Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 48 (29.11.1901)
- Article
- Die englische Gesellschaft und der Zionismus
- Date
- 1901-11-29
- Page
- 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Die # Welt" Nr. 48 sein mochte. Mag auch zuweilen ein kleines Wohlergehen sie veranlassen, diese Hoffnung aufzugeben, und eine kleine Bildung sie verleiten, sie zu belächeln, so bringt ihn die Verfolgung doch bald schärfer und tiefer zu ihr zurück. In den Städten Galiziens, Polens und des russischen Ansiedelungsbereiches mag dieses nationale Gefühl eines heimatlosen Volkes nur ein wechselvoller und wohl auch grausamer Traum sein; aber es ist ein Traum, der ihm die Seele elbendig erhält und der, wenn es in sein eigenes Land kommen wird, ihm mehr als alles andere helfen wird, Mühe und Qual zu ertragen. Ich habe all das, was Mr. Zangwill beschrieben hat, gesehen, vielleicht sogar mehr, und ich kann mir keine Armut vorstellen, welche den Juden im Heiligen Lande befallen könnte, die sich auch nur vergleichen Hesse mit der, unter der er leidet, während er träumt. Mag Erfolg oder Misserfolg die zionistische Bewegung erwarten, so denke ich jedenfalls, dass wir die Möglichkeit des Juden als eines Ackerbauers nicht nach den bereits in Palästina bestehenden Colonien beurtheilen dürfen. Wir müssen die mangelhafte Vorbereitung des Juden für Ackerbauarbeiten bedenken, die durch so viele Jahre anderer Beschäftigungen bewirkt wurde. Dann müssen wir in Betracht ziehen., dass es für die Juden in Palästina andere Möglichkeiten gibt als bloss agriculturelle: dass es industrielle Arbeiten gibt, für die sich das Land in hervorragender Weise eignet. Die geographische Lage Palästinas, zwischen Orient und Oceident, seheint es vor allem anderen zum Abrechnungshause der Welt zu machen. Ich kann mir das jüdische Volk wohl in einem eigenen Lande als eine Gemeinschaft vorstellen, die von den Mächten beschützt wird. Die Zukunft Palästinas ist für die Juden. Mögen sie nur ihr nationales Gefühl pflegen und entwickeln. Mr. Zangwill muss, wie wohl alle Zionisten es sind, darauf gefasst sein, dass sein Plan utopisch genannt werde, aber Utopien ist kein unmöglicher Ort, und die Weltkarte, die Utopien nicht aufgenommen hat, ist nicht wert, ^angesehen zu werden. Aus der Rede Mr. George Bernard Shaws. Die Sympathie, die ich für das jüdische Volk hege, ist eine tiefe; es ist eine Art von Bezauberung. Und meine Kasse — die irische — hat viel Berührungspunkte mit den Juden. In welchem Verhältnisse werden wirklich geeignete Juden nach Palästina gehen? Die Unterdrücktesten sind nicht das beste Material für eine Staatengründung. Sie müssen die besten Juden nehmen; Palästina bedarf einer grossen Menge von Gehirn. Ackerbau ist jetzt eine Beschäftigung für ein stumpfsinniges und vorurtheilsvolles Volk. Aber in der Zukunft wird er zu einer hochorganisierten Industrie werden. Dann werden die Juden den Ackerbau zu einem intellectuellen Niveau erhoben finden, auf dem sie an ihm theilnehmen können. Auch gegen die Verfolgungen in den Balkanstaaten gibt es nur eine Hilfe: einen Judenstaat, der geachtet und gefürchtet wird. Die Mächte könnten ein Art platonischen Sehutzcomites bilden, aber vor allem anderen werden die Juden auf sich selbst angewiesen sein und aus sich selbst eine Macht machen müssen. Und sind sie nicht schon heute eine Grossmacht in allen Künsten, in Wissenschaft und Literatur aller Länder der Welt? Der Jude ist der Gehirnmensch, der grossen Theil hat an der Verwaltung und Führung aller Nationen. Atts der Rede Dr. Gasters. Nach einer Ansprache des Archidiaconus von London Sinclair sprach Chief-Eabbi Dr. Moses Gaster im Namen der Zionisten. Er wies auf die zionistische Arbeit hin, die er vor zwanzig Jahren mit Sir Laurence Oliphant