Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 45 (8.11.1901)
- Article
- Eine jungjüdische Bühne
- Date
- 1901-11-08
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 45 „Die & Welt" Seite 11 Wir denken an Aufführungen einer Jungj Ii (tischen Freien Bühne, die in regelmässigen oder zwanglosen Zwischenräumen stattfinden würden. Und damit fallen jene drei Argumente zu Boden: einer Freien Bühne gegenüber sind sie völlig unhaltbar. Was ist eine Freie Bühne? Die Bühne einer Gesellschaft, die für ihre Mitglieder von Zeit zu Zeit erlesene dramatische Vor Stellungen veranstaltet, zumeist von künstlerisch wertvollen Stücken, die ans irgendeinem Grunde in den öffentlichen Theatern gar nicht, oder doch sehr selten, aufgeführt werden. Eine Freie Bühne bietet folgende Vortheile: 1. Sie hat ihr festes Publicum, d. h. die Mitglieder der Gesellschaft, auf das sie rechnen kann und an das sich bei den einzelnen Vorstellungen ein loseres „Einzelpubl icuni" angliedern kann. 2. Sie braucht kein grosses Publicum, da ihr für ihre Absichten und Mittel ein. kleines, aber sicheres genügt. 3. Sie braucht kein grosses Repertoire, da ihr für ihre verhältnismässig wenigen Aufführungen ein kleines, aber erlesenes genügt. 4. Sie braucht keine ständigen Truppen, da sie sich, mit Geschick geleitet, aus den bestehenden öffentlichen Bühnen ihr jeweiliges Personal zusammensuchen und zugleich künstlerisch'begabte Dilettanten zu ihren Aufgaben erziehen und heranziehen kann. 5. Sie braucht, wie nicht weiter ausgeführt werden muss, keine grossen Mittel, und wird durch die siibscribierenden. Beitragszahlungen der Mitglieder in die Lage versetzt, das Gebotene den Verhältnissen anzupassen. AVerden diese aus langjähriger Erfahrung gewonnenen Grundsätze auf das vorliegende Project angewendet, so wäre zur Errichtung einer Jimgjüdisehen Bühne zunächst die Bildung eines aus Sachkundigen und Einaneiers bestehenden Comites erforderlich. Dieses hätte dann drei Actionen durchzuführen: 1. Die Gründung der Gesellschaft, 2. Die Zusammenstellung des Repertoires. 3. Die Zusammenstellung des Personals. Die Gründung der Gesellschaft hätte selbstverständlich auf streng geschäftlicher Grundlage zu geschehen. Bei der Zusammenstellung des Repertoires wäre namentlich auchj wie dies schon Pantarhei angedeutet hat, im Preisausschreiben zu denken. Bei der Zusammenstellung des Personals wäre für die jüdische Abtheilung das Haupt-Augen merk auf die in den betreffenden Städten anderweitig gastierenden, (ich denke hierbei theils an entsprechende Entschädigimg, theils an Veranstaltung von Matinecs) oder dabin für Gastspiel heranzuziehenden Jargontruppen, die natürlich zu ihrer neuen Aufgabe herangebildet werden müssten, zu richten. * Trotz alledem glaube ich nicht, dass sich der Plan schon in allernächster Zeit verwirklichen lassen wird. Ich habe aber die ITeberzeugiing, dass die Anregung früher oder später aufgenommen und durchgeführt werden muss. Doch dürfte ein kleiner Schritt hierzu bereits in diesem Winter in Wien unternommen werden: die Veranstaltung von. Abenden und Matinees, die zwar zunächst einer von jüdischer Musik umrahmten Vorführung 1 y r i sehe r und epischer Dichtung gewidmet sein sollen, alxn? doch, wie ich hoffe, durch die Bekanntmachung der bestehenden Talente, durch die Schaffung einer ersten künstlerischen Tribüne mittelbar auch der Förderung jüdischer Dramatik dienen werden. Soeben erfahre ich, dass auch in Berlin