Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 48 (29.11.1901)
- Article
- Zweierlei Juden
- Date
- 1901-11-29
- Page
- 14 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 14 „Die # Welt" m: 48 Zweierlei Juden. Roman von Max Viola. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Wie war da alles so ganz anders, als daheim in der Grossstadt, eine ganz andere Welt. Hier kümmerte man sich nicht um Politik, um den grossen socialen Krieg, hier jagte man keinen neuen Reichthümern nach, echauffierte man sich nicht wegen eines neuen Dramas oder einer grossen Sängerin; man kannte keine Bilder und keine Ausstellungen,, wusste nicht, dass es einen Rembrandt und einen Tizian gegeben. All das waren fremde Dinge, so fremd, dass nicht ein Hauch davon hierher drang. Da quälte und mühte man sich die Woche über, um am Sabbath einen sorgenfreien Tag zu haben, mit dem angenehmen Bewusstsein, die Synagoge zu besuchen, mittags vom wohlgerathenen Schalet und einem Fläschchen Wein erwartet zu werden, nach dem Essen eine beliebig lange Siesta halten und nachher mit den übrigen Familienmitgliedern wichtige Gespräche über den Rabbi und den Chason, über die Prunksucht der Gattin des Vorstehers und über die Schwere der jüngst geschlachteten Gans führen zu dürfen. Dafür schleppten sie die Woche über den schweren Packen in Regen und Schnee über die Landstrasse, von Dorf zu Dorf, dafür lohnte es, sechs Tage lang umherzukeuchen, zuweilen zu hungern, zuweilen zu frieren, zuweilen unter der Gluthitze der Sonne zusammenzubrechen. Der Sabbath bot Entschädigung für alle Entbehrungen der Woche. Er bot sie auch den Frauen, die nach der sechs Tage andauernden Armseligkeit ihrer Hauswirtschaft, nach den Kämpfen mit dem Schmutz, dem Lärm und dem Hunger der zahlreichen Kinder, am siebenten Tage, mit ihren guten Kleidern angethan, stolz und feierlich zur Synagoge schritten — hatten nicht sie das bessere Theil erwählt? Sie sind arm und armselig, doch der Sabbath macht sie glücklich; er ist der süsse Trost und die lockende Hoffnung, die sie in allen Stürmen der Woche aufrecht erhalten. Die grossen Geschehnisse des Lebens lassen sie unberührt, sie kennen kein überwältigendes Glück, sie kennen aber auch keine Verzweiflung. Paul sass sinnend im Wagen, und erst als die Pferde hielten, blickte er rascPi auf. Er war am Ziele. Ein ziemlich grosses Parterrehaus, neben dem Thore ein Laden, dessen Schild den Namen „Samuel Finkelstein'* in grossen, halbverwischten blauen Buchstaben trug. Links vom Thore, auf einem rohgezimmerten Bänkchen, sass eine steinalte Frau, die sich in der Sonne wärmte. Ihr Antlitz war braun und von unzähligen Runzeln bedeckt, ihr Haupt, welches eine mit blauen Bändern verzierte weisse JHaube bedeckte, war schief auf die linke Schulter geneigt, die mageren, fleckigen braunen Hände hielten ein schwarzes Wolltuch zusammen, das um ihren Hals geschlungen war, und die schmalen Lippen bebten leise, als ob sie ein stilles Gebet verrichten würden. Das war seine Grossmutter. Er sprang vom Wagen und eilte auf sie zu. Er küsste ihr die Hand und die Wange," und stand nun erwartend, ob sie ihn wohl erkennen würde. Sie sah ihn genau an und lächelte: „Grüss' Dich Gott, mein Kind, grüss' Dich Gott!" sagte sie. „Warum ist Deine Mutter nicht auch gekommen? Zwei Jahre schon, dass sie nicht hier war. Bist sehr hungrig, Paul? Wie? Komm', ich will Dir zu essen geben." Paul versicherte, dass er keinen Hunger fühle und dass ihr seine Mutter viele herzliche Grüsse sende. „Aber Du musst ja hungrig sein, freilich musst Du," sagte sie, und versuchte sich vom Bänkchen zu erheben. Aber da kam die ganze Familie auf die Gasse herausgestürzt: Onkel Samuel, Tante Minna, Cousine Clara und der kleine Wilhelm, der eigentlich Wolwele hiess. Der Vorrang gebürte Tante Minna. Sie umarmte ihn und küsste