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Die Welt · 1901-11-15 · 46 (15.11.1901) · p. 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
46 (15.11.1901)
Article
Zweierlei Juden
Date
1901-11-15
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 46 „Die ifr Weif« Seite 15 schlecht, und mein Sohn, mein Sohn ist gestorben, zwei Monate nachdem er Doctor geworden war. Ja, gnädiger Herr, wenn mein Doctor nicht gestorben wäre! Dann würde ich die ganze Woche auf der Bank vor dem Hause sitzen und eine lange Pfeife rauchen, und im Tempel wäre mein Platz gleich neben dem Vorsteher. Fahren der gnädige Herr vielleicht zu unserem Vorsteher nach Lobenstein?" „Nein" erwiderte Paul. „Ich fahre zu meinem Onkel, zu Samuel Finkelstein. Seine Frau ist die Schwester meiner Mutter, und die alte Tolze ist meine Grossmutter." „Die alte Tolze ist Ihre Grossmutter? Eine brave Frau, die alte Tolze. Gott soll sie hundert Jahre leben lassen. Sie hat übrigens nicht mehr lange bis dahin. Und Sie fahren zu Besuch? Das ist schön von Ihnen, sehr schön. Erlauben Sie", was für eine Beschäftigung haben Sie? Sind Sie auch Doctor?" „Nein, ich Bin Maler." „So so, Maler. Sie sind ein Maler? Freilich, in der grossen Stadt, dort gibt es viel zu malen. Thüren, Fenster, ganze Häuser?" „Ich male bloss Bilder auf Leinwand. „Bilder auf Leinwand? Und — mit Verlaub — wovon leben Sie?" „Nun davon, dass ich auf Leinwand Bilder male."' „Zum Geschäft haben Sie keine Passion gehabt?" „Nein, hatte ich keine Passion," sagte Paul lachend. „Entschuldigen Sie, kann man die Bilder, die Sie malen, verkaufen?" „Gewiss! Ich bekomme fünf-, sechstausend Kronen für eines." Auf das erwiderte Berl nichts. Er wandte das Antlitz nach vorn und lächelte ungläubig vor sich hin. Ein Städter, der ihm einen Bären aufbinden will. Aber er ist nicht so dumm. Er holte seine Pfeife hervor, die beim Mundstück mit Bindfaden dick umwunden war, damit sie ihm nicht aus dem zahnlosen Mund falle. Er bemühte sich, sie in Brand zu setzen, es gelang ihm aber nicht. So steckte er sie wieder in die Tasche. Nach einer Weile wandte er sich abermals zu Paul: „Wenn Sie erlauben, möchte ich jetzt absteigen?"' „Weshalb denn? Ich fahre Sie bis zu Ihrem Hause, und wir sind doch noch nicht in Lobenstein."' „Wir sind gleich dort, gnädiger Herr. Sobald wir da um den Gartenzaun biegen, sehen wir die ersten Häuser. Ich möchte bitten, mich absteigen zu lassen. Ich will zu Fusse nachhause, wie ich es immer gethan. Wissen Sie, gnädiger Herr, wenn ich angefahren komme, meinen die Leute, ich bin schon so schwach, dass ich meinen Pack nieh tragen kann. Und ich möchte nicht, class sie das sagen." Da keine Einwendung half, Hess Paul halten und nun trottete der Alte auf der Landstrasse langsam einher, während der Wagen davonfuhr. Bereits nach wenigen Minuten war er bei den ersten Häusern angelangt. Kleine armselige Gebäude, die eher auf ein Dorf, als auf eine Stadt hinwiesen. Und als sie durch die Gassen fuhren, zeigten sich noch immer keine hohen städtischen Häuser. Es waren zumeist Parterrebauten, die winkelig-unregelmässige Gassen und Plätze bildeten und bloss hie und da bemerkte man ein einstöckiges Gebäude. Der Kutscher wandte sich zu Paul, wohin er fahren solle? In die Judenstadt, zum Kaufmann Samuel Finkelstein. Nun gelangten sie in eine noch armseligere Gegend. Die Judenstadt bildete einen grossen Theil von Lobenstein, während aber die von Nichtjuden bewohnten Gassen breit waren, hie und da eine Pappel oder eine Akazie aufwiesen, und hinter den Häusern kleine Gärten sichtbar waren, die an die Ackerfelder stiessen, war es hier eng und düster. Wie in italienischen Kleinstädten waren Stricke über die Gasse gespannt, auf welchen Wäsche zum Trocknen aufgehängt war. Die Kinder spielten und lärmten und wälzten sich im Staube,, die Geschäftsleute standen vor ihren Läden und führten laute Gespräche miteinander, gesticulierten lebhaft mit den Händen und nahmen während des Sprechens die Pfeifen nicht aus dem Munde. Dazu tönte aus den Küchen allerlei Lärm, auf die Gasse. Die Mörser, in denen Mohn, Nüsse oder Ingwer zerstossen