Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 42 (18.10.1901)
- Article
- Die Bank
- Date
- 1901-10-18
- Page
- 2 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 2 „Die & Welt" Nr. 42 Die Bank. Von Dr. Alexander Marmorek (Paris). Die Bank, unsere Bank ist arbeitsfähig! Aus dem Dämmerschein des Werdens tritt sie in das volle Licht der Wirklichkeit. Sie lebt und wird bald ihre jugendicräftigen Glieder in die weite Welt strecken, ein sichtbares Werk zionistischer Arbeit. Sie ist dem weitsichtigen Denken und Thun einiger Männer entsprungen, die das ideal unbezähmbarer Begeisterung 7iüt dem klaren Verständnis der Bedürfnisse unserer Zeit zu paaren wussten. Dem idealen Streben der Bewegung musste eine knorrige, allen verständliche reale Stütze gegeben werden. Der Plan war fast tollkühn. Denn er war eine jener Kraftproben, die jm vorhinein Spott und Hohn und Verdächtigungen bei den (iegniM'ii herausfordern und infolge dessen selbst bei den (iutgesinnten und Getreuen Verzagtheit und Mutlosigkeit zu überwinden haben. Viele unserer Gesinnungsgenossen beugten sich aus Parteidisciplin dem Votum des zweiten (Kongresses und arbeiteten getreu an der Errichtung des Werkes, aber hörten nicht auf, zu fürchten und zu warnen . . . Es erschien ihnen unser Wollen grösser als unser Können. Doch mit einem Factor haben die Schwachmüthigen nicht gerechnet, weil es ein imponderabler Factor ist, der im kalten Calcui keine Stelle findet, der im Comptoir nicht mit Ziffern und Zahlen ausgedrückt werden kann: das ist die Begeisterungsfähigkeit und Opferfreudigkeit eines Volkes. Ihm, unserem armen Volke, seinen gebeugtesten Sprossen, gebürt Ruhm und Ehre, denn dieses arme Volk hat mehr als seine Pflicht gethan! Die Aermsten des armen jüdischen Volkes, sie haben nicht einen Augenblick gezaudert, der Aufforderung ihres frei anerkannten Führers zu folgen, sie haben ihren sauer verdienten und unter Entbehrungen ersparten Pfennig herbeigetragen, um mit Hand anzulegen, werkthätig zu helfen, um Israels Golus vielleicht einmal damit ein Ende zu bereiten. Der Mann im schmutzigen, zerschlissenen, fadenscheinigen Kaftan in dem weltentlegenen Städtchen im innersten Kussland hat sich damit als hoher Idealist erwiesen, wieder erwiesen. Den Schweiss seiner thränenreichen Arbeit hat er in ein huntgedrucktes Papier umgesetzt, aber nicht, um damit Zinsen zu gewinnen : ihm ist dieses Papier mehr wert als alle Börsenpapiere, von dem Klügere wissen, wie viel es heute kostet und was es morgen gewinnen wird; ihm ist seine Actio der jüdischen Colonialbank ein sonniges, goldiges Stückehen s e i n es Landes, um das er gleich seinen Vätern schon jahrtausendelang weint. Durch dieses Papier sieht er wie durch ein Zauberglas etwas Schöneres als Dividende und Courswert : er sieht Neuland, das Land seiner Ahnen, von dem er hoffr, dass es das Land seiner Kinder werden soll! Und für uns, die das Werk gewagt, die an dessen Wiege gezittert haben, die dessen Entwicklung mit Sorge und Angst verfolgt haben — für uns waren diese unzähligen und stets sich erneuernden Proben von Opfermuth und Volksbewusstsein Trost und Erhebung, da wir oft unter den Verleumdungen und Schwierigkeiten des Werkes zusammenzubrechen meinten, das wir unternommen hatten. Die Bankactie aber ist der Adelsbrief für