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Die Welt · 1901-10-11 · 41 (11.10.1901) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
41 (11.10.1901)
Article
Die Juden der Bukowina
Date
1901-10-11
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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SJte 6 ,Die & Welt0» Nr. 41 Berufslosigkeit, Hunger und Krankheiten, mit einem Worte der jüdische Jammer, haust. Dort wohnen auch die Chassidim dicht nebeneinander, und wer am Sabbath in jene engen Gassen und Gässchen einen Blick wirft, kann sich davon überzeugen, dass Streimel und Kaftan, Kniehose und Pantoffel — die traditionelle Tracht der Chassidim — in Czernowitz noch nicht antiquiert sind. Es wohnen ja auch die Wunderrabbis von Sadagora, Bojan und Wiznitz, von zahlreichen „kleineren" Rabbis abgesehen, kaum 10 oder 20 Kilometer von Czernowitz entfernt! . .. Der nichtchassidische Theil der Czernowitzer Juden — sie [sind etwa 20.000 an der Zahl und machen 2/7 der Gesammtbevölkerung, die relative Majorität derselbe^, aus — lässt sich seinen religiösen Anschauungen nach schwer determinieren. Er ist weder fromm noch ungläubig, nicht orthodox und nicht fortschrittlich. Man muss hier die einzelnen Schichten schier hätte ich Kasten geschrieben — sondern, und auch da gewinnt man nur] schwache Grundlagen für ein sicheres Urtheil. Da ist zunächst die Intelligenz, oder wie sich selbst gerne nennt : die „Intellectuellen". Sie besteht zum grössten Theile aus akademisch Graduierten, Advocaten, Aerzten und Beamten-— die jüdischen Doctoren sind hier dichter gesäet, als in Münchens Maximilansstrasse die Denkmäler - und ist ihrem äusseren Gehaben nach vollständig irreligiös, sie demonstriert förmlich mit ihrem Unglauben. Es sind jedoch innerlich unfreie Menschen, denen der Unglauben niemals Lebensanschauung war. Sie huschen an jüdischen Feiertagen scheu und mit gesenkten Blicken vor den Gotteshäusern vorbei. Dennoch darf man sie nicht als Assimilanten in des Wortes schlechtester Bedeutung bezeichnen. Gehen auch nicht wenige leichten Fusses in die katholische Kirche, um für ihre Bewerbungsgesuche „bessere Belege" zu erlangen, so ist ein nicht unerheblicher Theil der Jugend von starken jüdischen Gefühlen beseelt, und auch die Alten lassen sich manchmal „mitreissen". Selbstverständlich, handelt es sich bei vielen um undefinierbare, vage Gefühle, Justaments- und Abwehrregungen, bei anderen bloss umeine Mode und bei einigen wieder um ein leicht anzuwendendes Mittel zu diversen einträglichen Zwecken. Juden aus innerster Ueberzeugung und Lebensanschauung, jüdische Menschen mit jüdischer Weltanschauung gibt es nur wenige. Anders der jüdische Handwerker. Er ist strenggläubig. Er hat den Kaftan abgelegt und die Seitenlöckchen entfernt, auch der Bart ist da und dort dem Rasiermesser zum Opfer gefallen, er hält jedoch fest an den altehrwürdigen Speisegesetzen, meidet nicht die Synagoge — Weib und Kind gehen mit — und unternimmt ab und zu eine Spritzfahrt zum Wunderrabbi nach Sadagora. Am Sabbath ruht alle Arbeit in der Werkstätte des jüdischen Klempners, Kürschners, Schlossers, Schusters, Tischlers, Drechslers, Uhrmachers, Fleischhauers, und Schneiders^ Nur der Barbier hält seinen Laden offen. Die jüdischen Handwerker sind gesunde, arbeitsame, ehrliche Menschen mit geradem Sinn und intensivem jüdischen Gefühl. Sie sind Juden durch und durch, aus Instinct und Bewusstsein; Stamm und Religion sind bei ihnen zu schöner Harmonie verschmolzen. Leider bröckelt auch dieser feste Bau ab. Jeder nur halbwegs gutsituierte Handwerker lässt seinen Sohn studieren, bringt grosse materielle Opfer für den künftigen Doctor und will für seine Tochter „etwas Besseres" zum Manne. Der Handwerker ist beileibe nicht verrufen, aber die ausübenden Mitglieder zählen sich doch zu den Minores gentes. Es