wurde, klapperten, dumpf. Avqf c>n Küchenbrettern wurde Fleisch zerkleinert, die Frauen schalten mit den Dienstboten oder jagten die im Wege stehenden Kinder mit lautem Geschrei aus dem Wege. Aus diesem und jenem Hause stürzte ein junges Mädchen, dem die Haarsträhnen ins Antlitz Mengen; sie hielten cylinderförmige Töpfe krampfhaft in den Händen und eilten zum Schaletsetzer, um ihm das Festgericht, das morgen auf dem Sabbathtische prunken sollte, anzuvertrauen. In einer engen Gasse, durch die Paul fuhr, fühlte er einen scharfen unangenehmen Geruch und fast hinter jedem Fenster einen Menschen, der die untere Hälfte des Gesichtes mit einer grünen Salbe dick beschmiert hatte, die er mit einem Holzstückchen fortschabte und dazu fürchterliche Fratzen schnitt. Er wusste sich dieses possierliche Treiben nicht zu deuten, bis ihm der Kutscher erklärte., dass sich die frommen Juden den Bart nicht mittelst Rasiermesser entfernen dürfen. So benützen sie einen grünen Kalk, der Aurum genannt werde; der sei so scharf, dass er die Bartstoppeln vernichte; und wenn er sein Werk gethan, wird er wieder entfernt. Auf einem freien Platze, am Ufer eines kleinen Baches, knieten mindestens zwanzig Mädchen im Sande und scheuerten mit einem Eifer, dass ihnen der Schweiss von der Stirne floss, Zinn- und Messinggefiisse blank. Es war nicht genug, dass die Gefässe blinkten und glänzten, sie bildeten darauf auch noch besonders gleissende, kleine runde Spiegelchen, indem sie eine rauhe getrocknete Pflanze mit beiden Daumen fest auf das Gefäss drückten und eifrig von links nach vechts und von rechts nach links drehten. Paul sah alles verwundert mit an, denn es waren mehr als zehn Jahre verflossen, seitdem er zum letztenmale bei der Grossmutter zum Besuch gewesen. (Fortsetzung folgt.) Mittheilungen des österreichischen Landes-Comites „Verband Zion". Folgende Tage sind für unsere Sitzungen bestimmt: November 26. December 10. und 19. 1902. Januar 7. und 21. Februar 4. „ 18. März 11. „ 24. An diesen Tagen sind die Mitglieder der Leitung von 7 Uhr abends an im Gongress-Bureau, IX., Türkenstrasse 9, zu sprechen. Ebendahin sind alle Zuschriften an das Landes-Comite oder den Verband „Zion" zurichten. Das Lande s-G omite hatalie für Oesterreich wichtigen Fragen des P r o g r a mm e s, d e r Organisation, Agitation und PressezurBehandlung übernommen. * Ein missliebiges Versehen ist dem Secretariafc des Landescomites anlässlich der Einladung der zionistischen Corporationen Niederösterreichs zur Bildung des Districtscomites unterlaufen. Es wurde nämlich übersehen, der akademischen Verbindung „Unitas" eine Einladung zuzusenden. Selbstverständlich gehört die genannte Verbindung nach wie vor der zionistischen Organisation an. Mittheilungen des Actions Comiies. England. Coric. (Irland.) Die hiesige Choveve Zion Association hielt am 27. October ihre Generalversammlung ab. Der Cassabericht des Präsidenten J. Levin weist über 01 Pfund als disponibles Vereinsvermögen aus. In den CO Judenfamilien Corks wurden ca. 400 Actien der Colonialbank gezeichnet. Die Agitation für die Bewegung wird vorzüglich geleitet von Herrn Iacob Sayers, der in der' Generalversammlng an Stelle Herrn Leuvins zum Präsidenten gewählt wurde. Ausserdem wurden in den Ausschuss berufen:. Herr A. Klein als Cassier, Herr B. ßost o w s k y als Secretär, die Herren A. Bookmanii; M. B e r - sansky, B. Grun und Th. Hurwitsc h als Beisitzer. Der bestellenden Damensection wendet man volle Aufmerksamkeit zu. In Dublin wurde die Generalversammlung der Choveve Zion Association, in Edinburgh die des Share-Clubs abgehalten. London. In Nordlondon wurde Samstag, den 2. d. M. ein Zweigverein des Ordens der Ancient Maccabeans gegründet. Der Orden hat als Zweck folgendes: 1. Die zionistische Bewegung unter den Massen zu verbreiten, 2. für jedes Mitglied den Schekel zu leisten und 3. als Hilfsverein in Krankheitsfällen jedem Mitglied freie ärztliche Hilfe und anderweitige Unterstützung zu gewähren. Zionistische Vorträge fanden in letzter Zeit m folgenden Orten statt: Blackburne (Redner: Rabb. L. L e -

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