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Die Welt · 1901-10-11 · 41 (11.10.1901) · p. 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
41 (11.10.1901)
Article
Zacharias Frankel
Date
1901-10-11
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 „Die jfr Welt*6 Nr. 41 Wochen kein Geringerer als Harnack3) ausgesprochen: „Die historische Methode allein ist conservativ, denn sie sichert die Ehrfurcht — nicht vor der Ueberlieferung, sondern vor den Thatsachen --und macht der Willkür ein Ende, Blei in Gold und Gold in Blei verwandeln zu wollen." Er gieng den Spuren der „mündlichen Lehre" nicht nur im Talmud selbst nach, sondern fand ihren Niederschlag auch in der Septuaginta und dem ganzen hellenistischen Schriftthum. Er zog neben derMischna auch die Tosefta und die halachischen Midraschim zur Vergleichung heran, entriss den jerusalpmischen Talmud der unverdienten Vergessenheit und gab als erster eine Entwicklungsgeschichte der H alacha. Er zeichnete mit eminenter Gelehrsamkeit ein klares Bild von der Aufeinanderfolge der einzelnen Schulen und suchte jeden Tauna bezw. Amora in seiner Eigenart zu charakterisieren. Seine hierher gehörigen Werke und Abhandlungen, vor allem seine hebräisch geschriebenen Einleitungen in dieMischna und den jerusalemischen T;ümud sind noch heute durch die planvolle und übersichtliche Ordnung des ungeheuren Materials das unentbehrlichste Hilfsmittel zum tieferen Eindringen in di^ talniudische Literatur und. trotzdem die Kritik theiiweise über dieselben hinausgegangen ist, durch kein neueres, gleich umfassendes Werk überholt. Ueberhaupt sind auf halachischem Gebiete diejenigen grossen Werke, die er allein uns hätte bieten können, so eine Einleitung in den babylonischen Talmud und eine vollständige kritische Ausgabe des jerusaiemischen Talmuds, noch heute ein Desideratura der Wissenschaft Aber all diese hervorragenden wissenschaftlichen Leistungen hätten Frankel nicht zu der Bedeutung erhoben und ihm die Anerkennung so weiter Kreise erworben, wenn er nicht gleichzeitig an einer Stätte gewirkt hätte, von der aus sein Geist auf fast alle deutschen Gemeinden ausströmte. Im Jahre 1851 wurde Frankel zum Director an das neugegründete Breslau er Rabbiner-Seminar berufen. Die Eröffnung dieses Seminars, des ersten seiner Art in Deutschland, an dem neben Frankel Männer wie G r ä t z, Joü 1, Jakob ßer n ay s lehrten, bildet einen Wendepunkt in der Geschichte der deutschen Juder." Bis dahin, so erzählt einer seiner hervorragendsten Schüler, irrten die Jünglinge in Deutschiand, die sich dem rabbinischen Berufe zu widmen entschlossen waren, buchstäblich wie eine Herde ohne Hirten umher. Bruchstückweise mussten sie sich die Erfordernisse für ihre künftige Laufbahn, hier das rabbinische Wissen, dort die zur modernen Bildung erforderlichen Kenntnisse zusammenlesen, es fehlte die Führung, der Zusammenhang, die Ueb^rleitung aus der alten Talmudschule in die weiten, luftigen Hallen moderner Wissenschaft. Hier in der Frankeischen Lehrstätte ward ein Mittelpunkt für die Vereinigung der bisher getrennten Gebiete geschaffen, hier schloss der Geist des unverfälschten alten Judenthums mit dem Geiste unserer Zeit ein dauerhaftes Freundschaftsbündnis, hier wurden die Thora und die Wissenschaft, die eine nicht die Magd der anderen, sondern beide als gleichberechtigte Schwestern, nebeneinander hingestellt, hier wurde Ordnung und Einheit. System und Methode geschaffen." Das Breslauer Seminar, das Frankel über 20 Jahre bis zu seinem am 13. Februar 1875 erfolgten Tode leitete, ist so eng mit seinem Namen verknüpft, dass man eine ganze Geschichte des Seminars und der von ihm ausgegangenen Wirkungen schreiben müsste, um Frackels Verdienste vollzu würdigen. Bei einem Manne, wie Frankel, der gerade durch die Macht seiner Persönlichkeit so entscheidenden Einfluss auf seine Hörer übte, der durch die Hoheit seines Charakters urbildlich und charakterbiMend wirkte, der durch seine geläuterte Religiosität und seinen sittlichen Ernst ebenso wie durch seine tiefe Gelehrsamkeit und seinen eisernen Fleiss auch den anfänglich Widerstrebenden mit sich fortriss, wäre es geradezu eine Unmöglichkeit, auf Grund von Büchern und Actenstücken ein Bild seiner ganzen Lehrthätigkeit zu geben. Wenngleich der Schreiber dieser Zeilen niemals Frankel persönlich gekannt hat, ist er doch in der Lage, seine