Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 46 (15.11.1901)
- Article
- Das Leid
- Date
- 1901-11-15
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 46 .Die # Welt6c Seile 11 gering erscheinen sie im Vergleiche mit jenen Schätzen, die das Geschäft im Innern verbirgt. Kaum betritt man die Schwelle, ist man trotz des stets herrschenden Halbdunkels, in welches die Glaskasten gehüllt sind, von der Pracht der in ihnen enthaltenen Schätze überrascht. Hier stehen in bunter Reihe Serres-Tassen, altsächsische Prozellanstatuetten und russische Silberuntersätze; dann wieder stehen Armleuchter, Marmor- und Gipsbüsten; zwischen altertliumlichen russischen Tintenzeugen liegen oriem talische Dolche, alte Sporen, Elfenbein- und Emailminiaturen und noch sehr viele andere Gegenstände verschiedener Grösse und Herkunft. Die Wände sind mit bestaubten Gemälden bedeckt, deren rissige Oelfarbe ein dichtes Spinngewebe bildet; zwischen diesem Netze blickt mitunter ein grauer Bart, eine streng geformte Nase oder ein Auge hervor, welches auf den eben eingetretenen Käufer zu schielen scheint. Vom Plafond hängen einige stilvolle Luster in Gesellschaft von gewöhnlichen Hängelampen herab. Mit den soeben aufgezählten Dingen sind jedoch die Reiehthümer und Schätze der Rebekka Brainstem noch nicht erschöpft: wenn sie an einem Käufer Gefallen findet, dann ladet sie ihn mit geheimnisvoller Miene ein, ihr zu folgen; mit einem in eine leere Bierflasche gesteckten angezündeten Stückchen Kerze bewaffnet, steigt sie die schlüpfrige und schmutzige Stiege zum Dachboden hinauf. Dort befindet sich das Allerheiligste, und obwohl die Gegenstände im allgemeinen dieselben wie unten sind, so gibt ihnen die hier herrschende chaotische Unordnung und das noch tiefere Dunkel ein wertvolleres und altertümlicheres Aussehen. Jawohl, das Geschäft der alten Rebekka Brainstem ist schön, und mit Recht drängen sich in demelben von früh bis spät die Käufer. Auch heute Nachmittag kamen sie wie gewöhnlich ins Geschäft, sie blieben wie immer eine Weile vor dem Auslagefenster in Bewunderung stehen, dann erst fassten sie die Thürklinke. Doch die Thüre wollte nicht nachgeben und jetzt erst bemerkten die erstaunten Besucher eine an der Thüre angebrachte Inschrift: .,Heite fon fir Ur an gesperrt." Weshalb aber war das Geschäft heute geschlossen? War denn heute Samstag oder Feiertag? Weder das eine, noch das andere war der Fall. War der alten Geschäftsfrau am Ende gar ein Unglück zugestossen? Nicht doch; die benachbarten Kaufleute versicherten, dass Rebekka wie gewöhnlich den ganzen Vormittag im Geschäfte zugebracht habe, sie hätte zwar etwas besorgt ausgesehen, doch wäre sie gesund und munter gewesen. Die Käufer zerbrachen sich eine Weile die Köpfe über das unerklärliche Räthsel und giengen dann weiter. Die alte Geschäftsfrau hat indessen keine Ahnung von der Aufregung, welche ihre Abwesenheit auf dem Ringplatze hervorgerufen hatte, sie hat auch keine Zeit, darüber nachzudenken: ihre Sinne sind mit etwas ganz anderem beschäftigt. Sie sitzt in ihrem Zimmerchen in einem Lehnstuhle — es ist auch ein „empire" — aber ein verkannter — und deshalb hat sie ihn aus dem Geschäfte in ihr Stäbchen tragen lassen. Sie sitzt in dem Lehnstuhle und wartet ungeduldg auf das zitternde Klingeln bei der Eingangsthüre, bald, bald wird es ertönen, und dann wird ein gebräunter, lockiger Knabe, der zehnjährige Leiba, ihr Enkel, ins Zimmer stürmen und der vater- und mutterlose Knabe, der ebenso wie die Alte ganz allein dasteht, wird ihr unter Liebkosungen rasch, rasch erzählen, wie sein erstes Examen ausgefallen ist. Dass er die Prüfung gut bestanden hat. daran zweifelt die Alte nicht. War es ja doch sein eigener heisser Wunsch gewesen, die Schule zu besuchen und obwohl sie selbst dagegen war und im Studium keinen rechten Nutzen sehen konnte, hatte die alte Rebekka doch nicht die Kraft gehabt, ihrem Lieblinge seinen sehnlichen Wunsch zu verweigern. Die Alte denkt an Jüngstvergangenes, sie denkt auch an längst entschwundene Zeiten; in ihrem Geiste entstehen vergessene Bilder, sie wechseln mit anderen ab und versinken wieder^ wahrscheinlich in der Tiefe ihrer Seele. Die Zeit vergeht. Der Kuckuck an der Wanduhr hatte schon längst die bestimmte Stunde gerufen. Die Alte beginnt sich zu ängstigen. Ein Klingeln ... die alte Rebekka vergisst ihre Jahre und ihre Gebrechen und stürzt zur Thüre . . . Ihr Leiba ist da! Durch die geöffnete Thüre dringt die frische Luft in die muffige Atmosphäre der Wohnung, auf der Schwelle steht der Knabe. „Leiba, Leiha! was hast Du stammelt die Alte,, ihren Schützling umarmend. „Du weinst? Du hast die Prüfung nicht bestanden?" Das Gesieht des Knaben erheitert sich für einen