Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 43 (25.10.1901)
- Article
- Achad-Haam als Historiosoph
- Date
- 1901-10-25
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 43 „Die # Welt* Seite 7 als an ihre Autorität, an ihren göttlichen Ursprung geglaubt wird; kaum aber vermisst sieh die Vernunft, an den Satzungen zu rütteln, unter ihnen eine Auswahl zu treffen, ,,Unzeitgemüsses:' auszuscheiden (wie es die deutschen Rabbiner gethan), so beweist sie eben hiermit, dass ihr der Glaube überhaupt abhanden gekommen ist, es bleibt ihr nichts mehr zu reformieren übrig . . .k< Reformgedanken entstehen in einer Zeit, da der Glaube zu einer heuchlerischen Förmlichkeit herabsinkt (die grossen Reformatoren, die die Geschichte kennt, waren es in einem ganz anderen Sinne . . .)• »Wer unsere Religion reformieren wollte, verlangte nichts Geringeres, als dass wir alle Fäden, die uns mit der nationalen Vergangenheit verknüpfen, entzweischneiden/' Diese Zurückweisung aller ihm insinuierten Reformpläne hindert aber Achad-Haam nicht, an der Entwicklung innerhalb der Religion festzuhalten. „Reform ist zielbewusstes, offenkundiges, künstliches Gebilde, von bestimmten Personen in einem bestimmten Zeitpunkte geschaffen. Entwicklung dagegen vollzieht sich auf natürlichem, unbewusstem, allmählichem Wege, ohne Absicht .irgendjemand«, sondern aus zwingenden Ursachen, die durch den Lehenslauf selbst gegeben sind." Die Werkstiitte der Reformen ist die kalte Vernunft, die der Entwicklung wesentlich das Gemüth. Diese für den modernen Menschen selbstverständliche, in der hebräischen Literatur aber revolutionäre Auffassung erhärtet Achad-Haam an einem elassi sehen Beispiel, am bekannten Bibelsatze: „Auge für Auge", den die Talmudisten in „Lösegeld für Auge" umgedeutet haben. Der Rationalist würde in dieser offenbaren Verletzung des Textsinnes einen Gewaltact der überlegenden Vernunft erblicken. Achad-Haam, der Evolutionist, sieht hierin die mit dem Fortsehritte des Lebens allmählich zunehmende Humanisierung des Gemüthes und die damit unzertrennlich verbundene Steigerung des Rechtsbewusstseins. Als jener Satz geschrieben wurde, entsprach er vollinhaltlich dem Vergeltungsbedürfnisse des Volksgemiithes. Allein nach einem langen Entwicklungsprocesse, während dessen der Satz selbst eine stetige Schwankung in seiner Auslegung und Anwendung erlitten hatte, entfremdete sich das Gemüth seinem ursprünglichen Gehalte, vermochte somit nicht seine ungeschwächte Ehrfurcht vor der Autorität der Schrift mit seinem tief empfundenen Abscheu gegen die Grausamkeit, die der Wortlaut des Bibeltextes enthielt, in . Einklang zu bringen. Nicht die verlegene Vernunft entschied sich für eine Verletzung des Wortlautes, sondern das ganze, ungetheilte Gemüth las aus ihm, was seinem geläuterten Empfinden entsprach, ohne jedes Bedenken heraus. Derartige Illusionen des Gemüthes' lehrt uns bekanntermassen auch die lndividualpsychologie . . . Aehnliche Interpretationen auf Grund der Entwicklungslehre, nicht nur im Fortschritte von der ,,geschriebenen" zur „mündlichen" Ueberlieferung, sondern auch in der „heiligen Schrift'4 selbst weisen die Abhandlungen Achad-Haams in Fülhj auf. Ueberhaupt ist er als Bibelkritiker von ganz anderem Schlage als die in der hebräischen Literatur bisher Bekannten. Ihre Kritik fusste auf Philologie und Exegetik, die Achad-Haams auf Sociologie. Das Gegentheil von Entwicklung ist Auflösung oder Erstarrung. Diese letztere Erscheinung erblickt Achad-Haam in unserem Culturleben in der Diaspora. Als ein hebräischer Publicist gegen seinen „Culturzionismus" den Einwand erhob, dass wir ja schon zwei Jahrtausende ein Culturvolk, das Volk der Schrift sind, entgegnete er: „Unser Unglück ist eben, dass wir kein Volk des Schriftthums, sondern ein Volk der Schrift sind. Der Unterschied zwischen beiden Begriffen ist gross genug. Das (Wahre) Schriftthum ist wie das Volk selbst eine lebendige Kraft, die Formen ablegt und annimmt. Geschlechter kommen und gehen, das Volk lebt in ihnen allen. Bücher kommen und gehen, das Schriftthum lebt in allen. Ein Volk des Schriftthums kann mit Recht nur ein solches heissen, dessen eigenes Leben sowohl wie das Leben des Schriftthums, die Geschlechter und die Bücher, sich unter steter wechselseitiger Beeinflussung entfalten, das Schriftthum in Gemässheit der Bedürfnisse des Geschlechtes, das Geschlecht in Gemässheit des Geistes des Schriftthums. Die Bestimmung dieses letzteren ist, der Volksseele immer neue Ideen und Wünsche einzubilden, um sie dann ihren eigenen Triebkräften zu überlassen. Sie (die Ideen und Wünsche) werden in fernerem Verlaufe im Volke organisiert, entfalten sich zu selbständigen, automatischen Mächten, ohne sich um ihre ursprüngliche Abstammung (aus dem Schriftthum) weiter zu kümmern.'