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Die Welt · 1901-10-25 · 43 (25.10.1901) · p. 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
43 (25.10.1901)
Article
Der fünfte Congress
Date
1901-10-25
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite' 4 „Die & Welt" Nr. 43 Es war das Verdienst der. antisemitischen Presse in Frankreich, die Zionistencongresse als das, was sie wirklich sind,, zu zeigen,: als die Zusammenkünfte des Dreyfus - Syndicats. Noch aber ist die schwere Frage nicht beantwortet, welche Fäden den Zionismus mit der Kupferkrise verbinden, und das Geheimnis ist noch nicht enthüllt, zu welchem Zwecke sich ein Freiwilliger der Boers namens Lewis unlängst von den Engländern kriegsrechtlich ersehiessen Hess, Es muss wirklich zugegeben werden, dass eine Stärkung der Juden eine eminente Gefahr für die Arier ist. Man müsste verzweifeln, wenn nicht die Goncurrenz um den Henry Deutsch- Preis das Modell eines in der Zukunft lenkbaren Luftschiffes ergeben hätte. Denn wie könnten sonst die armen Arier auf den Mond kommen? In der „Gazette" lesen wir noch keine diesbezügliche Anzeige eines Reisebureaus. Da wir nicht wissen, ob Henry de Deutsch Jude oder nur jüdischen Abstammung ist, können wir auch nicht sagen, warum er gerade unmittelbar vor dem fünften Gongresse die Idee eines lenkbaren Luftschiffes forciert. Jedenfalls geben die Enthüllungen der „Gazette" zu denken. Seelenkrüppel. Donnerstagden 18. Juli dieses Jahres starb in seinem 48. Lebensjahre Dr. Ferdinand Caspary, der als Mathematiker Namhaftes geleistet hat. Sein besonderes Verdienst hat er mit Koetter darin, dass er auf die lange nicht gebührend gewürdigten, ja verkannten mathematischen Lehren des vielseitigen Grassmann die Aufmerksamkeit lenkte. Seine eigenen Studien., die bei uns und im Auslande viel Anerkennung fanden, beziehen sich auf die Flächentheorie, die Theorie der Raumeurven, die Theorie der elliptischen Functionen, die Theorie der Thetafunctionen von zwei und mehr Veränderlichen. 1833 zu Unruhstadt geboren, studierte (Uispary, auf dem Gymnasium zu Glogau vorgebildet, von 1871 bis 1873 an der Universität Berlin, unter dem damaligen Mathe matikerdreigestirn Kummer, Weierstrass und Kronecker und unter A ronhohl von der jetzigen technischen Hochschule Mathematik. 1874 errang er den Steinerpreis. Im Jahre darauf promovierte er zum Doctor, später bestand er die wissenschaftliche Prüfung für das Lehramt. Er widmete sich in der Folge dem Schulfache. Nach langjähriger Thätigkeit am hiesigen Humboldt-Gymnasium nahm er 1887 seinen Abschied, um sich ganz der wissenschaftlichen Arbeit zu widmen. Seit 1804 nahm Caspary an den wissenschaftlichen Arbeiten theil, welche die Firma Siemens und Halske ausführen lässt. Wer diesen registrierenden Nekrolog des so früh aus dem Leben geschiedenen Gelehrten liest, wie ihn die „Voss. Zeitung"' gebracht hat, wird sich erstaunend fragen, warum wir und an dieser Stelle dieses Mannes gedenken. Denn die Thatsache, dass Caspary ein hervorragender Mathematiker war, dürfte so wenig zur Erklärung genügen, wie meine Erinnerung an die häufigen Massageübungen, die der Verstorbene einst bei Gelegenheit der Eindrillung der Congruensätze an meinem äusseren Menschen vorgenommen hat. Vierzehn Jahre sind seitdem vergangen. Ich hab' ihn nie wieder gesellen und nur selten von ihm gehört. Aber der übermächtige Eindruck, den einst die plötzliche Entlassung Casparys aus seinem Lehramt am Berliner Humboldt-Gymnasium auf den Jüngling gemacht, er hat sich nicht verwischt. Er hat mich die langen Jahre beschäftigt, bis sich mir jenes Ereignis emporwuchs von dem Schicksal eines Lehrers zu der erschütternden Tragödie des jüdischen Gelehrten der Jetztzeit. Nachdem Caspary eine Reihe von Jahren sich mit den Quintanern abgemüht hatte, hatte er eine Berufung als ordentlicher Professor der Mathematik an dieUniversitüt Dorpat erhalten. Seine Studien, die nichts zu thun hatten mit den üblichen Programmarbeiten der Gymnasialoberlehrer, hatten die Aufmerksamkeit der wissenschaftlichen Welt auf ihn gerichtet. Indessen geniigen zu einem Ordinariat wissenschaftliche Leistungen — selbst bahnbrechende und überragende — nicht. Der