Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 44 (1.11.1901)
- Article
- Züricher Brief
- Date
- 1901-11-01
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 „Die # Welt44 Nr. 44 Assimilations-Israeliten selbst nicht, sie wollen doch „israelitischer Confession" sein, die physische wäre doch nur vermittelst einer Kreuzung der Rassen, vermittelst Mischehen, also indirect vermittelst einer religiösen Assimilation möglich. Es bleiben also noch die nationale und die geistige Assimilation. Zu behaupten, man sei national assimiliert, wäre zur Zeit wenigstens, eine Fälschung der Thatsachen, eine quasi Fälschung der Civilstandsacten. Der Ignatz, Sohn des Abraham Cohn, begeht eine historische Lüge, wenn er behauptet, die Geschichte seiner Ahnen sei die Geschichte der Teutonen und nicht die der Ahnen seines Vaters Abraham. Was nun die geistige Assimilation anbetrifft, so erklärte Dr. F a r b s t e i n, er und seine engeren Freunde dürfen von sich sagen, sie seien geistig vollkommen mit dem Europäerthum assimiliert; in geistiger Hinsicht unterscheiden sie sich nicht von den nichtjüdischen Europäern, und trotzdem oder vielleicht deswegen, weil sie sich als Vollmenschen fühlen, sind sie auch Volljuden, die sagen: wir sind Juden, wir sind Zionisten. — Die Stimmung der Anwesenden in der öffentlichen Versammlung war für den Zionismus günstig. Am 27. October wurde der allgemeine schweizerische Zionistentag abgehalten. Es waren Delegierte aus allen Theilen der Schweiz anwesend. Nach einer Eröffnungsrede von Joel Weil aus Basel referierte Dr. Levy aus Biel über den Zionismus in der Schweiz, Dr. Pasmanik über Agitation, Veit aus Basel über Organisation, Arnstein aus Basel über Presse und Marx aus Basel über die „Jüdische Colonialbank". Es wurde ein Verband der Zionisten der Schweiz (y p^a D^rxn mm) begründet und die Statuten des Verbandes angenommen. Es lagen dem Zionistentag zwei Statutenentwürfe vor, ein Baseler, ausgearbeitet vom Referenten, und ein Züricher, ausgearbeitet vom Präsidenten der zionistischen Ortsgruppe Zürich. Der Zionistentag machte den Züricher Entwurf zu dem seinigen. In Bezug auf Organisation und Colonialbank wurden mehrere Resolutionen gefasst, ferner eine Resolution des Herrn Veit, dass der Zionismus das einzige Mittel zur Lösung der Judenfrage sei. Begrüssungstelegramme wurden gesandt an Dr. H e r z 1 und an Henry D u n a n t; von den französischen und Genfer Zionisten giengen Begrüssungstelegramme ein. Als Publicationsorgan des Verbandes wurde das „Israelitische Wochenblatt" in Zürich bezeichnet, und für die Publicationen des Landescomites „Die Welt". Für den 10. November wird in Zürich eine grosse Volksversammlung einberufen, in der über den Zionismus referieren werden: Dr. Pasmanik pro und der Präsident der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich, Rechtsanwalt Dr. Gug genheim, der übrigens mehr ein „humanitärer" Zionist ist, contra. Die jüdische Bevölkerung Zürichs steht in der Hauptsache der zionistischen Bewegung sympathisch gegenüber. Der eine der Redacteure des „Israelitischen Wochenblattes" (Dr. Strauss) ist sogar Mitglied der Züricher Ortsgruppe, der zweite (Rabbiner Dr. Litt mann) ist, wenn auch kein ausgesprochener Zionist, so doch ein Freund der Bewegung. Am 17. November findet auch in Zürich die erste constituierende Sitzung des schweizerischen Landescomites (pxn -ijn) statt. E. G. Ein Zeichen der Zeit. Der neugewählte Präsident der „Oesterreichisch-Israelitischen Union44, Herr Maximilian P a u 1 - S c h i f f, hat in seiner Antrittsrede, die er am 19. d. M. vor dem versammelten Vorstand und Beirath hielt, folgende bisher in dieser Körperschaft und in anderen Abwehrvereinen dieser Art unerhörten Worte über den Zionismus gesprochen: „Ich glaube, meine Herren, dass ich mich einer Unterlaß ung