Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 46 (15.11.1901)
- Article
- Ägyptisch-Palästina
- Date
- 1901-11-15
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 46 „Die s£ Welt" Seite ♦> welches da an Aegypten kam, war ein Stück Palästina! 1000 km2 Palästina tdnd mehr als der dreissigste Theil des ganzen Landes. Wenn Palästina imstande sein sollte, drei Millionen Menschen aufzunehmen, so wäre bei gleicher Bevölkerungsdichügkeit dieses Stück gross genug für Hunderttausend! Und wenn es nur für zehn- oder fünftausend Jjuden gross genug wäre, so wollte auch das schon etwas sagen--wir sind nicht reich genug an Volk und Land, um tausende von Menschen oder ein Stück Palästinas, auf dem sie leben könnten, leichtherzig zu verschenken oder ausseracht zu 1 a s s e n. Die Tau-ende, die dort leben könnten — in Sicherheit, auskömmlich und mit einer Zukunft für sich und ihre Kinder — diese Tausende gehen uns heute nach Cänada oder Argentinien verloren oder verkommen im osteuropäischen Elend! Dieses Stück Palästina, von dessen Existenz niemand weiss — diese Tausende von Juden, von denen niemand etwas wissen will — diese Factoren ergeben die lang- und heissersehnte Möglichkeit für den Anfang der zionistischen Action! * Das Land liegt — vom türkischen Palästina aus — vor dem Nachal Mizrajim, der engeren Grenze von Erez Israel. Es beginnt in der Mitte zwischen Gaza und dem „Bache Aegyptens" bei dem Orte Tel-Refah (Raphia) und bildet einen Küsten streifen von über 40 km Länge, der circa 25 km ins Land hineinreicht. Dies ergibt — 40X25 — etwa 1000 km3. Das Gebiet ist gegenwärtig sehr schwach bevölkert. Am Nachai Mizrajim, welcher heute Wadi -ei- Arisch heisst, aber an der Seite nach Aegypten zu, liegt die Stadt und Festung El-Arisch, welche Sitz eines ägyptischen Gouverneurs ist und 3000 Einwohner hat-- für eine menschenarme Gegend eine grosse Stadt! Das Land ist nicht sehr fruchtbar. Es war aber fruchtbar und wird es wieder werden» Wir brauchen nur an die Colonien in Palästina zu denken. Gegenwärtig werden kaum 1000 Beduinen und Fellachen dort wohnen. Das Gerstenland von Gaza reicht bis in das Gebiet hinein, auf den grösseren Karten (z.B. denen des „PalestineExploration Fund" von 1890) sind eine Anzahl von Dörfern, Ruinen, Wasserläufen, Brunnen und Palmengruppen verzeichnet Die türkische Telegraphenlinie und die grosse Pilgerstrasse führen hindurch. Sie führen nicht zufällig hindurch. Und das ist die grosse Bedeutung dieses „Stückes Wüste", wie diejenigen es nennen werden, die nie etwas davon gewusst haben, aber sich vor dem Anfang der Action fürchten. Dieses Stück „Aegyptisch-Palästina" ist die einzige Brücke, welche Afrika mit dem Rest der alten Welt verbindet — mit Asien und Europa. Wie heute Pilgerstrasse und Telegraphenlinie, so wird in wenigen Jahren die Verbindungsbahn über diese Brücke rollen, welche die grosse afrikanische Continentalbahn Capetown—Cairo mit der Euphratbahn und weiter mit der Orient-Express- und der transsibirischen Linie verbinden muss und wird. Diese intercontinentale Verbindungsbahn ist aber nicht nur als solche, sondern als wichtigste Bahnlinie Palästinas von Bedeutung. Sie verbindet alle Küstenplärze zwischen Beyrout und Port- Said, sie wird den Fremdenverkehr vervielfachen, der heute durch die ungünstigen Hafenverhältnisse von Jaffa ausserordentlich behindert ist, sie wird den Colonien, die ja alle in grosser Nähe der Küste liegen, neue Absatzmöglichkeiten geben, und sie wird unserem „Aegyptisc h-P a 1 ä s t i n a" zu ungeahnter Bedeutung verhelfen, denn dieses Gebiet liegt zwischen den grossen syrischen und ägyptischen Märkten und ist prädestiniert, dieselben — mit Hilfe jüdischen Gewerbefleisses, der sich in New-York und London und an vielen anderen Orten glänzend bewährt hat — mit Manufacturwaren zu versorgen. Alles, was von den industriellen und commerziellen Möglichkeiten Palästinas im allgemeinen gesagt worden ist, trifft für diesen vergessenen Theil des Landes im besonderen und für die Gegenwart fast ausschliesslich zu. Hier ist die Einwanderung erlaubt, der Errichtung von Fabriken steht nichts im Wege. Die Märkte sind nahe, der Transport billig, die Löhne können niedrig sein, die Zölle sollen — zum Theile wenigstens — fort, Bakschisch ist nicht bekannt. Die ägyptische Regierung ist progressiv, die Sicherheit ausreichend, Autonomie der einzelnen Ansiedlungen im Landesgesetze vorgesehen. Industrielle Colonisation — mindestens neben der landwirtschaftlichen — ist das grosse Problem der unmittelbaren Gegenwart. Die Judenwanderungsfrage, die