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Die Welt · 1901-11-08 · 45 (8.11.1901) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
45 (8.11.1901)
Article
Zur Colonisationsfrage
Date
1901-11-08
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Seite 6 „Die Welüö Nr. 45 dass „das ganze Land" mit einem Netze von Plantagen- Gesellschaften zu überziehen wäre. Wie viele Ländereien gibt es doch, die nicht zu ertragliefernden Pflanzungen verwendet, sondern nur als Aecker, Weideland, WTald u. s. w. benützt werden können. So viel, was die Berichtigung der falschen Angaben angeht. Was aber die Oppenheimer sehen Ideen betrifft, welche von Simonson hoffentlich richtiger als unsere Ausführungen dargestellt sind, so erscheinen sie uns in ihrem theoretischen Theile als ausserordentlich wichtig. Zweifellos sind es Ideen, die eine volle Berücksichtigung in der jü iischen Colonisation Palästinas verdienen. IhrepraktischeAnwendung aber, in der Art wie Simonson es vorschlägt, erinnert leider allzu sehr an die schon entschwundenen Zeiten derRothschildschen Administration, wo ebenfalls die Colonisten als Taglöhner unter einer selbständigen und verantwortlichen Leitung von Fachleuten und Administratoren arbeiteten, wodurch man die nun allgemein beklagten Resultate erreichte. Offenbar handelt es sich bei OppenheimersVorschlägen um eine ziemlich weit sittlich und geistig fortgeschrittene Menschenclasse, welche alle die Reibungen, die eine Gesellschaftsbildung bedingt, auch besiegen kann. Wir zweifeln aber, ob dies hier in Palästina schon jetzt der Fall ist. Aber wie gesagt, die Oppenheimer'schen Theorien verdienen wohl dennoch, gut studiert und auf die hiesigen Verhältnisse, wenn auch nur zum Theile, mutatis mutandis angewendet zu werden. Jaffa, den 16. October 1901. Eine Blutanklage gegen die Juden von Zakynthos im Jahre 1712. Die meisten jüdischen Zeitschriften, die von Juden für Juden herausgegeben werden, pflegen eine Art Jagdsport auf Aeusserungen von Nichtjuden über das Judenthum. Stöbern sie irgendwo einen wohlmeinend klingenden Ausspruch auf, so sind sie voll Lobes und Dankes für das Wohlverhaltungszeugnis,und drückt sich „Jenner" ungünstig aus, können sie sich nicht genug thun an Widerlegungen und Abwehrbemühungen. Schliesslich wird dem ruhigen und bedächtigen Leser, den nur wirkliche Belehrung über das Judenthum befriedigen kann, die Sache langweilig. Unsere Vorväter, die in noch grösserem Golus als wir lebten, verschmähten es, in ihren schöngeistigen und noch mehr in ihren wissenschaftlichen Arbeiten das eitle Lob der Nichtjuden als besonders erstrebenswert hinzustellen; denn sie fühlten sich'als Juden und genügten sich selber im Urtheii der Weit. Es ist doch wahrhafeig auch gar zu lächerlich, wenn man auf die Meinungen solcher Leute grossen Wert legt, die in der Regel uur oberflächliche, unzureichende Kenntnis von der Geschichte und den Geschichten der Juden erworben und daher nur subjective Empfindungen auf Grund unzulänglicher Sachkenntnis vorzubringen haben. Dabei verschlägt es nichts, wenn der gute Mann sonst auf irgend einem Gebiete Specialist und im Besitze gut dotierter Stellen, hoher Würden und Auszeichnungen und eines daraus resultierenden grossen Einflusses ist. Der triviale Grundsatz, dass man nur darüber vor der Oeffentlichkeit abzuhandeln berufen ist, worin man Fachmann ist, gilt nicht heutzutage, wie es fast erscheinen will, bezüglich der Juden im besonderen ebensowenig, wie etwa betreffs der Frauen im allgemeinen. Weil ich diesen modernen Unfug kenne und verabscheue, vermeide ich als Nationaljude im Verkehre mit Schriftstellern und Gelehrten, die keine Juden sind, jeden Anlass der zu Erörterungen führen könnte, die ich für unwürdig halte. Liebe suche ich keine, wo mir keine entgegengebracht wird, Achtung aber verschaffe ich mir mit meiner redlichen Arbeit. Darum komme ich auch im Umgange mit christlichen Collegen nicht minder schlecht und recht, als wie in dem mit Glaubensgenossen aus. Von Vorurtheilen und Voreingenommenheiten sind die Menschen keiner Confession frei, und darum nehme ich sie hin, wie sie sind, aber es freut mich, doch, wenn ich hie und da einem begegne, den man, ohne Aerger schlucken zu müssen, über Juden berichten hört. Ein solcher unbefangener Berichterstatter ist z. B. Bernhard Schmidt, Professor an der (katholischen) Universität in Freiburg i. B. Vor fast 40 Jahren veröffentlichte er ein treffliches, viel citiertes Werk über das Volksleben der Neugriechen, dass er durch ein dünneres vor zwei Jahren erschienenes Schriftchen über: „Die Insel Zakynthos. Erlebtes und Erforschtes" (Freiburg, bei Ernst Fehsenfe 1 d) dankenswert ergänzte. Hierin erzählter auch von den Juden dieser Insel. Seine Mitteilungen verdienen eine Wiedergabe, nicht bloss, weil sie rein sachlich gehalten sind, sondern auch darum,, weil sie