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Die Welt · 1901-11-15 · 46 (15.11.1901) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
46 (15.11.1901)
Article
Die politische Lage der Juden in Elsass-Lothringen
Date
1901-11-15
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8 „Die $l Weit0- Nr. 46 Praxis des bürgerlichen und politischen Lebens ist jedoch nichts oder nur wenig davon zu merken. Theoretisch existiert die Parität in Elsass-Lothringen; praktisch kümmert sich weder die Verwaltung noch die Bevölkerung um dieselbe. Es gibt wohl eine Anzahl Juden, die eine politische oder wenigstens eine localpolitische Rolle im Lande spielen: ein Jude ist Mitglied des Landesausschusses, ferner zählen die Gemeinderät he der meisten Gemeinden, in denen Juden in grösserer Zahl wohnen, jüdische Mitglieder; es gibt auch eine Anzahl jüdischer Beamten. Doch aus diesen Thatsachen Schlüsse auf die Parität zu ziehen, wäre etwas voreilig. Das Volk wählt wohl zuweilen Juden, aber nur solche, die als reich gelten oder in angenehmer Stellung sich befinden. Im Elsass, dessen Bevölkerung für die Gleichheit schwärmt und wo man es für selbstverständlich hält, auf den Stand oder das Vermögen christlicher Candidaten keine oder nur wenig Rücksicht zu nehmen, ist dies besonders auffallend. Unter den sieben jüdischen Gemeinderathsmitgliedern der grossten Städte des Landes. Strassburg, Mülhausen, Colmar und Hagenau (Metz hat augenblicklich keine jüdische Vertretung) sind zwei Grossindustrielle, zwei Grosskaufleute, ein Banquier und zwei Aerzte zu zählen; der Banquier ist zugleich das jüdische Mitglied des Landesausschusses. Die grosse Masse von Juden besteht jedoch aus kleinen Gewerbetreibenden, die mühsam ihren Lebensunterhalt verdienen. Die sind principiell von jeder Candidatur ausgeschlossen; nur in den wenigen Orten, in denen sie die Majorität oder eine ansehnliche Minorität bilden, haben sie die Möglichkeit, bei den Wahlen Leute ihres Standes durchzubringen. Ueber die paritätische Praxis des Staates gab vor kurzem ein anonymer Schriftsteller in einer Veröffentlichung Aufschluss, die den Titel trägt: ,.Die Parität in Elsass-Lothringen". Nach dieser Arbeit gab es im Jahre 1898 in unserem Lande unter 4204 Beamten 70, also 1,06 Percent Juden. Diese Zahl entspricht weder der Grösse der jüdischen Bevölkerung, die im Jahre 1895 2 Percent, noch der Zahl der jüdischen Schüler an höheren Lehranstalten, die am 1. November 1900 8,8 Percent, noch den der jüdischen Abiturienten, die vom 1. November 1888 zum 1. November 1897 4,55 Percent, noch endlich der der jüdischen Studenten, die Mitte Dezember 1898 0,74 Percent von der Gesaimntzahl betragen. Das Missverhältnis wird noch grösser, wenn man bedenkt, dass die anonyme Veröffentlichung verschiedene Kategorien von Beamten gar nicht aufführt, unter denen die Juden überhaupt nicht oder nur sporadisch vorkommen, so die Militärbeamten,' das Officier- und das TTnterofficiereorps. die Unterbeamten, die Lehrer der confessionell gemischten Schulen und die nach mehreren Tausenden zu beziffernden Gemeindebeamten. Wie die Erfahrung aber zeigt, schliesst das Volk den kleinen jüdischen Gewerbetreibenden von Ehrenämtern beinahe vollständig aus und der Staat stellt Juden in möglichst geringer Zahl an. Parität also existiert nicht, höchstens Rudimente derselben. Wohl könnte, man einwenden, dass, so weit der Staat in Betracht kommt, ein Zeichen paritätischen guten Willens darin zu sehen ist, dass er im Unterrichtswesen und der Justizverwaltung einer relativ grossen Anzahl Juden Vertrauensstellungen gegeben