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Die Welt · 1901-10-04 · 40 (4.10.1901) · p. 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
40 (4.10.1901)
Article
Der Golem
Date
1901-10-04
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 40 ,Die # Welt" Seite 13 Heb Simon war ein gern gesehener Gast in der Prager Judenstadt. Er machte grosse Reisen, war bald in Amsterdam, bald in Paris, bald in Jerusalem, ja sogar bis nach Persien und Indien führte sein Weg. Er handelte mit den grössten Kostbarkeiten, mit wundervollen Juwelen, seltenen Schätzen, Alterthümern besonderer Art und trieb nebenbei einen eifrigen Kram mit allerhand kleinem Tand, mit Nadelbüchsen und Pomaden, mit seidenen Fetzen und bunten Tüchern. Er kam zu Bischöfen und Pürsten, wenn er irgendwo ein besonders herrliches Stück aufgespürt hatte, und er Hess alte Weiber und junge Mädchen stundenlang um eine Elle Band oder um ein Salbtiegelchen feilschen. Er kannte die Preise und kam nicht zu Schaden. Sein Profitchen war nie übermässig, und Christ, Jude kannten den Rabbi als ehrlichen Mann. Aber man munkelte auch allerlei über ihn. Er sollte erfahren sein in geheimer Wissenschaft und mit der Kunst vertraut, die Geister zu erwecken. Mann nannte ihn mit ängstlicher Scheu einen Nekromanten und Schatzgräber, und es gab Leute, die wollten ihn an verrufenen' Orten gesehen haben, wie er mit unsichtbaren Genossen sich unterhielt. Sah man aber das harmlose Männchen mit dem Jokus auf den Lippen, mit der drolligen Beweglichkeit in den Beinen und den ewig zappelnden Armen, so konnte man an die Märchen, die in seinen Fussstapfen giengen, nicht recht glauben. Reb Simon hatte seine Lieblinge, denen er nichts verkaufte, sondern denen er nur Geschenke mitbrachte, Wertvolles und Nichtiges, wie es sich gerade traf: einmal einen Smaragdring, einmal einen Zahnstocher aus Olivenholz. Zu seinen Lieblingen gehörte der hohe Rabbi Löwe und sein Töchterchen. Von jeder Fahrt kam er mit grossen und kleine Päckchen in das Haus, wo der steinerne Löwe über dem Thore Wache hielt, Hess sich zu Tische laden und erzählte die unglaublichsten Reiseabenteuer. Dann sciiloss sich der Rabbi mit ihm ein, und ganze Nächte hindurch sassen sie beisammen, und kein Mensch wusste, was sie sprachen und was sie trieben. Als Hanna den Gast erblickte, kam sie ihm gleich entgegen und begrüsste ihn mit lautester Herzlichkeit. Durch ihre Thränen musste Esther lächeln, wie Reb Simon sich nun vor sie stellte und sich komisch verwunderte über ihre Schönheit. Er hob beide Arme zum Himmel, tanzte von einem Bein aufs andere, verdrehte die Augen und eitierte kräftige Verse aus dem Hohen Liede Salomonis. Dabei lachte sein ganzes Gesicht; der dünne graue Bocksbart wippte heftig auf und ab. Doch hinter den närrischen Spässen lag für das junge Mädchen wohl verständlich auch ein Theil wirklicher, echter Bewunderung. Es dauerte ein ganz kurzes Weilchen und der kleine Handelsmann sass mit den beiden Frauen im Erker und erzählte Dinge, dass seine Zuhörerinnen sich gar nicht fassen konnten vor Erstaunen. In Persien war er just gewesen, war dort Wunderthieren und Wundermenschen begegnet, Bestien, die sprechen, und Menschen, die fliegen konnten. Und mitten in seinen Schilderungen unterbrach er sich manchmal schmunzelnd, tauchte mit seine Fingern tief in die Taschen des Pelzes und förderte wundersame Dinge zutage: einen Ring mit einem geschnittenen Steine, worauf .alle Planetenzeichen zu sehen waren, gar ein kostbares Amulett, ein Töpfchen mit eingekochten Rosen, eine vertrocknete Blume., die aufblüht, wenn man sie ins Wasser steckt. Und mit Schnurren, Spässen und Geschenken brachte Reb Simon das Wunderwerk zustande, an dem vorher Hanna so kläglich gescheitert war: Esther vergass ihren schweren Kummer und lachte, lachte von ganzem Herzen wie ein frisches fröhliches Kind. Vor lauter Freude, Esther wieder lachen zu sehen, lachte Hanna, und Reb Simon meckerte und überschlug sich mit der Stimme und warf sich hintenüber und streckte