Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 45 (8.11.1901)
- Article
- Bergab
- Date
- 1901-11-08
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 12 „Die # Welt" Nr. 45 „Das fehlte mir noch,8 sagte die Mutter. „Zum Teufel mit ihr! Sie will Dir den Kopf verdrehen, dass Du auch der Mutter nicht gehorchen sollst. Ich brauch' ihren Unterricht nicht." Und Chane erwidert mit von Weinen erstickter Stimme: „Nein, Mütterchen, fürchte nicht I Dir werde ich immer gehorchen. Jeden Bräutigam werde ich nehmen, den Du mir gibst/ Ein unbändiges, laut tönendes Gelächter lässt sich vernehmen. Es ist Riwke, welche die Naivitäten ihrer Schwester belacht. Doch die Mutter verdriesst diese Herzlosigkeit. „Luder", ruft sie ihr zu, „das Kind ist krank, gefährlich krank, und Du lachst! Lachen sollst Du —" „Schelf sie nicht," begütigt der Alte. „Auch sie ist Dein Kind." Die Mutter geht verdrossen aus der Stube und lässt der Tochter einige giftige Befehle zurück: „Kannst schon aufstehen, meine Prinzessin! Gib Thee der Chane! Kehr' das Zimmer aus!* Der Alte trinkt die Milch, setzt sich ans Fenster und betrachtet missmuthig die Schatten der Fussgänger, wie sie sich immer dichter ineinander schlingen, während er von allem ausgeschlossen bleibt und nicht mehr schalten und walten darf. Er greife zum Gebetbuch, um wenigstens einige Psalmen zu sagen. Kläglich fliessen die Worte von den Lippen und noch trauriger klingen die Laute, in die der Alte das Hebräische übersetzt, während die zitternden Beine die Wiege des Kleinen schütteln. Riwke sitzt neben Chane halb angekleidet im Bett. Sie trinken Thee. Neben der Gestalt Riwkes, die von jungem, blühendem Leben strotzt, erscheint Chane noch kränklicher, noch blässer und kindischer. Sie führen ein vertrauliches Gespräch miteinander. „Ich werde niemandem sagen, erzähl'," bittet Riwke. „Schwöre!" ,Ich schwöre!" „Bei was?" „Bei was Du willst." Chane faltet die Stirne und sinnt. „Bei Jenkels Gesundheit?" „Bei Jenkels Gesundheit," stimmt Riwke bei. „Dass?« „Dass ich niemandem sagen werde, was Du mir erzählst." Chane denkt nach. „Sitzend kann ich nicht," sagt sie. „Ich werde mich legen und zur Decke schauen. Wenn ich liege, sehe ich alles, alles kommt mir vor die Augen." „Gut, so lpge Dich." „Du auch! Leg' Dich nahe mit dem Ohr zu mir. Es ist ein schreckliches Geheimnis. Der Grossvater darf es nicht hören." Chane faltet ihre Stirne zusammen und athmet schwer wie unter einer Last. Dann sinkt sie zurück in das Kissen. Riwke stellt die leeren Gläser beiseite und schmiegt sich an sie mit gespannter Erwartung. Der Alte richtet seine Blicke auf die beiden. „Wäre es nicht gescheiter. Riwka, Ordnung zu machen?" „Sogleich, Grossväterchen," erwiderte Riwke, „Chane will mir nur etwas erzählen." Der Alte schüttelte das Haupt, verzieht ein wenig das Gesicht, dann fährt er fort, Psalmen zu murmeln. Und Chane erzählt mit weit geöffneten Lippen, so dass Riwke sich benahe fürchtet. Es scheint ihr, dass Chane gar nicht aus dem Gedächtnis erzählt, sondern als hatte sie eine besondere Erscheinung vor sich. Ihre Stimme klingt tief, fast unheimlich, und ihr Athem fühlt sich so heiss. „Die Köchin ist hinausgegangen," beginnt sie, „ich bleibe allein in der Küche, auf die Mutter warte ich, sie soll mich abholen —" „Riwke," unterbricht sie sich plötzlich, „wann haben wir zuletzt Hirse mit Honig gegessen?" „Gestern," sagt Riwke mit zitternder Stimme. „So war es gestern, ja gestern. Sitz ich und trink Thee. Die Köchin gibt mir immer Thee. Wann ich komm, gibt sie mir Thee. Und dort trink ich so gerne den Thee. Es glänzt, mit einem silbernen Löffelchen, weisst Du. In allen Gliedern wird warm. Und den Zucker hineingeworfen! Ich will den Zucker beissen, den