Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 46 (15.11.1901)
- Article
- Die jüdische Frau
- Date
- 1901-11-15
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 46 „Die # Welt** Seite 7 Deines Stammes Daseinszweck ist heute nur Verwischen Eures Seins und Wesens: ein sich Aufgeben, ein Vergehen. Wie schrecklich, wenn eine Mutter ihrem Kinde das mit ins Leben gibt! Und das den Kindern eines Volkes, das nach jahrtausendelangem Kampf und Siechthum noch soviel Kraft, soviel Tüchtigkeit, so viele Intelligenzen, so viele Charaktere zeitigt. Das Volk der grossen Fruchtbarkeit des Denkens und des Thuns! * Die jüdische Mutter ist ihrem Kinde eine nationale Erziehung schuldig. Freilich, es gehört viel Liebe, viel Innigkeit und Treue, viel Muth und Klugheit dazu, das in allen Lagen und unter allen Bedingungen mit gleicher Stetigkeit durchzuführen. Denn viele Hilfsmittel hat sie heute nicht und so muss sie ihr ganzes Herz und ihr ganzes Denken heranziehen. Einen grossen Schatz hat die Mutter an der mächtigen Geschichte, an den uralten Sagen ihres Volkes. Aber ausser der grossen Schwere und Traurigkeit, die den alten ITeherlieferungen anhängt, ist noch dieses: ein Volk hat sie in «einem Alltagsleben, in Noth und Sorgen, in Angst, auf der Flucht und in der Verbannung durch lange Zeiten gewendet, diese alten Blätter, und davon ist etwas an ihnen haften geblieben, etwas Unbiegsames und Erstarrtes. Man müsste auswählen, müsste weichere kindlichere Formen finden. Es fehlt an Kinderbüchern, fehlt am Märchen, dieser heiteren lieblichen Gabe, zu dem das jüdische Volk in seinen vielen Nöthen nicht Zeit und Leichtigkeit fand, um es seinen Kindern zu bescheren. Da wäre überhaupt ein weites, glückliches Feld für die jüdische Frau. Sammeln und Ausgestalten von Kindergeschichten, Kinderbildern, einfachen Volksmelodien. Eine grosse, frohe Heimat könnte sie damit ihren heimatlosen Kindern schenken. Dass sie nicht mehr zu Fremden borgen gehen müsste, um ihre Kleinen zu erfreuen und zu lehren. * Dann ist noch etwas: Das jüdische Haus. Auch dies ist eine Aufgabe der jüdischen Frau. Heute und bis zur Erreichung des Zieles, bis zur Wiedergewinnung des alten angestammten Bodens muss es und muss es ganz allein die Heimat des jüdischen Volkes bilden. Es mag wohl noch viele Häuser geben voll ehrwürdiger Bräuche, treuer Ueberlieferung und volkstümlichen Sinnes. Aber ob die jungjüdische Bewegung, ob das neue Judenthum dort schon ein Heim gefunden hat? Denn das ist uns ja wohl allen klar: die alten Formen genügen dem Ziele nicht; sie dürsten darnach, mit frischem Leben erfüllt zu werden. Es ist ja so wenig, was ich von alledem zu sagen weiss, und dies wenige noch beinahe unfertig. Aber es drängt nun einmal ans Lieht. Wie selten gelingt es auch, für das, was man sagen möchte, das letzte und rechte Wort zu finden. Ich weiss ja auch, wie es noch viel, viel leichter ist, über Dinge zu reden, als sie zu vollbringen, und noch gar in einer werdenden Sache, in der es neben den triebkräftigen Sprossen gewiss auch viel blinde und wilde Triebe geben wird und muss. Da ist es eben an der Frau, mit feinem und sicherem Gefühl das herauszufinden, was Zukunft und Fruchtbarkeit verheisst, und dem eine Stätte in ihrem Heini zu bereiten. Freilich muss sie, um das zu können, jede neue liegung mit Liebe verfolgen. Ich glaube, dass es in der zionistischen Bewegung wie in jeder anderen eine Menge junger Menschen gibt, die voll von Gedanken, voll von Plänen, voll von Anregungen sind, aber unbekannt und unverstanden. Und über allen Blüten, die ihr Herz und ihr Geist treiben, liegt der Frost der Einsamkeit und lässt sie unfruchtbar werden und verderben. Es ist nicht