Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 45 (8.11.1901)
- Article
- Zweierlei Juden
- Date
- 1901-11-08
- Page
- 14 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 14 „Die # Wdt" Wr.U Zweierlei Juden. Roman von Max Viola, (Nachdruck verhüten.) (Fortsetzung.) „Sie wohnt nicht in Lobenstein, sondern in clor Nähe von dort, in Egersdorf. Lobenstein gehört ja Hingst meinem verehrten l'rincipal. Die Gräfin besitzt nichts. Graf Brandt, ihr einstiger Gemahl, hat ihr ganzes Vermögen verlumpt/'' „Nun kann er es ersetzen. Er bekommt ja eine Mitgift von vier Millionen."' „Vier Millionen? Wen heiratet er denn?'"' „Wie, Papa, das weisst Du nicht? So schlecht bist Du unterrichtet? Kr ist doch mit der Tochter Deines Chefs, mit Fräulein Ernmy Tu pen'hal verlobt!" ..Was Dir nicht einfällt?!" „Gewiss, Papa! Vorgestern ist es im Glub erzählt worden. ITeimdürfer hat den Grafen vor einem .'Jahre gemalt und bis heute sein (Jehl nicht bekommen. Vorgestern versicherte ihm nun Baron Eulern, Graf Brandt werde demnächst seine sämmtliehen Schulden bezahlen. Er sei mit Eiinny Tulpentluil verlobt und bekomme vier Millionen." „Das ist ein Märchen. Paul. Archihald Ritter v. Tulpenthal ist nicht in der Lage, vier Millionen zu gehen. Seine Verhältnisse sind äusserst verwickelte, und wenn er sie geklärt haben 'wird, werden ihm alles in allem höchstens zwei Millionen bleiben. Wie sollte er da seiner Tochter eine solche Mitgift geben können?" „Ich weiss nicht, Papa, genug, es wurde so erzählt. Eulern behauptete sogar, der Verlobung beigewohnt zu haben; allerdings war es keine officielle, sondern erst eine stille. Die Sache darf noch nicht ganz public werden., allein, sie ist abgemacht." ..Hat er nicht an dem einen prächtigen Schwiegersohn genug?" fragte Frau Bosenstein. „Verursacht ihm der so viel Freude? Er ist stets betrunken.*4 „Das verstehst Du nicht. Malchen. Wenn ein Graf über den Durst trinkt, so hat das nichts zu sagen. Ein Graf ist ein Graf, ob er nun trinkt, oder stiehlt. Archihald Tulpentiial ist Jude, doch wenn der Messias kommt, wird er ihn bloss anerkennen, wenn er sieh als Graf oder Prinz Messias anmeldet." Hosensteil] unterbrach sich, denn es wurde an der Thüre gepocht, und herein trat Sigmund Zweig, ein Verwandter, der selten zu llesach kam. Er betrieb nicht ganz einwandfreie Geschäfte.., und man verkehrte deshalb nicht gerne mit ihm. Bosenstein hiess ihn Platz nehmen. „Ich komme in (Geschäftsangelegcnheiten," sagte Zweig. „Das heisst in Geschäften, die Dir nichts einbringen weiden. Ich hätte. Dich nicht am Abend gestört, aber am Tage bist Du doch stets im Gomptoir. Ich habe da einen kleinen Wechsel, der auf zweitausendzweihundert Kronen lautet, und ich möchte Dich bitten, ihn bei Deinem Ghef für mich einzucaxsieren." „Brauchst Du mich dazu? Wenn der Wechsel von Archihald Tulpenthal unterfertigt ist, so schicke ihn ganz einfach in das Bureau, und man wird ihn an der Gassa einlösen." „So klug bin ich auch. Er ist aber nicht von Tulpenthal unterschrieben." „Sondern von seinem Sohne Gaston?" „Nein, auch von dem nicht. Kr ist aeeeptiert von dem Bittmeister Grafen Franz Steinau, und seine Schwester, die geschiedene Frau des Grafen