Rest nach Hause nehmen, lässt sie nicht, die Köchin. Sagt, Zucker .ist gesund für mich, sagt sie und schaut, alle drei muss ich hineinwerfen. Ein Pfund Zucker kriegt die Köchin, jede Woche ein Pfund. Ausserdem, was sie halt selbst nimmt. Die Mutter sagt, sie nimmt von der silbernen Dose, sie steht im ersten Zimmer. Sie steht offen, ich hab' sie selbst gesehen. Aber ich werde nicht nehmen. Auf der Dose ist ein Hirsch, so, die Pimpsenholz hat selbst gesagt, es ist ein Hirsch, mit grossen, gedrehten Hörnern, ein wirklicher Hirsch —-u „Also Du sitzst in der Küche!" erinnert sie Riwke. „Ja, ic& sitz* auf dem Bett. Ach, ist das Bett schön! Drei grosse Polster, Ueberzüge wie Schnee, gestickte Kanten, inwendig roth, grosse Knöpfe von Perlmutter, wie halbe Rubel, so gross. Eine gesteppte Atlasdecke ist darauf, in der Mitte ein Rad wie bei einem Brunn an. Rings herum sind grosse Adler mit Flügeln. Darüber ist ein grosses, seidenes Tuch. Eine grosse Dame ist sie, die Köchin! Aber sie ist gut. Bittet mich, zu ihren Füssen zu sitzen, die Seidendecke nimmt sie weg, sie hat mich lieb, sagt sie, und weisst Du, warum, Riwke?" „W'arum?" „Sie hat so ein Mädchen gehabt wie ich. Nicht Chane hat sie geheissen, aber so alt wie ich, und dann ist sie gestorben, deswegen liebt sie mich. Warum hast Du gezittert? „Nichts. Erzähl' weiter." „Ich sitz' und trink' Thee, kommt sie herein —" „Wer?« „Die geschlagene Braut." »Die geschlagene?* „Ja, hast doch gehört? Die Mutter hat erzählt, man schlägt sie, weil sie den Bräutigam nicht will." „Aha! Nun, sie kommt herein „Sie kommt herein, blass, mit rothen Augen, und trägt ein blaues Seidenkleid, ganz neu, mit rothen Punkten. Hinten sind zwei breite, rothe Atlasfransen, Brillant-Ohrringe hat sie, schön frisiert, wie ein Kranz auf dem Kopf, eine Taube mit ausgebreiteten Flügeln, alles aus den Haaren ausgelegt. Hinten das Haar mit einer goldenen Spange zusammengehalten. Vorn eine Nadel oder zwei. Dann eine goldene Brosche, es blendet! Wohin sie sich umdreht, blendet es —" Chane stockt eine Weile. „Und dann?" „Warf! Es ist ein grosses Geheimnis," und ängstlich fügt sie hinzu: „Gott wird Dich strafen, wenn Du es jemandem erzählen wirst!" Riwke versichert, dass sie niemandem erzählen wird. Chane rückt näher an sie heran und fährt mit leiser, feierlicher Stimme fort! „Wie sie mich sieht, fällt sie mir um den Hals und weint." „Was wollte sie von Dir?" „Eine Bitte.* „Eine Bitte, zu Dir?" „Steckt mir in die Hand einen halben Rubel — den halben Rubel hab' ich der Mutter gegeben — und noch etwas." „Was, Chanchen?" Das Wort Chanchen in Riwkes Mund ist immer ein Schlüssel zu Chanes Herz. „Einen Brief — einen Brief soll ich abgeben streng geheim." „Und Du hast übernommen?" „Wart! Sie lernt mit mir die Adresse ein, ich kann ja nicht lesen, Hermann hat sie gesagt, den anderen Namen hab* ich vergessen, die Gasse auch, ich glaube, Nummer vierzig." „Hast den Brief abgegeben?" fragte Riwke, von einer schrecklichen Ahnung erfüllt. „Nicht gleich," erwiderte Chane naiv, „ich hab' herumgeirrt." Das interessiert aber Riwke nicht. „Ein junger Mann ist er?" fragte sie scharf. „Ja, was weiss ich?* „Er wohnt allein?" „Ich glaube, er hat mir selbst die Thüre geöffnet. Ich hab* auf den weissen Knopf gedrückt, sie hat es mir gesagt." „Er hat den Brief übernommen?" „Uebernommen." „Gegeben Antwort?* „Antwort hat er nicht gegeben; er wird mit der Post schreiben, hat er gesagt. Aber der Brief hat ihn sehr gefreut. Vor Freude hat er mich ins Zimmer gerufen und mir einen Sessel zum Sitzen hingestellt." „Wozu?« „Vor Freude! Er hat mir die Haare gestreichelt, so wie die Mutter Sabbath oder Feiertag, wenn sie Zeit hat, weisst Du. Dann hat er gelacht und mich geküsst. Auf den