hat: Die Universität zählt 17 jüdische Doeenten, die Gymnasien und Realschulen 1) jüdische Oberlehrer, die Land- und Amtsgerichte 0 jüdische Richter und 3 jüdische Notare. A priori ist jedoch anzunehmen, dass die elsass-lothringische Regierung, die aus ähnlichen Elementen zusammengesetzt ist wie jede andere deutsche, bei Besetzung der freien Stellen die in Altdeutschland geltenden Grundsätze zur Anwendung bringt. Wenn sie in einzelnen Fächern von diesen Grundgesetzen abweicht oder abgewichen ist, so ist der Grund darin zu suchen, dass sie in Elsass-Lothringen vor einer besonderen Aufgabe stand, zu deren Lösung sie die Juden, speciell die deutschen Juden, brauchte. Das Land, das durch die Waffen erobert war, sollte nicht nur auf deutscher Grundlage organisiert werden; es sollte vor allem auch geistig denf Deutschthum wiedergewonnen werden. Um diese Doppel aufgäbe zu ei füllen, brauchte die Regierung gereifte Männer, die durch ihre berufliehe oder wissenschaftliehe Vergangenheit und ihre ganze Persönlichkeit auf die Bevölkerung Eindruck machen konnten. Gelehrte und Beamte christlicher Confession fand sich nicht in genügender Zahl; denn diejenigen, die feste und einträgliche Stellungen inne hatten, liessen sich trotz finanzieller Besserstellung, trotz der Genugthuiuig, an einer nationalen Aufgabe arbeiten zu können, nicht leicht dazu bewegen, in neue, ungewohnte Verhältnisse einzutreten und unter einer Bevölkerung zu leben, die ihnen voraussichtlich keine Sympathien entgegenbringen würde. Der Ausfall wurde durch die Juden gedeckt, die in Altdeutschland gewissermassen eine Beamtenreserve bildeten, die seit Jahren und zuweilen seit Jahrzehnten vergeblich auf Staatsanstelluiig und einen ihren Kenntnissen entsprechenden Wirkungskreis gewartet hatten. Nun gewinnt aber das Deutschthmn von Jahr zu Jahr festeren Boden: es mangelt auch nicht mehr an christlichen Candidaten. Man braucht also den Juden nicht mehr — er hat seine Schuldigkeit gethan. Der Staat, der Juden'in grösserer Zahl in der Justiz- und der Unterrichtsverwaltung angestellt hat, that es also nicht aus paritätischen Rücksichten, sondern der Noth gehorchend, nicht dem eigenen Triebe; die Noth hört allmählich auf — Gründe, die vielen Juden anzustellen, existieren also nicht mehr. Manche Leute wissen wohl, dass die politische Gleichstellung der Juden im Elsass nur eine conventionelle Lüge ist; trotzdem ist ihre Freude gross, wenn sie erfahren, dass wieder ein Jude irgendwo gewählt wurde oder vom Staate irgendein Amt erlangt hat. Es ist dies für sie ein Beweis, dass wir doch um einen Schritt vorwärts gekommen sind — der Jude ist ja Optimist von Natur. Vielleicht wäre ihre Freude geringer, wenn sie wüssten, wie theuer gewöhnlieh solch ein Schritt dem Judenthum zu stehen kommt: Von 23 Doeenten jüdischer Abstammung, die nach meinen Erkundigungen die Strassburger Universität heute zählt, können wir nur noch 0 als Juden betrachten; die 17 übrigen sind entweder getauft oder haben ihre Kinder taufen lassen. Unter den Justizbeamten jüdischen Ursprungs herrschen ähnliche Zustände. Und was die Juden betrifft, die zu Ehrenämtern gebracht werden, so sind wohl keine getauft — die elsässischen Assimilanten kokettieren noch nicht mit dem Taufbecken; aber gerade die Einflussreichsten gelten als Vertrauensmänner des Clericalismus und als mächtige Stützen der verschiedenten clericalen Stiftungen und verdanken clericalen judenfeindlichen Comites ihre Wahl. Im übrigen gibt das Studium der paritätischen Verhältnisse allein keinen genügenden Aufschluss über die politische