Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 47 (22.11.1901)
- Article
- Die Wahlen der Handelsangestellten in Wien
- Date
- 1901-11-22
- Page
- 9 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 47 „Die # Welt*4 Seite 9 $fribäi)e. Wir werden um Aufnahme folgender Zeilen ersucht: Die Wahlen der Handelsangestellten in Wien. Bekanntermassen fioden Sonntag den 24. d. M. die Neuwahl m den Gehilfen-Ausschuss und in den Vorstand der Gremial-Krankencasse der Handelsangestellten statt, nachdem der bisherige Gehilfen-Obmann, der christlichsociale Abgeordnete A x m a n n, diese Stelle niedergelegt hat. Die zionistischen Handelsangestellten dürfen diese Gelegenheit nicht ungenützt vorübergehen lassen. , Es ist für den jüdischen Angestellten nicht gleichgiltig, wer im Gehilfen-Ausschüsse, und noch weniger, wer im Vorstände der Krankencasse sitzt. Denn es ist reichlich Gelegenheit vorhanden, den jüdischen Patienten zu chicanieren, der auf die Krankencasse angewiesen ist und sich über irgendwelche Uebelstände beklagt. Auch die jüdischen Aerzte und Beamten sind an dem Ausfalle der Wahl interessiert. So wie die Situation heute liegt, empfiehlt es sich, unbedingt für die socialdemokratischen Candidaten zu stimmen, um einer Vereinigung der christlich-soeialen und alldeutschen Antisemiten bei einer eventuellen Stichwahl vorzubeugen. Ein Blick in die socialdemokratische Candidatenliste belehrt uns, dass sie wohl an die Hälfte Juden zur Wahl vorschlägt. Dies bietet uns freilich keine Gewähr dafür, dass diese Juden auch ihre jüdischen Interessen wahren werden. Es mögen daher die jüdischen Angestellten jeden Fall, in dem sie glauben, verkürzt worden zu sein, durch die zionistische Organisation zur öffentlichen Kenntnis bringen. p, L. * Gesinnungsgenossen der Inneren Stadt! Immer weitere Kreise ergreift der zionistische Gedanke. Seiner überzeugenden Kraft können sich heute auch jene nicht mehr verschliessen, die bis vor kurzem noch fremd, ja feindlich unserer Bewegung gegenüberstanden, Verein reiht sich an Verein. Immer neue Zweige treibt der Baum, der einst von einigen jungen Idealisten gepflanzt wurde. Nur die City von Wien hat bisher der werbenden Kraft unseres volksbefreienden Gedankens gegenüber sich spröde und unzugänglich gezeigt. Wohl hat schon vor Jahresfrist ein Häuflein von Zionisten das weiss-blaue Banner in der Hochburg des Wiener Assimilantenthums aufgepflanzt, aber ungeachtet fleissiger Arbeit, gilt es noch den entscheidenden Streich zu thun und die Innere Stadt für die Emancipation des Judenthums von fremden Interessen zu gewinnen. Ihr alle, denen das Judenthum mehr ist als eine pietätvolle Erinnerung an die Vorfahren, Ihr alle, die den Selbstbefreiungskampf unseres Volkes mit Herz und Gut mitkämpfen wollet, kommet. Es gilt, die Kette der zionistischen Organisationen Wiens harmonisch abzuschliessen. Alle Gesinnungsgenossen der Inneren Stadt Wien, mögen sie der Partei schon angehören oder ihren Zionismus nach aussen noch nicht bethätigt haben, mögen bei der Samstag den 30. November l.J. im Cafe" „Commercial", L, Augustengasse, stattfindenden Vereinsversammlung (Referent : Dr. Severin Landesberger) erscheinen. Beitritts- Anmeldungen siud zu richten an Herrn S. Friedmann, I., Hotel Metropole. Der Ausschuss des Vereines „Innere Stadt". Ueber H. St. Chamberlain. Ein -wachsendes Getöse geht von dem Namen Houston Stewart Chamberlains aus. Nicht lange wird es dauern, so werden die Lehren Chamberlains Scheidemünze des politischen Lebens geworden sein. Schon jetzt hat sie sich so mancher eingewechselt. Wir begegnen ihr bereits in manchen Artikeln einer gewissen Piesse, und auch vom deutschen Kaiser hören wir, dass „Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts'**) es ihm angethan haben. Von dieser Anschaffung der Münze aber bis zur Verausgabung ^Parteiprogrammen und Herrschermanifesten ist nur ein Schritt. Und darum verdient es Chamberlain, dass man sich eingehender mit ihm beschäftige. Allerdings so eingehend, wie ich es gerne möchte, kann ich mich hier mit Chamberlain nicht befassen. Hieran hindert mich *) Soeben in 3. Auflage erschienen (F. A. Bruckmanns Verlag. München). die Enge des mir zur Verfügung stehenden Raumes, sowie namentlich die Selbstbeschränkung dieses Blattes auf ein bestimmtes Arbeitsfeld, das jüdische. Doch will ich damit nicht sagen, dass ich Chamberlain nur, insoweit er sich mit Juden und Judenthum befasst, betrachten und seine sonstigen Anschauungen sowie seine geistige Physiognomie ganz unbeachtet lassen werde. Dazu kann ich mich nimmer verstehen. Die antijüdischen Anschauungen Chamberlains können doch nicht von ihm selbst und seiner Lehre abgelöst werden. Und dann: ich f ü r m eine Person bin von der tiefen Ueberzeugung durchdrungen, dass ein wahrhaftes national-culturelles Erwachen des jüdischem Volkes erst möglich sein wird, bis Europa seinen Weg zu ganz neuen Gesellschafts¬ und Gesittungszuständen zurückgelegt hat. Nun stellen sich aber dieser Entwicklung allenthalben dunkle Mächte Vntgegen, welche in den scheinbar gegensätzlichsten Gestalten auftreten, die jedoch eines gemein haben, den Geist der Wissens- und Entwicklungsfeindlichkeit. Als einen diesen Mächten Verschriebenen sehe ich aber Chamberlain an. Vor kurzem erschien eine kleine Chamberlain-Kritik/) die gelesen zu werden verdient. Zwar bedeutet sie nichts weniger,;üs eine Abrechnung von grossen Gesichtspunkten aus, aber eines trifft sie jedenfalls vorzüglich; kurz und stramm mit trockenem Humor deckt sie die Widersprüche in den Chamber!« in'schen Anschauungen auf. Nach einem psychologischen Grunde für diese Erscheinung suchend, meint der Verfasser der erwähnten Schrift: „Chamberlain steht regelmässig unter dem Einfluss des Gedankens, den er auseinandersetzen will. Er beherrscht nicht seinen Stoff, sondern der Stoff ihn.*' Und um diese Erklärung zu rechtfertigen, fährt er fort: „Will er z. B. die Bedeutung der Propheten als Vorgänger Christi hervorheben, so drängt sich ihm der Widerspruch zwischen ihrer Auffassung und der Besitzwuth der Römer auf. Will er dagegen den Römern den Dank Europas für das Geschenk des römischen Rechtes abstatten., so sind die Römer die Idealisten und die Semiten die Besitzwüthigen. Will er nachweisen, dass Paulus, der einen jüdischen Vater hat, eine griechische Mutter gehabt haben kann, so denken die Juden über Mischehen lax, will er Christus eine gänzlich unjüdische Abstammung vindieieren, so erklärt er Mischehen von Juden und Galiläern für unmöglich." Diese Beispiele zeigen nun wohl, dass der Kritiker auf rechter Fährte war, zugleich aber auch, dass er sie. wenn er sie überhaupt verfolgte, wieder verlor, weil er sich im Ausdruck vergriff. Es ist nicht ganz richtig, dass Chamberlain unter dem Einfluss des Gedankens steht, den er auseinandersetzen will, und dass nicht e r den Stoff, sondern der Stoff ihn beherrscht. Die Sache ist vielmehr die, dass sich Chamberlain freiwillig — ob bewusst oder unbewusst, ist eine andere Frage — den Gedanken und Stoffen anpasst, die er gerade zu behandeln hat. Warum dies aber? Weil er vorausgesetzte Ideen hat, die er um jeden Preis als wahr und zutreffend nachweisen muss. Allerdings spricht Chamberlain von der Bedeutung des künstlerischen Elementes, der Intuition für die Wissenschaft — ich kann ihm diesbezüglich nur recht geben. Aber darf er sich auf diese Intuition berufen'? Darf er seine vorgefassten, wie er sich ausdrückt, erlebten" Ideen für künstlerisches Ahnen ausgehen? Er selbst schwankt, ob er sich zu den Wissensehaftskünstlern zählen soll., oder zu den — Dilettanten. Im Vorwort zu seinem Hauptwerk glaubt er sich nämlich den Luxus einer ganz eigenartigen Bescheidenheit gestatten zu dürfen. Er nennt sich einen Dilettanten, weiss aber sofort gar Rühmliches vom Dilettantismus zu erzählen. „AVer sieht nicht ein,"' sagt er. „dass Wissen immer an den Grenzscheiden lebendiges Interesse gewinnt: Jedes Fachwissen ist an und für sich gleichgültig: erst durch die Beziehung auf anderes erhält es Bedeutung." Den Grenzverkehr, die Beziehungen-Vermittlung lässt er nun einzig und allein vom *) Houston Stewart Chamberlain. Die Grundlagen des* neunzehnten Jahrhunderts. Besprochen von H. C. (Berlin). Dresden und Leipzig. E. Pierson'* Verlag, 1901.