Augenblick, und er antwortet nicht ohne Stolz: „Ich habe sie bestanden." Dann quellen wieder die Thränen aus seinen Augen hervor. Die alte Rebekka kann sich lange Zeit den Grund seines Kummers nicht erklären; endlich beginnt sie zu begreifen, und Entsetzen erfüllt ihre Seele: Leiha ist aus der Schule ausgeschlossen worden; der Schuldirector hat befohlen, noch heute seine Papiere zu holen. Ja weshalb? Wofür? Ein Schulcollege hat ihn beleidigt, er aber hat sich nicht bemeistern können und hat den Beleidiger geschlagen. Das ist alles. Ist das ein Grund, einen Schüler auszuschliessen? Knaben haben miteinander gestritten, was ist dabei weiter? Die Alte kann es nicht fassen — wo ist da das Verbrechen? Zum erstenmale beginnt sie an die Wahrheitsliebe ihres Enkels zu zweifeln: Leiba verbirgt ihr etwas. Sie muss selbst hingehen, erfahren; es ist zwar etwas Schreckliches, mit dem Schuldirector sprechen zu müssen, doch muss es sein. Verwirrt und aufgeregt zieht Rebekka ihr bestes Kleid und ihren alten Pelzmantel an, sie setzt ihren Hut auf und geht, so rasch ihre schwachen Füsse es erlauben, in die Schule. „Kann ich den Herrn Vorsteher sprechen?" „Warten Sie!" Und die Alte wartet eine Viertelstunde^ sie wartet eine halbe Stunde, ihr Herz presst sich immer schmerzlicher zusammen, der Athem stockt. Was wird sie hören müssen? Endlich wird sie in ein anderes Zimmer geführt, hinter einem Schreibtische sitzt ein Herr in Uniform und raucht eine Cigarette. Rebekka erinnert sich, diesen Herrn im vorigen Jahre gesehen '$u haben, als sie ihren Leiba zum erstenmale in die Schule führte. „Wer sind Sie? Was wünschen Sie?" Die Alte ist verwirrt und antwortet nicht sofort. Der Director wird böse, er wiederholt die Frage, als er aber den Familiennamen hört, wird er noch zorniger und beginnt sofort die Frau zu „duzen". „Ah — ah —!" ruft er streng. „Du willst die Documente Deines Taugenichtses haben. Man wird sie Dir gleich geben." Zaghaft, ganz zaghaft beginnt Rebekka nun zu erklären, warum sie gekommen: Weshalb ist ihr Leiba ausgeschlossen worden? Was hat er gethan? Ist er denn überhaupt imstande, etwas Schlechtes zu thun? Er ist ja so bescheiden, so gehorsam, so gut und lernt so brav. Der Director lacht hämisch. Bescheiden? Ha, ha, ha! Gut? Ha-ha-ha! Ein Lump ist er! Ein Raufbold! — Das ist er. Und der Herr in der Uniform wiederholt in wenigen Worten das von Leiba Gesagte: er hat einen Collegen geschlagen. Die Alte stutzt; sie strengt ihre ganze Aufmerksamkeit an, sie bemüht sich, den Sinn jedes vom Director gesprochenen Wortes zu erfassen, und sie begreift nichts, eines nur ist ihr klar: von einer Verzeihung kann die Rede nicht mehr sein. Der Director hat die Ausschliessung des Knaben unwiderruflich beschlossen. Langsam, gesenkten Hauptes kehrt Rebekka nachhause zurück und beginnt abermals den Enkel auszuforschen. r „Hat er Dich beleidigt? Wie? Wodurch?" wiederholt sie zum hundertstenmale, und aus ihren halberblindeten Augen rollten Thränen auf das gesenkte lockige Haupt des Knaben. Leiba kann sich lange nicht entschliessen, endlich sagt er, kaum hörbar: „Er sagte mir — „Jude", und alle Collegen um mich herum haben gespottet und mit den Fingern nach mir gezeigt." Die alten Augen von Rebekka beginnen plötzlich zu leuchten, eine Flamme des Hasses durchzuckt sie. Das dauert aber bloss einen Augenblick; die Alte lässt betrübt im Bewusstsein ihrer Ohnmacht das Haupt sinken, ein leises, ganz leises Schluchzen erfüllt nun das stille Stäbchen — hervorgerufen in der Brust des Kindes durch ein momentanes Leid, und in dem alten, geprüften Herzen — durch das Leiden vieler Geschlechter. $\us det) \)ei*eiiKi). Voranzeigen. Wien. (Verein jüdischer Mädchen „Hadassa".) Sonntag den 17. November a. c. findet im Saale der Israelitischen Cultusgemeinde, I. Seitenstättengasse % II. Stock, eine Vorlesung aus jnnpjüdi scher Dichtung von Herrn Martin Buber statt: „"Drei Erzählungen au* dem Jüdischen*'4, des LeonPercz: 1. „ Der kranke Knabe*. 9. „Die Seelen Wanderung einer Melodie". 3. „Bonze hat geschwiegen." Beginn 3V2 Uhr nachmittags. Gäste sind herzlich willkommen. Wien. (DerEinzelvere in „W i e n" d e s ,.Z i o n") gibt hiermit bekannt, dass derselbe im Locale des Vereines „O-eh Chesed", IL, Schiffamtsgasse 5, Dienstag den 19. d.M. Anfang präcise 8 Uhr, einen Vortragsoyklus über jüdische Geschichte und Lüteratur eröffnet. Diese Vorträge werden also ab Dienstag den 19. d. M. jeden Dienstag abgehalten werden. Referent: Herr Rabbiner Dr. B. Grill. Die Person des Herrn Referenten sowie die Wahl des Stoffes versprechen diese Abende zu ebenso genussals lehrreichen zu gestalten. Gäste — Damen und Herren — sind herzlichst willkommen. — Ferner bringt der Verein zur Kenntnis, dass