Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 41 (11.10.1901)
- Article
- Amsterdamer Brief
- Date
- 1901-10-11
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 XMe # Welt" Nr. 41 leichsten < iemeiiidcn mir;>00 Gulden., aber erstens liebt ihn «ein idealer J>ernf über die Materie Irinaiis, zweitens kann er sich bis zu 000 (iulden hinaufsehineielieln. wenn er nicht früher stirbt, imd drit leiis kann er Adressen abschreiben oder hei Vereinen Mitg!i<'d>i>cil rüge eincasMeron. Audi an öflentlielien Schulen werden jüdische .Lehrer angestellt, in Acmtern auch jüdische Beamte. Aber sind sie einmal an einem jüdischen Feiertag ausgeblieben, dann adieu A \am-emenl. Pud doch giengen die Unglücklichen nur hin, um die glänzende Predigt des Rabbiners anzuhören. Ltwas imiss der Rabbiner doch zu thun hai)en. Ks niuthet ihm wohl iiiemaiid zu. dass it sieh mit dem Volke abgebe? Das mag der Sozialismus thun und die Leute über die Stationen Confes- MonsIoMgkfit. und Mischehe aus dem Jndenthinn. hinausführen. Xiu-li zionistischen) Muster hat ein, sage ein, Prediger in seinem Sprengel Vorlegungen veranstaltet für die jennesse doree beiderb'i (ieschlechts. Irgendein (Gottloser pries die Sicherheit dieses Rendez-vous, wohl nur ein Bock unter lauter Lämmchen. .Die Zionisten seilen alles und greifen zu. In Gravenshage wird heuer eine Toynbee-Halle eröffnet, die unter niehtofficiell zionistischer Leitung steht. In Amsterdam projectiert auf Veranlassung des Herrn Eduard Pool die Zionistische Vereinigung dasselbe und verlangt von allen jüdischen Vereinen Mitarbeit. Ein Resultat ist höchst wahrscheinlich. Mit. Ausnahme der orthodoxen Kreise wurde unter den besitzenden (Massen das Interesse am »f"u.den.thum. derzeit durch die Schaustellung von Barnum und Bailey verdrängt. Man ärgert sich höchstens über die Zionisten, die ihre Meinung durchaus nicht bei sich behalten wollen und unglaublich! — nicht den mindesten Respcet haben vor Professoren, Protestrabbinern, Socialistenführern und dergleichen höchst wichtigen Stützen der angeblich jüdischen Gesellschaft. Durch ihre* mannhafte und ehrliche Kritik haben die Zionisten wirklich viele Freunde, wenn auch viele vor persönlicher TheiInahme zurückschrecken. interessant ist, thiss die Oberrabbiner sich über die Bewegung noch gar nicht äusserten. Inzwischen gewinnt dieselbe directen und indirecten Einlluss in allen Zirkeln, freisinnigen und orthodoxen. Die Orthodoxie bei uns war immer sehr tolerant gegen freisinnige Juden, falls diese GeLL Xanien oder Titel hatten. Einem jüdischdibera!en Schmeichler ist es ein leichtes, orthodoxe Beihilfe zu haben zur Erreichung politischer Macht als Gemeinderath, Reichstagsabgeordneter (Tweede Kamer) etc. Wie ein so versorgter Streber sich benimmt, illustriert folgendes: Vor 4 Jahren gab's eine W ahl und ein Jude war für ein Judenviertel als Candidat in Aussicht genommen. Er aber wollte, wie er sagte, kein Judenabgeordneter sein und so wies man ihm denn einen anderen Bezirk zu, wo nicht so viele Juden waren, aber genug, um seine W ahl zu >ichcrn. Kurze Zeit später war in der Kammer eine Berat Innig, bei der man auf die Juden Rücksicht nehmen sollte. Die Orthodoxen baten den Erwähnten um Intervention, der aber berief sich darauf, dass er kein „Judenabgeordneter" hatte sein wollen und leimte es ab,' sich zu ..eompromittierenu. Man kann doch als Abgeordneter nicht den gelben Fleck herauskramen. Wenn man Oohl und irnlen Xamen hat, imiss man doch für seine Kinder sorgen. da>s sie sich einmal mit ordentlichen Ariern verheiraten küiiüi Ii. Der Mann konnte wirklich nicht für Juden intervenieren. Die Orthodoxen baten auch vielmals um Entschuldigung für ihre unbedachte Zumuthung. «--her weil der Fall sehr dringend war, giengen sie mit Erfolg zu einem radicalen Christen. Vor einigen Monaten gab es wieder Wahlen. Seitens der .liberalen. Kort schrittsmiinnev. Socialdemokraten wurden in den jüdischen Dist rieten jüdische Candidaten aufgestellt, Leute, die nur in der Wahlcampagno Juden waren. Aber die .-chüueu Zeiten waren vorüber. Irgendein Frechling1 veröffentlichte in einem zionistischen Bialte folgende Phiunciation: ...Juden. Achtung! Unser Abgeordneter hat für unsere öffentlichen Bedürfnisse zu sorgen. Wählet daher lieber erprobte Christen als jüdische Streber, welche ihr dudeuthum nur gebrauchen, um nach oben zu klettern, dann aber dasselbe und ihre Wähler schmählich verleugnen." Diese Aufforderung fand den Beifall der gesammten jüdischen Presse. Das war mal ein Hai loh! Leute, die sich früher conipromiltieit fühlten, wenn sie jüdische Zeitungen Jasen, schimpften jetzt.