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Die Welt · 1901-10-25 · 43 (25.10.1901) · p. 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
43 (25.10.1901)
Article
Der Golem
Date
1901-10-25
Page
11 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 43 ,DIe & Welt" Seite 11 schiessenden, jauchzenden Kufen, das Wasser sang seine urewig geheimnisvolle Melodie, die Luft kam mit Sturm und Sausen und riss an allem Festen. Und alle Chöre stürzten ihre Macht auf die Lehmgestalt und rüttelten sie auf. Und zwischen Leben und Lehm schwangen gewaltige Töne die Brücke. Wach auf! schrie das Feuer. Bewege dich! befahl das Wasser. Athme! brauste die Luft. Wandle! gebot die Krde. Und die Gestalt reckte sich, hob die Arme, öll'nete die Augen. Das Werk war gelungen! Stumm, regungslos, in todähnlicher Starre lug Elasar. Seine Seele war entflohen. Der Leib des Golem hatte sie aufgenommen. Immer .höher, immer stärker wuchsen die Chöre der Elemente, wie Giessbach und Katarakt donnerten sie aus der Höhe, wie aufgepeitschte Wellen schlugen sie empor. Der Raum war ihrer voll. Der Golem regte die Arme. Er schritt aus. Ungeschickt und ungefüge zuerst. Er wandte den Kopf. Er bückte sich und erhob sich wieder. Und in ihm sprudelte es auf wie eine Quelle aus tiefstem Grunde, die endlich den Weg ins Freie findet. Ins Freie! Der Golem warf die Faust empor und schmetterte sie auf den Tisch, dass er krachend zusammenbrach. Dann fasste er ein Scheit und hieb um sich und tobte durchs Gemach. Durchs ganze Haus scholl sein Lärmen. Esther lief entsetzt die Treppe empor, um zu sehen, was es gäbe. Sie riss die Thüre auf und sah sich dem Golem gegenüber. Der aber hatte sie kaum erblickt, als er mit einem wilden Schrei auf sie losstürzte. Esther blieb wie gebannt mitten im Zimmer stehen. Und vor ihr stand der Golem, aus seinem Munde kam ein Strom von heissen Worten, von Worten des Begehrens, und seine Hände zuckten nach ihrem Leibe und das Verlangen riss mit glühendem Griffe seine Augen schier aus ihren Höhlen. Die Worte fügten sich erst sinnlos aneinander, aber ihr Ton, ihre Farbe, ihr Schrei sprachen von Liebe, von jener Liebe, die einberstürmt auf ihrem Sie.geswagen wie die Sonne durch den Weltenramu. Die reine Seele offenbarte sich in ihren zwei gewaltigsten Trieben: Ki aftbethätigung hiess der eine, Liebesverlangen der zweite. Und nun verschmolzen beide in eins. Die Kraft rang um Liebe, die Liebe kämpfte um Triumph mit der Kraft des freien Elementes. Was aus dem Golem sprach, war Elasars Seele. Aber sie sprach, wie die Seelen reden, wenn Gottes Wort sie um seinen Thron versammelt und die irdische Hülle auf Erden zurückgebliehen ist. Sic sprach, wie die Engel reden., deren Schwingen von der Erde zum Himmel reichen und deren Schwert ist wie der Blitz und deren Athern ist wie der Sturmwind. Was göttliches Vermächtnis ist, in der menschlichen Seele, die göttliche Kraft, die göttliche Freude, in den Engeln wird es zur Erscheinung. Und im Posaunen ton, der durch die Himmel tönt, wandelt sich beides vereinigt zum Rufe der Liebe. Flügelschlag, der von der Erde zu Gottes Throne reicht, der Blitz, der leuchtend die Nacht zerreisst und flammend niederfährt, dass die Gründe erbeben, der Sturm, der mit seinem Kusse die Forste niederwirft und die Felsen erschüttert, das sind Künder er Liebe. Und solche Kunde kam jetzt aus des Golems Munde. Elasar sprach zu Esther. Hüllenlos sprach seine Seele. Ein Engel stand vor dem zitternden Mädchen — sie fühlte den Blitz, wie er in ihre Brust drang, sie fühlte den Sturmwind, wie er an ihre Lippen schlug, sie fühlte die Fittiche, die sie umschlangen. V. Der Rabbi hatte in der Synagoge den Segen gesprochen. Die Beter in ihren weissen Talaren neigten sich tief, der murmelnde Chor des Psahues hob sich im letzten klagenden Ringen um Gottes Barmherzigkeit und irdischen Frieden. An dem siebenarmigeii Leuchter hieng der Blick der Beter, als sei ihm beschieden, wieder dereinst auf Zion zu stehen, im Tempel des freien Volkes, dem die Zukunft verheissen ward. Aber die Lichter verlöschten und die in Sehnsucht brennenden Augen der Frommen senkten sich wieder zu Boden, und mit der Feier der Andacht war der Traum der Stunde, die Hoffnung auf Zion verflogen. Aus dem Gotteshause giengen die Männer nachhause. Ernst, langsam, mit gebücktem Kopfe zögen sie heimwärts durch den tiefen Schnee. Nur der