Brandt, ist als Bürgin linterschrieben." „Möchtest Du mir nicht erklären, wie Tulpenthal dazu kommt, dieses Accept, das er weder unterschrieben, noch giriert hat, einzulösen?" „Werde ich Dir erklären: Graf Steinau ist mir die zwTeitausendzweihundert Kronen seit fünf Jahren schuldig. Aber er ist faul, faul bis in die Leber, und wenn ich mich unigebracht hätte, wäre kein Heller von ihm zu haben gewesen. Plötzlich fängt der .Mann an Geld auszugeben, viel Geld, sage ich Dir, sehr viel Geld. Er hält wieder Equipage, spielt auf dem Turf, und seine Donna, die Mariette vom Circus Bisoli, trägt grosse Brillanten und hat eine neueingerichtete Wohnung. Natürlich eile ich sofort zu ihm und weiche nicht mehr von seiner Schwelle. Geld aber habe ich trotzdem keines bekommen. Er sagte mir aber, er werde einen Wechsel auf die Summe, die er mir schuldet, seiner Schwester, der Gräfin Brandt, einschicken, sie soll ihn mit ihrem Giro versehen, und wenn er mit ihrem Giro versehen ist, soll ich zu ■ Michael Strassentauber gehen, der wird ihn einlösen. Strassentauber sei ein Gassier. der alle Wechsel escomptiert, die von seiner Schwester giriert werden. Schöner Gassi er das, der Miehele Strassentauber! Aber als ich nach acht Tagen den Wechsel gehabt habe, bin ich doch zu ihm gegangen. Er hat mir auch das Geld geben wollen, aber mit dem kleinen Abzug von fünfundsiebzig Procent." „Und das hast Du Dir nicht gefallen lassen?" ,Habe ich mir nicht gefallen lassen." ..Und wie kommt nun Tulpenthal dazu, den Wechsel einzulösen? was geht ihn die Geschichte an?" „Solist Du erfahren. Als mir Strassentauber fünfundzwanzig Proeent angeboten hat, habe ich ihm gesagt, er sei ein Strassenräuher, ein Dieb, ein Gurgelabsehneider. Ist er grob geworden. War ich auch nicht feiru Wir haben geschrieen alle beide und es war ein grosser Lärm. Seine Leute sind herbeigeeilt und dann sind wir auseinandergegangen. Nun bin ich wieder zum Grafen Steinau. Der hat gesagt, er kann mir nicht helfen. Wenn Strassentauber nicht zahlt, so ist es eben nichts- Ich habe dem Grafen gedroht, er aber hat die Achsel gezuckt. Ich gehe fort und auf der Gasse spricht mich der kleine Hollberger an, Du weisst ja. der Sohn von Simon Hollberger, der ein Mehlgeschäft gehabt hat in der Hirsnergasse. Der kleine Hollberger ist Buchhalter, ('assier, Hofmeister und Vertrauensmann bei Strassentauber. Wollen Sie Ihr Geld für den Wechsel haben? fragt er mich. Ob ich will? Natürlich will ich! Gut, meint er. Geben Sie mir zweihundert Kronen, werde ich Ihnen sagen, wie Sie Ihr Geld bekommen. Bin ich verrückt, sage ich, das Lebendige auf das Todte zu legen? Erst verhelfen Sie mir zu meinem Geld, dann sollen Sie die zweihundert Kronen haben. Nein, sagt er, das thut er nicht. Kurz und gut, hin und her, ich habe ihm hundert Kronen gegeben, worauf er mir gesagt hat, dass die vom Grafen Steinau unterschriebenen und von seiner Schwester girierten Wechsel nicht von Strassentauber, sondern von Archihald Tulpenthal eingelöst werden. Alle. Der Graf kommt zum Strassentauber mit den Wechseln, dort werden sie in ein Gouvert gegeben, er — Hollberger — trägt sie zu Tulpenthal, der gibt sofort die Valuta her, und Strassentauber folgt