ihn dreimal auf die Lippen, dann kam Onkel Samuel, der ihn bei beiden Schultern fasste und auf die Wange küsste, und dann versuchte ihm Wolwele die Hand zu küssen. Bloss Clara, ein hübsches brünettes Mädchen von etwa sechzehn Jahren stand verlegen da und wusste nicht recht, was sie beginnen sollte. Sie wurde blutroth, als Paul sie küsste und es währte eine Weile, bis sie sich am Gespräche ihrer Eltern und ihres Brüderchens betheiligen und ihn um das Befinden seines Vaters und sejner Mutter ausfragen konnte. „Da steht Ihr alle und redet in ihn hinein und gebt ihm nichts zu essen/4 Hess sich die Stimme der Grossmutter vernehmen. „Er kommt doch von einer langen Reise und muss sehr hungrig sein?*' „Aber ja, Mutterl/* meinte Tante Minna, „sofort soll er essen." Und nun drängte sie Paul in das Wohnzimmer und gewährte ihm bloss eine Frist von wenigen Minuten, um sich vom Staube zu reinigen, dann musste er sich an den Tisch setzen und zulangen. Bis er ein Stück von dem Fische verzehre, der für heute Abend vorbereitet sei, werde Clara rasch ein Stück Fleisch braten. Er möge nur essen, sofort komme auch das Fleisch. Paul protestierte lebhaft, er fühle keinen Hunger und könne unmöglich essen. Aber er predigte tauben Ohren. Schien es doch hier unerlässlich zu sein, sich den Magen vollzustopfen, war es doch, als ob die Nöthigung zum Essen den ersten Beweis der Liebe bilden würde, die man ihm entgegenbrachte. Erst als er kategorisch erklärte, nicht melir essen zu können, führte man ihn in das freundliche Zimmerchen, das er bewohnen sollte. Tante Minna half ihm, seinen Koffer entleeren, brachte seine Kleider und Wäsche in einem Schranke unter und eilte dann zurück in die Küche, denn noch waren nicht alle Vorbereitungen für dre Einkehr des Sabbath getroffen. Die Gans war gebraten, der Schalet im Ofen, die ■ geflochtenen mit Mohn bestreuten Kuchen lagen auf einem Brette, doch der mit Topfen gefüllte Butterteig stand noch im Rohre und erheischte besondere Aufmerksamkeit. Paul hatte sich vor dem Hause neben die Grossmutter auf das Bänkchen gesetzt und musste ihr auf hundert Fragen antworten: Wie seine Mutter sich befinde und sein Vater, wie es sich in der grossen Stadt lebe,, wie theuer das Fleisch sei, ob die Menschen auch dort nicht mehr so fromm wären wie früher und ob er noch nicht bald zu heiraten gedenke, da er doch schon alt genug dazu sei. (Fortsetzung folgt.) Mittheilungen aus dem Publicum. Unser verehrter Gesinnungsgenosse Herr L.-Jaffe, vormals in Leipzig, hat sich mit Fräulein Sarah Hefter in Grodno vermählt. Spenden. Für die Rosa Kollmann-Stiftung: Leon Weintraub, Rzeszow K 1.—. Bei Frau Sidonie Kahn eingegangen: Sammlung bei der Ausschuss-Sitzung des „Zionu in Mariahilf K 20.—. Für den zu gründenden jüdischen Nationalfonds : Sammlung Wien K 9.16, J. S. K —.50, F. L. K .50, Familie K K 1.-, O. M. K 1.—, Dr. K. K -.50, Dr. Sch. K —.40, M. Seh. K -.20, A. N. K —.30, S. und K. beim Kartenspiel K 1.20,. A. P. K —.20, L. W. K -.20, L. K. K —.25, J. U. K —.20. M. Z. K —.20, Efr. Edelstein K —.20, Aus einer Sparbüchse K —.ö20. Bei einer Abrechnung K —.60, Edmund Feiwel K —.10, Simon Melion K —.10, Wilhelm Lustgarten K —.20, Allgemeiner jüdischer Arbeiter-Verein K _.80. Akad. Verbindung Ivria" K 3.26, Erster zionisti- Frauenveiein K 1.40. Zusammen K 23.—. Briefkasten. M. Sch. in Prag: Wollen Sie sich gefälligst mit Ihren Vorschlägen an das Bureau des Zionisten- Congresses, IX., Türkenstrasse 9, wenden. R. H. in Besztercze. „Olam .'Katan", Wien, VIII., Schlösselgasse 1; „Jung-Juda*, Prag, Smeckagasse. : Einige wichtige Vereinsnachrichten, darunter die Berichte über die Generalversammlung des Wiener und Bielitzer Turnvereines und über die Thätigkeit der Zionsvereine in Frankfurt a. M. und Karlsruhe, mussten Raummangels wegen für nächste Nummer zurückbleiben.