Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 44 (1.11.1901)
- Article
- Jüdische Kunstverlags-Unternehmungen
- Date
- 1901-11-01
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 44 .Die 2& Welt60 Seite 9 sonstige jüdische Dichtungen zu verlegen. — Wie wir ferner erfahren, ist auch in Berlin ein grosser jüdischer Kunstverlag im Entstehen begriffen. Wir hoffen, in einer der nächsten Nummern Ausführlicheres darüber bringen zu können. * National-jüdische Kunst und — die „Allgemeine Zeitung des Judenthums". Es ist noch nicht lange hsr, dass die Bezeichnung „national-jüdisch" auf keinerlei Weise mit dem Namen der Tante „Allgemeine" in Beziehung gebracht werden konnte, und auch jetzt noch, als wir die untenstehende Notiz lasen, waren wir höchlich überrascht, dass die würdige Dame, unsere gute alte Collegin in Berlin, sich vor ihren justiz- und commerzienräthlichen Freunden gar nicht geniert hat, von national-jüdischer Kunst und — schau, schau — von jüdischem Nationalitätsgefühl zu sprechen. Man lese und staune: S. Berlin, 17. Ocfcober. Vor überfülltem Auditorium sprach heute Abend in den vereinigten Berliner U. O. B. B. Logen der Schriftsteller Fritz Stahl*) über die Beziehungen der bildenden Kunst zum Judenthum. Der Redner gieng von der bekannten Thatsache aus, dass es eine jüdische Kunst im eigentlichen Sinne nicht gebe und auf Grund des Gesetzes Moses nicht geben könne, das zwar nicht kunstfeindlich sei, aber den Götzendienst durch das Gebot „Du sollst Dir keinerlei Bildnis machen u. s. w." habe verhindern wollen. Es könne sich also nur um die Beantwortung der beiden Fragen handeln, welche Stoffe und welche Künstler das Judenthum der bildenden Kunst der Welt gegeben habe. Eine überraschende Fülle von Material trete bei Untersuchung dieser Frage zutage. In allen Ländern und zu allen Zeiten hätten hervorragende christliche Künstler ihre Stoffe der jüdischen Geschichte entlehnt, ja, der biblische Stoffkreis der Juden hätte sich sogar Rom, den Vatican und die sixtinische Kapelle erobert. Von einem Mttbewerb jüdischer Künstler habe natürlich erst von der Zeit an die Rede sein können, als die Bahn frei geworden sei für die Betheiligung der Juden am Culturleben im allgemeinen. Redner nennt unter den Koryphäen der Kunst, von denen allein in dem engen Rahmen eines Vortrages natürlich nur die Rede sein könne, Philipp Veit, einen Enkel Moses Mendelssohns, Munkacsy, Israels, Antokolsky, Ury, Becker. Louis Korinth, Max Liebermann und viele andere, und gibt in ausserordentlich interessanter Weise einen Ueberblick über die von ihnen geschaffenen hervorragenden Kunstwerke, die ihnen einen bleibenden Namen in der Geschichte der Kunst sichern. Viele von diesen Kunstwerken seien erst, ganz verständlich, wenn man die Zugehörigkeit der Künstler zum jüdischen Glauben kenne. Denn aus dem Nationalitätsgefühl heraus, dem Gefühle der unbewussten Sehnsucht und dem Gefühle, bedrückt, unterdrückt, verfolgt und gequält zu sein, hätten sie namentlich bei Motiven aus dem jüdischen Leben Typen geschaffen, die eine ergreifende Sprache zu dem Beschauer redeten. Auf die Gegenwart übergehend, betont der Redner, dass die Antheilnahme der Juden an der bildenden Kunst erfreulicherweise eine immer grössere werde, und dass jüdische Gelehrte sich der Pflege der deutschen Kunst widmen (V). Von einer national-jüdischen Kunst könne aber erst die Rede sein, wenn unseren jüdischen