Rabbi eilte mit raschen, grossen Schritten naehhause. Unheimliche Ahnung nistete in seiner Brust. Er stürmte die Treppe hinauf, er öll'nete mit starkem Rucke die Thür. Was er sah, erfüllte ihn mit Entsetzen. Der Golem hatte sein Kind gepackt, wie ein Raubvogel mit seinen Fängen ein Wieselchen umklammert. Und Esther wehrte sich nicht. Ihre weilgoöil'neten Augen schimmerten im Abglanz strahlender Freude, ihr Mund war geöffnet zum Kusse: ihre Brust schob sich dem Siegel" entgegen. Der Rabbi warf sich auf den Golem, entriss ihm seine Beute und hob einen Hammer vom Boden, um die Lehmgestalt zu zertrümmern. Da fiel ihm Esther in den Arm, ja, sein eigenes Kind schrie auf und deckte mit ihrem Leihe, den Golem. Dem Rabbi erstarrte das Blut in den Adern. Das .Gespenst, der Lehmkloss, das Werk seiner Hände, raubte ihm sein Kind, hatte das Heiz seines Kindes in seiner Gewalt. Noch hielt der Rabbi den Hammer hoch. Mit einer Kraft, die der Rabbi nie in dem Kinde vermuthet hätte, hielt ihn Esther zurück. Aber mittlerweile war der Golem zum Fenster geeilt, üraussen gieng ein gewaltiges Stürmen durch die Luft. Die freien Seelen, die Engel, die. Heerscharen der Heerscharen erfüllten die Weiten und riefen ihren Bruder, riefen ihn zu Tanz und hing durch die Ewigkeit. Die Menschen staunten über das Wunder. Ein Gewitter in winterlicher Zeit! Sie sahen nur die Hetzjagd der schwarzen Wolken, das glühende Branden der Blitze, hörten nur das Rollen des Donners. Der Golem aber sah die geflügelten Legionen, sah ihr Gewaffen, horchte auf ihre Stimmen. Und seine Stimme verschmolz mit dem Donner zu einem Ruf. Er schwang sich auf die Brüstung, er breitete die Anne aus, als wären ihm Flügel gewachsen, und er schwang sieh in den Beigen. Aber schwer stürzte er nieder aus der Luft, die Erde Hess ihr Gebilde nicht los. Auf denGrabsteinen des Friedhofes barst der Golem in Stücke. Wehklagend stürmten die Urinier von dannen. Ueber dem Weissen Berge verschwand das Gewitter . . . Im selben Augenblicke, als der Golem zerschmettert nieder fiel, that der Schlafende auf dem Ruhebette einen tiefen Atbemzug. Die Seele, die Gott noch nicht heimgerufen hatte, die nur menschlichem Gebote gefolgt war, kehrte heim in ihre Hülle. Langsam stand Elasar auf. Ihm seh windelte. Aber sein Blick fiel auf Esther, die durehsehauert von dem, was sie gesehen, an ihres Vaters Brust gesunken war. Und schüchtern und linkisch, wie es sonst seine Art war, trat Elasar näher. Er stotterte einige Worte, verlegen nach Ausdruck tappend. Aber in Esther gieng Seltsames vor. Sie erkannte mit einem Schlage in dem missgestalteten Leib Elasars die Seele wieder, die sie Aorhin mit dem göttlichen Kusse der Liebe zu sich in den Himmel gehoben hatte. Und der weise Rabbi ahnte, was in dem Gemüthe seines Kindes vorgieng. Stumm legte er die Hände Esthers und Elasars zusammen. ,,Geht,u sagte er, ..Erkenntnis heisst der Eingang zur Liebe. Und Erkenntnis heisse der Rückblick auf Euer Leben, wenn Eure Stunde gekommen ist. Und Segen bedeute Euch beides." Und als die Thüre sich hinter Esther und Elasar geschlossen hatte, warf sich der Rabbi auf den Boden und betete zu Gott: ..Deine Gnade. Herr, ist übergross. Die Vermessenheit deines Knechtes strafst du mit der Offenbarung deiner (Hüte. Mein Werk liegt zertrümmert unter den Todten. Aber es hat gedient, meinem Kinde das Glück zu geben. Zu meinem Kinde hat die Seele Elasars gesprochen mit der Gewalt der Stimme, die nur du allein zu hören berufen bist! Wie ein .hinge! spricht, so redete diese Stimme. Dein Hauch, o Herr, ist die Kraft und dein Hauch, o Herr, ist die Freude. Dein Wort ist die Liebe. Vom Anfang zum Ende geht deine Liebe! Dein Name sei gepriesen in Ewigkeit, Amen!" An Miriam. Von Robert Ja ff 6. Dass wir so solig sind, o Miriam! Wir schweben in stillen Traumen von Grösse, und nicht brauchen wir anders zu fühlen, als die Männer, die vor ihren Hütten, in ihren Wcingäriehen behaglieb mit Weib und Kind den Sonnnerabend anlächeln. Nicht sind wir anders als die anderen, die die Wirklichkeit reinen Gemüthcs empfangen. Anders nicht als die Jünglinge, die sich mit erhobenem Haupt auf das Schlachtfeld stellen. Xicht wollen wirfl selbstvergessen, mehr als die Stimmen der anderen hören und weiter als die anderen sprechen und mehr als (»liederringe in einer Kette sein.

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