Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 41 (11.10.1901)
- Article
- Nach jüdischen Volksmotiven
- Date
- 1901-10-11
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 41 „Die & Welt Seite 13 Meine Eilern halten Mich fern von Dir, Und kann doch nicht leben Fern von Dir. Auf ein Weilchen, mein Freund, Auf ein Stündchen sei nah, Alle sind feind mir Und Du bist nicht da. Wo bist Du, meine Seele, Wo bist Du, sag', Wo bist Du, meine Seele Bei Nacht und bei Tag? Der Golem. Von Rudolf Lothar. (Fortsetzung.) Dos Rabbi Stiuliorziiiitnor sali eliov dorn Laboratorium einos iMelmnisteu gleich als der Arbeitsstil!** eines Schrifige- Mirten. Ein Herd mit allerhand sonderbarem CJerätli stand inmitten des grossen Kaiimes. Blätter mit krausen Zeichen Mengen an den Wänden. Ein Kreidekreis war auf dem Boden gezogen, und ein 2sTetz von Linien lief zwischen Sternbildern und hebräischen Buchstaben. Auf dem Tische lagen schwere Bücher zu Häuf, Bücher türmten sich auf dem Pulte, Bücher klommen in langen Reihen die Mauern empor, Bücher wälzten sich in starren Reihen aus allen Winkeln des Gemaches. Selbst auf dem Ruhebette, wo der Rabbi nach der Arbeit zu rasten pflegte, lagen Bücher, Bücher und Schriften. Der Rabbi versehloss die Thür hinter sieh und gieng mit grossen Schritten auf und ab, ohne sich um seinen Besuch zu kümmern. Er hatte die Hände über dem Rücken gekreuzt, den Kopf tief gesenkt. Die Falte zwischen den Brauen war noch tiefer und drohender geworden. Das weisse, lose Haar flammte wie vom Hauche des Zornes getrieben, über seinen Schläfen empor, und über der hohen Stirn mit ihren zarten Buckeln, Maulwurf shügeln der Gedanken, lagerte in finsterer Ruhe ein nahendes Gewitter. Vor dem kleinen Handeismanne blieb der Rabbi stehen, packte ihn bei den Schultern und schrie ihn an: „Du hast mir den Unfrieden ins Haus gebracht!" Reb Simon zog die Schultern hoch, schloss das eine Auge und blinzelte mit dem anderen den Rabbi an. Mit einem geschickten Drehen des Körpers entwand er sich seinen Händen. Dann spitzte er den Mund und blies die Luft mit pustendem Pfeifen vor sich hin, zupfte mit den Fingern an den Spitzen seines Bartes, setzte sich rittlings auf eine Sessellehne und sagte ganz leise, aber mit einer seltsamen Gewichtigkeit: „Den Unfrieden? Ei, ei! Habt nicht immer so gesprochen, Rabbi! Habt mich ja gebeten, Euch immer mehr zu sagen, Euch immer mehr zu zeigen. Seid wohl nicht zu Rande gekommen mit dem grossen Werke? Und Ihr vermagst Euch doch, dies Wunder zu vollbringen. Ich brachte Euch die Wissenschaft aus Indien. Was habt Ihr mit der Wissensehaft gemacht?" Der Rabbi gieng zu einem Verschlage und hob den Vorhang: „Schau her!" sagte er ruhig und feierlieh. Reb Simon riss die Augen auf, streckte die Hände vor und warf sie dann aus den Gelenken zurück zum Zeichen grössten Erstaunens. Dort in der Nische stand eine lebensgrosse Lehmfigur. Eine griechische Marmorstatuette des Apollo hatte offenbar dem Bildner als Anregung gedient, nicht als Modell. In der Bewegung wie im Ausdruck war die Figur von ihr völlig verschieden. Sie stellte einen Iüngling dar in vollkommenster Körperschönheit. Aber in den Zügen wie im Bau des Leibes sprach nicht der Geist der Antike, nicht griechische göttliche Heiterkeit und olympische Ruhe, sondern idlyllisches Kraftgefühl, ein heisses, spannendes Verlangen nach