Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1901-11-22 · 47 (22.11.1901) · p. 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
47 (22.11.1901)
Article
Politischer und cultureller Zionismus
Date
1901-11-22
Page
8 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3315905-3315953-3401410--29190-3401503
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 8 „Die *X< Welt* Nr. 47 Politischer und cultureüer Zionismus. Von Rüben Brainin (Berlin). L Nichtpolitische Zkmisten, denke ich, gibt es kaum noch. Die einzelnen zurückgebliebenen Erscheinungen des philanthropischen Zionismus wirken fast schon als Anachronismen und beweisen nur, dass dieser bereits abgewirtschaftet hat und nicht mehr lebensfähig sei. Jeder ernst denkende Mensch, welcher politischer Richtung und Weltanschauung er auch angehören möge, kann sich die Wiederbelebung des jüdischen Volkes in der Form eines selbständigen Gemeinwesens nicht anders vorstellen, als nur auf politischem Wege. Ist doch in unserer Zeit der Bestand selbst längst bewährter, ökonomisch gesicherten Staaten ohne die politische Kunst in Frage gestellt worden. Denn die socialen Ereignisse und Erscheinungen in ihrer mannigfachen Form lösen in unserer nervösen Zeit blitzschnell einander ab; die modernen Völker sind in ihrer nationalen Empfindung reizbarer geworden, ihre politische Launenhaftigkeit bewegt sich in einer mehr als sonst zickzackförmigen Linie. Die Berührungs- und Trennungspunkte zwischen den Völkern und Staaten haben sich bedeutend vermehrt und die politische Kunst muss nun viel intensiver arbeiten, um die Völker als selbständige Körperschaften erhalten und ihren Zersetzungsprocess eindämmen zu können. Umsomehr sind wir Juden als ein nach allen Weltenden zerstreutes Volk, dessen Existenz mehr als alle anderen Nationen der Welt den mannigfachen Variationen des socialen Fiebers unterworfen' und von den politischen Launen der Völker abhängig ist, auf die politische Kunst angewiesen. Wir, die nach dem geschichtlich verheissenen Lande erst streben und nach dem fast 2000 Jahre abgerissenen Faden der nationalen Einheitlichkeit suchen, um ihn aufs neue zu erfassen und frisch weiter zu spinnen, können am wenigsten ohne politisches Wirken zu unserem Ziele gelangen. Ich glaube, dass kein modern denkender Mensch sich eine Möglichkeit, Zion ohne Zuhilfenahme der Politik zu erlangen, denkt. Die Frage kann nur nach dem Wie des politischen Wirkens gestellt werden, dem Wie, das den kürzesten und bequemsten Weg führt; die Frage kann nur lauten : Welche politische Combination ist die richtigste zur Erreichimg des Zieles? Ja, theoretisch, akademisch hätte diese Frage niemals zuvorgelöst werden können. Daspolitische Leben dermodernen Völker ist im ständigen Fluss und bewegt sich im raschen Tempo, und dementsprechend muss sich auch die jüdische Politik (concreter : die zionistische Politik) stets verwandeln. — Und da bewährte sich nun das instinctive Eingreifen ins Leben, das Wirken nach Art unserer biblischen Vorfahren ohne besondere vorausgehende Klügeleien, ohne scrupulöses Theoretisieren, im Gegensatze zur fruchtlosen Haarspalterei aller möglichen Probleme der Goluszeit. Die Führer des politischen Zionismus waren die ersten, die die Lösung der Judenfrage auf modern politischem W^ege zu suchen begannen. Keine politische Tradition haben sie in unserem Golusieben vorgefunden. Unter solchen Umständen ist es natürlich, dass man nicht eine politische Thätigkeit nach gewissen Regeln mit Routine entwickeln kann; man wird vielmehr von einer politischen Intuition geleitet. Die gewöhnliche Routine wird hier durch eine innerliche Vision vertreten. Die politische Arbeit dieser Männer, die noch nicht vor die Oeffentlichkeit getreten ist, kann von verschiedenen Standpunkten aus betrachtet werden; eines — wenn wir ehrlich sind — müssen wir gestehen, nämlich, dass