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Die Welt · 1901-10-04 · 40 (4.10.1901) · p. 12

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
40 (4.10.1901)
Article
[Kommentar]
Date
1901-10-04
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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Seite 12 „Die 2$ Welt" Nr. 40 In dem Artikel „Der Zionismus und die Colonien in Palästina" verwahrt sich Max Nordau in scharfen Worten dagegen, dass man die zionistische Partei für das weitere Schicksal der Colonisten in Palästina verantwortlieh mache. „Der Zionismus^ soll helfen. Thut er es nicht, so wird das jüdische Volk von ihm abfallen." — „Euch allen" — sagt Nordau — „die ihr die dumme Dreistigkeit habt, nu't solchen Redensarten drohend umherzuwerfen, sage ich offen: Der Zionismus hat keine anderen Geldmittel als die, die ihm das jüdische Volk zur Verfügung stellt. Ihr müsset daher genau berechnen, welche Geldmittel ihr schon dem Zionismus gegeben, welche Opfer ihr schon für ihn gebracht habt. Der Zionismus ist kein Hexenmeister. Der Zionismus ist keine Goldgrube. Der Zionismus seid ihr selbst. Er hat nur das, was ihr ihm gebt. Er thut so viel, als ihr ihm zu thun erlaubt. Liegt euch die Lage eurer Brüder in Palästina wirklich so sehr am Herzen, so kauft Bankaetien in genügender Zahl; ihr werdet ihnen damit sicherer und besser helfen als mit den grössten jahrelangen Geldgeschenken. Scheint euch aber diese Art von Hilfe zu langwierig, wollt ihr den Colonisten bald helfen, so braucht ihr dazu nicht den Zionismus. Oeffnet gefälligst den Geldbeutel, gebt, wie viel ihr geben könnt, und schickt das Geld nach Palästina. Der Zionismus wird euch gern behilflich sein, eure Spenden zu sammeln, sie nach Palästina zu schicken und sie dort gehörig zu vertheilen. Wollt ihr aber nicht in die Taschen greifen, so seid ihr blosse Mauldrescher, nichts weiter. Ich muss es noch einmal sagen: Ihr wisset sehr gut, dass der Zionismus nur das Geld hat, das ihr ihm gebt . . In der in Cincinnati nach einer längeren Pause neuedierten „Deborah'', einer Monatsschrift zur Wahrung und Förderung jüdischer Interessen, nimmt 3. Felsenthal das Wort zur Aufstellung einiger religionsphilosophischer Grundsätze. Wir lassen von den „Jüdischen Thesen", wie er den Artikel nennt, der gesunden nationalen Geist athmet, die schönste ohne weiteren Commentar folgen und glauben, dass sie feststehende Begriffe für lange schwebende Fragen bedeutet: Judenthum" und „jüdische Religion" sind nicht gleichwertige Begriffe. „Judenthum" ist viel umfassender als „jüdische Religion", und die jüdische Religion ist bloss ein Theil des Judenthums. ,.Judenthum" ist die Zusammenfassung des gesammten Denkens, Empfindens und Strebens des jüdischen Volkes. Mit anderen Worten: Judenthimi ist die Summe aller volkspsychologischen Eigenthümlichkeiten, die in der jüdisch-nationalen Geistesveranlagung ihre Wurzeln haben. Und wieso kämen — wenn es richtig wäre, dass die Juden bloss eine Religfönsgenossenschaft oder eine Kirche bildeten, und nicht in erster .Linie ein Volk, einen Stamm, oder eine Nation, oder wie man es sonst heissen wolle — wieso kämen die Juden, die in der Geschichte der Entdeckung von Amerika genannt werden, oder die m der neueren Zeit als Staatsmänner sich Ruf und Namen erworben ha-ben, oder die als Musiker oder als ausgezeichnet auf anderen künstlichen und wissenschaftlichen Gebieten Ruhm sich errangen, in eine Geschichte der Juden und des Judenthums? Und mit welchem Rechte könnten unsere modernen jüdischen Zeitschriften so laut und so nachdrücklich und mit solchen Jubelfanfaren es verkünden, dass Seine Majestät der deutsche Kaiser irgendeinem jüdischen Industriellen den Rothen Adlerorden vierter 01asse verliehen habe? oder dass er allergnädigst geruht habe, kundzuthun, dass irgendein greiser und hochverdienter jüdischer Gelehrter mit dem Titel Professor bezeichnet werden dürfe? oder dass in irgendeiner Stadt in den Vereinigten Staaten wieder einmal „einer von unseren Leuten" zum Bürgermeister erwählt wurde? Was hat denn solches mit der jüdischen Religion zu thun? Das jüdische Volk, der jüdische Stamm ist das Gegebene, das