Situation einer Volksgruppe. Dazu bedarf es noch der Betrachtung ihrer materiellen und ihrer culturellen Lage und der Mittel, die sie angewendet hat, um ihre Lage zu verbessern oder um eine Verschlimmerung zu verhüten. Wie aus meinen früheren Berichten schon hervorgeht, ist die Lage der elsässischen Juden weder in materieller noch in cultureller Beziehung eine glänzende. In ökonomischer Beziehung geht es mit grossen Schritten rückwärts, und von einer jüdischen Cultur und einem jüdischen Volksbewusstsein ist kaum noch die Rede. Wohl trösten sich unsere Asimilanten leicht über den Verlust unserer cuFturellen Güter. Doch mit weniger Gleichgiltigkeit sehen sie den Wohlstand der elsassischen Juden sinken. Sie wissen wohl, dass das Vae Victis.. das einst das besiegte Rom hören musste, für den wirtschaftlich tief stehenden Juden eine besonders tragische Bedeutung hat. Je schwächer und ärmer der Jude ist, je mehr er im täglichen Kampf ums Brot seine Person exponieren muss, umso offener und umso rücksichtsloser tritt ihm der Antisemitismus entgegen und sucht ihn seiner wenigen politischen Rechte zu berauben. Welche Mittel wenden nun die elsässischen Juden im politischen Kampf an, um ihre Interessen zu vertheidigen? Man kann wohl sagen: keine. Das Assimilantenthum hat den elsässischen Juden so weit gebracht, dass er für seine eigensten direeten Interessen den politischen Kampf nicht mehr aufnimmt. So konnten im letzten Jahrzehnt im Landesausschuss Gesetze berathen und beschlossen werden, die die jüdischen Viehhändler und die jüdischen Hausierer in ihren Erwerbsverhältnissen aufs schwerste schädigen sollten. Keiner unserer jüdischen Politiker hielt es für nothwendig, auf Mittel zur Ah wehr zu sinnen oder seine Stammesgenossen auf die Gefalu' aufmerksam zu machen * die ihnen drohte: kein einziger Jude erhob seine Stimme und protestierte gegen das schwere Unrecht, das der jüdischen Bevölkerung zugefügt werden sollte. Als Wähler marschieren die Juden mit den verschiedensten Parteien. Wer sie mit der stereotyp gewordenen nichtssagenden Phrase abspeist, er volle alle anerkannten Religionen beschützen, darf auf ihre Stimme und ihre Unterstützung rechnen. Ihre Politik ist in einem Wort die jenes Vogels, der beim Herannahen des Jägers den Kopf in den Sand steckt. Der Aufklärung und dem Fortschritt (mit diesen Begriffen operieren sie sehr gern) überlassen sie es, den Kampf mit ihren Feinden aufzunehmen. Doch sie hauen ihre Hoffnung auf Sand: dieser Wechsel auf die Zukunft wird nie eingelöst werden. Die Gebildeten und Aufgeklärten sind nicht weniger ihre. .Feinde, wie die Ungebildeten: sie geben ihrem Hass nur andere Formen. Sie treten nicht durch blinde Leidenschaft gelrieben, sondern mit kühl berechnender Vernunft dem Juden entgegen. Der Fortschritt, der die Kriege schrecklicher macht, drückt auch unseren Feinden nur neue Waffen in die Hand; und die Menschenverbrüderung, auf die wir hoffen, rückt immer weiter in die Ferne. Hohe Zeit wäre es, dass die elsässischen Juden ihre politischen Kampfmethoden änderten. Statt nach Aemtern und Ehrenämtern zu streben, mögen sie sich zur .Aufgabe stellen, ihre Interessen und ihre Rechte nach jeder Richtung zu vertheidigen und bei der Wahrung ihrer Rechte in erster Linie auf die eigene Kraft zu vertrauen. Wohl wird auch dann der politische Kampf manche Enttäuschung Bringen, doch er wird das elsässische Judenthum wieder sammeln, und er wird in den Gemiithern der Juden den Sinn für jüdisches Volksbewusstsein und jüdische Ideale wieder erwecken.

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