Bedeutung auch nach dieser Seite hin zu würdigen. Denn im engeren Verkehre mit Frankels besten und edelsten Schülern gewann er einen Einblick in das ideale Verhältnis, das sich dort am Seminar zwischen dem Meister und seinen Jüngern herausgebildet hatte, in die beispiellose Verehrung, die sie der sittlichen und geistigen Hoheit Frankels zollten, in die rührende Dankbarkeit, mit der sie an ihm wie an einem wahren Vater hiengen. Frankel hat im edelsten Sinne des Wortes Schule gemacht, durch seine Jünger ist jüdischesWissenundFühlenin diemeisten grösseren 3) Die Aufgabe der theologischen Facultäten und die alicemeine Roligionsgeschichte (Rectoratsrede), Berlin 1901. Seile S. deutschen und theiiweise auch ausserdeutschen Gemeinden gedrungen. Frank eis Schule hat eine neue Richtung, das historische Judenthum, geschaffen und so ein Verfallen ins Extreme nach der einen oder anderen Seite verhütet. Eine grosse Anzahl seiner Schüler ist eine Zierde des Judenthums und der Wissenschaft geworden. Ich nenne hier nur Wilhelm Bacher. Heinrich Gross, David Kau f m a n n, Alexander K o h u t, Joseph Perl es, Adolf Schwarz. Die seitdem gegründeten Rabbinerseminare in Berlin, Pest und Wien sind ganz nach dem Muster des Franke l'schen Vorbildes organisiert, und die dort wiikenden Lehrkräfte sind theiiweise seine Schüler. Die Saat, die so von ihm ausgestreut wurde, ist also herrlich aufgegangen und trägt noch heute edle Frucht. Als Frankel starb, da konnte der Redner an seinem Grabe4) von dem Blick ins Leere sprechen, der sich jetzt vor aller Augen aufthue, und diese Worte klingen heute nach einem Vierteljahrhundert wie eine Prophezeiung, denn noch ist die Lücke nicht ausgefüllt, die durch sein Scheiden entstand, noch ist kein Mann wiedererstanden, der gleich ihm als Führer in Israel gelten konnte, der die gleiche Gelehrsamkeit, die gleiche Charakterfestigkeit und dazu die Gabe besessen hätte, zwischen den klaffenden Gegensätzen in unserer Mitte vermittelnd und versöhnend aufzutreten, anf weite Kreise aufrüttelnd, aufklärend, erwärmend und anregend zu wirken, eine ganze Generation von glaubensstarken, begeisteiten und wohl ausgebildeten Gemeindelehrern in die Welt zu senden. Hoffen wir, dass die Vorsehung uns auch im 20. Jahrhundert einen Mann schenke, der in den Riss treten und seinen Zeitgenossen ein zweiter Zacharias Frankel werden möge. Die Bibel. Von Theodor Zlocisti, Als ich Dir unser ew'ges Buch gezeigt, Das Buch der Bücher, — bebte meine Hand. — Das heil'ge Wort schafft Dir ein. Heimatland, Wo sich der Traum in Deine Jugend neigt. Dein Herz durchstreift die Paradiesesfluren, Und Dich umwallt's wie heimatlinder Hauch, Und starker Ahnen Leben lebst Du auch Und ihre Trotz- und Stolz- und Frohnaturen. ... — •Als ich Dir unser ew'ges Buch wollt' reichen, Das Buch der Bücher, — bebte meine Hand, Weil ich's wie eine ...Sünde fast empfand, Denn dieses Buch wird Deine Jugend — bleichen. Verlöschen wird dies Buch die Jugendgluten. Du siehst das Einst — und siehst den armen Rest: Die feige Schar, die unser Boot verlässt, Und uns ... und uns . . die ringend wir verbluten.. Berlin. Die jüdisch sprechenden Juden und ihre Bühne. Der jüdische Stamm von heute stellt keine eulturelle Einheit dar. Vielmehr zerfällt er, von Unterabtheilungen abgesehen, in drei, numerisch sehr ungleiche, eulturelle Gruppen: Die erste und kleinste umfasst den Haupttlieil der sogenannten spaniolisclven Juden, ferner die arabischen, persischen, kaukasischen sowie überhaupt alle anderen Juden, die in Asien und Afrika seit unvordenklichen Zeiten sesshaft sind. Yon der kühnen Compliciertheit, dem rastlosen Schaffens- und Denkensdrang, dem gährenden Problematismus unserer modernen europäischen Welt ist auch noch nicht ein Hauch zu dieser Gruppe gedrungen. Sie ist vollkommen orientalisch und damit im vollen Gegensatze zu der zweiten ungleich grösseren Gruppe — jener, die in West- und Mitteleuropa und in den europäischen überseeischen Colonien heimisch ist und sich sprachlich an die verschiedenen europäischen Völker angeschlossen hat. Mit der dramatischen Production dieser Gruppe, speciell ihres deutschen Zweiges, haben wir ivns ja letzthin*) befasst. Die dritte und grösste Gruppe, zu- 4) Joel: Predigten aus dem Nachlasse IL 300. *) Siehe ..Das deutsche Milieudrama" in Nr. 39 vom 27, September.

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