Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 41 (11.10.1901)
- Article
- Der Judenzoll und die jüdische Wohlthätigkeit in Ungarn
- Date
- 1901-10-11
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 4t „Die & Welt66 Seite 9 solche Ungeheuerlichkeit tm Gesetzartikel XVII vom Jahre 1867 thatsächlich enthalten wäre, lässt sich nur total unwissenden und urtheils-unfähigen Lesern aufbinden, die es kaum ahnen, dass eine so trugvolle Gesetzesauslegung, richtiger Einschmuggelung, auch von einein Obergespan oder Minister nicht gewagt werden darf. Wie kommt es aber, dass die Existenz eines solchen u n g e s c h r i e b e n e u Paragraphen den Juden gegenüber behauptet werden kann? Nein! Unsere Landesgesetze, speciell die von 1867— OS, sind rationell und freisinnig, so dass sogar chauvinistisch angehauchte ungarische Blätter in jüngster Zeit versicherten, von den Rumänen, Deutschen, Slovaken etc. könne die Preisgebung ihrer Volkseigenart d urchaus nicht begehrt werden, sondern bloss treue Anhänglichkeit an das gemeinsame Vaterland und die Wahrung der Unteilbarkeit desselben. Da nun die Treue der Juden zum Vater- Jande, ja specieli zur ungarischen Rasse, grösser ist. als die Summe der Anhänglichkeit aller übrigen Volksstämme zusammengenommen, so soll hierfür den Juden nicht etwa Anerkennung zutheil, sondern die Zumuthung auferlegt werden, ihre seit Jahrtausenden bewahrte Volksindividulalität, die doch dem ungarischen Staate keine Unbequemlichkeit und keine Unkosten verursacht, ausdrücklich preiszugeben? Die materiellen und moralischen Juden steuern wirken nicht selten lähmend oder beeinträchtigend auf die eigentliche, reine Wohlthätigkeit. So giebt es viele Juden, die für allerlei mehr- oder minder würdige Zwecke, Monumente. Fonds, Culturvereine, herausgegebene Werke vierten Ranges, Jubiläen von Locaigrössen, christliche Kirchen etc.. im Laufe eines Jahres mehr ausgegeben, als während ihres ganzen Lebens für jüdische Zwecke. Zur eigentlichen Wohlthätigkeit zurückkehrend, wird trotz all den erwähnten Thatsachen sowohl von Einzelnen, als auch von Gemeinden und Vereinen für humanitäre Zwecke sehr viel verausgabt Nur fehlt es meisst an systematischer Zweckmässigkeit. Dazu haben die einzelnen Orte nicht nur für ihre eigenen Armen aufzukommen, sondern werden noch mehr von den zu- und durchwandernden Armen bedrängt, unter denen diejenigen, die ein Archiv von echten oder gefälschten Diplomen und Empfehlungen mitführen, ein Schrecken der Vorstehungen der Provinzgerneinden sind. Früher waren es zumeist galizische Ausflüglerscharen, von deren Aussehen und Betragen man sich bei uns falsche Begriffe über die „polnischen Juden" im Allgemeinen bildete. Seit Kurzem ist leider auch die an s ä s s i g e ungarische Juden schaft so sehr in Ar m u t h gerathen, dass wir nun schon auch u n s e r e eigenen Wanderbettler haben. Fast noch trauriger erscheint uns das Bild, wenn die Bettlerin Häuser kommen wo die offene oder versteckte Armuth grösser ist, als die der Wanderer. In diesem Zustande traf uüs im Frühling und Sommer 11)00 die unvergessliche Katastrophe der rumänischen Juden. (Fortsetzung folgt.) Englische Chronik. Die wEn#lish Zionist Föderation" berief für vergangenen Sonntag sämmtliclie jüdische Corpora lioucn des East End zu einer .Besprechung über .,l)ie gegenwärtige Lage der Juden und die Mittel zur Abhilfe der Judemiotli" in den Jewish Workiug Men's Club, Great Alie Street ein. Eine stattliche Reihe der hervorragendsten jüdischen Körperschaften des East-End hatte der Ein.- laciung Folge geleistet. Mr. H. 11 o s e n b a u m , Direci or der Jüdischen Colonialbank, den die Versammlung zum Vorsitzenden wählte, schlug eine Resolution des Inhaltes vor, dass die versammelten jüdischen Organisationen des East-End den Zionismus als einziges Mittel zur Lösung der Judenfrage ansehen und ihm im Rahmen ihrer Statuten ihre Unterstützung angedeihen lassen wollen. Diese Resolution wurde von Mr. Schnei d e r wärmstens unterstützt und sodann ohne Debatte einstimmig angenommen. Mr. Rieh a r d. stellte den Antrag, dass alle Vereine die Bewegung materiell unterstützen und Delegierte zum Congresse entsenden sollten. Mr. E. Isli-Kishor, Präsident des Ancient Order of Maeeabeans meinte, dass es den Wohlthätigkeitsvereinen gesetzlich nicht gestattet sei., Gelder zu diesen Zwecken zu verwenden. Zum Studium dieser Angelegenheit und zur Ausarbeitung eines Schemas, das den Wohlthätigkeitsvereinen gestatten würde, mit der zionistischen Bewegung zu cooperieren, wurde ein Comite, bestehend aus den Herren L. Abrahams, A. Engländer, E. I s h - K i s Ii o r , J. S