Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 48 (29.11.1901)
- Article
- Der fünfte Congress
- Date
- 1901-11-29
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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JNx. 48 „Die £ Welt" Seite 5 sich der Wahl enthalten. Der Tag der Delegierten wähl ist ein Ehrentag der ganzen Bewegung. Und so soll auch dieser Tag fiberall festlich begangen werden durch die Wahl eines Congressmitgliedes. » Von dem Fortschritte der zionistischen Bewegung im abgelaufenen Jahre gibt die Gründung von zionistischen Ortsgruppen in Ländern Zeugnis, die bisher von unserer Agitation unberührt geblieben waren. In Tunesien, Marokko, Norwegen, Anatolien, Syrien, Argentinien, Brasilien und dem Kaukasus sind zionistische Vereine entstanden, und der V. Congress dürfte demnach Delegierte begrüssen können, die auf den bisherigen Congressen noch nicht zu sehen waren. Die Goionie Carmel (Argentinien) hat mit ihren Vertretung Herrn Swulsky beauftragt. Die Gruppe in Astrachan hat Herrn hr. Rosow zum Delegierten gewählt. Von den anderen oben genannten Vereinen ist das Wahlresultat noch nicht eingelangt. * In Holland wurden zu Delegierten gewählt: E. Karlin (Amsterdam), S. Seeligmann (Amsterdam), als Steilvertreter Dr. B. Hes (Groningen), Gerhard G. Pollak (Amsterdam). * Südafrika wird durch Ing. Leopold Kessler (Johanneshurg) und J. M. Traube (Port Elisabeth) vertreten sein. * Die Ortsgruppe in Zürich wählte die Herren Dr. Farbstein und Dr. Pinczower. * Tiflis entsendet die Herren Bermann und Gines. * Die Vorbereitungen zum allgemeinen Zionisteneongresse sind im vollen Gange. In Russland wurde der 24/11. December zum Versammlungstage bestimmt. Nach den vorliegenden Berichten wird auch die Procia mation der Activität der Jüdischen Golonialbank Gegenstand von Kundgebungen werden. Ausser, der für den Baseler Congress zu beschliessenden Resolution wird auf e ne lebhafte Agitation für den Sharesverkauf und eine Sammlung für den Nothstandsfonds der palästinensischen Arbeiter in das Meritorische der Verhandlungen einbezogen werden. Es wäre wünschenswert, wenn alle anderen Landsmannschaften die se Anregung unserer Gesinnungsgenossen aus Russland übernehmen wollten. Das Secretariat des Actionscomites ist gerne bereit, alle hierüber gewünschten Aufklärungen sofort zu geben. Die Berliner Repräsentantenwahl. Aus Berlin wird uns geschrieben: Berlin, 20. November. Die Judenschaft unserer Metropole steht im Zeichen des Kampfes um die Repräsentantensitze. Die Liberalen und die „Conservativen" suchen jetzt mit nervöser Hast und verängstetem Eifer das Interesse für jüdische Angelegenheiten wieder zu erwecken, dass die Liberalen mit planmässigem Raffinement drei lange Jahre hindurch niederknebeln, die „Conservativen" aber in ihrer grenzenlosen Dummheit nicht rege werden lassen. So muss denn alle drei Jahre von neuem angefangen werden, wodurch natürlich ein rechtes Verständnis für die strittigen Fragen nicht erzielt wird. Es wird nirgends so wenig mit Begriffen, nirgend so peinlich mit leichenstarren Schlagwörtern gearbeitet, wie in Berlin. Das Gezanke um die sonntäglichen Festgottesdienste (von einem Kampf kann man hier nicht reden) hat all die mindestens ebenso wichtigen Forderungen ganz aus dem Horizont der Wähler gerückt. Das kann man mit Betrübnis jeden Abend beobachten, denn jeden Abend findet in irgend einem Stadtviertel eine Versammlung statt. Die am Montag, 18. er. im Handwerkersaale von den Liberalen veranstaltete