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Die Welt · 1901-11-29 · 48 (29.11.1901) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
48 (29.11.1901)
Article
Die englische Gesellschaft und der Zionismus
Date
1901-11-29
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. „Die # Welt" Nr. 48 überzeugt, dass er die Mitglieder dieses comift&rziellen Clubs interessieren wird. Mr. Zangwill hat es ge#iss nicht nöthig, einer Zuhörerschaft von Engländern erst vorgestellt zu werden, wohl aber erscheint es mir nothwendig, zu begründen, warum gerade er mit dem Eeferat über diesen Gegenstand betraut worden ist. Es ist ein Thema, von dem ich nicht viel weiss, obgleich es ohne Zweifel mit der zionistischen Bewegung im Zusammenhang steht, von der wir alle gehört haben, einer Bewegung, die auf eine Wiederbelebung des heiligen Landes durch das alte Volk abzielt, welches neunzehn Jahrhunderte lang den Traum bewahrt hat, in dieses Land zurückzukehren. Mit diesem königlichen Traume habe ich immer sympathisiert (obgleich ich ihn eigentlich nur in seinen Umrissen kenne), ohne dass ich mich bisher mit den praktischen Mitteln genügend vertraut gemacht hätte, die zur Umwandlung dieser Vision in Wirklichkeit nothwendig sind. Mr. Zangwill wird uns über diesen Punkt ohne Zweifel vollständig aufklären, und ich lade ihn hiermit vertrauensvoll ein, die Debatte zu Eröffnen. Mr. Zangwitts Bede.*) Mr. Israel Zangwill setzte auseinander: Manche religiös veranlagte Naturen sträuben sich gegen den Gedanken eines commerziellen und industriellen Aufschwunges von Palästina, und erst neulich schrieb mir Mr. Augustin Birrci: „Die eommerzielle Zukunft Palästinas? Ich hoffe, es hat keine." Mr. Birrell fürchtet wohl, Jeremias würde seine Wehklagen einstellen; aber diese Eventualität müsse gewagt werden. Denn wenn Palästina, wie die monotheistische Welt glaubt, einer glorreichen Zukunft entgegensieht, so ist es nicht denkbar, dass diese Zukunft einer industriellen Basis entbehre. In der hl. Schrift ist nirgends bezeugt, dass das heilige Land ein Land der Unthätigkeit sein müsse. Der heilige Sabbath selbst hat sechs Werktage zur Voraussetzung. Und Palästina ist nicht bloss ein Traumland. Die Ruinen darin sind nicht, wie manche glauben, Reste einer primitiven Hirtengesittung, sondern Ruinen eines grossen civilisierten Staatswesens. Um die Strassen wieder herzustellen, wäre es nur nothwendig, die grossen römischen Strassenzüge vom zweiten vorchristlichen Jahrhundert instand zu setzen. Die Forschungen des „Palestine Etpioration Fund" haben uns das alte Jerusalem gezeigt, „ruhmreich mit seinen Palästen, seinen Gärten, seiner Burg, seinen Höfen und Villen"', zum Passahfeste zwei Millionen Pilger willkommen heissend. Und es ist nicht bloss das römische Jerusalem, das .unter dem Boden des gegenwärtigen vergraben liegt, sondern es gibt ausser dem herodianisehen, dem byzantinischen, dem sarazenischen und dem Jerusalem der Johannisritter noch drei jüdische Jerusalem. Und auch die übrigen Städte und Landschaften wurden von den Juden hoch eulti viert. „Das Land", sagt Walter Besaut, „war dicht bevölkert. Schulen gab es in jeder Ortschaft. Es gab eine wohlhabende Gesellschaft. Es gab eine judaisierende und eine romanisierende Partei. Es gab überall Schriftgelehrte, Kaufleute, Centurionen, Städter und Landleute." Aber wo sind heute die schönen Fruchtgärten rings rr Caesarea, von denen Josephus Wunderdinge erzählt? Wo sind die Oliven des Oelbergs? Jericho, die Palmenstadt, hat keine einzige Palme mehr, und in Gilead gibt's mehr keinen Balsam. Die kunstvollen Bewässerungsanlagen sind verfallen, die Quellen sind verschüttet, die Bäume gefällt, arabische Weiber verwüsten die Baumkronen, Schwärme von Ziegen nagen die ganze Waldvegetation ab. „Im Lande meines Volkes werden Dornen und Disteln blühen, der Li- *) Wir werden den vollen Wortlaut dieser epochalen Rede in unserer Makkabäer-Festnummer wiedergeben und beschränken uns diesmal darauf, aus Mr. Zang wills- Ausführungen das