jedem gegeben, sieh durchzusetzen, und doch verdirbt und stirbt so viel Liebenswürdiges und Bedeutendes. Das mag man glauben. Wenn diese Menschen nun da und dort ein Haus wüssten, wo man sie gerne hört, wo man gerne über das, was sie bewegt, Rede tauscht! Würden sie nicht muthiger und zuversichtlicher werden, würde der Bewegung nicht vieles so gewonnen? Und wie viel, wie unendlich viel würde das jüdische Haus gewinnen, wie ganz anders, wie viel würdiger und natürlicher würden das häusliche Leben und die Geselligkeit werden. Anregung, Heiz, Bewegung und Sicherheit würden daraus fHessen und etwas ganz Wunderbares: ein Vorgefühl der Heimat. All dies zu gestalten, ist in die Hände der jüdischen Frau gegeben. * Und noch etwas! Wir wissen, der Jude hat im allgemeinen viel Liebe und Sinn für sein Haus, für dessen Ausstattung, Bequemlichkeit und Schönheit. Er hat eine gewisse Neigung zu sammeln. Wie viele Kunstschätze, wie vieles vom Besten und Feinsten, was die Künstler aller Nationen schaffen, hat in jüdischen Häusern seinen Ort gefunden. Und wer freute sich nicht, das anzuerkennen und zu wünschen, dass es so bleiben möge. Und dass es aus immer reineren Motiven und aus immer wahrerer Schönheitsliebe werden möge. Aber eines ist zu sagen: es gibt heute schon eine jüdische Kunst. Schon einmal sagte ich es. Und es gibt jüdische Künstler. Und es sind unter den wenigen, die es gibt, welche, die sich durch ein wahres Martyrium des Lebens schlagen mussten und unter den ihren keine Menschenhand fanden, die sich ihnen stützend bot. Und ungekannt mag es viele geben, die heute noch ringen. Diese und die junge jüdische Kunst verlangen Hilfe und Einlass. Und auch hier werden die, die Hilfe und Obdach bieten, die königlich Beschenkten sein. Die jüdische Kunst wird helfen, dem Hause ein nationales Gepräge zu geben. Auch auf diesem Gebiete wäre viel zu wollen. Es fehlt dem jüdischen Volke nicht an uralten Motiven und Symbolen, freilich sind auch sie für den neuen, schönen Gebrauch noch nicht ausgestaltet. Lrmso reicher aber würde die Ausbeute jetzt werden, umso reicher und freudiger, weil all diese Dinge für den modernen Menschen die Weihe der Ursprünglichkeit und Unberührtheit hätten. So voll von Würde und Schönheit könnte das jüdische Haus werden. * Es ist viel zu thun für die jüdische Frau. Und viel verlangt ihr Volk von ihr. Briefe aus Deutschland. ii. Die politische Lage der Juden in Elsass-Lothringen. von Dr. Elias- Mülhausen. Die elsass-lothringisehen Juden sind mit ihrer politischen Lage im allgemeinen zufrieden. Fragt man sie, warum sie zufrieden sind, erhält man gewöhnlich folgende Antwort: Es geht uns ganz gut. Unsere Religion wird vom Staate anerkannt und beschützt. Die elsass-lothringisehen Landes- und die deutsehen Reichsgesetze kennen keinen Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden. Und die Idee der bürgerlichen Gleichstellung, die die Gesetze aussprechen, kommt auch im öffentlichen Leben zum .Ausdruck, und zwar dadurch, dass thatsäehlich Juden vom Staat als Beamte angestellt und vom Volke zu Ehrenämtern gewählt werden. Es mag ja sein, dass manches noch besser sein könnte, auch dürfen wir nicht vergessen, dass wir seit kaum 100 Jahren emaneipiert ind. Die Zeit und die fortschreitende Aufklärung werden für eine weitere Besserung unserer Lage sorgen. Diese Antwort hält vor der Kritik nicht stand und muss das Befremden aller derjenigen erwecken, die die Verhältnisse genau kennen. Unanfechtbar ist die Behauptung, dass die jüdische Religion denselben Schutz und dieselben Rechte wie die christlichen Glaubensgemeinschaften geniesst; auch unsere gesetzliche Gleichstellung ist über alle Zweifel erhaben; in der