Besprechung — „ein Schlachten war's, nicht eine Schlacht zu nennen" — bewies, dass im Centrum der Stadt und an der östlichen und nördlichen Peripherie für die Sonntagsjäger einfür allemal keine Gegenliebe vorhanden ist; aber, sie bewies auch, dass die Tage der „Conservativen" gezählt sind. Den nächsten Wahlkampf werden sie nicht mehr ausfechten. Sie werden zerrieben und zerschmettert sein — zum Sev gen für die Sache der Erhaltung unseres Volkes. Der Untergang der „Conservativen" wird der kräftigste Anfang des wirklichen Conservatismus sein. Wenn wir Zionisten uns schon diesesmal agitatorisch betheiligen, so thun wir es nicht in der naiven Hoffnung, grosse Siege zu erreichen, sondern die irregeleitete Berliner Judenheit auf ihre wahren Bedürfnisse hinzuweisen, und um für den nächsten Wahlkampf beizeiten unsere Visitenkarte abgegeben zu haben.. Wir werden in den nächsten 10 Tagen noch 3 öffentliche Versammlungen veranstalten, ferner in stillerer Weise auf die jüdischen Handwerker und die zahlreichen galizisch-russisch-jüdischen Kreise einzuwirken versuchen. Heute geht ein Flugblatt an alle jüdischen Bürger, das den folgenden Inhalt hat. Berlin, November 1901. Jüdische Wähler! Zum erstenmale treten wir an Euch mit der Bitte heran, bei den bevorstehenden Wahlen für das RepräsentantencolLegium der Jüdischen Gemeinde unseren Candidaten Eure Stimmen zu geben. Ihr sollt dadurch bekunden, dass Ihr mit uns die Jüdische Gemeinde nicht nur als ein religiöses und Wohlthätigkeitsinstitut betrachtet, sondern ihr auch neben der Erfüllung religiöser Aufgaben die Verpflichtung zu umfassender socialer und volkserzieherischer Thätigkeit zuweist. Durch Euer Votum sollt Ihr > ferner bekräftigen, dass Ihr die Machtmittel der grössten Gemeinde (des Reiches auch zur Linderung des Elends unserer auswärtigen •Brüder/verwendet wissen wollt. Jüdische Wähler! Fort mit der Gleichgiltigkeit auf allen Gebieten des jüdischen Lebens! Wir rufen Euch zum Kampfe für die Erhaltung des ' Jduenthums! Fort mit der zaghaften Schwäche, die sich der eigenen Vorfahren, der angeborenen Rasseeigenschaften, der armen in Jammer und Elend, in körperlicher und sittlicher Noth verkommenden Brüder schämt! Wenn Ihr wollt, dass unsere Gemeindevertretung von nun an die mannliafte Vertheidigung unserer Ehre gegenüber allen Angriffen von aussen auf ihre Fahne schreibe, dass sie durch ihr Beispiel berechtigtes jüdisches Selbstbcivusstsein in den Massen stärket dann * Wählt die Zionistischen Candidaten! Jüdische Wähler! Wer' lebendiges jüdisches Gefühl besitzt, der wird nicht leichtfertig die Güter opfern, für deren Erhaltung unsere Väter Tod und Schande willig erduldet haben. Wir verwehren niemand, in privaten Vereinigungen auf seine Art zu beten, aber die officielle Vertretung der Gemeinde darf niemals ihre Hand dazu bieten, dass der JSabbath gefährdet werde. Stimmt für die Erhaltung des Sabbaths! Stimmt für die Aufrechterhaltung des hebräischen Gottesdienstes und deshalb Wählt die Zionistischeyi Candidaten! Jüdische Wähler! Wir erstreben wichtige 'Neuerungen auf socialem Gebiete. Wer mit uns wünscht, dass eine Volkshalle geschaffen werde, in der nach den Mühen des Tages jeder Jude Erholung und geistige Anregung in jüdischem Sinne finden kann, Wer die Begründung einer den heutigen Wirtschaftsverhältnissen angepassten Vorschusskassc für die in ihrer Existenz bedrohten jüdischen Handwerker und Gewerbetreibenden verlangt, Wer will, dass unsere arbeitende Jugend, statt ihre körper-