diese reichen armen Idealisten geworden! Da seht euch diese eure verachteten Stammesgenossen und ihre Thaten an, ihr Führer der Gemeinden, ihr stolzen und vornehmen Herren in oder richtiger aus Israel! Was thatet i hr für euer Volk? Ihr, die ihr euch für Schönheit begeistert, die ihr für alles Erhabene euch entflammt, die ihr der Kunst, wo ihr derselben begegnet, eure Reverenz macht? Euch rührte nicht die bedeutsame Sprache der Ziffern: die mehr als hunderttausend Subscribenten, die nur eine Actie zeichneten, weil sie selbst diesen Betrag nur unter den grössten Kümmernissen aufzubringen vermochten! Euch rührte nicht das waghalsige Unterfangen jüdischer Intellectueller, welche den tollkühnen Muth hatten, in das ihnen fremde und so entlegene Reich des Geldes sich hineinzuwagen — ihr hattet nicht einmal den schuldigen Respect vor den selbstlosen demüthigen Schritten von Männern, die an eure Thüre klopften, um Hilfe für ein Volk zu erbitten! Ihr bliebt von unserem Werke ferne— wenn Thr uns nicht verspottet und gehöhnt habt! Doch wir wollen dessen nicht gedenken, denn w i r wollen niemanden aus unserer Gemeinschaft, drängen, der kraft seines Blutes hineingehört — und wir hören nicht auf zu hoffen, dass Ihr den Weg zu Eurem Volke wiederfinden werdet. Und leise Anzeichen zeigen uns, dass selbst eisen - gepanzerte Herzender glühenden Sonne der Volksbegeisterung nicht standzuhalten vermögen. Hie und da beginnen sie schon aufzuthauen, diese ihrem Volke entfremdeten Herzen. Wo im verborgensten Winkel auch nur die kleinste Falte jüdischen Gefühles sich fand, schlug dieses wie die Saite einer Aeolsharfe leise an, zitterte nach und begann sich für das jüdische Nationalwerk zu interessieren. Der Jude kommt dem Juden näher! Wir wollen mit Euch nicht rechten, die Thr bisher unserem Werke ferngeblieben seid, an dem mitzuarbeiten jedes Juden Pflicht gewesen wäre, welcher Gesinnung er auch sei, denn eines wird niemand leugnen wollen und können: Dem Wohle des jüdischen Volkes ist unser Thun geweiht. Noch ist es Zeit für Euch, die Ihr bisher die Pflicht Eurem Volke gegenüber versäumt habt. Thut Ihr das aber nicht, so wird die Sehmach unverwischbar sein, dass Ihr Euer Volk im kritischen Augenblicke im Stiche gelassen habt. Wir Zionisten aber sind nicht aus weichem Holze — und jetzt, da wir auf unserem Wege das erste Ziel erreicht haben, schreiten wir guten Muthes und neugestärkt weiter. In mehr als zweimalhunderttausend jüdischen Häusern auf dem ganzen Erdenrunde liegt unser Wort in Form einer Actie der Jüdischen Colonialbank verpfändet. Wir hoffen es mit Gottes Hilfe einzulösen. Das Vertrauen des Volkes ist eine Hefe, die stets neue Gährung, neuen Muth erzeugt. Vorwärts! Unentwegt vorwärts! Das sei auch fürderhin unser Losungswort! Der fünfte Congress. „Der Jude" widmet dem fünften Congress eine sehr interessante Besprechung, der wir folgende Stellen entnehmen: „Der fünfte Congress findet wieder in Basel statt, wo das Baseler Programm erstand, die Organisation geschaffen und die Gründung der Jüdischen Colonial- Bank beschlossen wurde. Von der Stadt, welche uns durch viele schöne Erinnerungen lieh und theuer geworden ist, soll wieder in die ganze Welt das kräftige zionistische Wort ertönen von Freiheit und Leben und Zukunft eines alten Volkes," * * *