ähnliches geplant wird, unabhängig von unseren Bestrebungen und ohne Kenntnis von ihnen. In diesem geringen Umstände äussert sich für mich das allerorten aufkeimende Sehnen der jungjüdischen Dichtung nach Geltung und Sonnenlicht. Martin Buber. Heimat. Nie war ich so des Kampfes übersatt. So müde nie und dieses Treibens bange, So sehnsuchtsvoll nach einer Ruhestatt, Nach einem reinen, stillen Friedensklange. Nach einem Klang, der längst dem Sinn entschwand, Aus einem fernen, halbvergess'nen Lande; Nun bebt mein Herz, da ich es suchend fand, Und jauchzend und beglückt stoss' ich zum Strande. 0 heilige Erde! Dank wird zum Begehr. Ich greif die Wunder altersgrauer Jahre. An allen Wegen duftet's früchteschwer . . . Und alles Avird zum Opfer, zum Altare. Träumt' ich es nur, dass ich einst von hier scliicd? Wo weilt' ich nur? . . . Hab' ich denn nicht geüUen? . . . Horch . . . Zitternd klingt von fern' ein altes Lied. Ein gi eich es Lied von jenen stillen Hütten. Und ans der letzten tritt ein Greis herfür, Mit offnen Armen uud mit mildem Worte: „Mein Bruder, komm! Dein Vater wohnte hier, Dein Haus stand leer; nun öflnet es die Pforte . . Brünn. R i c h a r d V r e u n d. Bergab. (I ji t i m es aus einer K e l 1 e r s tu b e.) Von J. L Pazez (Warschau». Uebersetzung aus dem Jüdischen von Moriz Hermann. (Schluss. Auch Sure rüstet schon zum Aufbruch. Sie stellt das Glas Milch für den Alten auf den Tisch, bettet dem Kleinen in der Wiehre und besorgt noch manche andere Dinge, welche die Wirtschaft betierTen. Und dabei findet sie Zeit, um mit dem Alten einige Bemerkungen über die heutige Welt auszutauschen : „Also, Sie haben gehört, Schwiegervater, die Verlobung soll stattrinden, der letzte Termin kommt, man telegraphiert von dort, dass man die Einkäufe besorgen, kann, und die Braut macht einen Scan dal! Sie will keinen Bräutigam aus der Provinz, sagt sie. Einen Warschauer will sie. einen Warsehauer Cnvalier!" Chane, die bis jetzt mit offenen Äugen in die Höhe geblickt und die einzelnen Fliegen verfolgt halte, wie sie sich eine nach der anderen vom Plafond gelöst hatten, um im Zimmer herum zu schwärmen, richtete sich bei den letzten Worten der Mutter in die Höhe. Ihre matten Augen überziehen sich mit Glanz. Sie horcht aufmerksam, die Angelegenheiten der Braut interessieren sie augenscheinlich. Aber der Mutter ist trotzdem um ihren Verdienst liicht bange. „Die Verlobung wird sein/ sagt sie. „Der alte Pimpcenholz lässt mit sich nicht spassen. Und auch Madame Pimpsenholz weiss, was sie zu thun hat. Sie hat Fingernägel . . . Vor allem, hat mir die Köchin erzählt, wurde eine Revision veranstaltet, man hat Briefe gefunden, von eitlem Cavalier, und alle natürlich verbrannt. Und die Braut bekam das Ihrige, das richtige Ma s, bei den Haaren hat man sie herumgeschleppt." Chanes Augen werden feucht, ihr Gesicht röthet sich und krampft sich zusammen vor Mitleid. Je mehr die Braut geschlagen wird, desto meinkrampft sich ihr Gesicht zusammen, bis sie endlich weinend aut's Kissen niedersinkt. Die Mutter erschrickt und auch der Alte eilt auf sie zu. „Was hast Du, Chanele? Was ist geschehen?" „Es ihut mir leid, Mutter I" „Warum, mein Kind? Weh mir, warum?" Die Mutter vergisst an alle ihre Geschäfte und blickt besorgt auf ihre Tochter. „Wegen d^r Braut. Sie ist so — so guthprzicr. gibt mir immer Geld, das Geld, was ich Dir «ehe, sie streichelt mich, küsst mich, sie will — will mich unterrichteD . . .u