Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1901-10-11 · 41 (11.10.1901) · p. 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
41 (11.10.1901)
Article
Die wirtschaftlichen Fragen des IV. Zionistencongresses
Date
1901-10-11
Page
3 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3315905-3315947-3400385--28475-3400470
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 41 „Die $ Welt" Seite 3 Theorie" ist zum Theile auch nur eine ins Moderne übersetzte Chaluka-Theorie. Die Chaluka-Männer wollen auch in Palästina eine „Heimstätte für die Thora" bilden. Die Thora blühte aber nicht in Palästina, sondern in Lemberg und Lublin, in Wilna und Krakau, in diesen Heimstätten der ökonomisch arbeitenden Juden. Die „Priester-Zionisten" wollen die ökonomische Seite der Judenfrage hauptsächlich in Amerika lösen, Palästina soll dagegen nur die „Heimstätte für den jüdischen Geist" sein. Dort sollen die auserwählte 1 Lotsen, „die Priester", leben und die alte Heimat durch Bodencultur und sonstige Culturarbeit verjüngen. Ich abstrahiere schon von dieser eigentümlichen Weltanschauung, die bei einem Volke den Geist vom Körper trennen, die für den Körper die Heimstätte in Amerika und für den Geist eine solche in Palästina haben will.. Eines ist für mich klar. Ein geistiger Mittelpunkt kann nur ein Mittelpunkt, das heisst in der Mitte einer grossen Volksgemeinschaft sein. Entweder werden die „Priester" in Palästina so viel auf culturellem Gebiete leisten wie die Chaluka-Talmudisten auf talmudistischem, oder die „Priester- Jünglinge" werden, auch wenn in Palästina Hochschulen begründet werden sollen, nach Amerika auswandern, um in Amerika für sich individuell die ökonomische Frage zu lösen. In Amerika werden sie aber so viel an „jüdischen Geist" denken, wie ihre übrigen in Amerika lebenden „ökonomischen Brüder". Ich musste auf den Culturzionismus eingehen, bevor ich den wirtschaftlichen behandeln will. Ich kann hier, in einem Zeitungsartikel, diese Fragen nur streifen. Ich will auch nur meinen eigenen Standpunkt, den ökonomischen erklären. Für mich ist die zionistische Bewegung in ihrer Hauptsache eine wirtschaftliche Bewegung. Es ist für mich klar, dass in einer j^tzt zu begründenden jüdischen Gemeinschaft die wirtschaftliche Organisation im allgemeinen keine andere sein wird, als in allen anderen civil isierten Ländern. Der Gedanke, socialistische Colonien zu gründen, wäre ein utopischer. Die socialistische Gesellschaft könnte nur eine internationale sein. Selbstredend wünsche ich und setze auch diesen Wunsch bei allen denkenden Zionisten voraus, dass jüdische Colonien nach den modernsten Postulaten der Socialpolitik organisiert und geleitet werden sollen. Der Zionismus ist insofern für mich eine wirtschaftliche Bewegung, als dessen Ursachen auf ökonomische Gründe zurückzuführen sind, Historische Ereignisse haben das jüdische Volk in zwei Classen getheilt, die aber nicht nebeneinander, sondern unabhängig voneinander leben. In Osteuropa lebt die Masse der jüdischen Paupers, in Westeuropa ein mehr oder weniger wohlhabendes Bürgerthum. Wie ich schon auf dem I. Congresse angedeutet habe und noch an einem anderen Orte diese Frage ausführlicher zu behandeln gedenke, ist es ausgeschlossen, dass in Osteuropa aus der Masse des jüdischen Volkes ein eigentliches Fabriksproletariat herangebildet werde. Ich finde daher, abgesehen schon von anderen Gründen, keinen Widerspruch zwischen dem Zionismus und dem Socialismus. Es fehlen überhaupt die Voraussetzungen unter der Masse der Paupers in Osteuropa zur Entstehung einer modernen Arbeiterpartei. Mögen auch hie und da Bedingungen für die Entstehung jüdischer Arbeitervereine vorhanden sein, und der Bildung derselben sollen auch keine Hindernisse in den Weg gelegt werden, der Masse der Juden Osteuropas, den 80 oder 90°/0 kann aber durch* keine Arbeitervereine abgeholfen werden, diese Masse kann nur durch eine planmässige Emigration Hilfe finden. Diese Massen emigrieren auch, alljährlich verlassen 