Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 42 (18.10.1901)
- Article
- Liebe Volksgenossinnen!
- Date
- 1901-10-18
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/3315709-3315905-3315948-3400530--28590-3400621- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 42 „Die # Welt- Seite 9 gestellt. Durch Vorträge und Discussionen soll den jüdischen Mädchen und Frauen Gelegenheit geboten werden, die nationale Geschichte und Literatur kennen zu lernen. Ei soll ein Vereinigungspunkt werden, wo wir lernen, den Namen Jüdin, der uns oft als Schimpfwort entgegengeschleuderfc wird, mit Stolz und Liebe zu tragen. Als begeisterte und überzeugungstreue Jüdinnen werden wir dann auch zu wackeren Kämpferinnen für das Wohl des jüdischen Volkes werden, für das hohe, stolze Ziel, das die zionistische Bewegung anstrebt. Wir bitten alle jüdischen Mädchen, sich uns anzuschliessen, denn nur mit vereinten Kräften kann ein Sieg errungen werden. Nähere Auskünfte ertheilen: Ina Schimmer Amelie Gelbtuch, IL, Rembrandtstrasse 30. IX,, Liechtensteinstr. 17. Achad-Haam als Historiosoph. A^on Halonion Schiller. Die Forschung Achad-Haams ist angewandte Uistoriosophie. Seine Theoreme haben stets einen praktischen Hintergrund. Sein Augenmerk ist in erster Linie auf die Gegenwartsprobleme des Judenthums gerichtet. Ihre Lösung aber soll ihm die Vergangenheit des jüdischen Volkes liefern. Dort spürt er den Eni-- stehungsgründen, Analogien und Seitenstüeken nach zu dem, was uns gegenwärtig lebhaft beschäftigt. Und die in der jüdischen Vergangenheit vorgefundenen Analogien und Seitenstücke zu den Problemen von heute sollen ihrerseits wiederum durch Vergleichung mit dem Culturlchen anderer Völker, besonders aber durch Zurückgreifen auf die Triebfedern socialer Bewegungen, auf die Beweggründe der Menschennatur überhaupt., ihre Interpretation finden. Dieses Ausgehen von praktischen Einzel fragen war für die Gestaltung der Geistesarbeit Achad-Haains bestimmend. Sie bietet keine zusammenfassende, abgeschlossene Anschauung über die Entwicklung der jüdischen Nation, sondern eine Fülle vereinzelter historiosophiseher Gedanken, fragmentarisch, aphoristisch vorgetragen, die aber allerdings in ihrer Gesamnitheit auf eine gemeinsame Wurzel, auf eine einheitliche Weltanschauung Innweisen. Die Uistoriosophie Achad-Haams ist eine seltsame Synthese von Evolutionisnnis und Ideologie, von englischem Empirismus und deutscher eonstrneliver Philosophie. Als Jünger David Humes ist er dem Nationalismus mit seinen scharfen logischen Begrenzungen abhold, allein seine Methodologie, die Systematik klingt an die llegel'sehe Dialectik der Idee an. Als gewiegter, mit feinem Sinn für das Trieblehen von Menschen und Völkern ausgestatteter Psychologe ist. er sich dessen wohl bewusst, „dass das Leben nicht von logischen Gesetzen regiert werde," ,.<lass die Seele eine Fülle von Widersprüchen in sieh berge, die die Logik absolut nicht duldet/'; und doch kein rechtes Verhältnis zur Wirklichkeit! Als modernem Psychologen entgeht, es ihm wohl nicht, dass unser Denken von Gemüt hsbediirfnissen überwuchert wird, dass unsere ausgesprochenen Gedanken, wenn auch nicht hervorgehen, so doch getragen werden von Trieben und Instinclen, Neigungen und Abneigungen; allein vor lauter Psychologie verliert er öfters den lealen Boden unter den Füssen, entrückt sieh seinem klaren Auge die Objectivität der Dinge, die doch der erste Ansporn und zugleich das Regulativ unserer (Jcmülhsbelhiitigung ist. Allerdings deutet Achad-Haam in allen seinen Abhandlungen diu socialen Verhältnisse au, aber nachdem er sie flüchtig gestreift (gemeiniglich in einem eingeschalteten Satze), nachdem die leidige. Objectivität ihre Pflicht gethan, verlässt er sie so rasch als möglich, um in schrankenloser Gemüt hsfechterei zu schwelgen. Die Entwicklungen und Verwicklungen, die Achad-Haam so reizend schildert, könnte man als Seitenstück zur Hcgel'schcn Dialectik der Idee, als die Dialectik des Gemüths bezeichnen. Als den Grundfehler der Achad-Haanr sehen Uistoriosophie sehen wir es an, dass neben dem Socialpsyehologen der Oekonomist gar nicht zum Worte kommt. Jeder, der Fruchtbares über die Geschichte der Völker äussern will., nmss sieh zu allererst mit dem Materialismus auseinandersetzen, muss sieh zu allererst fragen, inwiefern Productionsweise und Vertheilung der Producte, sociale Macht und socialer