Leben. Die Muskeln waren wie sprungbereit, und der Mund schien eben zu einem Schrei sich öffnen zu wollen. „Schau her!" sagte der Rabbi. „Rastlos habe ich an diesem Bilde geformt und gearbeitet. Meine ungelenken Hände, meine blöden Finger habe ich geschult und gemeistert. Und an diesem Thon, diesem Kloss, diesem Golem hängt jetzt niuin Herz. Die erste »Stufe zum Tempel habe ich erstiegen. Das Gefäss ist bereit, den Inhalt zu empfangen. Du begreifst die Vermesseulieit meines Thuns. Du weisst, dass der Weg zum Werke, das Du mich gelehrt, an Finsternissen vor überführt, die kein Strahl der llimmelssoniie durchleuchtet, in die kein menschliches Auge tauchen darf. Leben will ich spenden mit der Macht des Todes. Wie der Tod die Menschenseelc aus ihrem Gefängnisse löst, dass sie frei und rein ihren Flug nimmt zur ewigen Höhe, so will ich sie lösen aus ihrer Hülle. Aber eine Wohnung will ich ihr weisen, die ich geschaffen, belauschen will ich sie und sie erkennen! Was nur Gott bis jetzt gethan, will ich vollbringen. Gott hält Zwiesprach mit den Seelen, ehe er sie zur Erde schickt, ehe er mit dem irdischen Gewand sie bekleidet. Und er redet mit ihnen, wenn sie heimkehren von ihrer Wanderung und das Gewand zerrissen ist!" Der Rabbi sprach diese Worte nicht trotzig. Sie fielen ihm von den Lippen wie eiserne Stücke seines Willens. ,,Siehst, Du, Reb Simon, die Handgriffe und Formeln konntest Du mich lehren. Den Sinn des Geheimnisses habe ich durchforscht. Erst seitdem ich begreife, fühle ich die Grösse meines Werkes. Ich stehe vor dem Quell des Seins und schöpfe ans ihm. Und ich weiss, was das Rinnen und Rieseln, das Rauschen und Strömen dieser Quelle bedeutet. Gott ist der Mund der Quelle, Gott ist der grosse Ocean, in den alle Tropfen fHessen. Ausseiner Rechten fallen die Tropfen zur Erde nieder, in seine Linke nimmt er sie wieder auf. Wer vermag es, den Weg eines Tropfens zu hemmen?" (Fortsetzung folgt.) Das Gericht. „Und ein Feuer fuhr nieder vom Herrn und verzehrte die zweihundertundfünfzig Mann . . IV. B. M., XVI, 35. Der Abend kam durchs Sternenthor der Welten Und stillte der Empörer lauten Groll- Wie Todesschatten lag auf ihren Zelten Das Schweigen bange und erwartungsvoll. Doch unter sie war wilde Angst getreten Und wies der Sünden frevelnde Begehr; Auf blassen Lippen stammelte ein Beten — Doch fern zog schon ein dumpfes Rauschen her. Ein Blitz fuhr auf. . . Die Nacht ward jäh' zerbrochen, Ein Feuerstrom sank aus der starren Wand, Und mitleidslos, so wie sein Wort gesprochen, Schlug alle Frevler Gottes starke Hand. Mit Dunkel füllte sich die Himmelsschale, In Wolkenflut ertrank des Mondes Horn, Des Herren Sturm erbrauste durch die Thale Und von den Höhen wetterte sein Zorn . . . W ien. Stefan Zweig. Von unserer westlichen Volksbildungsbewegung. i. Erste Jüdische Toynbee-HaiJe in Wien. XX., Karajangasse 20. Prog r a in n i de r Vortrags a b o n d e für die n ä c h s t e Woche: Dienstagden 15. October. E r ö ff n u n g s- Abend. Ansprache des Herrn Professor Dr. Leon Kellner: Rückblick und Ausschau. Der Eintritt ist an diesem Abende nur geladenen Güsten gestattet. Mittwoch den 16. Octoher. Martin Bub er: Vorlesung aus jiingjüdischer Dichtung. Donnerstag den 18. October. Dr. Siegmund W erne r: Ueber Hygiene. Freitag den 18. October. Dr. J. Grüll: Bibelerklär im g. Beginn der Vorträge: 7 Uhr abends. #