Allerwesentlichste zu verzeichnen. banon trauert, Saron gleicht einer Wildnis, Basan und Karmel schütteln ihre Früchte ab", Wie der Prophet sagt, ünter diesem Fluche hat Palästina jahrhundertelang geschlafen. Aber jetzt muss es erwachen. Die Grossmächte wecken es, nicht bloss Russland1 lyid Deutschland, sondern die noch grösseren Mächte Dampf und Elektricität. Kann denn Palästina von der allgemeinen Entwicklung ausgeschlossen bleiben, Palästina, der wahre Mittelpunkt der Erde, um das sich Europa, Asien und Afrika gruppieren? Wir können sicher sein, dass die Politiker alsbald die Wichtigkeit Palästinas erkennen werden. Nach einer eingehenden Betrachtung des gegenwärtigen Standes der orientalischen Frage, ihrer Beziehungen zu Palästina und des Verhältnisses der einzelnen Mächte zur Türkei kam Zangwill auf den Ausfuhrhandel Palästinas zu sprechen. Der grösste Exportartikel Palästinas sei merkwürdigerweise die Seife, die im Jahre 1899 mehr als ein Drittel sämmtlicher zur Ausfuhr gebrachten Waren ausmachte. Diese Seife wird hauptsächlich in Nabulus, dem alten Sichern, erzeugt. Ausserdem werden" exportiert: Orangen, Wassermelonen, Sesam, Lupinen, Mais, Wolle, Häute, Coloquinthen, Knochen etc. Der beste Kunde Palästinas sei England, danach folge Frankreich. Den besten Beweis dafür, dass der Handel Palästinas stetig fortschreitet, liefert die Thatsache, dass im vorigen Jahre um 148 Schiffe mehr in den palästinensischen Hafenplätzen verkehrt haben als im Jahre vorher. Zu den landwirtschaftlichen und gewerblichen Verhältnissen des Landes übergehend, sprach der Redner seine Meinung autj, es sei trotz des Optimismus der Consularberichte und der goldenen Medaille der jüdischen Colonien zweifelhaft, ob Palästina als weinbauendes Land eine Zu kunft habe. Die Concurrenz sei zu gross. Es mag wohl aussichtsvollersein, Rosinen zu erzeugen. Die Araber selbst bereiten solche in Massen. Neuestens sei in den jüdischen Colonien ein Versuch gemacht worden mit der Anpflanzung von Tabak/ Es sind damit bedeutende Erfolge erzielt worden. Sollten diese günstigen Ergebnisse van Dauer sein, so werden Fabriken errichtet werden, in denen die arme Bevölkerung von Saffed lohnenden Erwerb finden dürfte. Aehnliche Erfolge Hessen sich aller Wahrscheinlichkeit nach mit Zuckerrohr im Jordanthale und mit-Kampher an den Abhängen von En-Gedi erzielen. Zucker könnte auch aus Feigen und wilden Cactusfrüchten gewonnen werden. Die Olivencultur könnte rationeller betrieben, und die Abfälle voll ausgenützt werden. Felle werden ' jetzt nach Frankreich exportiert, um später als Sattler- und Riemerarbeit reimportiert zu werden. Dieses Leder könnte im Lande selbst verarbeitet werden. Ferner gibt es mineralische Schätze: Die neuentdeckten Erzlager an beiden Seiten des Jordans und des Tüdten Meeres, sodann die Erdharzquellen von Nelic- Musa, enthaltend 30 bis 40 Percent Asphalt. Auch gibt es Petroleum in grossen Mengen, aber das wichtigste von allen Lagern sind die Phosphatablagerungeri. Alle diese Naturreichthümer verbürgen eine grossartige industrielle Entwicklung des Landes, vorausgesetzt, dass Arbeit und Capital in den Dienst dieser Entwicklung wird gestellt werden können. Es ist bekannt, wie sehr der Mangel an Arbeitskräften auch bei reichlichem Vorhandensein von Capital die Entwicklung selbst solcher Länder wie Canada oder Rhodesien hemmen kann. Wie verhält es sich nun damit in Palästina? Ist bei der geringen Bevölkerung von Fellachen und nomadisierenden Beduinen die Möglichkeit gegeben, dass Arbeitskräfte in genügender Menge herangezogen werden können? Der Redner könne diese Frage zuversichtlich bejahen. Es gebe ein Volk, auf dessen grosse Masse Palästina eine gewaltige Anziehungskraft ausübt und das dem Tage sehnsüchtig entgegensieht, an dem es, erlöst von den schrecklichen Verfolgungen, die es jahrhundertrlang erleidet, in seiner Urheimat ein Feld der Arbeit und Bethätigung finden wird, eine Stätte der Selbstbestim-

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