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Die Welt · 1901-11-08 · 45 (8.11.1901) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
45 (8.11.1901)
Article
Eine Blutanklage gegen die Juden von Zakynthos im Jahre 1712
Date
1901-11-08
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 45 „Die # Welt" Seite 7 und plünderte sie. Umsonst suchte die bewaffnete Macht der Bewegung Herr zu werden. Eskamzu einem Zusammenstosse der Soldaten mit dem Volke, der dessen wilde Leidenschaft nur noch mehr entflammte. Mit vieler Mühe gelang es endlich den Vorstehern der Gemeinde im Vereine mit den angesehensten Einwohnern der Stadt, durch gütliches Zureden und Verheissung strengster Ahndung, die erregte Menge einigermassen zu beruhigen und schlimmere Ausschreitungen zu verhüten. Das Ergebnis der eingeleiteten gerichtlichen Untersuchung ist nicht bekannt: sie wird wohl, wie so viele ähnlicher Art, im Sande verlaufen sein. Nach dem Berichte in Barbianis Chronik sind die den Fall betreffenden Acten aus dem städtischen Archiv, in dem sie niedergelegt waren, verschwunden. Dagegen befindet sich in diesem Archiv eine Abschrift der seinerzeit in das Kirchenbuch der Metropolitankirche gemachten Eintragung. Aber dieses Schriftstück beweist nicht nur nichts gegen die Angeschuldigten, sondern legt eher den Verdacht nahe, dass die griechische Geistlichkeit an dem Ausbruche der damaligen Judenhetze nicht ganz schuldlos gewesen sei: nachdem es die Beisetzung des Knaben in der genannten Kirche beurkundet hat, erwähnt es sein Verschwinden, die Auffindung des Leichnams, der „alle Wundmale unseres gekreuzigtenErlösers Jesus Christus" an sich getragen habe, und die Einleitung des Criminalprocesses infolge des allgemein umlaufenden Gerüchtes, „dass dieses Kind den qualvollen Märtyrertod durch die Hände der frevelnden Juden gefunden habe". Der eine Fuss des unglücklichen Knaben wird noch jetzt in der Kirche des Gekreuzigten als heilige Reliquie aufbewahrt. Ausserdem ist ein aus jener Zeit stammendes Volkslied erhalten, welches das Ereignis zum Gegenstande hat, aber um nichts mehr zur Lichtung des Dunkels beiträgt. Bezeichnend dürfte indessen sein, dass es die Ausplünderung der jüdischen Häuser damit entschuldigt, dass sie „um des Glaubens willen" geschehen sei. „Ein aus Anlass des geschilderten Aufstandes von dem Gemeinderathe gefasster und vom Statthalter bestätigter ßeschluss legte nun den Juden die Verpflichtung auf, fortan innerhalb zweier sich kreuzender Strassen zusammen zu wohnen, deren Ein- und Ausgänge durch starke Thore verschliessbar gemacht werden. An diesen Thoren ward die entehrende Inschrift angebracht: In cruce, quia crucifixerunt. Zugleich ergieng das Verbot an die Juden, vom Gründonnerstag bis zum Dienstag der Osterwoche den ihnen angewiesenen Stadttheil zu verlassen, und dessen Thore blieben während dieser Zeit geschlossen. „Das ist die Geschichte der Entstehung des noch heute vorhandenen Ghetto von Zakynthos. Die angeführte lateinische Inschrift ward nach dem Untergang der Republik Venedig beim Einzug der Franzosen zugleich mit dem venetianischen Wappen entfernt. Die an den Zugängen zum Ghetto angebrachten Thorverschlüsse wurden erst während meiner Anwesenheit im Herbste des Jahres 1802 beseitigt. Dar den Juden gebietende Beschluss, iunerhalb des Ghetto zu wohnen, ist niemals förmlich aufgehoben worden. Aber aus der Thatsache, das man die Ansiedlung einzelner israelitischer Familien in anderen Stadttheilen stillschweigend duldete, entwickelte sich ein Gewohnheitsrecht." Nun, dieses Gewohnheitsrecht kann den Juden von Zante (Zukynthos), wie noch manchem Leser in Erinnerung sein dürfte, im Jahre 1892 recht theuer zu stehen. Die Beobachtung Prof. Schmidts vor 39 Jahren, die er auf S. 1H seiner Schrift niederlegte, haben noch volle Geltung für die Gegenwart, und wohl nicht allein für Zakynthos, denn in Bezug auf die Juden ist ganz Griechenland bloss ein vergrößertes Zakyathos. Schmidt sagt nämlich: „Tief ist der Hass der Menge gegen die Juden. Hat einer von diesen das Zeitliche gesegnet, so heisst es im Munde des-orthodoxen Volkes nicht: „er ist gestorben" — so sich auszudrücken, gilt fast für eine Sünde —, sondern: „er ist verreckt." Eines Tages wurden die von der Bestattung zweier Glaubensgenossen zurückkehrenden Israeliten von