Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 48 (29.11.1901)
- Article
- Die Berliner Repräsentantenwahl
- Date
- 1901-11-29
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Säte 6 „Die# Welt>» Nr.-48 liehe und sittliche Kraft im Grossstadtleben zu vergeuden, eine Stätte in Lehrlingsheimen und jüdischen Vereinshäusern finde, der Wähle die Zionistischen (Kandidaten! Jüdische Wähler! Wenn Ihr wollt, dass unsere Jugend für das Leben wirklich ausreichende Kenntnisse unserer hebräischen Sprache erwerbe, dass durch öffentliche, unentgeltliche Cursc die Kenntnis jüdischer Religion, Geschichte und Literatur verbreitet werde, dass durch Förderung der körperlichen Ausbildung in Turn- und Gesangvereinen eine Regeneration des jüdischen Volkes sich vorbereite, dann zögert nicht und Wählt die Zionistischen Candidaten! Wir bieten Euch keine glänzenden Namen, keine klingenden Titel. Aber unsere Kameraden sind Männer, bereit, sich ohne jede? Sehen, ohne jedes persönliche Bedenken für die Ehre unseres Stammes in die Schanze zu schlagen. Sie treten ein, wo es gilt, ausgleichende sociale Gerechtigkeit zu üben, die Fahne des Judenthums hochzuhalten, und die endliche Erlösung unseres schwergeprüften Volkes herbeiführen zu helfen! Wer ein lebendiges Judenthum will, durchtränkt vom Geiste unserer Väter, voller Kraft und Lebensmuth, modern und doch auf der Tradition fussend, der Wähle die Zionistischen Candidaten! Unsere Candidaten sind: 1. Herr Director S. J4 Leszynsky, Bayreutherstr. 36. 2. Herr Dr. med. Emil Simonson Schöneberg, Gustav Freytagstr.2, 3. Herr Dr. med. Julius Katz, Greifswalderstr. 1. 4. Herr Julius Kalmus, Winterfeldstr. 13. , Noch kennen wir nicht den Eindruck, den imsere Worte machen werden, aber wir sind der festen Ueberzeugung, dass, unsere ehrliche Begeisterung und die opferwillige Hausagitation, die unsere Studentenschaft einleiten wird, uns Freunde schaffen wird bei der grossen Zahl der bisher Indifferenten und den — dureh die Wahlmache wirr gewordenen Juden. E. S. .* Zu den Repräsentanten wählen erhalten wir noch folgende Mittheilungen : Berlin, den 25. November 1901. Soweit wir bisher die Sachlage übersehen, werden wir zum mindesten eine starke Minorität erhalten. Dr. Adolf Friedemann hat Donnerstag in einer grossen Massenversammlung einen stürmischen Erfolg zu verzeichnen gehabt, am Sonnabend sprach Dr. Z 1 o c i s t i unter grossem Jubel vor mehreren hundert Russen und Rumänen, die Wähler sind. Montag abends und Mittwoch abends — am Donnerstag ist die Wahl — sind wiederum öffentliche, Massenversammlungen, in denen Dr. Katz und Dr. Zloci sti die Referate übernommen haben. Ausserdem findet Mittwoch abends eine grosse Frauen Versammlung des nationaljüdischen Frauenvereines statt. Morgen Dienstag findet eine Versammlung jüdischer Handwerker statt, in der Dr. Friedemann referiert. Dienstag werden die Zionisten in der Versammlung des conservativen Centraivereines ihren Standpunkt vertreten. Die Wahl hat jedenfalls schon heute den Erfolg, dass wir als ernsthafter politischer Factor betrachtet werden, in aller Munde sind und durchaus sympathisch behandelt werden. Einer neugebildeten Section der Ortsgruppe für Ausländer sind bereits über 100 Personen beigetreten, und der Verein selbständiger Handwerker — eine liberale Mustergründung — wird wahrscheinlich geschlossen zu uns übergehen. Die Vereine der Privatsynagogen haben uns bereits die Gründung eines grossen Wahlvereines für die nächsten Wahlen angetragen. Eine heute von uns aus* gegebene Broschüre „Dr. Heinrich L o e w e über den Sonn* tags-Gottesdienst* wird in mehreren tausenden von Exemplaren gratis vertheilt. Weitere Nachrichten