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Die Welt · 1901-11-15 · 46 (15.11.1901) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
46 (15.11.1901)
Article
Eine zionistische Debatte im Londoner Makkabäerclub
Date
1901-11-15
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Seite 6 „DI© # Welt?» Ni. 46 tinier werden und nach einiger Zeit auswandern und sich nach einer anderen .Richtung assimilieren — sehen Sie nicht die Unwürdigkeit, die Lächerlichkeit und Schmach darin? . . . Gibt es kein Heim für die Juden? Nach einem Heim, nach einem neuen und freien, sehnt sich das ganze jüdische Volk in Russland und ist bereit, dafür zu arbeiten, es zu entwickeln, es zu bauen; es arbeiten dafür Tausende aus den'besser situierten Classen, die Armen aber schöpfen daraus ihre Hoffnung — stillen damit ihre Verzweiflung . . . Neulich traf ich einen jungen Landsmann von mir, er erzählte mir von der furchtbaren Unterdrückung der jüdischen Jugend in Russland, und wie sie von jeder höheren Bildung ausgeschlossen sei. Darauf ich: Nun wohl, ich nehme an, dass Taufen häufig vorkommen. „Nein/' sagte er. „dafür sind wir zu stolz; es gibt jetzt grosse Hoffnungen und ein starkes jüdisches Fühlen und die jungen Leute sind kühne Zionisten" . . Wenn die englischen Juden sich der nationalen Sache anschliessen, so werden sie sich der Sache der Ehre und einem Freiheitskampfe angeschlossen haben. Ich schliesse meine Ausführungen mit den Worten: Sie werden sich selbst retten, Ihren guten Namen, Ihre Selbstachtung, Ihr sittliches und gesellschaftliches Leben, mit einem Worte Ihre Position., wenn Sie mit äussersten Kräften für die Freiheit und Würde unseres Volkes arbeiten werden und für ein geeignetes, unabhängiges Heim für die Masse unseres Volkes." Der Vortrag, den „Jewisli Chronicle" als ebenso klug als sympathisch bezeichnet, wurde mit grossem Beifall aufgenommen. In der folgenden Discussion kamen verschiedene Gesichtspunkte auf, auch eine beträchtliche Unkenntnis der Lage der osteuropäischen Juden bei den Gegnern. Auf Antrag von Mr. Herbert Bentwich wurde endlich die Specialdebatte auf den 10. d. M. vertagt. Die jüdische Frau. Von V a u 1 a W i n k 1 e r. IL Die moderne Frau hat bis heute keine bemerkenswerte} Stellung zum nationalen Gedanken genommen. Ihre Sympathien gelten dem „Weltbürgerthum", unter dessen Zeichen sie errungen hat, was sie heute an Freiheit und Rechten besitzt. Schliesslich kommt die Stellung, die die Frauen früherer Zeit dem Vaterland oder der Nation gegenüber gehabt haben, für sie heute kaum mehr in Betracht. Sie hatten ihre Söhne m den Krieg zu schicken und die passive Rolle der Heldenmutter zu spielen, sie hatten ihre Haare abzuschneiden und zu verkaufen oder ihre goldenen Ringe gegen eiserne zu vertauscheu, wenn es an Geld fehlte, um Krieg zu führen. Allenfalls fand sich zuweilen ein robustes Heldenmädchen, das in Männerkleidern eine Kanone bediente. Für all diese Leistungen wurde den Braven ein Platz in den Geschichtsbüchern der Schulkinder zutheil, und so helfen sie bis heute die Langeweile in den Schulzimmern vermehren. * Wenn wir weit, weit zurückblättern, steht zuweilen die üt>erlebensgrosse Gestalt einer sagenhaften Königin oder Heldin auf. Wir staunen, aber ihre grossen Worte und ihre weiten mächtigen Gesten sind uns dennoch fremd, selbst wenn der Dichter zwischen uns und ihr Mittler wird. — * Dem Lelxm der „Nation" also steht die Frau im grossen und ganzen überall zur Zeit fremd gegenüber. Dennoch wird sie ihm bald nahetreten müssen. Ich glaube an eine Wiederkehr des nationalen Gedankens auf höherer Stufe. Es wird nicht der alte sein, vor dem wir einst flohen, so hoffe ich. Zwei Hinge mag der Kommende vor allem vor dem