weht noch Guettoluft, und die chassidische Lebensanschauung ist noch nicht ganz ausgemerzt. Der Nachwuchs des Handwerkerstandes recrutiert sich noch immer aus den ärmsten Proletarierfamilien, die ihre Knaben schon mit dem zwölften Lebensjahre auf eigene Beine stellen müssen. Der jüdische Handwerker aber, der im grossen und ganzen zu einer Wohlnabenheit gelangt ist, hat die drohende Gefahr des jüdischen geistigen Proletariats noch nicht erkannt. , . . Der bourgeoise-Theil der Czernowitzer Judenheit wird durch den Kaufmanns-und Krämerstand repräsentiert: vereinzelte Industrielle und Grosskaufleute, Victualien-, Tuch-, Papier-, Eisen-, Galanterie-und Modewarenhändler, Agenten und Commissionäre. Sie sind nicht fromm, doch halten sie an der Tradition fest. Am Sabbath bieten die Verkehrsstrassen von Czernowitz Bilder des Friedens und der Ruhe dar. Die Läden sind, von den vereinzelten christlichen und einigen jüdischen Geschäften abgesehen, geschlossen, die Droschken, auf ein Drittel der werktägigen Zahl herabgesetzt — die allermeisten Fiaker werden von Juden bedient, welche die Sabbathruhe strenge einhalten — stehen beschäftigungslos auf dem Standplatze, die Waggons d^r elektrischen Strassenbahn fahren nur Einsiedler, und dennoch ist der Tempel in den Vormittagsstunden leer, die zahlreichen Cafes dagegen sind am Nachmittag dichtbesetzt — von jüdischen Geschäftsleuten. Sie arbeiten nicht am Sabbath, beten aber auch nicht. Vor Sonnenuntergang wälzt sich eine unermessliche Schar festlich geputzter Menschen über den ßürgersteig dem Volksgarten zu, und bis in die späte Nachtstundesind öffentliche Gärten und Vergnügungsetablissements dicht gefüllt. Fröhliche Musik erschallt allerorten. Die Czernowitzer Juden sind ein lebendiges Völklein, das vom Sparen nichts wissen will und den erworbenen Gulden rasch wieder unter die Leute bringt. Rumänien, Ungarn, der Balkan, der Orient sind ja gar so nahe, und etwas von jener Lebensart, die zwischen Askese, Melancholie und toller Lebensfreude schwankt, ist auch hier zu verspüren. In der erwähnten Judenstadt, an der Peripherie und in den Vororten wohnt das „polnische" Judenthum, das mehr oder weniger chassidisch ist. Es beschäftigt sich mit dem Schankgewerbe, dem Holz und Getreidehandel, übt auch das kleine Handwerk aus und hausiert mit Obst und alten Kleidern. Es sind zumeist Einwandernde aus Galizien, die an chronischem Berufs- und Erwerbsmangel leiden, und für viele derselben ist Czernowitz bloss eine Uebergangsstation nach Amerika. Der Chassidismus ist jedoch im Abnehmen begriffen. Die Söhne chassidischer Eltern besuchen das Gymnasium, die Handels- und Gewerbeschule und europäisieren allmählig die Familie. Der Zudrang der Juden zu den Gymnasien, zur Universität und den liberalen Berufen ist ein enormer. Von 2500—3G00 Mittelschülern sind mehr als die Hälfte Juden, und an der juridischen Facultät der Franz- Josephs-Universität bilden die jüdischen Studenten die absolute Majorität. Von 105 Advocaten der Bukowina sind 90 Juden, der ärztliche Stand ist zur grösseren Hälfte mit Juden besetzt, in den Gerichten haben sie etwe 14°/0 aller Stellen inne. Der Ausblick in die Zukunft ist ein trostloser... . Josef Israels und der Zionismus. Der grosse niederländische Maler Israels hat sich kürzlich gegenüber einem Berliner Gesinnungsgenossen mit warmer Sympathie über unsere Bewegung geäussert Trotz seines hohen Alters verfolgt er alle Phasen des Zionismus mit Aufmerksamkeit; seine Ihätige Beihilfe hat er durch eine Spende von 500 Guiden bekundet. Herr Israels hat auch erklärt, dass er in seinem künstlerischen Wirken durch unsere Bestrebungen nicht unbeeinflusst geblieben sei. Er werde deshalb dem an ihn herangetretenen Wunsche gerne nachkommen, die betreffenden Bilder zur Reproduktion

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