die Beine von sich und that, als müsste er auf der Stelle sterben vor lauter Lachen. So gab es denn ein lustiges Terzett im Erker. Plötzlich verstummte es. In der Mitte des Zimmers stand der Rabbi Löwe. Esther eilte auf ihn zu und küsste ihm die Hand. Er umspannte mit beiden Händen ihren Kopf und küsste sie auf die Stirn. Reb Simon kam herangetänzelt und sprudelte eine Menge Begrüssungsworte hervor. Wieder hob er den Arm mit den gespreizten Fingern zum Himmel, rief Gott und seine Heerscharen an zu Zeugen, wie vortrefflich, wie gesund und stark der Rabbi aussehe. Aber beim Anblick des quecksilbernen Männchens hatte sich auf der Stirn des Rabbi eine finstere Falte eingegraben. Er schob Esther, die sich an seine Brust gelehnt hatte und über deren Köpfchen der mächtige weisse Strom seines Bartes fluthete, sanft zur Seite, winkte Hanna zu, die, in einiger Entfernung stehend, in demütiger Haltung seiner Befehle zu warten schien, und gebot mit kurzem schnellem Wort Reb Simon, ihm zu folgen. Die beiden Männer gingen den Weg in des Rabbi Studierzimmer. Die Frauen kehrten in den Erker zurück, nahmen ihre Arbeit und ihre Gedanken wieder auf. Das Lachen war verflogen. Esther schaute durchs Fenster. Ihr war, als hätte das Geschick über ihr Lachen einen Leichenstein gewälzt, wie sie draussen auf dem Friedhof in düsteren Reihen standen, und als falle über ihn der schweigsame Schnee vom Himmel. (Fortsetzung folgt.) Von unserer westlichen Volksbildungs-Bewegung. I. Erste jüdische Toyribee-IIalle in Wien. Die regelmässigen Vortragsabende werden am 15. d. M. in den neuen Räumlichkeiten, XX., Karajangasse 20, wieder eröffnet. Der neue Vortragssaal der Toynbee-Halle bietet Raum für 400 Personen. Es ist daher zu hoffen, dass die segensreichen Einrichtungen dieser so rasch beliebt gewordenen Anstalt viel grösseren Bevölkerungskreisen als bisher zugute kommen werden. Eine Reihe von Vorträgen aus jüdischen und allgemeinen Wissensgebieten ist bereits beim Vorstand angemeldet. Mit der Eröffnung der neuen Halle wird eine kleine Feier verbunden sein, in der Herr Professor Dr. Leon Kellner das Arbeitsprogramm der neuen Saison in seinen Grundzügen darlegen wird. Für den Eröffnungsabend ist der Eintritt nur mit Karten gestattet, welche vom Vorstande an die Mitglieder versandt werden. Das Programm für die erste Woche wrird in der nächsten Nummer der „Welt" bekanntgegeben werden. Die Generalversammlung des „Vereines Jüdische Toynbee-Halle" findet Ende November statt. n. Toynbee-Hallen-Gründungen in Holland. Unsere holländi sehen Gesinnungsgenossen rüsten wacker zur Wintercampagnc. Einen Theil ihrer Thätigkeit werden sie der Gründung von Toynbee-Hallen nach dem Muster der Wiener Halle widmen. Schon in den nächsten Tagen wird eine von Zionisten ins Leben gerufene Toynbee- Halle in Oravenshage eröffnet werden. Ebenso soll die von dem Holländischen Zionistenbund in Amsterdam begründete Toynbee-Halle noch im Laufe des October ihre Thätigkeit beginnen. Weitere Gründungen stehen in allernächster Zeit bevor. |\us det) \kt*eiiKt). Voranzeigen. Wien. (Allgemeiner Jüdischer Arbeiterverein.XX., Traun felsgasse 1.) Sonntag den 6. October 8 Uhr abends, findet anlässlich des Simchas-Thora im Restaurant Kühn, IL, Rembrandstrasse 18, ein Vereinsabend statt. Tagesordnung: Vortrag des Herrn Dr. Benedict über „Assimilationsblüten-, hierauf musikalische und declamatorische Vorträge. Gäste willkommen. Berichte. Wien. (Einzelverein „Wierdes „Z i o n".) Bei der Sonntag den 29. v. M. abgehaltenen Ausschusssitzung erbat sich der Obmann Herr Torczyner vor Uebergang zur Tagesordnung das Wort, um das sehr verehrte Ausschuss-Mitglied, Schriftsteller R. A. Brau des, im Namen des Gesammt-Ausschusses anlässlich seines 50. Geburtstages zu beglückwünschen. Ueber Antrag des Schriftführers wurde der einstimmige Beschluss gefasst, den Glückwunsch des Ausschusses zu protokollieren. Auf der Tagesordnung stand : Sollen wir unsere Thätigkeit für die

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