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Die Welt · 1901-11-22 · 47 (22.11.1901) · p. 12

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
47 (22.11.1901)
Article
Lose Blätter
Date
1901-11-22
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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Seite 12 „Die £ Welt*6 Nr. 47 Die schöne Jüdin lächelt verlegen und sieht das Mädchen fragend an. „Sehen Sic, ich verfolge Sie, seit Sie in unsere Berge kamen. Die anderen haben mich nie gekümmert — auf dem Lande ist ja der Verkehr mit Juden nicht üblich — aber Sie zogen mich ^gewaltig an. — Wissen Sie., ich müsste mich in Sie verlielxm, wenn ich ein Mann wäre.'4 „Dann ist es für uns beide ein Glück, dass Sic es nicht sind." „Sie nieinen wogen der Religion? . . . Ja, und weil Sie schon verheiratet sind . . .? Aber Sie wissen ja gar nicht, wie ich Sie bewundere . . . Sie sind so unendlich schön und schauen immer so milde und resigniert drein . . . Mir wird es ums Herz wehe, wenn ich Sie erblicke . . . Xicht wahr. Sic müssen schon viel gelitten haben?" „Sie sind ein gutes Mädchen, Sie zwitschern wie ein Vogel." „Verzeihen Sie mir. wenn ich zudringlich bin. . . . Aber uns erzählt man in Haus und Schule1 so wunderliche Dinge über Euch . . . Und diese Vorstellungen wachsen mit uns . . . Und nun sagte man mir, Sie wären eine Jüdin — fast nicht zum glauben. Aber dann überzeugte ich mich, als Ihr Mann herankam . . . Und da musste ich mit Ihnen sprechen . . . „Wozu, mein liebes Kind?" „Ich wollte doch einmal mit einer Jüdin sprechen und da wählte ich die, deren Schönheit ich für einzig finde . . . Wie glücklich ich darüber bin . . . Sagen Sie, ist das wahr, dass Ihr uns so sehr hasset, dass Ihr Flüche in Euren Tempeln über uns heraufbeschwört . . „Wir fluchen nicht und hassen nicht; wir sind die (hd'liichten und OJehassten." „Ihr seid ein eigenes Volk . . . wie in einen Nebel gehüllt . . . Aber Eure Männer sind ja anders als Ihr . . . Eure Männer hierzulande sind so grundverschieden von Euch . . . schon ihre -Tracht . . . Ich wollte Sie eben fragen . . . Wie ist da die Harmonie möglich . . .?" ,Ma—ry—niu!" rief es mit Stentorstimme aus dem Walde. Das Mädchen erhob sich rasch und huschte hurtig wie eine Gemse davon. „Der Vater —" sagte sie im Gehen. ' Die reizende Jüdin sah ihr muh, lächelnd — mit umflorten Augen. * Die Mutter. Seit Jahren weint sie um ihren Sohn . . . Wie sollte sie es auch nicht. Achtzehn Lenze zählte er, als er verschied, und schon kannte ihn die ganze Stadt. Als man ihn hinaustrug, strömten alle Juden in dichten Massen hinter seiner Bahre. Man schloss in den Gassen, durch die der Zug sich bewegte, alle Gewölbe, alle Läden. Und in allen Häusern sprach man vom traurigen Schicksal seiner Mutter. Kein Wunder. Er wusste'den Talmud auswendig, den Babli und Jeruschalmi. End im M.idrasch war er zuhause. Er hat den Kainbam zu vertheidigen gewusst in den schwierigsten Stellen. End de]) Moreh-Nebuehim hat er verstanden ... End bevor er zur Welt kam. verstrichen seiner Mutter fünfzehn Jahre kinderloser Ehe. End der Rabbi von Sandoz, seligen Andenkens, sah seine Geburt voraus. Und seine Mutter behauptete, das Licht hätte sich im Zimmer versiebenfacht, als er geboren wurde . . . Da that sie ein Gelübde: Er soll dem. heiligen Studiuni geweiht werden : für sie aber, der es gegönnt war, ihn zu gebären, soll der Tag seiner Geburt durch achtzehn Jahre ein Fasttag sein, ein \Yrsöhnungstag. Und als die achtzehn Jahre um waren, starb er. Da begann sie um ihn zu weinen . . . Sie