Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 44 (1.11.1901)
- Article
- Zweierlei Juden
- Date
- 1901-11-01
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14 „Die # Welt" Nr. 44 „Was ist's, schöner Paul?4' ..Zum Teufel, in Ruhe sollt ihr mich lassen! Ilw habt es vergessen, was Strassnitzki von mir bekam, weil er mich den schönen Paul hiess. Ks ist einfach ekelhaft. Bei Gott, ihr bringt mich noch dazu, dass ich keinem von euch mehr in die Nähe gehe. Dazu musste heute noch diese niederträchtige Geschichte in die Zeitung kommen, so dass ich auf Schritt und Tritt jedem Menschen Rede und Autwort stehen muss. Die heutige Sitzung, den Lärm und den Protest, hätte ihr euch ersparen können. Uebrigens, ich pfeife auf die ganze Komödie. 'Mögen sie das Geld behalten: dass ihnen mein Hild am besten gefiel und dass ich tieshalb den ersten Preis zugesprochen erhielt, können sie mir ja doch nicht nehmen/4 „Du kommst schon zu Deinem Rechte, und wenn sich die Sehwarzkutten noch so sehr steifen. Jetzt haben wir die Angelegenheit in die Hand genommen. Denke nicht weiter daran und komm' mit zu Grabenmayer. Den einen Abend wird Dir Deine .Mutter verzeihen." „Gewiss würde sie das: ich brauchte ihr bloss ein Wort zu sagen. Dann aber, wenn ich nicht daheim wäre, würde sie bei Tische sitzen und nicht essen: dess* will ich aber nicht Ursache sein: lieber hole alle Spelterini und allen Champagner der Teufel. Tnd nun lebt wohl. Es ist bald acht Uhr und ich muss heim." Er zahlte, drückte seinen beiden Freunden die Hände und gieng. Sein Vater war ihm auf den Fersen und grüsste ihn mit einem laulen „Guten Abend". Paul wendete sich zu ihm. „Du bist es. Papa? Da kommen wir zusammen nachhause." „Das wollte ich ja. Ich süss eine halbe Stunde lang im Cafe hinter dir. und habe Euer Gespräch angehört.'" „Du warst im Cafe? Wozu denn Papa? Das ist doch Deine Gewohnheit nicht?" „Ich suche Dich. Ich habe das Abendblatt gelesen . . „Und da meintest Du. mich rasch trösten zu müssen? Ich kenne Dich. Papa. Xa. es ist nicht so arg. Die Geschichte ist bereits vierzehn Tage alt." .Und Du sagtest uns nichts?" „Weil ich Euch nicht betrüben wollte. Ich weiss ja, dass Ihr alles, was mich betrifft, zehnfach tiefer fühlt, als ich selbst. Uebrigens. glaub mir. Papa, dass mir diese Sache nicht zu nahe geht. Ich habe den moralischen Sieg errungen, und das ist die Hauptsache. Cnangenehm ist es bloss, dass die Collegen die Angelegenheit aufzubauschen beginnen. Sie lärmen, protestieren, und so werde ich wochenlang nicht zur Ruhe kommen. Und dann ist noch ein Moment da, das mich verstimmt." „Das kenne ich, ohne dass du mir es mittheilst: In einigen Wochen erfährst du zum zwcitenmale, wie tief die Kluft zwischen uiis .luden und den Christen ist, und dass es mit der Assimilation, die Dein Steckenpferd bildet, seine guten Wege hat.4* „Dass sich das Domcapitel mit uns Juden nicht assimilieren werde, wusste ich ohnedies." ..Nun. Herr von Sieghart, mit dem Du Dich vor vier Tagen duelliertest, gehört nicht zum Domcapitel, und dennoch beleidigte er Dich bloss deshalb, weil Du Jude bist." „Wer weiss. Papa. Vielleicht verachtete er in mir mehr den Künstler, die Boheme. Du weisst ja. dass es Leute gibt, die uns noch immer zum Gesindel zählen." „Ich bitte Dich, Paul, halte Dich an die Thatsachen: Du port.iaitierst seine Frau, dabei verliebt sich seine Tochter in Dich, die ihre Mut er in Dem Atlier begleitet. Das arme unreife Ding lässt Dir täglich einen Liebesbrief zurück, weshalb Du die Mama auffordertest, sich künftighin nicht mehr von ihrer Tochter, sondern von einer Dienerin begleiten zu lassen, l ud weil man es daheim lassen will, gesteht das arme Mädchen, dass es ohne Dich nicht leben kann. Daraufhin kommt der Herr Papa in Dein Atelier und nennt Dich einen lumpigen Juden, der nach reichen Christenmädchen angelt." Während sie dieses Gespräch führten, waren sie daheim angelangt. Die Mutter wartete bereits mit dem Abendessen, und nachdem sie Raul das Haar aus der Stirne gestrichen, beide Handflächen an seine Wangen gelegt und ihm prüfend in die Augen gebückt hatte, na lim man beim Tische Platz. Aber die Mutter hielt wiederholt inne und beobachtete ihren Sohn. ..Was hast Du. Malchen?" fragte Rosenstein, „wesshalb isst Du nicht?" ..Sieh Dir Paul einmal an," erwiderte sie, „wie nervös er ist und abgespannt." „Das ist nicht zu verwundern. Er arbeitet angestrengt, dann duelliert er. \ erbringt manche Nacht in lustiger Gesellschaft , und jetzt kommt noch die Geschichte mit dem