Bleibende, das nothwendige Substrat, der substantielle Kern. Die jüdische Religion ist ein diesem Kerne Anhaftendes, Eigenschaftliches; — ein Accidens, wie es die Logiker heissen. Das Judenthum ist nicht eine Uni Versalreligion; es ist, richtig verstanden, eine Nationalreligion. Ohne Juden gibt's kein Judenthum. Laubhütten, 2. Esra 8, .15-17. Und als der Abend nahte feierlich, Stieg in uns auf ein Frieden ohnegleichen; Denn über unsern Häuptern wölbte sich Ein grünes Dach von dichtbelaubten Zweigen. Wir, die wir heimatlos durch alle Welten, Freudlos und rastlos durch die Länder irrten, Wir ruhten unter heimatlichen Zelten Von Palmenzweigen und von duft'gen Myrten. Da hat sich jedes Herz zu Gott gewandt Und jedes ward von heissem Dank gerührt, Dass uns äet Herr in uns'rer Väter Land Aus der Verbannung endlich heimgeführt; Und plötzlich ward im Volk ein Jubel wach, Der durch die Thäler brauste tausendtönig, Der von den Bergen hallte tausendfach: „Dank, Dank sei unserm Gott, der Juden König!" . ♦ . Ich aber küssle selig Deinen Mund Und Deine Stirn und Deine blonden Haare, Und meine kranke Seele ward gesund Von allem Leid vergangner Wanderjahre. Die Palmen und die Myrten hielten Wacht, Als unsere grosse Sehnsucht sich erfüllte In jener feierstillen Herbstesnacht.--rr- Berlin. Dolorosa. Der Golem. Von Rudolf Lothar. (Fortsetzung.) Zum erstenmale öffnete jetzt Esther den Mund: „Seine Augen schielen!" „Nein, das habe ich noch gar nicht bemerkt!" betheuerte sofort Hanna mit allem Nachdruck, aber ohne Ueberzeugung, denn sie wusste sehr gut, dass Kleasar schielte, krumm und etwas verwachsen war.' Er war ein hässlicher Mensch. Da half kein Beschönigen: er war wirklich hässlich! Aber Hanna Hess sich gar nicht darauf ein, das Lob seiner körperlichen Schönheit zu singen, sondern begnügte sich, in beweglichen Worten sein edles Herz, seine grosse Seele, seine weise Einsicht zu preisen. Und als Esther trotzdem gar nicht zu besänftigen war, spielte sie endlich ihren grossen Trumpf aus: „Dein Vater hat ihn Dir gewählt. Dein Vater kennt ihn. Dein Vater ist der klügste Mann; er sieht durch die Brust der Menschen, als wäre sie von Glas. Wenn er Elasar nicht für würdig hielte, sein Schwiegersohn zu werden, nie hätte er ihm die Hand seines Kindes zugestanden!" Da richtete sich Esther mit einem Rucke empor, wischte sich mit dem Handrücken kurz und entschlossen die nassen Augen, warf mit einer heftigen Bewegung des Kopfes das schwarze Haar, das ihr wirr über die Stirne hieng, zurück. Dann packte sie die gute Mutter Hanna um die Hüfte, drückte ihr flammendes Gesichtchen an ihre Schulter und begann zu sprechen< in jäh sich überstürzenden Worten, in jagenden Sätzen. Nein, sie wollte ihn nicht heiraten, den hässlichen, schiefen Menschen, wenn er auch Psalmen singen konnte wie weiland König David. Er war ihr ein Greuel. Sie hatte Angst vor seiner Berührung; sie konnte ihm nicht einmal die Hand geben. Wenn er sie anstarrte, wenn er ihr mit schüchternem Stammeln von seinen Gefühlen sprechen wollte, wäre sie am liebsten gleich davongelaufen. Und diesen Menschen musste sie heiraten! Der Vater hatte es gesagt, und der Gedanke, dem Vater zu widersprechen, kam ihr nicht einmal in den Sinn. Aber es war ihr Tod. Es war ärger als der Tod. Und wieder zuckte es um die Lippen, die Nasenflügel bebten, das Kinn schob sich vorwärts, zwei tiefe Eältchen gruben sich in die Stirne und ein neuer Bach von Thränen lief aus den Augen. Hanna nahm das Kind fester in ihre Arme, wiegte es sänfüglich und strich ihr über den Kopf. Indessen sie auf irgendein Beruhigungsmittel sann, kam plötzlich die Rettung. An der Thüre wurde leise geklopft, und als niemand „herein" sagte, ärgerlich gescharrt. Und als auch darauf keine Antwort kam, steckte jemand vorsichtig den Kopf durch die TRürspalte. Dieser jemand war ein alter, gemüthlicher kleiner Jude in einem langen Pelzrock, mit hoher, spitzer Pelzmütze. Als er die beiden Frauen erblickte, kam er eilfertig herein, machte allerhand Bücklinge und Kratzfüsse und rief ein übers andere Mal: „Der Reb Simon ist wieder da und wünscht einen guten lfag!"

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