folgen. F. y Zur Geschichtsschreibung des Zionismus/) (Schluss.) Nun gibt es Millionen Juden, die bewusst, wie die Zionisten, oder unbewusst, wie das ungeheure jüdische Proletariat, das sich im russischen Ghetto müht und quält, eine autonome Heimstätte wollen, wo sie endlich zuhause wären und wo der Antisemitismus, mag er bloss gefühlt oder in Worten ausgedrückt werden, sie nicht erreichen könnte; was den handelnden Antisemitismus betrifft, so würde er an dem organisierten und compacten Widerstande einer nationalen Verteidigung zerbrechen. Die Zionisten finden es absurd, zu warten, bis alle Drumonts und alle Regis menschlich werden und bis alle Philosemiten logischer und gewissenhafter werden. Sie halten es für natürlicher, sich in Schutz zu bringen vor dem Hasse der einen und der Heuchelei der anderen, indem sie das jüdische Volk organisieren, es unabhängig und stark machen, nicht urn anzugreifen, sondern um sich zu vertheidigen. Die Zionisten verzichten nicht, während sie um eine jüdische Heimat streiten, auf den Kampf gegen die Reaction, aber sie glauben mit Recht, dass ein autonomes Volk eher in der Lage ist, sich Mittel zu verschaffen zum Kampfe für sein eigenes und das allgemeine Wohl, als ein zerstreutes, sich überall in der Minorität befindendes Volk. Sie sagen zu den Liberalen, den Radicalen, den Socialisten und den anderen Philosemiten : „Gebet Eure assimilatorischen Vorstellungen auf, die wie die antisemitischen Verirrungen nur das Ergebnis der internationalen Sclaverei der Juden sind, und nehmet für Israel an, was Ihr als das selbstverständliche Recht jeder Nation betrachtet. Das Heil Israels liegt nicht in der Assimilation, die der Tod ist, sondern in der Wiederherstellung seiner nationalen Autonomie in Palästina. Alle anderen vorgeschlagenen Mittel sind nur Palliative, die von der Trägheit, der Feigheit der Assimilation dictiert werden." So kann zum Beispiel, um nur den wirtschaftlichen Gesichtspunkt ins Auge zu fassen, keine Besserung der Lage der Juden in den Ländern, die sie bewohnen, dauerhaft sein; so würde man vergebens Millionen für die Schaffung eines jüdischen Ackerbaustandes in Russland ausgeben, wo Tumulte, Feuersbrünste, Ukase, Confiscationen, Verbannungen auf die Juden an jedem Tage lauern; jeder Besserung, die durch die jüdischen Philanthropen hervorgerufen wird, entspricht notwendigerweise ein Anwachsen des Antisemitismus, sei es beim Volke, sei es bei der Regierung, aus dem sich ein neues Sinken des wirtschaftlichen Zustandes der Juden ergibt. Es gibt nichts Unheilvolleres, als die moralischen und materiellen Kräfte der Jutlen für eine Auswanderung in die verschiedenen Länder Europas und Amerikas auszugeben; diese Auswanderungen vermehren die Zerstreung der Juden, schwächen sie, machenjsie weniger fähig, dem Antisemitismus zu widerstehen, der umso stärker wird, je weniger er sich bedroht fühlt. Es gibt nur eine einzige Auswanderung, die heilsam sein könnte; das ist die, die zum Zwecke hätte, auf dem Territorium Palästinas alle Juden, die aus den Exilländern kommen, zu vereinigen; einen zahlreichen Ackerbaustand, der das Land besitzt, zu schaffen, alle gesunden socialen Ideen zu entwickeln auf der Grundlage der nationalen Würde. Der Einwand, der von den Assimilierten vorgebracht wird, die Juden wären keine Nation, ist tausendmal in lichtvoller Weise durch Smolensky, Lilienblum und Max Nord au widerlegt worden; nach den vier zionistischen Congressen von Basel und London sind nur noch diejenigen, deren lächerlicher Eigensinn stärker ist, *) Wir bringen im Nachstehenden den Seniums des Artikels der „Fronde", dessen Anfang wir in Nr. 47 veröffentlicht haben. (Anm, d. Red.)