weinte unaufhörlich. Des Tags über den Psalter gebückt und des .Nachts auf ihrem Lager. Auf der Diele sammelten sich kleine Bächlein an, die ineinander rannen, und das waren ihre Timmen. Es gab für sie keinen Trost. Er war ja ihr einziger Trost für diese und jene Welt, und eben er war nicht mehr . . . und deshalb legte sie keine neuen Kleider an und weinte um ihn ohne Aufhör. Es war, als weinte sie um ihr verloren gegangenes Seelenheil. — Und doch — am Samstag weinte sie nicht . . . Ihre Thränen flössen bis Freitag abends, und da wvuv den ihr plötzlich die Augen trocken. Die Quelle versiegte, denn Samstag darf man nicht trauern. Sie erhob sich, legte eine.weisse Schürze an und zündete die Lichter. Und ihr Mann sah keinen Schatten, auf ihrem Gesichte. Es kamen die Verwandten zu Besuch. Sie gieng ins Bethaus und betete gleich allen anderen ruhig, inbrünstig, doch ohne zu v-einen . . . Doch kaum gieng der Tag und die Schatten kamen, richtete sie ihr Gebet an den „Gott von Abraham", das Geleitegebet der Prinzessin Sabbath — und begann zu weinen. Da kamen wieder sechs Tage der Thränen. Und. obwohl sie unaufhörlich weinte, als ob sie um ihr verlorenes Seelenheil trauern würde, hat sie doch nie am Sabbath eine Timme vergossen. Nach Schluss des Blattes. Grosses philozionistisches Meeting in London. (Original-Telegramm der „Weit".) London, 21. November, 8 Uhr morgens. Gestern abends fand eine von Lord Suffield einberufene grosse philozionistische Versammlung statt. Begeisterte Reden wurden gehalten vom Erzdiaconus Sinclair, der die Christen in feurigen Worten aufforderte, an dem zionistischen Befreiungswerke mitzuarbeiten, ferner von dem berühmten Schriftsteller Hall Caine, von Chief-Rabbi Dr. M. G a s t e r, vom General Sir Charles W i 1 s o n und vom Colonel Goldsmid. Die Stimmung war überaus gehoben. Sämmtliche Reden wurden mit stürmischem Beifalle aufgenommen. Als Gäste waren u. a. anwesend: t)ie Generalagenten von Columbien und Südaustralien und der Admiral Freemantie. J. de Haas. |\us dei) \)ei*eii)et)* Voranzeigen. Wien. (Der Allgemeine jüdische Arbeiterverein) veranstaltet Samstag den 7. December, 8 Uhr abends, im Prachtsaale des Hotel Central, IL, Taborstrasse 8, eine Makkabäerfeier unter Mitwirkung hervorragender Kunstkräfte. Die Festrede wird Herr Architekt Oskar Marmorek halten. Unter anderem wird auch das bekannte humoristische Quartett der „Ivria" mitwirken. Nach Schluss der Vorträge Tanzkränzchen. Die Musik wird von der Salonkapelle Sommer besdrgt. Die Gesinnungsgenossen werden hiermit ersucht, für dieses Fest eifrig zu agitieren. Karten (im Vorverkauf K L—, an der Cassa K 1.20) sind in nachstehenden Localen zu haben : In der Administration der „Welt", IX., Türkenstrasse 9, in der Jüdischen Toynbee-Halle, XX., Karajangasse 20, im Vereinslocal, XX., Traunfelsgasse 1, täglich von 8—9 Uhr abends, Cafe Orient, IL, Praterstrasse, Cafe Verdi, IL, Praterstrasse, Cafe Steinschneider, L, Wipplingerstrasse 35, Cafe Schredl, IX., Porzellangasse, sowie an der Abendcaissa, Hotel Central, und bei allen Comite- und Ausschuss-Mitgliedern. Das Festcomite. Wien. Im literarischen Geselligkeits-Verein jüdischer Mädchen „Moria", IX., Berggasse 20, wird Sonntag den 24. d. M. ein Vortrag des Herrn Dr. Martin Engländer stattfinden. Beginn präcise 372 Uhr nachmittags. Gäste, Damen, herzlich willkommen. Wien. (Theologischer Verein der Hörer an der isr. theo 1. Lehranstalt in Wien.) Samstag den 23. November a. c. wird Herr Dr. B. M arg u Ii es in un-

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