Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 46 (15.11.1901)
- Article
- Charlottenburg
- Date
- 1901-11-15
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14 „Die # Welt« Nr. 46 in Deutschland und wies nach, riass nur Aufraffen und Selbstbesinnung helfen könne. Mit-Anknüpfung an diegiosse Vergangenheit unseres Volkes und mit dem Blicke auf eine ihrer würdige Zukunft schloss er seine Rede. Auf die Begrüssung der Gii-te durch stud. ing. Berlovvitz antwortete Herr Prof. War bürg, der mit warmen Worten den Verein begrüsste und seine Notwendigkeit anerkannte. Im Namen des „B. J. C." sprach der Vorsitzende des vollzählig erschienenen Brudervereines „V. J. St. Berlin", cand. med. Rosenkranz, der die mannigfaltigen Aufgaben eines „V. J. St.tf darlegte. Mit stürmisch m Beifaile wurde eine hebräische Ansprache des Schriftstellers Rüben Drainin begrüssr, die in ein mit Begeisterung aufgenommenes Hedad auf den neuen Verein ausklang. Ihm erwiderte gleichfalls hebräisch stud. Weil. Von den noch zahlreich folgenden Reden seien genannt: die des A. H. des Berliner, V.J. St.", Herrn Assessors Dr. Friedemann, des Herrn Docenten Dr. Schreiner und des Herrn Redacteurs Klausner. Der Mitgründer des Vereines Dr. Heinrich Löwe leitete nach Schluss des offiziellen Theiles die Fidelitas. M. St. Breslau. Am Montag den 4. November fand der zweite Discussionsabend der „Breslauer Zionistischen Vereinigung" statt. Der Referent des Abends Herr Georg Lewin behandelte das Thema: „Der Antisemitismus und seine Bekämpfung" in einem fast einstündigen Vortrage und stellte als einziges radicales Mittel den Zionismus hin. Seine Ausführungen wurden mit lebhaftem Beifalle begrüsst und es knüpfte sich daran eine sehr angeregte Discussion. Von unserer westlichen Volksbildungsbewegung. i. Wochen-Programm der Toynbee-Halle. XX., Karajangasse 20. Sonntag den 17. November: Hermann Berliner: Zwei Gesetzgeber des Alterthums : Moses und Lykurg Montag den 18. November: Dr. Martin Engländer: Aus dem Gebiete der Naturwissenschaften : III. Seelenblindheit. Dienstag den 19. November: Abel Steinschneider: Die jüdischen VVohlthatsanstaiten in Wien: III. Das israelitische Taubstummeninstitut. Mittwoch den c20. November: Architekt O. Marmor ek: II. Die jüdische Rasse. Donnerstag den 21. November: Dr. S. Kornfeld": Aus dem Seelenleben. (Fortsetzung.) Freitag den 22. November: Aron Fürst: Bibel, Erklärung der Sidra. Samstag den 23. November: Concert: Musik und Gesang. * Der von Fräulein Manja Swe drofska am 9. d. M. in der Toynbee-Halle arrangierte Concert-Abend hatte einen glänzenden Erfolg. Fräulein Swedrofska spielte die „Air russe" von Liszt umi den „Concert-Walzer" von Winiawski mit vollendeter Meisterschaft. Frau Ellischer entzückte durch den virituosen Vortrag von Arien aus „Mignon* und „Das Giöckchen des Eremiten", und Herr Aschner sang mehrere Lieder, darunter die Ballade von Löwe „Die Uhr" mit schöner Stimme und geschmackvollem Vortrage. Das Publicum unternielt sich vortrefflich und quittierte den Dank mit reichen Applaussalven, von welchen sich Fräulein Swedrofska einen grossen Theil für ihr künstlerisches Spiel und für das gelungene Concert- Arrangement vindicieren darf. R. F. * IL Jüdisches Bildungsheim", XV,, Denglergasse 2, I. Stock. Am 21. November 1901 hält Herr Oberingenieur J. L a u aus Olmütz im „Jüdischen ßildungsheim" einen Vortrag über „Die wirtschaftliche Bedeutung der Maschine". Es sei hier auf diesen Vortrag besonders aufmerksam gc macht und um zahlreiches Erscheinen dringend gebeten. Zweierlei Juden. Roman von Max Viola. (Nachdruck verlöten.) (Fortsetzung.) „Umso besser. Mit jedem Tage, den Du früher in Lobenstein eintriffst, rettest Du einen Theil des Vermögens einer unglücklichen Frau. Du suchst nämlich die Gräfin auf, erzählst ihr die Geschichte und warnst sie davor, weiterhin für ihren Bruder zu bürgen/' „Soll geschehen, Papa/" „So wird dann abermals ein Schurkenstreich hintertrieben und eine Frau vor dem Verderben gerettet. Zuweilen ist es also (loch vonnutzen, dass ich in Tulpenthals Diensten verbleibe." VI. Paul stand