schuldig machen würde, wenn ich meine Ausführungen schliesse, ohne jener bedeutenden Bewegung innerhalb des Judenthums zu gedenken, die, durch den Antisemitismus gezeitigt (? — Die Red.) seit einigen Jahren mit unleugbarem und berechtigtem Erfolge sichgeltend gemacht hat. Ich meine die zionistische Bewegung. Ich masse mir nicht an, über die Berechtigung und Bedeutung derselben in Gegenwart und Zukunft, sowie über die Form der zionistischen Agitation ein Urtheil abzugeben, umsomehr, als ich selbst dieser Richtung nicht angehöre .... Sofern aber in der zionistischen Bewegung gleichzeitig die Ralliierung erfolgt, um vor allem eine besser organisierte Abwehr gegen die Angriffe auf das Judenthum vorzubereiten,1) hat sie gewiss unser volles Einverständnis, und in dieser Beziehung brauchen wir uns weder an den Agitationsmitteln noch am angegebenen Ziele zu stossen, und können letzteres für den Zionismus, wie wir ihn auffassen, für ebenso gleichgiltig halten, wie es Afrika für Freiland war.2) Ich glaube, dass eine Bewegung, die nicht nur den Juden, sondern auch den Menschen in gleichem Masse zur Geltung bringt, und welche den Juden veranlasst, vorerst als Jude sein Menschenthum zu erringen, wahrlich edel genug ist und für sich selbst spricht, und ich sehe nirgends einen Punkt, wo unsere Rechtsschutzbestrebungen mit den Principien und Zielen der Zionisten in Conflict kommen. Wenn die Socialisten den Fabriksarbeiter, der sein vom Fabriksherrn geschenkt erhaltenes Häuschen lieb gewinnt, für die Organisation für verloren halten uud daher den bürgerlichen Philanthropen bekämpfen müssen, so trifft dies per analogiam auf das Verhältnis zwischen zionistischer Organisation und unserer Corporation nicht zu. Der Zionismus braucht ja nicht socialistischer als der social istische Zukunftsstaat zu sein und eine Verelendung der Massen geradezu anstreben, um fernere Ziele plausibler zu machen.3 Sagte doch selbst der Dogmatiker Bebel am Lübecker Parteitag, dass die Katastrophentheorie resp. die Verelendung der Massen als Programmpunkt nicht verschwinden dürfe, dass aber damit nicht gesagt sei, dass es gegen jene Verelendung keine Abwehr geben könne. Diese Abwehr sowohl gegenüber Angriffen auf das Judenthum als gegenüber der Verelendung unseres Rechtes zu schaffen und aufrecht zu halten, ist unser Bestreben. Ich glaube, dass auch die Zionisten enragiertester Couleur ebenso gut wie alle anderen Juden in unserer Mitte Platz finden, wenn sie auch sonst jede positive, von anderer Seite kommende Action selbst in der Abwehr4) bekämpfen. Denn so lange es den Zionisten nicht beschieden ist, den ihnen ungastlichen Boden zu verlassen, und sie nun einmal hier weilen müssen, so lange wird ihnen auch der Schutz, den wir ihnen gegen hi er erlittenes Unrecht angedeihen lassen, willkommen sein." 1) In der That stellt der Zionismus eine Art Abwehr gegen die dem jüdischen Volksthum feindlichen Mächte und Lebensbedingungen dar. Aber das ist eine Abwehr ganz anderer Art, als die von den Sisyphus-Arbeitsgenossenschaften, vulgo Abwehrvereinen, angestrebte. 2) Armer Zionismus! Weiche Auffassungen er sich gefallen lassen muss! 3) Es ist von zionistischer Seite schon oftmals hervorgehoben worden, dass wir nicht auf dem Boden der Verelendungstheorie stehen. Wenn Herr Paul-Schiff über die zionistische Bewegung besser informiert wäre, würde er wissen, dass auf dem IV. Zionistencongresse in London das Problem der wirtschaftlichen Hebung der Juden eingehend discutiert wurde, dass mehrere Actionen nach dieser Richtung bereits an verschiedenen Orten eingeleitet wurden und dass der Fragencomplex der körperliehen, geistigen und wirtschaftlichen Hebung des jüdischen Volkes auch in der Tagesordnung des V". Congresses eine hervorragende Stelle einnimmt. *J N u r in der Abwehr! (Anmerkungen d. Red.)