Künstlern Gelegenheit geboten würde, ihre Kunst an grossen nationalen Motiven zu erproben. Der Vortrag fand allseitig lebhaften, wohlverdi enten Beifall. „Allgemeine Zeitung des Judenthums", Nr. 43 vom 25. d. M. Correspondenzen und Nachrichten, *) Der bekannte Kunstkritiker des „Berliner/Tageblatt". (Anmerkung der Redaction.) Eine jungjüdische Bühne. Den Vorschlag zur Errichtung von jungjüdischeu Bühnen, auf den Pantarhei in seinem Artikel „Die Förderung der jüdischen Dramatik" (Nr. 43 der „Welt") hinweist, werde ich erst in unserer nächsten Nummer veröffentlichen. M. B. * Josef Israels und der Zionismus. Wir erhalten folgende Zuschrift: Villa Anna, Scheveningsche Weg <>5, Scheveningen. 23. October 1001. Geehrte Redaction! In Ihrem Artikel über den holländischen Maler Israels und den Zionismus lese ich, dass Herr Israel s fl. 500 für die zionistische Bewegung würde gespendet haben. Diese Mittheilung beruht wohl auf einem Irrthum, denn so weit mir bekannt ist, sind hier in Holland keine Spenden für die zionistische Bewegung eingegangen. Herr Israels hat bei der Subscription auf die Actien des „Jewish Colonial Trust" auf meine Veranlassung Pf. St. 40 (circa il. 500) in diesen Actien angelegt, und wahrscheinlich ist diese Capitalanlage von Ihrem Berichterstatter irrtümlicherweise als Spende angesehen wprden. Herr I s r a e 1 s hat mich ermächtigt, diese Mittheilung zu machen. Ich bitte Sie, diesen Brief in Ihre nächste Nummer aufzunehmen, und zeichne Hochachtungsvoll J. K a n n. Bücher- und Zeitschriften-Rundschau. In Nr. 85 des Mainzer „Israelit" wendet sich Herr Hermann Hirsch K o h n aus Frankfurt a. M. in scharfen, treffenden Worten gegen die Ausfälle eines Herrn Jacob E p h r a i m s o h n auf die zionistische Bewegung. Namentweist er mit Entschiedenheit die von Unkenntnis zeugenden läppischen Angriffe auf die modernen Bestrebungen der hebräischen Literatur zurück. In einer Anmerkung der Redaction hierzu leistet sich das fromme Blättchen die Behauptung, die nWeltu bringe zu allen jüdischen Fest- und Fasttagen Artikel, „die von Frömmigkeit triefen". Wir constatieren, dass dies eine Unwahrheit ist. die wir nur der schon oft glänzend bewährten Einfalt der Eedaction des „Israelit" zugute halten. Wir werden uns von dem Mainzer ^Israelit" das Recht nicht nehmen lassen, die nationale Bedeutung der jüdischen Festtage zu beleuchten. Die triefende Frömmigkeit überlassen wir ihr aber zum unanfechtbaren Alleinbesitz. Die berühmte Pariser Frauenzeitung .,La Fronde" antwortet in ihrer Nummer vom 20. October einem Leser auf seine Frage über Ziele und Wege des Zionismus in zwei Artikeln, von denen namentlich der erste sehr warm für die Existenzberechtigung und die grossen Aussichten unserer Bewegung eintritt. Bergab. (Intimes aus einer Kellers tube.) Von J. L Perez (Warschau). Uebersetzung aus dem Jüdischen von Moriz Hermann. Kaum hatte der Alte sein Morgengebet beendet und eine Anzahl Psalmen hinzugefügt, lag bereits der blasse Schein des dämmernden Sommermorgens im Fensterchen der Kellerstube. Mit müden, traurigen Augen blickt er auf den jungen Tag, schliesst das Gebetbuch, löscht das Oellämpchen und betrachtet, ans Fenster tretend, den schmalen Himmelsstreif, der sich über das enge Gässchen wölbt. Ein trübes Lächeln gleitet über das fahle, runzelige Antlitz und breitet sich in mattem Widerschein über das Silberhaar des Bartes und der Locken, die es einrahmen.