Gelehrte muss auch sonst für eine so bedeutsamen Posten qualificiert sein. Neben dem Besitz ausgebreiteter Kenntnisse, selbständiger Gedanken muss er sich auch im Besitz eines — guten Glaubens befinden. Selbst in dem Lande, das so ganz besonders mit seiner „Freiheit der Wissenschaft"' prunkt und protzt — in Deutschland — ist es nicht anders. Um wie viel mehr erst in Russland, das auf dem ganzen, breiten Gebiet des geistigen Lebens nach Einheitlichkeit und Uniformierung strebt. So weit wenigstens die leitenden und treibenden Kräfte darauf Einfluss nehmen können. So lief denn bei Caspary zunächst die private x^nfrage ein, ob er denn noch Jude sei oder ob er für seine Seligkeit schon hinreichend gesorgt habe. Caspary war noch nicht getauft. Ein anderer hätte den „zarten Wink" schon verstanden. Paris vaut bien ime messe. Caspary war aber zu sehr Jude und — Mathematiker. Freilich! Um stolz sein Judenthum zu bekennen, dazu war zu wenig lebendiges Judenthum in ihm rege. Um es schleunigst fortzuwerfen, schon auf die nur halbamtliche Anfrage hin, die zu nichts verpflichtete, dagegen stemmten sich die paar jüdischen Pietätsgefühle, die im Halbdunkel' seiner Seele lagen. Er gieng darum einen besonders gescheiten Weg: ohne sich taufen zu lassen, gab er an, Christ zu sein. Die Facultät war beruhigt! Bald erfolgte seine Ernennimg zum Professor. Aber das Schicksal erreichte ihn schnell. Die Lüge wurde bekannt; und er verlor die Professur und die Stelle als Lehrer. Der Berliner Magistrat entliess ihn, weil er nicht die „sittlichen Qualitäten" besässe, die der Beruf des Pädagogen erfordere. Er war in die Noth des Lebens hinausgestossen. Wohl setzte er es später nach hartem Kampfe durch, dass er wieder qualificiert wurde, indes trat er bald in den Dienst eines industriellen Unternehmens. Und als ihn der Tod in seinen besten Mannesjahren ereilte, da widmete ihm der Verein Berliner Presse" einen Nachruf. Ihm, dem „ivinen" Mathematiker! Er gehörte eben auch zur Presse, die in unserer Zeit nun einmal die Gruft für die jüdischen Intelligenzen geworden ist. So gieng ein Menschenleben in Trümmer, das zu den höchsten Erwartungen berechtigt hatte. Er war der Typus eines tragischen Helden, dessen Untergang die Sühne für eine schwere Schuld geworden. Gewiss, er war keine grosse, hohe und stolze Natur, der wir eine Thräne nachweinen könnten. Ihm nicht! Aber seinem Schicksal. Sein Schicksal aber war die christliche. Liebe, die sich nur ausserlich gewandelt hat in den Zeiten. Mit Feuer und Schwert hat sie früher geworben. Jetzt lockt sie die Geister mit der verführerischen Schönheit, die über dem ruhigen Genuss des Lebens in Wissenschaft, Kunst und — Alltagstreiben liegt. Viele, die harmlos genug, muthig genug, streberisch genug und innerlich verzweifelt und zermürbt waren, sind den Lockungen gefolgt. Sie sind in die Tiefe gesprungen und haben das Vineta ihrer Selmsucht gefunden. Die aber mit ihrem Judenthum nicht ganz zu sterben vermochten, um zu ganz neuem Sein wieder aufzuerstehen, die Tausende, sie sind Seelenk riippel geworden. S i e sind die wahren Märtyrer unseres Volkes. Nicht aber unsere grossen Männer und Ahnen, denen, man mit glühenden Zangen das Eleisch vom Leibe riss. Die waren keine Märtyrer. Die haben nicht gelitten. Aufblickend zu unserem Gott mit lachenden Augen und jubelnde Lobhymnen im Munde spotteten sie des blutigen Werkes der „echten" Liebe. Nicht die im seligen Bewusstsein, für unser Volk und unseren Gott zu sterben, ihr Leben freudig hingaben, sind Märtyrer gewesen. Nein! Die Märtyrer unteres Volksthums sind nur jene armseligen Seelenkrüppel, die an dem unbewussten Judenthum in sich in Trümmer zerfielen, an den vererbten, vieltaüsend jähr igen jüdischen Gefühlswelten, die im Grunde ihrer Seele verankert lagen . . . mit un- 1 ö s b a r e n Ankern! — Ein typisches Beispiel dieser Märtyrer war Caspary. Drum haben wir seiner gedacht. Perlin. Dr. Theodor Zlocisti. Der Judenzoll und die jüdische Wohlthätigkeit in Ungarn. Von Dr. J. Ronai (Baldesfalvaj. IL Wie in drückender Sommersehwüle beim Herannahen einer dichten Eissvolke erst nur einzelne zerstreute Hagelkörner fallen,

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