sie dem jüdischen Volke ganz neue Wege zur Lösung seiner Existenzfrage gewiesen haben, dass sie auch der europäischen Politik eine neue Combination gezeigt haben, wie sie aus dem spröden, ihr mehrfach unbequemen Stoff der Juden einen neuen Culturfactor bilden kann. Wir müssen gestehen, dass durch die Arbeit dieser Männer die Lebenskräfte und Keime des jüdischen Volkes gesteigert und gefördert worden sind! Aber auch das müssen wir uns vor Augen halten, dass Mühe und Streben des politischen Zionismus vergeblich sein müsste, wenn wir das Volk für seine grosse Aufgabe nicht erzogen und vorbereitet haben werden. Wenn ein Ingenieur eine Brücke baut, kann er noch so genial sein, seine mathematischen Berechnungen mögen die genauesten und richtigsten sein — wenn die nöthige Qualität des "Materials versagt und seinem Ziele nicht entspricht, ist seine Arbeit umsonst gewesen. Die neuesten Forschungen zur Psychologie des Kriegserfolges, sowie des politischen, haben erwiesen, dass nicht die grössere Zahl der Menge, nicht die materiellen Vortheile oder geschickteren Vorrichtungen des Gegners das entscheidende Element des Sieges bilden, sondern das begeisternde Zielbewusstsein im Kampfe um die heilige Sache, Die ganze schwere und complicierte Arbeit des, politischen Zionismus, die mit mächtigem Aufwände von moralischer und geistiger Energie geleistet wird, wird scheitern müssen, wenn die künftige Generation nicht uns gehören wird oder zu ihrer Aufgabe nicht aufgezogen sein wird; wenn unsere Frauen keine jüdischen Mütter werden. Die Quelle der inneren nationalen Impulse darf nicht versagen. Wir müssen alle unsere geistigen Kräfte ständig bethätigen, ihnen ständigen Raum zur Entfaltung und unaufhörlicher Uebung verschaffen, wenn sie nicht erschlaffen sollen. Da aber entsteht der Circulus vitiosus: der politische Zionismus kann nicht gedeihen ohne Vorbereitung des Volkes in obigem Sinne, aber auch diese culturelle Arbeit, diese Vorbereitung des Volkes ist unmöglich ohne den politischen Erfolg. — Unter den politischen, socialen und ökonomischen Verhältnissen, unter welcher die Juden im Exil leben, ist es fast unmöglich, das Volk in nationalem Sinne zu erziehen, fast unmöglich, es zu einem selbständigen politischen Leben vorzubereiten. Das fast 2000jährige Vegetieren im Exil hat uns eclatant bewiesen, dass wir, so lange wir nicht ein einheitlicher politischer Organismus sind, nicht imstande sind, eine eigene ganze organische Cultur zu bilden. Wenn wir nun die politischen Zionisten auf einer Seite sehen, die culturellen auf der anderen, sagen wir: Nicht in ihrem gegenseitigen Kampfe, sondern in ihrer Einigung und gegenseitigen Ergänzun g liegt das Heil des jüdischen Volkes und die Möglichkeit der Verwirklichung unseres grossen Ideals. Wenn jedoch System gegen System gestellt wird, Anschauung gegen Anschauung, wie die des noch nicht theoretisch begründeten politischen Zionismus gegen die des culturellen, welchen unser grosser und glänzender Publicist Achad-Haam theoretisch zu begründen versucht hat, sagen wir: Jene Anschauung ist richtig, welche die Lebenskeime und Kräfte in unserem Volke sammelt, stärkt und vermehrt — jenes System, welches productiv neue Werte in unserer Welt schafft. Der politische Zionismus, wie er bis jetzt auftrat, hatte eine gewisse Scheu vor jeder theoretischen Begründung und Discussion über seine Wege, der culturelle Zionismus des Achad-Haam eine fatale Aengstlichkeit vor jeder That, vor jeder Initiative, vor jeder Excursion in .die europäische politische Welt. Das soll und muss anders werden! Wie die beiden nebeneinander fliessenden Strömungea des politischen und culturellen Zionismus nebeneinander wirken, wie sich der letztere in den Anschauungen des Achad-Haam abspiegelt, wird den Inhalt des nächsten Artikels bilden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.