30.000 bis 40.000 Juden Osteuropa. Da kam die antisemitische Bewegung. Ich habe in meinem Referate auf dem ersten Congresse auch die Grundursachen der antisemitischen Bewegung charakterisiert. Die Juden sind stets als Auslandsware behandelt worden, deren Einfuhr rrian begünstigt, so lange keine eigene Industrie entstanden ist. Die jüdische Intelligenz sah nun ein, dass man ihr ihre „bürgerlichen Menschenrechte" vorenthalten will, dass ihre Freiheit im Handel und im Gewerbe, in der Wahl des Berufes und des Ortes derNiederlassung beschränkt sind — und die Intelligenz entdeckte ihr jüdisches Herz. Die Intelligenz sah ein, dass sie einmal aufhören müsse, „Auslands-", und beginnen solle, „Inlandsware" zu sein, sie sah ein, dass sie das nur in einer jüdischen Gesellschaft werden könne, sie sah auch die grosse Emigrationsbewegung unter den jüdischen Massen, und hier entstand bei ihr der Gedanke des Zionismus. In Westeuropa geht es noch dem jüdischen Bürgerthum ziemlich gut. Die Juden fühlen noch nicht den ökonomischen Druck in dem Sinne, wie in Osteuropa. Die Juden Westeuropas wollen also noch keine Juden sein, sie sind „Israeliten'4, Bürger „mosaischen Glaubens" u. s. w. Wir sehen in Westeuropa das merkwürdige Schauspiel, dass Rabbiner, die gewiss jemanden als „Ketzer" ansehen würden, wenn er die Tefilinvorschrift oder das Gebot des Mazzoth-Essens am Pessach symbolisch deuten sollte, sich dazu hergeben, die klaren und deutlichen Stellen der jüdischen Gebete über die Rückkehr nach Palästina symbolisch zu interpretieren. So weit hat die Abhängigkeit von den ökonomischen Lebensbedingungen die Juden Westeuropas und ihre Priester, die Rabbiner gebracht. Nur einzelne Individuen, deren jüdisches Herz an keinem ökonomischen Fettherzen leidet, denken anders. Oekonomische Gründe sind also meiner Ansicht nach die Ursachen der Entstehung der zionistischen Bewegung. Wie es auch sei, klar ist es, dass, damit irgend ein jüdisches Centrum entstehe die nothwendige Voraussetzung dessen ist, dass um das Centrum eine grosse jüdische Gemeinschaft sich befinde. Klar ist weiter, dass eine grosse Gemeinschaft sich nur dann ansiedeln kann, wenn sie am Ansiedlungsorte die Mittel sich zu ernähren vorfindet. Wir kommen also unter allen Umständen auf die Brotfrage zurück. Von diesem Gesichtspunkte ausgehend, häte man annehmen sollen, dass, wenn man in zionistischen Kreisen von wirtschaftlichen Fragen spreche, man die Fragen behandeln wird, die in engster Verbindung mit dem Zionismus stehen. WTas hörten wir aber? Man sprach von jüdischen Gesellschaften, von Productiv- und Credit-Genossenschaften, von der Stärkung des Zwischenhandels und von Consumvereinen. Ueber die Idee von jüdischen Gewerkschaften will ich mich an einem anderen Orte ausführlicher aussprechen. Bei meiner Stellungnahme zum Zionismus kann ich mir nicht viel von ihnen versprechen. Ich will nun zu den übrigen Vorschlägen übergehen. Bei sämmtlichen Vorschlägen ist ein Hauptgesichtspunkt übersehen worden, und zwar der. dass das Elend der jüdischen Massen nicht auf allgemeine ökonomische Ursachen zurückzuführen sei, sondern auf specifische, und dass diesem Elende nur durch eine planmässige Emigration abgeholfen werden könne. Ich will zugeben, dass vom Standpunkte der Agitation es rathsam wäre, auch darnach zu streben, womöglich jetzt dem Elende abzuhelfen. Alle Mittel werden aber nicht helfen können, sie werden Palliativmittel sein, die zu nichts führen und noch später die Massen misstrauisch machen werden. Was die Productiv-Genossenschaften anbetrifft, so ist klar, dass sie die wirtschaftliche Lage der Juden nicht heben können. Productiv-Genossenschaften sind für das Handwerk empfohlen worden als Kampfmittel gegen das Grosscapital. Ich sehe schon davon ab, dass dieses Mittel ein aussichtsloses ist. Eine Organisation des Arbeiter-Producenten wird freilich eine bessere Arbeitsteilung und Arbeitsvereinigung herbeiführen, die organisierten Arbeiter - Pro-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.