Domcapitel dazu. Da muss er doch nervös werden." „Mit dem Domcapitel?" „Nun ja. Man will ihm den Preis nicht ausfolgen, weil er Jude ist." Die .Mutter legte Messer und (Jabel beiseite und erhob sich. Sie trat auf Paul zu und fuhr ihm mit der Hand tröstend über die Stirne. ...Mein armes Kind." sagte sie und Thränen traten ihr in die Augen. „Das ist der Dank für Deine ehrliche Arbeit? Sie anerkennen, dass Dein Gemälde das beste sei, und das lohnen sie Dir nun mit Undank?" „Lass es gut sein, Mama." erwiderte Paul lächelnd. „Mir wird darob kein graues Haar wachsen. Mögen sie ihr Geld behalten : ich finde mein Auskommen trotzdem. Unangenehm ist bloss der Lärm, der in den Zeitungen entstanden ist. Ich sehe mich nicht gerne als die Ursache öffentlicher Streitigkeiten. Auch habe ich vielleicht in jüngster Zeit zu wenig geschlafen." „"Natürlich! Nach dem Abendessen kommt Ihr in Eure Cafes und Kneipen und trinkt dort und tollt bis Mitternacht und noch länger. Davon bist Du so müde, Raul, nervös/'' „Ach, Mama, was Du nicht denkst! Ich kann doch nicht wie ein Einsiedler leben? Wir tollen nicht und trinken nicht; höchstens einzweimal in der Woche/' „Hin-, zweimal in der Woche, das ist gerade genug," meinte Rosenstein. „Du bist viel bleicher als gewöhnlich. Lege einfach den Pinsel beiseite und gehe auf vier Wochen nach Italien." „Zur Erholung nach Italien?'*' fragte die Mutter. „Nein! Von dort ist er schon zweimal so gedrückt heimgekehrt. Er sei ein elender Stümper, meinte er das letztemal, denn wenn er sein Herzblut hingebe, werde sein bestes Bild nicht so gut werden, wie das schlechteste von denen, die er dort gesehen. Du benöthigst völlige Ruhe, mein Kind, und weisst Du, wo Du die finden wirst? Bei der Grossmutter und bei Onkel Fineklstein. Fahre nach Lobenstein zur Grossmutter. Sie ist nun zweiundneunzig Jahre alt, meine theure, gute Mutter, und bereits zweimal Hess sie mir schreiben, w ie gerne sie Dich wieder einmal sehen möchte. Und dann, Paul, erinnerst Du Dich, dass Du mir versprochen hast, sie für mich zu malen? Und die Grossmutter ist zweiimdneunzig Jahre alt!4"* „Die Mutter hat das Richtige getroffen. Du fährst nach Lobenstein und ruhst dort vierzehn Tage aus/' „Es ist aber fürchterlich langweilig." „Umso besser. Die Langeweile wird Deine Nerven kräftigen. Du fahrst nach Lobenstein/' ,,A propos, Rapa: Tn Lobenstein, in ihrem Schlosse wohnt doch auch die geschiedene Gattin des Grafen Brandt, die meine „Berenice" gekauft hat/' (Fortsetzung folgt.) Briefkasten. Infolge ungewöhnlich zahlreichen Einlaufes actueller Mittheilungen sehen wir uns genöthigt, den Schluss des Artikels von Salomon Schiller „Achad-Haam als Historiosoph" und die Fortsetzung des Cyclus „Europäer4, von Ouaerens, für nächste Nummer zurückzustellen. S. W. (Verein „Zion"), Czernowitz: Wien, Maximilianplatz Nr. 4. „Juda Halevi önkepzö kör" in Grosswardein: Besten Dank. B. F. in Budapest: Ad 1: S. ßettelheim, Pressbarg, Väsärter 21. Ad 2: Bei Josias Goldschmidt. Juwelier, II., Grosse Schiffgasse 4. M. E. in Wien: Von den Worten „Sommer war's" an sehr schön und druckreif; hingegen müsste der erste Theil einige kleine Aenderungen erfahren. Vielleicht besuchen Sie uns Mittwoch gegen 12 Uhr, um die Sache mit uns zu besprachen. Spenden. Für die Arbeiter in Palästina : Anlässlich der Eröffnung "der Colonial-Bank: Druschlciii, Zivjan, Kakarlitzky, Ghkin, Hotz, Raskiu und Konstantinowsky in Leipzig K 23.45. Fräulein Emma Marius in Ploesc i K l. David Jäckel, Philadelphia K 3. Anlässlich der Hochzeit in Rowno des Herrn Dr. David Hescheles aus Lemberg mit Fräulein Seiine London aus Opodno, David London K 25.30, Dr. David Hescheles K 12.05. Zusammen K 05.40. Für zionistische Zwecke: Fräulein Emma Marius, Ploesci K 1. Anlässlich der Verlobung unseres Gesinnungsgenossen H. Kaivaryski, Verwalteis der jüdischen Colonienin Anatolien, mit Fräulein Cär-ilip, Tochter unseres Gesinnungsgenossen Herrn Doctor Schwarz in Göns» antinopel K 10. Dr. Nacht für Verein „Pirche Zion", Focsani K 14,27. Heinrich Grünau, Antwerpen K 8,82. Zusammen K 34.09. Für die Colonie „Bene Jehuda" : B. Bannet, Rossland in Canada K 2. Cohn K 2. 7a\- sammen K 4. Für den hebräischen Sprachverein: Hermann Friedmann. Resicza, anlässlich der Trauung des Herrn Hartenstein Mor. in Kis - Pest, mit Fräulein Fi^chof Szidi in Ersekujvar Kl. Jüdischer Nationalfonds: In Wien : J. S. K 0.50. Familie K. K 1. O. M. K 1. Dr. O. K. K 0.50. Dr. Sch. K 0.40. M. Sch. K 0.20. In Ekaterinoslaw : S. N. K 0.50. Zusammen K 4.10.