt — Und uns're Augen werden leis* sich feuchten, Indes ein Schauer durch die Brust uns fliegt. Ein Schmerzensschauer voll Erinnerungen, Und wieder voller Freud' und voller Hoffen ... Denn siehe, uns, den Starken und den Jungen, Steht endlich wieder uns're Heimat offen . . . B e r 1 i n. Martin F r i e d l %e n d e r. Leih7 mir Makkabi's Arm... Leih' mir Makkabi's Arm! Dann muss das Werk gelingen. Dann kann ich eine Riesenfackel schwingen, An meiner Liebe rother Glut entfacht. Ich trag' sie hinein in die Golusnacht, Dass plötzlich das ganze Leid erwacht, Dass all' die Millionen Weherufe klingen Der Kraftgelähmten, die zum Grabe schleichen, Der müden Weiber mit dem Selavenzeichen Dass gruftentstieg'ne Kinderleichen Im zuckend-gelben Schein die Todtenlieder singen . .. Und sind sie aufgewühlt, die tausendjähr'gen Schwären, Dann naht der wundergrosse Augenblick: Dann muss der Schmerz den heissen Lebensdrang gebären, Die junge, stolze Kraft kehrt uns zurück — — Dann, grosser Gott, dann stirbt die alte Klage, Dann Hallelujah, Herr! — Es ward der Tag der Tage! Brünn. 0 11 o A be 1 e s. Josua vor der Landnahme. Von Ch. N.BialUc. Aus dem Hebräischen von Moritz Zobel* „Irrgänger der Wüste, auf aus dieser Wilde! Noch ist weit die Strecke, Kampf winkt im Gefilde. Lang genug durchsehweift ihr ziellos dies Gelände — Und vor euch die Bahn dehnt sich ohne Ende. Vierzig Jahr erst sali uns hier die Wüste streichen — Und ihr Sand deckt sechzig Myriaden Leichen . . . Doch die todten Memmen sollen uns nicht grämen, Ueber ihre Leiber lasst den Weg uns nehmen! Lasst sie schmachvoll modern neben ihren Packen, Die sie aus Aegypten schleppten auf dem Nacken. Möge ihnen träumen süss von duft'gem Lauche, Fleisch gefüllter Töpfe würzevol lern Hauche . . . Heute - morgen theilt der Geier mit dem Weste Wohl des letzten Sclaven allerletzte Keste. Und die Sonne wirbelt endlich mit Frohlocken Auf ein starkes Volk ihre Strahlenflocken. Auch das Volk hebt endlich auf den Blick mit Wonne Zu der gnadenreichen, gabenfrohen Sonne. — Lasset denn, ihr Wanderer, diese dürren Heiden, Aber seid nicht vorlaut, schreitet aus bescheiden, Dass nicht die Entschlaf 'nen euer . Schritt beschwöre. —. Jeder still im Herzen starke Klänge höre! Jeder fühl' im Herzen Gottes Wort erglühen: In ein neues Land wirst Du heule zielten! Nicht mehr wirst du Manna, Himmelskost, gemessen. Aus der Hände Mühsal, wird dir Brotfrucht spricssen! Nicht mehr Luftgezelte, nicht mehr Wolkendächer, AncVre Häuser baust du, andere Gemächer! . IXjnn auf Gottes Erde ausser Wüstengrauen Gibt es sonnig weite, strahlgeküsste Auen. -.. < Jenseits dieser Wildnis todtengleicher Stille Lebt und webt ein Land in trunk'ner Schonheitsfüllc."