o 1 o m o n s , G r e e n b e r g , C a plan , C a r 1 s t e i n , Sc h n e i d e r , Poscner, Bro d e t z k y und Labovi 1 sch gewählt, das innerhalb vier Wochen seine Anträgt1 vorlegen ward. Mit einem Dankesvotuin an den Vorsitzenden wurde hierauf diese bedeutsame Versammlung geschlossen. An den Sukkoth-Feiertagen entsandte die ,,English Zionist Föderation*' eine Reihe von Rednern in die Synagogen, um über den Zionismus zu Sprechern So sprachen Mr. J. Simon am ersten Tage in der Eiehignto street Synagoge, am zweiten in der „Chevra Shas'% Mr. .11. Suwalsky am Samstag in der New Read Synagogue, Mr. Jl. Uins borg am ersten Tage in der Chevratii Torah. am zweiten, in der Caimon Street lioad Synagoge, Reverend R e g e n s 1) u r g in der Greenfield Street Synagogue. Am 27. Octoher wird \ oraussichtl ich in .Manchester die nächste Delegierten-! onferenz der English Zionist Federation stattfinden. Jüdische Wissenschaft und Literatur. Zacharias Frankel. Zu seinem hundertsten Geburtstage (1. October 1901). Von Rabbiner Dr. Felix Perles (Königsberg). (Schluss.) Unter den Ouellen der jüdischen Religion war es allerdings nicht die Bibel, sondern die weite talmudische Literatur, auf die er die historische Methode angewendet wissen wollte und selber anwandte. Aber diese Beschränkung, die heute natürlich in der wissenschaftlichen Theologie nicht mehr gelten kann, war damals nothwendig und heilsam, denn einerseits war die Bibelkritik erst in den Anfängen und hatte noch wenig positive Ergebnisse gezeitigt, anderseits waren die Juden jener Zeit noch nicht reif für ein historisches Verständnis der heiligen Schriften, und hätte deren kritische Behandlung mehr verwirrend als aufkläre, d wirken müssen. Frankel betrachtete es als seine Lebensaufgabe, ein wissenschaftliches Studium des Talmuds anzubahnen. Wie bis zu seiner Zeit Talmud studiert wurde, hat er selbst anschaulich geschildert'): „Das wissenschaftliche Element war erloschen, das Studium nicht von wissenschaftlichem Geiste durchhaucht. Die Lehr- und Forschungsweise der letzten Zeit vornehmlich lag weit von jedem wissenschaftlichen Bildungsgang ab: sie hatte völlig auf ein systematisches Studium verzichtet, und es machte sich allenthalben der Mangel an Methode, die Abwesenheit jeder wissenschaftlichen Architektonik fühlbar. Hierzu kam noch, dass man sich damit begnügte, dem Geiste an sich scharfsinnige, aber jeder breiteren Kasis entbehrende Discussion als alleinige Nahrung darzubieten; dieumfassende Kenntnis des theologischen Stoffes, wie sie die spanische und auch die französische Schule zeitigt, wurde von minutiösen Geistesspielereien verdrängt." Der Talmud glich bis in unser Jahrhundert einem Urwald» Erst Zunz brachte wenigstens in die hagadischen Partien ungeahntes Licht, aber die Halacha harrte noch immer des Pionniers, der in ihr Dunkel eindringen, das vorliegende Gestrüpp entfernen und den verschütteten Weg zu ihrem Ursprünge wieder finden sollte. Die Lösung dieser* Aufgabe war von vitaler Bedeutung für das Judenthum, denn auf dem Talmud basierte das ganze religiöse Leben in seinen Formen und Bräuchen, und manche Vertreter der extremen Reform, die gerade diese Seite des Judenthums abgethan wissen wollten, konnten kein wirksameres Kampfmittel finden, als indem sie ihi e Pfeile gegen den Talmud richteten. Da sie ihn bisher nur durch eine Vexierbrille gesehen und von seinem wahren Wesen keine rechte Vorstellung hatten, glaubten sie berechtigt zu sein, ihn vor aller Welt lächerlich zu machen und alle daraus abgeleiteten Satzungen schlechthin zu verwerfen. Die Vertreter ■ der starren Orthodoxie wiederum sahen den Talmud zwar durch dieselbe Brille an. aber er erschien ihnen da nicht als Zerrbild, sondern als Idealbild, und um das Judenthum zu retten, hielten sie sich für verpflichtet, dieses vermeintliche Idealbild mit allem romantischen Flimmer zu umgeben. Nun trat Frankel auf und zeigte in einer Reihe von bahnbrechenden Schriften das wahre Wesen des Talmuds, von seinen ersten Anfängen im sopherischen Zeitalter bis zu seinen spätesten Ausläufern. Er rechtfertigte dadurch glänzend, was erst vor wenigen *) In meinem Artikel über Zacharias F r a n k e|lJ(Nr.M-0 der „Welt") sind mehrere sinnentstellende Druckfehler stehen geblieben, die ich hier vermerke: Seite 8, Spalte 1, Zeile 6 von oben statt verbreiten lies vorbereite n; ibid. zweiter Absatz, Zeile 1(5 von oben statt S t e i gfe r u n g lies Stagnierung; ibid. vierter Absatz, Zeile 10 von oben statt e r n s 11 i c h lies e r s 11 i eh : ibid. vierter Absatz, Zeile 0 von unten statt f ü Ii 1 h a r lies nutz h a r. *) a. a. O. S. 7:J.