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Die Welt · 1901-11-15 · 46 (15.11.1901) · p. 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
46 (15.11.1901)
Article
Der fünfte Congress
Date
1901-11-15
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 Die x> Welt46 Nr. 46 licher Natur, wie die Zusammensetzung des Bureaus, aber auch Beschlüsse über die Thätigkeit und das Arbeits- Programm zu fassen. Durch die Eüvctuierung dieses Antrages wird einerseits eine ganz unnöthige Correspondenz unter den Commissions - Tneilnehmern vermieden und andererseits auch die Möglichkeit geboten, über Fragen rein formeller Natur auch zur positiven Arbeit übergehen zu können. Jüdische Kunst. Ueber Lesser Ury. Im „Berliner Börsencourier" vom 5. November schreibt B. (offenbar Prof. Dr. O^kar Bie) über den gegenwärtig zum erstenmal ausgestellten „Jeremias" Lesser Urys: ,,Von den Phantasiebildern ist diesmal der gewaltige Jeremias" ausgestellt, an dem Ury seit geraumer Zeit gearbeitet bat. Ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich annehme, dass dieses "Werk, ähnlich wie sein erstes, die „Trauernden Juden u (gemeint ist das „Jerusalem"genannte Gemälde. I). lied.), alle die treffen wird, die für Basse in der Malerei etwas übrig haben. Wenn man Jahr für Jahr die bescheidenen Bestrebungen acereditierter Maler sieht, aus historischen Stoffen grosse Horizonte zu entwickeln, so fühlt man sich wie einem Genie gegenüber, von jeder Banalität himmelweit entfernt. Ich wünschte, Ury würde einmal das fürs alte Testament, was U h d e fürs n e u e geworden ist. Wie in Filde., dem grossen Könner, ein neues Lieht emporgestiegen ist über die socialen und menschlichen Dinge des Christenthums, so lebt in Ury die alte heilige Flamme des Orients, der heisse Odem, der über die rauhe Erde streicht, die Biesengestalten elementarer Geschöpfe vor dem grandiosen Hintergrund einer unermessliehen Weite. Sein Jeremias ist nicht der Theaterheld der alten "Düsseldorfer, sondern er ist ein Stück dieser elenden Erde selbst. Ein Geschwür der Erde, liegt er zusammengekauert auf dem Boden, der nur seine dunkle Linie fortsetzt, ein gewaltiges Stück Elend, zerschlagen, zerkrümmt, zertreten. Eine furchtbare Erscheinung dem nahen Menschen, der ihn plötzlich sieht, ein grosser altjüdischer, tiefer und herzlicher Fluch. Und über dem Fluchenden wölbt sich der Xachthimmel, der von Ewigkeit zu Ewigkeit in seinen ruhigen Tönen feststeht und aus dem die hellen Sterne, unverständlich dem Geschlagenen, h e runt e r 1 ä c h e 1 n." Vorlesungsabende. Die von mir in der vorigen Nummer (in dorn Aufsätze „Eine jungjüdische Bühne") angekündigten Vorlesungsabende aus jungjfidischer Dichtung werden in Wien bereils im November beginnen. Aus dem Programm derselben, aus dem jeweilig eine Auswahl getroffen werden soll, heben wir hervor: Uebersetzungen von Dichtungen von Bialik (Gedichte), Perez („Der kranke Knabe", „Die Seelenwanderung einer Melodie", „Bonze hat geschwiegen" und andere Erzählungen, sowie Gedichte), M. J. B e r d y c z e w s k i (Novelletten), Morris Rosenfeld („Der jüdische Soldat", „Lied der Arbeiter", „Herbstblätter", „Der jüdische Mai", „Die Erschaffung des Menschen" u. a.), S. Frug (Gedichte), A. Reisen (Gedichte), J. L. Boruchowitsch (Gedichte), David Pinski Skizzen), M. S. Feuerberg (Novellen), S. L. Gordon (Gedichte), S. Gzernichowsky (Gedichte), J. Steinberg (Novelletten), S. Abramo witsch (Novellen), Israel Z a n g w i 11 (Aus den „Kindern des Ghetto" und Novellen), Joseph Mar cou-Barouch (ungedruckte Gedichte) etc., ferner Original werke von Jacob Wassermann (aus den „Juden von Zirndorf"), M. J. Berdyczewski (aus „Daneben" und der „Geschichte vom steifen Kragen", sowie eine noch ungedruckle Erzählung), Adolph Donath (Gedichte), H. York- Steiner (aus „Maskir"), L-o Rafaels („Psalm"), Theodor Z l o c i s t i („Friede", „Jörn Kippur im Walde" und Gedichte), Max Harber („Peter Swanst-ns Goncert" und ungedrucktes Dramatisches), Anselm Lutwak (eine ungedruckte dramatische Phantasie und Gedichte), Slefan Zweig (eine ungedruckte Ballade u. a.), Berthold Feiwel (eine ungedruckte Novelle und Gedichte), Martin Friedlaender (Gedichte), Martin Bub er (Ungedrucktes: eine Erzählung „Der Sommerheld", ein Act „Elijahu" und Gedichte) und anderen. Die Vorlesungen sollen von jüdischer Musik umrahmt sein. Für spätere Abende wird eine Ausstellung von Werken jü lischer Bildkunst in den Vorlesungsräumen in Aussicht genommen. Es wird versucht werden, auch in der äusseren Form der Stimmung der Abende Rechnung zu tragen. Ueber Zeit, Ort und Programm des ersten Abends werden wir in der nächsten Nummer belichten. D«r R< in ertrag der Abende wird der Ausschreibung von Preisen für Schöpfungen jungjüdischer Kunst und Dichtung gewidmet. Martin Buber. Die stumme Klage. Ein stummes Klagen bebt in mir, Wie zitternder Vögel Gefieder . . . Das weinen auf meiner Seele Grund Die ungesungenen Lieder. Sie klagen um ihren eigenen Ton, Von dem sie die Weibe empfangen, Der rauschend sie höbe vor Gottes Thron Zu den heiligen Bruder-Gesängen. Jungbunzlau. Ferdinand Kobler. Das Leid. Skizze vom Fürsten IV. Barjatinsky. Deutsch von Julie Goldbaum. Die alte Rebekka Brainstem hat ein schönes Geschäft; und mit Recht ist dasselbe nicht nur den Einwohnern des Ringplatzes, wo es sieh in einem Durchhause befindet, sondern auch dem ganzen Stadtbezirke bekannt. Was sprechen wir von Stadtbezirk! Wir können fast behaupten, dass zumindest die Hälfte der Stadteinwohner das Geschäft der Rebekka Brainstein besucht hat. Was ist hier nicht alles zu finden. In dem Auslagefenster prangt auf einem weissen Marmorsocke] eine grosse Stehuhr aus Bronze., und zu beiden Seiten stehen Armleuchter im selben Stil. Dieser Stil ist Rebekka wohlbekannt. Vor etwa sechs Jahren kam einmal ein nobler Herr, ein General, mit einem Kreuze auf der Brust, und wollte einen Luster kaufen. Der Lüster war sehr schön; der Boden breit und rund, aus dunkler Bronce, mit vergoldeten Blumenguirlanden, Schlangen und anderen Verzierungen geschmückt. Ebensolche Verzierungen wanden sich am Rande des Lust er s und zwischen den einzelnen Leuchtern. Rebekka verlangte für diesen Luster hundertundfünfzig Rubel, doch der General wollte davon nichts hören und bot ihr bloss hundert Rubel. „Du bist wohl verrückt worden, Du alte Hexe/' sagte er: „Solche „Empires" gibt es jetzt in Hülle und Fülle." Nach einem Monat wurden sie handelseinig. Der General erhielt den Luster, und in die Casse von Rebekka wanderte eine Hundertrubelnote und noch zwei rothe Banknoten. Seit jener Zeit hatte die alte Geschäftsfrau gelernt, Gegenstände „in der Art des Generals" A^on anderen zu unterscheiden,- unter diesem Namen bezeichnete sie für sich zur grösseren Klarheit den streng geschmackvollen Stil des ersten Kaiserreiches. Die Uhr im Auslagefenster bildet ihren Stolz; sie weiss zwar nicht genau, worin ihr Wert besteht, allein die häufige Nachfrage nach dieser Uhr veranlasst sie., für dieselbe einen höheren Preis zu verlangen. Rings herum um die Uhr liegen in flachen Glasschalen verschiedene Münzen, neben neuen Francsstücken und einheimischem Kupfergel de sind auch alterthümliche geheimnisvolle Geldstücke mit sonderbar geprägten Inschriften, die dem Hebräischen recht ähnlich sehen, zu finden. In demselben Auslagefenster ruht auf einem Gestelle eine russische Haube aus schwerem Goldstoff, die, Gott weiss vor wieviel Jahren, ein Frauenköpfchen geschmückt hat. So merkwürdig die Gegenstände im Auslagefenster aber auch sein mögen, so

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