schwindenden entbehren: Das verlogene Pathos und die beschränkte und grausame Enge. Heller, feiner und bewusster soll der neue sein und die K(leisten und Klarsten sollen ihm Träger werden. Sein Endziel sei: Volksindividualitäten. Er wird sich zum nationalen Gedanken von ehedem verhalten (um ein Wort zu gebrauchen, das ein wählerischer Mund um seines Missbrauches willen beinahe scheuen müsste) wie das Ideal des Herrenmenschen zu dem rohen Patron, der Faustrecht übt. * Das jüdische Volk ist ohne Zweifel das erste, in dem der nationale Gedanke unserer Zeit würdig in neuer Verklärung erstand. Eine uralte Cultur und eine Zukunftscultur — das ist mehr als eine Gegenwartsexistenz. So ist nun auch die jüdische Frau die erste, die Pflichten im neuen nationalen Leben hat. Ein Volk, das seine Frauen in ihrer natürlichen geistigen oder körperlichen Entwicklung verhindert, krankt ohne Zweifel an seinen Instincten der Selbsterhaltung und Veredelung. Denn es sind die Gebärerinnen des jungen Geschlechtes, die niedergehalten werden, und so ist es das kommende Geschlecht selbst, das in seinen Müttern geschädigt wird. Und eben dieses eine verlangt heute vor allem das jüdische Volk von seinen Frauen: die Selbsterziehung zu Leibes- und Seelenschönheit und -Kraft und eine junge starke, fähige Generation. Es ist nichts Kleines und Verächtliches, Mittel zu sein, es ist ein Wunderbares, im Dienste der aufbauenden Natur zu stehen. Ich empfinde es als ein Frauenglück ohnegleichen, dem Volke, das man liebt, schöne Menschen zu schenken, überquellend von Freudigkeit und Kraft — nicht als Zerstörer oder Kriegsopfer: als Anfbauer, als Schöpfer der neuen Heimat und des neuen Volksthums. Diese Schöpfer, diese Aufbauer, diese neuen Juden hat die Frau heranzuziehen. Da ist viel, unendlich und beneidenswert viel zu thun. Da ist einmal dieses: das Kind frühe zum Bewusstsein des Gegensatzes, in dem es zu seiner Umgebung steht, zu bringen. Es lerne als etwas Selbstverständliches und Natürliches: sich unterscheiden. Welche Schönheit und welche Kraft fürs Leben kann daraus erblühen! Wie furchtbar dagegen, wenn so ein zartes kleines Wesen plötzlich mit einemmale begreifen muss: Ich stehe nothgedrungen im Gegensatz zu den Menschen um mich her. Nicht, weil ich bin, was ich bin, nicht weil ich will, was ich will, sondern weil die Leute mich nicht wollen, wie ich auch bin und was ich auch thue. Jede Mutter begreife: es gibt für das Judenthum nur eine Kettung, es gibt für den Juden nur ein Heil, nur eine Lebensmöglichkeit in Freude und Schönheit: Nationalgefühl. Auch allen fremden Völkern gegenüber ist dies die einzige Hebung, die einzige Würde. In diesem Sinne muss das jüdische Kind erzogen werden. „Seht, das bin ich, sehet, dieses Stammes bin ich!" muss sein ganzes Wesen sagen. „Denket und saget, was Ihr wollt, ich bin's mit Stolz.44 Und. dann begreife es, dass es einem Volke angehört, dessen Schicksal nach langer Irrfahrt, nach langem Leid und langer Demüthigung wieder im stolzen Aufflug begriffen ist. Und an diese Auferstehung wachse der Glaube im jungen Herzen mit auf, wie an sein eigenstes Menschenglück. So ein Glaube mag eine wunderbare Macht in der Entwickhing eines Menschenkindes bedeuten. Er gibt so viel Geradheit, Aufrechtheit und Zuversicht, solch ein Wissen. Diesen Glauben kann die ^lütter und nur die Mutter dem Kinde geben. Vielleicht wird dann mancher Schwerniuthszug aus den kleinen Gesichtern schwinden. Vielleicht manche Haltlosigkeit, manche Zagheit, manche Verzweiflung aus dem Leben der jungen Leute. Vielleicht, ja sicher wird das Anlehnungs- und Ausgleichungsbedürfnis sich legen. Welch furchtbare Einbildung: Dein und

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