lehren, was für jammervolle Früchte der Aberglaube zu zeitigen vemag. Warum sollen wir uns verhehlen, dass ein grosser Theil der Bevölkerung, mit der wir leben, im Banne des Blutaberglaubens nicht minder als die von Zakynthos steht und dass sie nur aus banger Furcht vor den strafgerechtlichen Folgen vor Ausschreitungen zurückbebt, wie jene es waren, die Schmidt aus der Vergangenheit der Insel Zakynthos schildert? Den Urgrund des Aberglaubens deckt der Bericht zum Theil auf. Er ist zwar für uns durchaus nicht neu, dieser Grund, aber man muss ihn wiederholt ins Gedächtnis zurückrufen, um ihn nicht zu vergessen; denn darnach kann sich mancher richten. Wir lernen dabei unsere Gegner, ihre Bewegungen und ihre Taktik genauer kennen. Den Hauptfehler der Juden glaube ich darin erblicken zu müssen, dass sie ihre Leidensgeschichte zu bald vergessen haben. Sie Hessen sich in der Mitte und im dritten Viertel des XIX. Jahrhunderts durch einen Erfolg täuschen, der sie aus dem winkeligen Ghetto herausführte. In die Freiheit? Gewiss, aber doch nur in die ausserhalb des anderen Ghettos, in dem die Christen geistig und social eingeengt dahinlebten. Wer sich im christlichen Ghetto heimisch machen wollte, konnte es vorwiegend nur unter Aufgebung seines Judenthums durchsetzen. Die Assimilations- oder Amalgamierungsjuden, die Nachäffor nichtjüdischer Aeusserlichkeiten mussten zur Zielscheibe des Spottes und Hohnes der Christen werden und deren glimmenden Hass wieder anfachen. Die Geschichte zeigt uns, dass zu guterletzt für die Vordringlichkeit der Halbjuden, auch Nochjuden, Paradejuden und jener, die sich nicht zu erkennen geben möchten, die wirklichen Juden die Zeche zu bezahlen hatten. Die Vorgänge der allerjüngsten Jahre in Westgalizien, Böhmen, Mähren und Westpreussen beweisen es deutlich, dass wir Juden dem Frieden noch lange nicht trauen dürfen und uns froh preisen müssen, wenn sich eine Katastrophe, die über uns hereinbricht, minder grausig abspielt, als es die war, von der uns Prof. Schmidt, wie folgt, Kunde gibt. „Die Zahl der Israeliten betrug (im Jahre 1862) ungefähr 200 Köpfe. Sie hatten auch unter dem englischen Proteetorate noch nicht ihre bürgerliche Gleichstellung mit den Christen erreicht. Zwar konnten sie seit der Verfassung von 1817 unbewegliches Eigenthum erwerben, waren aber von sämmtlichen Aemtern ausgeschlossen. Erst die Vereinigung des Siebeninselstaates mit dem griechischen Königreiche hat ihnen den Genuss aller politischen Rechte gebracht. Ihre Sprache ist das Griechische. Sie wohnen, mit Ausnahme einiger reicher Familien, auch jetzt noch in einem besonderen Stadttheile beisammen. Die Entstehung dieses Ghettos schreibt sich vom Jahre 1712 her und war die Folge eines Aufstandes gegen die Juden wegen eines angeblich von ihnen begangenen Ritualmordes. Ein ausführlicher Bericht hierüber, der der handschriftlichen Chronik von Barbiams entnommen ist, liegt in der Einleitung eines von S. Ch. Raphtanis 1861 in Zakynthos herausgegebenen Buches vor, welches unter dem allgemeinen Titel Tä huooxv.a Schriften verschiedener Verfasser gegen das Judenthum enthält. Am Palmsonntag des genannten Jahres 1712 verschwand ein fünfjähriger Christenknabe und konnte trotz aller Bemühungen seiner Eltern und der Polizei nicht aufgefunden werden. Am Nachmittag des Charsamstag fand man ausserhalb der Stadt am Strande die von den Meereswogen ans Land gespülte Leiche eines Knaben, welche an Kopf. Händen und Füssen Wunden zeigte. Sie ward in einer städtischen Kirche ausgestellt, und die oben erwähnten Eltern erkannten in ihr das verlorene Kind. Die Wunden am Leichname erregten den Verdacht der Menge, welche, einer im ganzen Orient verbreiteten Volksmeinung gemäss, in ihnen die Anzeichen einer durch die Juden vollzogenen Kreuzigung zu erblicken glaubte. Indessen erklärte der herbeigerufene Arzt, dass das Kind durch Ertrinken seinen Tod gefunden habe, und es ward bestattet. Da brachte ein an sich unbedenkliches Vorkommnis, nämlich die Züchtigung eines Christenknaben durch einen Israeliten, der von jenem mit einem Stein beworfen worden war, die vorhandene Gährung zum offenen Ausbruch. Das aufgeregte Volk stürmte hinauf zur Citadelle und verlangte schreiend von. dem venetianischen Statthalter strenge Bestrafung der Juden Dieser Hess sich durch das Toben der Menge bestimmen die Wiedereröffnung des kaum geschlossenen Grabes anzubefehlen, und beauftragte vier Aerzte mit der Prüfung der Leiche. Der Bericht sagt, es sei thatsächlich festgestellt worden, dass Hände und Füsse des todten Knaben durchbohrt waren. Jetzt kannte die Wuth des Volkes keine Grenzen mehr. Ohne das Ergebnis der vom Statthalter angeordneten gerichtlichen Untersuchung abzuwarten, fiel es über die Häuser der damals zerstreut in der Stadt wohnenden Israeliten her

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