Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1901-11-01 · 44 (1.11.1901) · p. 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
44 (1.11.1901)
Article
Aus dem Grossherzogthum Baden
Date
1901-11-01
Page
5 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3315905-3315950-3400871--28811-3400990
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Nr. 44 „Die # Welt" Seite 5 Briefe aus Deutschland/) i. Aus dem Grossherzogthum Baden. Von Dr. Max Jungmann. Der Wind fegt über die Stoppeln. Damit naht für uns die Zeit des Aufbruches, des Kampfes, um neue Festungen dem Zionismus zu erobern. Man prüfe daher die Brauchbarkeit der alten Waffen und gedenke der Erfahrungen früherer Jahre, damit man lerne, das Erworbene zu vermehren und das Schädliche zu vermeiden. Wir in Baden haben Veranlassung genug, aus der noch jungen Geschichte unserer Thätigkeit manche heilsame Lehre zu ziehen. Es sind jetzt zwei Jahre vergangen, seitdem sich die zionistische Idee bei uns Eingang verschafft hat. Das Hauptquartier der Bewegung hatte seinen Sitz in Freiburg, wo die Agitation anfangs mit Hochdruck betrieben wurde. Es ist nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, dass die im Zionismus verkörperte Weltanschauung in keiner anderen deutschen Stadt mit einer so überraschenden Begeisterung aufgenommen worden ist, wie damals zu Freiburg im Breisgau. Täglich vermehrte sich die Mitgliederzahl in der Ortsgruppe, und jeder neue Zionist schien ein neuer Werber zu werden. In den Cafes, in der Synagoge, überall wo Juden sich begegneten, sprach man vom Zionismus; der Enthusiasmus unserer Freunde und der Eifer, mit dem die Gegner und Theologen das Aufblühen der jungen Gruppe bekämpften, machte uns stolz und thatendurstigund schraubte unsere Hoffnungen hoch hinauf. Nachdem der erste Winter so erfolgreich verlaufen war, da hatte in der That mancher von uns die Ueberzeugung, dass Freiburg die zionistische Hochburg in Deutschland werden würde. Nun, das nächste Jahr hat uns ein wenig enttäuscht, und wir büssten einen Theil unseres Optimismus ein, als wir sahen, dass die Zugkraft unseres Ideals allmählich an Intensität wieder abnahm. Vielleicht haben wir im Anfange zu viel des Neuen auf einmal gebracht und uns erschöpft, vielleicht liegt die Ursache des Rückganges auch anderswo. Das steht fest, dass wir sehr bald in der Zahl der Mitglieder den Höhepunkt erreicht hatten und dass unsere Präsenzliste heute nicht mehr so gross ist, wie sie damals war. Freilich, den Verlust jener Leute, die uns nach so kurzer Zeit der Freundschaft wieder den Rücken kehrten, wollen wir nicht beweinen. Sie sind in jenem Winter von der allgemeinen Begeisterung mitgerissen worden, ohne sich über den Zweck des Vereines recht klar zu sein. Sie glaubten offenbar, es handle sich um einen Vergnügungs-Verein unter einem exotischen Namen, wie es deren ja so viele gibt in der Judenheit. Andere verliessen uns, weil ihnen die religiöse Toleranz nicht behagte. Nicht ihren Verlust haben wir also zu bedauern, sondern den Umstand, dass durch Erzählungen dieser Grollenden der Zionismus bei Unkundigen in Misscredifc gebracht werden kann. Es ist ja begreiflich, dass der Grund des Scheidens aus einem politischen Vereine nicht in gewissen Mängeln der eigenen Person gesucht wird, sondern in der Vereins-Tendenz und in den Personen derer, die sie vertraten. Solche Erscheinungen und all die kleinlichen Zwiste werden vermieden werden, wenn man sich in Zukunft nicht mit der Gründung von Ortsgruppen beeilt, sondern zunächst im weitesten Sinne aufklärend wirkt, damit sich niemand aus Missverständnis Zionist nenne. Man fange auch mit der Agitation nicht bei beliebigen Individuen an, sondern man suche zunächst solche Männer zu gewinnen, die vermöge ihrer geistigen und sittlichen Ueberlegenheit Lehrmeister ihrer Gemeindegenossen werden können. Und was von einzelnen Personen gilt, das lässt sich hier auch auf ganze Körperschaften übertragen. Obwohl wir durch unsere Arbeit in den Landgemeinden, besonders in Mühlheini, grossen Erfolg hatten, so ist damit doch verhältnismässig wenig erreicht, da diese Gemeinden naturgemäss nirgends als Muster hingestellt werden können. Der jüdischen Bevölkerung Bndens würde man mehr imponieren und ein grösseres Interesse am Zionismus einflössen, wenn man die intelligenteren Corporationen, das heisst die Städte des Landes gewinnen könnte. Das „zionistische Central-Comite für Baden und die Pfalz" — in der Pfalz ist übrigens niemals agitiert worden — wird daher gut thun, sein Augenmerk besonders auf Mannheim, Karlsruhe, Heidelberg, Offenburg u. s. w. zu richten. *) Für diese Rubrik sind uns bisher Beiträge von Dr. Elias (Mühlhausen), Dr. Adolf Friedemann (Berlin), Dr. Carl Jeremias (Posen), Dr. Alfred Klee (Bonn), D. R u e c k (München), Hugo Schachtel (Breslau), Dr. Th. Zlocisti (Berlin) u. a. zugesichert worden. Wenn der Winter uns hier erst günstige Resultate bringt, dann wird es später sehr leicht sein, auch die Landgeraeinden zu erobern. Die Verhältnisse in Baden müssen in dieser Hinsicht anders beurtheilt werden als in Preussen; denn bei uns sind die Ereignisse in den grossen Gemeinden von enormem Einflüsse auf die Denkart der kleinen. Natürlich können wir aus unserer Mitte nicht die genügende Anzahl von Rednern und anderen Agitationsmitteln herbeischaffen. Einerseits ermüdet das Publicum, wenn ihm nicht eine Abwechslung in den Personen geboten wird, andererseits werden die wenigen einheimischen Agitatoren selbst schnell erschlaffen, wenn das ganze grosse Werk der Organisation auf ihren Schultern allein ruht. Vielleicht hätte man in Baden im vergangenen Jahre mehr erreichen können, wenn wir mit unseren Bittschriften mehr Gnade gefunden hätten in den Augen der deutsch-zionistischen Häupter. Wir empfanden häufig das Bedürfnis nach einer Unterstützung durch auswärtige Redner und haben uns auch wiederholt mündlich und schriftlich an geeignete Herren gewandt; niemals aber erlangten wir mehr als eine höfliche Absage. Diesem Uebelstande muss nun entschieden abgeholfen werden. Der Vorstand der „Zionistischen Vereinigung für Deutschland" sei jetzt bereits darauf aufmerksam gemacht, dass er uns wenigstens zwei Wanderredner während des Winters wird entsenden müssen, wenn er die Stellung des Zionismus in Baden befestigt haben will. Dass mit gutem Willen und den nöthigen Mitteln bei uns viel geschehen kann, dürfen wir versichern. Denn unseren Stammesbrüdern hier ist ein gut jüdisches Gefühl eigen. Dazu kommt das für uns günstige Moment, dass wir durch die schroffe gesellschaftliche Scheidung von den Christen gezwungen sind, uns enger aneinanderzuschliessen. Endlich sei unseren Freunden in Freiburg, besonders dem unermüdlichen Dr. Kaufmann, für inre mühevolle Thätigkeit gedankt. Wir hoffen, dass sie in der kommenden Saison mit der gleichen Liebe für den Zionismus arbeiten werden, wie zuvor. Die Eröffnungsversammlung des Französischen Zionistenbundes. Der Französische Zionistenbund hat seine Reihe öffentlicher Versammlungen durch einen grossen Vortragsabend eröffnet, der Samstag den 12. October in Paris stattfand. Der Saal war überfüllt. Man bemerkte eine grosse Anzahl französischer Juden, die, ohne noch Zionisten zu sein, bereits beginnen, sich für die Bewegung zu interessiere}!, deren sittliche üeberlegcnheit sie fühlen. Vor dieser aufmerksamen Zuhörerschaft sprach Dr. Alexander Marmorck, Präsident des Bundes, über die Geschichte der zionistischen Bewegung in den letzten Jahren, hierauf Dr. Max Nordau über die Pflichten des wahren Zionisten. „Diejenigen unserer Widersacher," sagte unter anderem Dr. Marmorek, „die innner wieder die unfreundliche Stimmung der Türkei ins Treffen führten, haben ein glänzendes Dementi erhalten durch den mehr als herzlichen Lmpfang, der Dr. Jierzl beim Sultan zutheil wurde. Wir schreiten festen sicheren Schrittes zu unserem Ziele hin. Die Congresse leiten die Bewegung und dienen zu gleicher Zeit als Tribüne, um der Welt unsere wahre Lage kundzugeben. Die Congresse haben uns die Einheit gezeigl, die zwischen den verschiedenen Theilen des jüdischen Volkes bestellt; sie haben uns die bis dahin nur venu ut bete Existenz einer blühenden Literatur in unserer Nationalsprache, einer Nationalkunst, eines nationalen Genius gezeigt. Wir haben eine ungeheure Aufgabe zu erfüllen. Wir brauchen Jahre, um zu unserem Ziele zu gelangen, aber unser Triumph ist gewiss, der Zionismus ist es, der dem jüdischen Volke sein sittliches, wirtschaftliches und politisches Leben wiedergeben wird. Die Bede Dr. Marmoreks, die mit lebhaftein Beifall empfangen wurde, war für viele Anwesende eine wirkliche Lebcrraschung; sie schienen die zionistische Bewegung zum erstenmal zu entdecken.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.