- in diesen, auf Meetings und überall airf den frechen Zionisten. der das gewagt hatte. Besonders die Socialdemokraten; sie seien keine Judenabgeordneten, die Candidatur im Judenvier- (el sei zufällig etc. Der Erfolg jener Aufforderung aber war gut. Trotz alles verschwendeten Oeldes konnte» sonst niemand als die Soeial- (bmoki a I en einzelne Abgeordnete in den Judenvierteln durchbringeii. und die schimpfen ganze Lexika auf die bösen Zionisten. Km p fehlen doch diese den Handwerkern und Juden in socialdemokratisehen Vereinen., das jüdische Interesse zu wahren, und die Mahnung hat Erfolg. Und zu allem geben jüdische Blätter >ocialen Fragen jüdischer Arbeiter die entsprechende Beleuchtung und stören gar sehr die Privilegien der Socialdemokraten. Der Zionismus hat hier bis jetzt kritisch mit seiner pädagogischen und moralischen Kraft aufklärend und anspornend in allen jüdischen Kreisen sehr viel gewirkt. Man scheut zwar noch sehr vor einer Theilnahme zurück, doch wachsen die Sympathien mit jedem Tage. Holländische Treckschuits fahren langsam aber siehe!-. Gerhard C Boink. Der Judenzoll und die jüdische Wohlthätigkeit in Ungarn. Von Dr. J. Rönai (Baläzsfalva). Es ist bekannt, dass ein Grundzug der jüdischen Psyche innige Barmherzigkeit gegen alles Lebende ist. Im Alltagsleben äussert sich diese in der Mildthätigkeit. die nach Zeit- und Ortsverhältnissen verschiedene Formen annimmt, mitunter auch abstossende. Von der reinen Mildthätigkeit sind aber die tributartigen Leistungen an Nichtjuden wohl zu unterscheiden, die heute gesetzlich nirgends mehr vorgeschrieben sind, von vielen Juden trotzdem infolge traditionellen gesellschaftlichen Zwanges noch immer entrichtet werden. Die Unterscheidung gilt nur theoretisch, denn in der That nimmt dieser J ud enzoll bald die Form gesellschaftlicher Galanterie, bald die der opferwilligen Wohlthätigkeit an. Historisch stammt dieser Tribut aus der Zeit, da weltliche und kirchliche Fürsten den Juden als Entgelt für die Duldung und das Recht, Atheni holen zu dürfen, besondere, zumeist sehr drückende Abgaben auferlegten. Da aber die in nächster Umgebung wirkenden niederen Ortsbehörden und ähnliche kleine Potentaten oft gefährlicher sind als die grossen, kamen unsere Vorfahren unzähligemale in die Lage, ihre Umgebung durch fortwährende Gefälligkeiten in guter Stimmung zu erhalten,, bis durch eine grosse Erschütterung das Lied von vorne begann. Schaltet der Beobachter die Vergangenheit aus seinem Gesichtskreise aus, um bloss das Momentbild des heutigen Tages festzuhalten, so zeigt ihm dieses ein lächerliches System von jüdischen Bestechutagen, bei denen Bestecher und Bestochene oft nicht einmal zum Bewusstsein des Bestechungsactes gelangen. Christlicherseits hat sich dieses Gefühl des Ford emdürfens immer mehr und mehr in die minder cultivierfcen Länder und Schichten und auf die gehässiger veranlagten Individuen zurückgezogen. Im Schosse u nseres Volkes hingegen gibt es noch sehr viele, die noch so tief im Knechtsgefühle stecken, dass sie auch dann und dort, wto das klare Recht auf ihrer Seite ist, sich verpflichtet wähnen, Douceurs zu geben. So erscheint dann in den Augen mancher Amtspersonen der Jude — ob reicher Unternehmer oder armer Dorfhausierer — als geborener Bestecher (corruptor natus). Hat der Jude kein Geld, so ist es seine Sache, substituierende Werte zu finden : der Arzt durch unentgeltliche Behandlung, sonstige Honoratioren auf ähnliche Weise, arme Leute durch mehr oder minder würdige Dienstleistungen. Dies alles ist unter den Namen der materiellen Judensteuer zusammenzufassen. Es werden aber nebstdem auch intellectuell-moralische Opfer gefordert und geleistet, so z. B. das Opfer der persönlichen Würde, die Verbergung und Preisgebung jüdischer Art und Neigung bis zum Grade der Selbstverhöhnung. In christlichen Kreisen, die materiellen Douceurs unzugänglich sind, gibt es viele, die aus missverstanden em Patriotismus vom Juden moralische Opfer fordern. Beide Arten von Judenzoli werden sowohl von Einzelnen, wie von ganzen Corporationen geleistet. Die grösste Judensteuer dürfte wohl umer Napoleon I. von der grossen Synode und ihren assimilatorischen Nachahmern geleistet oder versprochen worden sein. In Ungarn ist die materielle Gattung der Judensteuer stark in Abnahme, hingegen die moralische Selbstpreisgebung in Zunahme begriffen. So sprach z. B. das antizionistische Wochenblatt „Egyenlöseg", vor einigen Monaten sein Entzücken darüber aus, dass die Juden in der Debrecziner Gegend sich der jüdisch-soliden Lebensart entäussern und mit Begeisterung den johlend-wilden nächtlichen Sauf¬ und Raufgelagen (duhajkodäs) — more hungarico — hingeben. Ein oberungarischer Rabbiner verstieg sich so weit, in dem Blatte eine Aeusserung des gewesenen Ministerpräsidenten Baron D. Banffy, die dieser noch als Bistritzer Obergespan ihm gegenüber gethan haben soll, aufzutischen, wonach die Gleichberechtigung der Juden im Jahre 1807 unter der Bedingung erfolgt wäre, dass sich die Juden ganz dem Magyarenthum assimilieren.*) Dass eine *) Vgl. hierzu die Artikelserie Max Nord aus über „Die politische Gleichberechtigung der Juden" im vorigen Jahrgang der „Welt". (Anmerk. d. Redaction.)