dann dem Grafen das Geld aus, als ob es sein eigenes wäre. End das ist so. "Hollberger hat mir es geschworen, beim Andenken seiner .Mutter. Nun weisst Du, warum ich nieinen Wechsel von Archihald Tulpenthal eingelöst luibcn will/' Bosenstein schwieg eine lange Weile, doch man sah, dass es in seinem Kopfe gähre. Endlich glättete sich seine Stirne und er ward anscheinlich ganz ruhig. „Die Geschichte ist wahr," sagte er „oder sie ist nicht wahr.. Ist sie wahr, so ist sie eine Privatsache, und ich menge mich in die Privatangelegenheiten meines Ghefs nur, wenn es unbedingt sein muss. Zeige ihm den Wechsel und dann wirst Du ja sehen." „Du willst ihn also nicht übernehmen?" „Unter keiner Bedingung." „Siehst Du, so bist Du, wenn man einmal eine Gefälligkeit von Dir haben möchte." „Es ist mir leid, aber in diesem Falle kann ich Dir nicht dienen." „So werde ich seihst zu ihm gehen. Was meinst Du?" „Es wird das Klügste sein.'4 Zweig stand auf und empfahl sich. Rosenstein geleitete ihn bis in das Vorzimmer, und als er zurückgekehrt war, sagte er zu seinem Sohne: „Deine Nachricht beruht auf Wahrheit. Tulpenthal hat seine Tochter wirklich mit dem Grafen Brandt verlobt und ihm (»ine Mitgift von vier Millionen zugesgat. Jetzt weiss ich auch, warum mich Frau Tulpenthal vor einigen Tagen fragte, ob aus unseren Activen vier Millionen flüssig gemacht werden können. Das wäre die Mitgift für den Grafen Brandt, da, ja, es hat schon seine Richtigkeit." „Woher hast Du so rasch die Bestätigung, Papa?" „Ans dem Gespräche, welches ich soeben mit Siegmund Zwreig geführt habe. Tulpenthal hält die Verlobung geheim, weil die Geheimhaltung seinen Plänen förderlich ist. Er will nämlich einen grossen Theil der Mitgift escamotieren. Graf Brandt hat das ganze Vermögen seiner Frau durchgebracht. Erhält er eine grosse Mitgift, so muss er es ersetzen. Tulpenthal lässt nun durch Strassentauber dem leichtsinnigen Bruder der Gräfin zu unerhörten Zinsen Geld geben, natürlich wenn die Gräfin die Bürgschaft übernimmt. Wenn es dann zur Bezahlung der Schuld des Grafen an seine geschiedene Frau kommen wird, erseheint Strassentauber mit den von ihr unterschriebenen Wccheln und übernimmt das Geld, welches sie bekommen sollte. Eine ganz einfache Geschichte, die meinem geliebten Tulpenthal so ähnlich sieht, wie ein Ei dem andern. Nehmen wir an, die Gräfin habe von ihrem Gatten eine Million zu fordern, so wird Strassentauber in dem Augenblicke, da ihr das Geld ausgefolgt werden soll, für eine Million Wechsel präsentieren. Allerdings wird Graf Steinau nicht mehr als hundert- oder zweihunderttausend Kronen erhalten haben, seine Schwester aber hat die Bürgschaft für eine Million übernommen, und so wandert die Million, welche sie bekommen sollte, in die Taschen Tulpenthals. Die Gräfin aber kann betteln gehen/' „Schändlich." „Das ist aber die Geschäftsweise meines verehrten Principals. Na, da will ich ihm doch einen Strich durch die Rechnung machen. Hoffentlich ist es noch nicht zu spät, hat die Gräfin noch nicht für ihre ganze Forderung unterschrieben. Wann fährst Du nach Lobenstein, Paul?" „Wenn es einmal sein muss, so reise ich meinethalben morgen oder übermorgen4 (Fortsetzung folgt.)