durchführte und deren Ergebnis die erste jüdische Colonie in Samaria war. „Lassen Sie mich nun fragen," fuhr er fort, „was bedeutet die Sehnsucht der Juden nach Palästina? Es ist nicht lange her, dass man, kurze Zeit nach dem Tode des Marquis of Bute, in seinem letzten Willen fand, sein Herz möge herausgenommen und auf dem Oelberg begraben werden. Das Herz der Juden war die letzten zweitausend Jahre hindurch in Palästina begraben. Wir sehnen wv darnach, dorthin zurückzukehren, denn dieses Herz ist noch lebendig, und wir wollen uns dort als einen compacten, einheitlichen und unabhängigen Körper erkennen, ohne dass wir andere zu bitten brauchen, uns zu helfen oder uns zu bemitleiden oder uns zu beschützen. Die rumänischen Juden,, dievor 20 Jahren nach Palästina giengen, erklärten: „Wir wollen den Boden mit unseren Fingernägeln schürfen! Wir wollen unser Blut fliessen lassen und die Scholle tränken, zum Heile unserer Kinder, die nach uns kommen werden." Ich stehe noch auf dem alten Standpunkte, und glaube an die Echtheit der alten biblischen Inspiration. Ich glaube, dass ein Fluch über dem Heiligen Lande lastet, seit seine Kinder aus ihm Verstössen wurden, und dass es wieder fruchtbar sein wird, wenn die Juden zurückkehren werden. Wir sind nicht dazu so lange am Leben geblieben, um getreten zu werden. Wir haben eine Weltmission zu erfüllen, und wir hoffen, dass wir aus Palästina der Menschheit unsere grosse Botschaft schenken können werden. Jetzt aber danken wir Euch für alles, was Ihr uns gethan habt." General Wilson*) sagte unter anderem: „Meine tiefsten S3^mpathien gehören allen Zielen der zionistischen Bewegung. Palästina ist eine sehr fruchtbare Gegend, und der Reichthum der alten Tage wird wiederkehren." Der serbische Staatsminister 3)r. M i 1 i e e w i c schloss sieh diesen Anschauungen an. Colonel G o 1 d s m i d schilderte in farbenreichen Worten das palästinensische Land, wie er es im Frühjahr 1883 gesehen. „Unter den jüdischen Colonisten," sagte er, „hat das dürre Land Ungeheures hervorgebracht. Eine Million von Cognac-Gallonen liegt in den Kellern von Eischon-Lezion, und dieser Gognac ist besser als irgend^ ein französischer .... Ich bin Zionist vom Scheitel bis zur Sohle, und niemand wird behaupten, dass ich meine Pflicht gegen Britannien deshalb mit geringerem Eifer erfülle." Lord Suffield, dem der Dank der Versammlung ausgesprochen wurde, verlas hierauf ein Telegramm Dr. Herzls, der bedauerte, der Einladung nicht Folge leisten zu können. Um dreiviertel zwölf Uhr war die Versammlung zu Ende. Der fünfte Congress. In dieser Woche haben die Wahlen für den V. Congress begonnen. An unsere Gesinnungsgenossen tritt die Pflicht heran, für ihre Vertretung auf dem Congresse Sorge zu tragen. Der Congress ist die Repräsentation der zionistischen Bewegung, und es ist jedermanns Pflicht, von dem durrh das Baseler Statut gewährleisteten Rechte, Delegieite für den Congress zu wählen, Gebrauch zu machen. Ein Blick auf die Ergebnisse der bisherigen vier Congresse genügt, um über die Bedeutung und die Wichtigkeit dieser jährlichen Zusammenkunft Khirheit zu geben. Der Congress repräsentiert nicht nur die zionistische Bewegung in ihrer Extensität, er repräsentiert auch den Willen der Gesammlheit und besitzt dadurch eine über jede locale oder zeitliche Bedeutung weit hinausgehende Machtvollkommenheit. Auf das Recht der freien, unbeschränkten Wahl für den Congress darf daher kein Gesinnungsgenosse verzichten. Wir können nirht der Meinung beipflichten, dass Gruppen, welche nicht die Möglichkeit besitzen, eigene Vertreter zum Congresse zu entsenden, *) General Wilson war bereits in den Jahren 1864—1865 im Aufrag« der Regierung in Palästina, und hat 1880 ein bedeutsames Werk über das Land veröffentlicht.