Christenknaben mit Citronen geworfen. In besonders erregter Stimmung gegen sie ist der Pöbel in der Osterzeit, daher die Juden während dieser Tage sich nicht öffentlich zu zeigen wagen. Liesse sich einer von ihnen da blicken, so bemerkte ein eingeborener Grieche im Gespräch mit mir, er würde gesteinigt werden/' Zum Schlüsse sei es mir noch gestattet, hinzuzufügen, dass sich das Werkchen Prof. Schmidts nicht bloss hinsichtlich der Juden, sondern durchgehends auch bezüglich der übrigen culturhistorischen und ethnographischen Mittheilungen aufs vortheilhafceste von der Menge der über das neue Griechenland erschienenen Schriften der letzten Jahre unterscheidet. Es ist eine gesunde Arbeit eines deutschen Forschers. K. ffribui)** Sehr geehrter Herr Redacteur! In Nr. 38 Ihres w. Blattes äussert sich ein Gesinnungsgenosse aus Posen über die Organisation des Exportes von Palästina-Ethrogim, indem er unser Bureau als die schon in Palästina existierende Centrale angibt, die geeignet wäre, die Sache in die Hand zu nehmen. Wir erklären uns hierdurch gern bereit, die Organisation des Ethrogimhandels von Palästina zu übernehmen. Bei rechtzeitigen Anmeldungen seitens der Interessenten (leider liefen die zwei vom Herrn Gesinnungsgenossen aus Posen erwähnten Bestellungen zu spät ein und konnten deshalb nicht zur Erledigung gebracht werden) sind wir imstande, die Nachfrage seitens der Besteller, sowie das Angebot seitens jüdischer Ethroginrpflanzer zu regeln, sowie die Provenienz als jüdische Palästina-Ethrogim zu garantieren. Wir werden uns Mühe geben, die „Sache mit kaufmännischer Goulance und sachverständigem Geschicke"' zur beiderseitigen Zufriedenheit der Besteller und Pflanzer zu leiten. Indem wir dem Herren Gesinnungsgenossen aus Posen für seine Aufmerksamkeit danken, zeichnen wir ergebenst Agronomisch-culturtechnisches Bureau für Palästina. Zichron-Jacob, den 22. October 1901. Achad-Haam als Historiosoph. Von Salomon Schiller. (Schluss.) Die zuletzt angeführte Achad-Kaanrsche Argumentationswei.se, welche den Schlüssel zum Verständnis seines Zionismus liefert, offenbart uns neben den eminenten Gaben aii/cli die Schranken im Denken dieses merkwürdigen Mannes. Der feine Kritiker schrumpft hier zum dürren Dialectiker zusammen (denn seine Beweisführung von der Unsterbliehkeitslehre können wir beim besten Willen nur als ein Muster diabetischer Kunst bezeichnen), der eine Fülle des Lebens eines Volkes während zweier Jahrtausende in eine fragwürdige Formel einzwängt, die seine Beweise anstatt aus dem Glänzen der Erfahrung., wie es jede wissenschaftliche Methode verlangt, aus kunstvoll präparierten Sätzen holt. Dass im biblischen Zeitalter die Einzelperson ganz in der Gattung aufgieng, später aber ihre Sonderinteressen zur Geltung brachte, wird wohl seine Richtigkeit haben. Dies ist aber eine Erscheinung, der wir nicht bloss bei den Juden, sondern auch bei allen normal entwickelten Völkern begegnen: das primitive., undiil'erenzicrte Stadium kennt nur das Stammesbewusstsein, erst im differenzierten Zeitalter macht sich der Individualismus geltend, was aber jenem nicht nur Abbruch thut, sondern ihm vielmehr zur potenzierteren Bewusstheit verhilft. Dass die Ünsterbliehkeitslehre erst in der Talmudperiode auftaucht, stammt, wie einem jeden Unvoreingenommenen einleuchten wird, daher, dass die Deschä ftigung mit transcendenten Fragen eine Spätgeburt der G'ultur ist, eine Folge von vorhergegangenen ausseien und inneren Kämpfen. Der Aufenthalt der Juden unter den Aegyptens die die Ünsterbliehkeitslehre kannten, thut nichts zur Sache; die Aegypter besassen eben zu jener Zeit eine uralte G'ultur; ein primitiver Stamm kann aber von einem fortgeschrittenen nur dasjenige empfangen, was seiner eigenen Beschaffenheit angemessen ist. Diese sociologisehen Gebrechen, welche höchst bezeichnend sind für den Mangel an Ausreifung der hochbegabten, reichen Natur Achad-Haains, werden noch durch Folgendes überboten: Es wird nämlich die Frage erlaubt sein: wenn es wahr wäre, dass bereits während der ersten (babylonischen) Diaspora das nationale Zusammengehörigkeitsgefühl im Abnehmen begriffen war (was nach der Zerstörung des zweiten Tempels, wie Achad-Haam behauptet, mit Riesenschritten vor sich gieng), wie kommt es

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