*' „Ein Volk der Schrift über ist Solavc der Schrift, ein Volk, dem der eigene Geist entfloh, um sich den gescliriebeneu Worten einzuverleiben." „Da ist die Bestimmung der Schrift nicht, das Gemüth mit immer neuen Inhalten und Kräften zu bereichern, sondern es vielmehr zu entkräften und zu entwürdigen, so dass es anstatt seinen eigenen Eingebungen Folge zu leisten, in allem und jedem die Ermächtigung und Vermittlung des geschriebenen Wortes einholen muss." „Solch ein Volk sind wir in der That schon 2000 Jahre. Während dieses grossen Zeitraumes ist das Volk von einem einzigen Bewustsein erfüllt: vom Bewusstsein seiner absoluten Nichtigkeit und seiner unwiderruflichen Unterwerfung unter das geschriebene Wort." „Die natürliche Folge eines solchen Verhältnisses konnte nichts anderes sein, als eine gleichmässige Erstarrung beider, des Volkes und des Schriftthums." Dieses düstere Ideen- und Stimmungsbild, das leider nur allzu treffend die Tragik uneres Nationallebens vor Augen führt, wird von Achad-Haam an einer anderen Stelle um eine bedenkliehe Nuance gesteigert. Wir machen auf diese letztere besonders aufmerksam, weil sie den Kernpunkt seiner Stellungnahme zum Zionismus in sich birgt: Achad-Haam ist kein unbedingter Anhänger der Rassentheorie: in einer geschickten Zusammenstellung der verschiedensten Ansichten namhafter Sociologen über die semitische Rasse führt er jene Theorie sogar ad absurdum, wenigstens behauptet er, dass die Wissenschaft bisher nichts Klares darüber zustandegebracht hat. Er hält vielmehr an der Flüssigkeit des Volkscharakters, an seiner Wandlungsfähigkeit unter dem Drucke geschichtlich-cultureller Factoren fest. (Für jeden Fall ist es unleugbar, dass mit dem Fortschritte des Volkslebens das 1 Rassen moment immer mehr hinter das culturelle zurücktritt. ) Aber eben deshalb, weil er nur grosse geschichtliche Ereignisse ins Auge fasst, ist er der Ansicht, dass die Katastrophe (die babylonische Diaspora), die unser Volk ereilt hatte, nicht allein Verknöcherung von Volk und Schriftthum, sondern auch die allmähliche Verkümmerung des Nationalbewusstseins zur Folge hatte. Die Bibel, so argumentiert er. kennt nicht das Individuum mit seinen Soliderinteressen ihr gilt nur das Ganze, Ahndung und Verheissung betreffen immer die Gesammtheit. Erst mit der Diaspora rückt die Einzelperson mit ihren eigenen Strebungen und Ansprüchen in den Vordergrund; also seien bereits die nationalen Bande gelockert worden. Die Bibel kennt nicht den Unsterblich* keitsglauben (obsehon die Aegypter, bei denen wir uns lange aufhielten, ihn kannten); erst nachdem wir unserer Unabhängigkeit verlustig geworden sind, tauchte dieser Glaube in unserem Schriftthum auf. Dies rühre davon her3 dass im biblischen Zeitalter der Gattungssinn das Individuum so sehr beherrschte, dass es an die eigene leidige Fortexistenz zu denken kein Bedürfnis verspürte (der Gattung ist ja auch hienieden die LTn Vergänglichkeit gesichert!). Erst als der Gattungssinn geschwächt oder gar verloren gegangen war, bedachte sich das isolierte Individuum (allerdings nicht das Durchschuittsindividuum selbst, sondern die führenden Geister, die es der Religion der Väter erhalten wollten) auf sein eigenes armseliges Dasein und suchte es über das Grab hinaus zu retten . . . Dieser Atomisierungsproeess habe selbstverständlich, je mein* wir uns vom Zeitalter der politischen Unabhängigkeit entfernt haben, immer mehr um sich gegriffen . . . Von solch einem krankhaften Volksorganismus sei daher keine Initiative, kein befreiendes Unternehmen zu erwarten; er müsse zuerst (durch grosse Culturthaten) saniert werden, es müsse ihm vor allem echter Nationalsinn, Verständnis und Opferwilligkeit fürs Ganze beigebracht werden .... Diese seine historiosophische Betrachtung beweist Achad-Haam vermittelst einer kunstvollen, aber nicht minder künstlichen und überhaupt für den vorurteilslosen Leser nichts weniger als überzeugenden Zusammenstellung von im Talmud versprengten Sprüchen. (Fortsetzung folgt.)