Niedergang, Formen der Herrschaft, Krfindungen und Entdeckungen (die doch das sociale Leben ganz besonders beeinflussen), kurzum, inw iefern die ganze Gomplication des Lebens und Ringens bestimmter Interessensphären gewissen Ideen und Weltanschauungen förderlich oder hemmend, sind. Von alledem bei Achad-Ilaam keine Spur! Seine Kämpfe zwischen ..Zwei Mächten", zwischen „Positiven und negativen Systemen", „Vergangenem und Zukünftigem", „Verfrühtem und Verspätetem" werden in einem Wölkenkuckucksheim ausgefochteu, könnten ebenso gut auf die vorchristliche-, wie auf die nachchristliche Aera sich beziehen. Allerdings handelt es sich bei Achad-Haam um abstraete, typische Erscheinungen, die nur von der psychischen Natur der Menschen und der Verbände als solcher bestimmt werden sollen. Aber es fragt sich eben, ob derartige Typen Lebensfähigkeit besitzen, ohne von individuellem, d. i. social bestimmtem Inhalt erfüllt zu sein, und ob nicht gerade dieser Inhalt der Spiritus moveiis aller Culturbowegung ist. Daher kommt es, dass Achad-Haam wohl den (dementarpsychologischen Unterbau der Gesellschaft treffend und ausdrucksvoll uns vor Augen führt, nicht aber d i e Gesellschaft, wie sie leibt und Lebt, was um so verhängnisvoller ist, dadoch, wie wir oben voranschickten, seine .Vorsehung angewandte Uistoriosophie sein will, da er doch aus seinen Lehren fürs jüdische Volk praktische ( onsetpienzcn ziehen will. Glücklicher ist seine psychologische Analyse von ziemlich primitiven und homogenen socialen Organisationen; wo es sich dagegen um reiehverzweigte, hochdifferenzierte Culturen handelt, da erweist sich die Blut- und .Fruchtlosigkeit seiner Erörterungen, die Künstlichkeit seiner Coustruet innen in verblüffender Weise, obschon wir auch liier auf eine Fidle von trefflichen, höchst beherzigenswerten Gedanken stossen. Der Lieblingsgegenstand Achad-Haams ist die Anwendung des Darwinismus auf die Socialpsy<diologie, die Uebertragung der Descenden/.theoric auf Culturschöpfungen der Menschheit. Kampf ums Dasein, Sieg des besser Angcpassten und Vererbung sind nicht allein die Grundbedingungen für die Abänderung der Arten, sondern auch für die Abänderung von Peberzeugungen, Sitten, ileligionen, Culturen. ..Auch die geringste Aenderung in irgendeinem Lebcnsgebicle vollzieht sich nicht ohne Kampf, nicht einmal eine Aenderung in der Orthographie." Krieg und Frieden sind wie Bewegung und Buhe nur relative Begriffe, sie unterscheiden sich bloss durch ihre Manifestalionsweise. ..Puter Krieg verstehen wir das offenkundige, zielbewusste Bingen zwischen zwei hagern, ein Bingen, dessen Hergang, Ursache und Wirkung wir zw überblicken vermögen : unter 'Frieden — jene beständigen kleinen Kämpfe, die sieh entweder wegen ihrer Geringfügigkeit unserem Bewusstsein (Mitziehen, oder deren Daseins wir uns wohl im allgemeinen bewussl sind, deren lOiuzclheiten und Causal Verkettung aber wir nicht umfassen können." Diese verschwindend kleinen, unter der Schwelle des socialen liewusslsoius vor sich gehenden Kämpfe» und die in ihrem Gefolge sich vollziehenden kleinen (Gultur-) Wandlungen summieren sieb im Laufe der Zeit zu grossen von einander stark abweichenden ('ult urmassen, die dann in einen offenkundigen, zielbewusslen Krieg gegeneinander gerathem Ks wiederholt sich somit im psychischen Leben der -Gesellschaft eine aus der! nd ividua! psyehologie bekannte Erscheinung: Aus dem Hintergründe der halb unbew ussten assoriativen Processe gehen, infolge von Interesse und Aufmerksamkeit klare, übersichtliche Appcrceptioneu hervor, die dumpfen Triebe steigein sieb im Laufe der intelleetuellen Entwicklung zu bewussten W'illensüusserungcn, um sich dann durch l'ebung und Gewöhnung zu mechanisieren, zu organisieren, in Associationen zurückzusinken. Diese; Mechanisierung und Organisierung von Gedanken und Willensäusserun.- gen im Leben der Gesellschaft vollzieht sich nach Achad-Ilaam im Wege der Vererbung verflossener Generationen (also auf Grund des zweiten Darwinschen Pundamentalgesetzes), wie im Leben des Einzelnen durch Einflüsse der Umgebung. „Jeder Guiturinensch, der in einer geordneten. Gesellschaft lebt, steht beständig unter dem hypnotisierenden Einflüsse seiner Umgebung. Diese suggeriert ihm (dem Einzelnen) im Wege der Erziehung cuie Unmasse von Geboten, die im vorhinein seine zukünftige Lehensweise determinieren, seinem Verstände und Geuüithe eine bestimmte Form