uns aufgezwungene Colonisationspolitik, hat mit grossen Menschenmassen zu rechnen, für die nur sehr wenig Land zu haben ist. Eine extensive Landwirtschaft, so wie sie in Argpntinien getrieben wird, kann aus diesen und anderen Gründen für den Orient zur Zeit nicht in Betracht kommen. Aber auch intensivere Wirtschaft, wie in Palästina, kann nur in geringem Umfange zur Lösung der Frage herangezogen werden. Man weiss ja, wie wenigen Juden auf dem Wege der landwirtschaftlichen Colonisation in Palästina mit, sagen wir, einer Million Francs geholfen werden kami: — etwa 50 Familien! Das ist kein gesundes Verhältnis. Bei dem hohen Werte des Geldes im Orient könnten diese 50 Familien von den Zinsen dieser Million Francs leben, wenn auch nicht sehr luxuriös. Mit demselben Betrage könnten schon 50 Kaufleute in ziemlichem Umfange Geschäfte treiben. Als selbständige Handwerker könnte schon eine viel grössere Anzahl von Ju<1en für das gleiche Geld etabliert werden, — bei weitem die grösste Menge von Manschen könnte aber mit der angenommenen Summe auf dem Wege industrieller Colonisation ihren Lebensunterhalt verdienen. Die Fälle sind auch in Europa nicht selten, wo im industriellen Betriebe ein Arbeiter und mehr auf je 1000 Francs Betriebscapital kommen. Die Frage nach der geeignetsten Colonisationsart beantwortet sich also ganz von selbst, wenn man sie nur richtig formuliert hat, nämlich: Auf welchem Wege ist der grössten Anzahl mit den geringsten Mitteln zu helfen? Die industrielle Colonisation hat noch den anderen grossen Vorzug vor der landwirtschaftlichen, dass weitaus die meisten jüdischen Auswanderer entweder in ihren Heimatsländern schon industriell thätig waren, oder sich in überraschend kurzer Zeit in diese Berufe hineinarbeiten, wie die tägliche Erfahrung in den bisherigen Emigrationsländern England und Amerika gelehrt hat. Ausserdem fehlt es uns bekanntlich nicht an industriellen und commerziellen Fachleuten, während an solchen auf landwirtschaftlichem Gebiete ein empfindlicher Mangel herrscht. In der natürlichen Entwicklung geht ja der Landbau der Industrie zeitlich voran. Wir leben aber nicht mehr in so primitiven Zeiten, und es kommt jetzt häufig genug vor, dass ein Land zuerst industriell erschlossen wird und erst infolge des Zustromes von Menschen der Landbau sich besser rentiert als Deckung des Bedarfes von auswärts. Wenn wir also die hervorragende Eignung der industriellen Colonisation zugeben, so bliebe kein Grund, dieses Stück ..Aegyptisch-Palästina" für minderwertig zu halten, gegenüber den türk sehen Theilen des Landes — auch wenn nicht die verkehrstechnische Bedeutung der Strecke, sowie der Umstand, dass sie unter anglo-ägyptischer Verwaltung steht, laut zu ihren Gunsten sprächen.' Zum Schlüsse aber scheint es mir angebracht, nochmals darauf hinzuweisen, dass zur gegenwärtigen Zeit, ebenso wie damals, als die ersten palästinensischen Colonien gegründpt wurden, zuerst gefragt werden muss, ob ein Stück Land zu haben ist, und dann erst, ob es auch fruchtbar sei. Denn Fruchtbarkeit lässt sich erzwingen, wo es unbedingt nöthig ist. Eines der fruchtbarsten Ländchen der Erde ist die Inselgruppe Malta, die unsere Vettern, die Phönizier, zur Zeit als Israel noch von Richtern regiert wurde, als nackten Felsen vorfanden. Diese Cultur-lngenieure grössten Stiles bedeckten den Felsen mit aus Sicilien importierter Erde, und heute ist die Inselgruppe mit 175.000 Einwohnern auf ihren 323 km2 Oberfläche das bevölkertste Land der Welt! Wir brauchen für das dreimal grössere „El Arisch" keinerlei derartige Zukunftsträume zu hegen, um heute daselbst einen wohl vorzubereitenden Anfang zu machen, aber gemacht sollte er werden, so schnell und so ernst und so umfassend als möglich. Eine zionistische Debatte im Londoner Makkabäerclub. Der Club hatte Herrn Dr. M. Bernstein eingeladen, über das Thema „Die Bedrohung der jüdischen Gesellschaft in England durch die Verfolgung der Juden in Russland und Rumänien" zu sprechen. Der Vortrag fand Sanntag den 3. d. M. statt. Nachdem Herr Dr. Bernstein die Verhältnisse geschildert hatte, kam er zur Erörterung der möglichen Lösungen: „Ich sage, dass ein anderes Asyl für die Juden nöthig ist, ein Asyl als letzter Ruheplatz, ein eigener Ort, ein Heini, ein eigenes Land. Ich bin betrübt über die ehamälconartige Assimilation unseres Volkes und jeder, der noch einen Schimmer von Selbstachtung in sich birgt3ist es mit mir. Sich Arabern, Deutschen, Slaven, Celten, Polen assimilieren, sich Rumänien assimilieren, ein Ungar oder ein Arger-