reisefertig da, wartete aber vergeblich auf die Heimkunft seines Vaters, um sich von ihm zu verabschieden. Bei Tulpenthals herrschte nämlich grosse Bestürzung, und man konnte Bosenstein nicht entbehren. Graf Steinwal dt, Marys Gatte, war, obwohl er zu viel getrunken hatte, heim Herrenreiten in den Sattel gestiegen. Er wurde gewarnt, denn man sah ein Unglück voraus, er aber liess sich nicht abhalten. Beim Nehmen eines Hindernisses flog er vom Pferde, und zwar derart, dass er auf die Barriere 'fiel und hiebei das Rückgrat brach. Nun lag er im Sterben, und Rosenstein hatte, wie immer, wenn sich in der Familie seines Chefs ein unangenehmes Ereignis abspielte, alle Hände voll zu thun. Paul aber wollte nicht reisen, ohne von seinem Vater Abschied genommen zu haben, und so blieb er noch bis zum nächsten Morgen. Um acht Uhr in der Frühe, nachdem er sich von den Eltern herzlich verabschiedet und zahlreiche Grüsse an die Grossmutter und die übrigen Verwandten übernommen hatte, fuhr er zur Bahn. Es war ein einförmige Reise, die Gegend zumeist uninteressant, und es gab auch keine Passagiere, mit welchen er sich hätte unterhalten mögen. Er rauchte fast ununterbrochen, las in der Autobiographie Benvenuto Gellinis, die er mit sich genommen hatte, und war froh, als der Train mittags endlich in Freienstein einfuhr. Hier verliess er den Waggon und suchte zur Weiterfahrt einen Wagen, denn die Bahn führte noch nicht bis Lobenstein. Er fand einen alten wackeligen Omnibus, der mit zwei schrecklich mageren Gäulen bespannt war. Der brachte die Passagiere, wenn sich hie und da solche fanden, nach Lobensteiii. Diesem Marterkasten wollte er sich nicht anvertrauen und so fahndete er nach einem anderen Gefährte. Dazu musste er in die Stadt und Umschau halten, und es war bereits drei Uhr am Nachmittag, als er auf der Landstrasse gegen Lobenstein fuhr. An ärmlichen Dörfern und Weilern gieng es vorbei, und hie und da traf er einen Dorfgeher, der mit einem schweren Packen auf dem Rücken nach Lobenstein zog. Es war Freitag und sie suchten ihr Heim noch vor dem Eingange des Sabbath zu erreichen. Wie sie sich quälten, die armen Teufel; manchem floss der Schweiss in Strömen vom Antlitz. ~ Plötzlich liess Paul halten. Ein kleiner eisgrauer Dorfgeher hatten seinen schweren Rucksack neben einen Meilenstein gelegt, um ein wenig zu ruhen, und nun machte er vergebliche Anstrengungen, sich die Last wieder aufzubürden. Paul sprang vom Wagen und lud den Alten ein, mit ihm zu fahren. Der aber trat scheu zurück und protestierte. Der gnädige Herr möge bloss erlauben, dass ihm der Kutscher den Packen aufhelfe, er werde dann schon ohne Fährnis nach Lobenstein gelangen. Ohne die Weigerung zu beachten, liess Paul den Rucksack auf den Wagen heben und forderte den Alten auf, neben ihm Platz zu nehmen. Das wollte er nun wieder nicht. Wenn er schon fahren müsste, so möge der gnädige Herr erlauben, dass er sich neben den Kutscher setze. Paul war auch das zufrieden, and unterhielt sich nun mit dem Dorfgeher, der das Antlitz zu ihm zurückwendete. Er heisse Berl Heimann und. sei achtzig Jalne alt; rund achtzig; vorgestern war sein Geburtstag. „Da sollten Sie sich doch schon zu Ruhe setzen," meinte Paul. „Achtzig Jahre und noch immer mit dem schweren Gepäck auf dem Rücken von Dorf zu Dorf wandern; das ist ja entsetzlich!" „Warum entsetzlich, gnädiger Herr? Gehe ich doch schon seit siebzig Jahren so? Zehn Jahre war ich alt, als mich mein Vater zum erstenmale aufs Dorf mitgenommen hat. Aber freilich, achtzig Pfund oder hundert, so wie früher, kann ich nicht mehr tragen. Höchstens vierzig." „Haben Sie denn für Ihre alten Tage nichts erübrigt, dass Sie sich jetzt noch so schwer plagen müssen?" ,,Erspart, meinen Sie, gnädiger Herr? Wie sollte ich erspart haben?^ Der Verdienst ist klein, und man muss froh sein, wenn man seine Kinder erziehen kann." „Sie haben Kinder, und die thun nichts für Sie?" „Kinder, die nichts für den Vater thun? Was fällt Ihnen ein, gnädiger Herr? Bei uns Juden gibt's das nicht. Meine Tochter ist Witwe, sie hat viele Kinder und es geht ihr sehr