Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 40 (4.10.1901)
- Article
- Europäer / Quaerens
- Date
- 1901-10-04
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr, 40 „Die & Weltßß Seite 11 politischen nach der culturellen Seite Unterlassungssünden begangen, die allerdings gut zu machen sind. Es gibt ja einen sogenannten Cultur-Zionismus. Aber er ist insoferne unzureichend, als er sich beinahe ausschliesslich mit der keineswegs zu unterschätzenden, specifisch . hebräischen Culturarbeit befasst, meist in reconstructivem Sinne. Speciell in Russland sind heute auch Anfänge bemerkbar, die bedeutenderen Gesichtspunkten entspringen. Aber dies hat alles nur wenig mit der culturellen Atmosphäre zu thun, in der wir westeuropäischen Juden leben. Diese aber darf uns nicht gleichgiltig sein, auch insoferne sie assimilierte oder vorgeblich assimilierte Juden betrifft. Wir, die wir doch eigentlich vor einer grossen Reise stehen, müssen unsere Habseligkeiten ordnen und sammeln, mag das Bündel, das wir zu schnüren haben, auch ärmlich sein. * * * Ich fürchte da zu weit ausgeholt zu haben in Anbetracht einer viel engeren Aufgabe, die mir eigentlich für diese Zeilen vorschwebt. Vielleicht war ich auch allzu schwarzseherisch. Parturiunt montes, nascitur ridiculus mus, wird dor Leser des Weiteren enttäuscht sagen. Denn da bespreche ich nur die Bücher einiger deutschschreibenden Juden. Nun, während ich versuchen will, uns eine einzelne Erscheinung näher zu rücken, mag das Vorhingesagte nicht ganz ohne Wert sein als Anregung zu umfassenderer Arbeit. * * * Auf der Litfass-Säule, die ich mir am Beginn aufgebaut, rindet man häufig seltsame Namen: Namen von Juden. Die besten Europäer sind darunter. Wir Nationale, die uns einen eigenen Weg vorgesteckt, lieben sie nicht. Wir nennen sie Assimilanten, Abtrünnige, und damit basta. Sie wieder lieben uns nicht. Wir sind für sie das Ghetto, aus dem sie sich frei gemacht. Beide Theile haben unrecht, wenn die Rassentheorie, auf der wir fussen, richtig ist. Wir gehören organisch zusammen, wir, das dunkelste Ghetto und sie, die Europäer sind, oder häufig sogar Uebereuropäer. In dieser Consequenz müssen wir sie stets im Auge behalten. Ihre Bücher müssen wir lesen und ihre Bilder ansehen, und was sie sonst betreiben. Wir müssen es registrieren. Vielleicht ist da ein Stück unserer, der jüdischen, modernen Cultur. Ihre Stoffe brauchen nicht jüdisch zu sein. Ein jüdischer Vorwurf ist oft schon Tendenz. Und Tendenz ist wie ein Mühlstein um den schlanken Hals der Kunst. Schmählich versinkt sie mit ihm. Gab es nicht auch zum Beispiel reine Lyriker bei den alten Hebräern? Ist das vorbei? Gibt es keine Fortsetzung? Es gibt eine. Aber der Zeiten Unbill züchtete eine seltsame und schmerzliche Verkümmerung: Jüdische Kunst trägt ein fremdes Gewand, ein geliehenes Gewand. So arm sind wir geworden. Schön ist es oft, dies Gewand, herrlich schön. Aber schaut ein schärferes Auge, wird ihm eine feine Falte, eine geringfügige Nachlässigkeit das Geheimnis verrathen: das ist kein eigen Kleid. Ist es ein Sänger, so fliegen seine Lieder weit, weit hinweg von den grossen Schmerzen uad den kleinen Freuden der Juden. Aber eines kann er nicht wehren: sie nehmen immer etwas mit auf. ihren Weg von seiner Seeie. Eines Dichters Seele aber ist nie ein Ding für sich. Sie ist bloss die Frucht, die feine Frucht eines uralten Baumes, der Cultur seines Volkes, deren Geistes einen Hauch man auch im fernsten Liede verspüren wird, wenn auch noch so unmerklich. Immerhin sozusagen als Unterströmung. * # * Es lässt sich oft schön und gut träumen, wenn man ein Jude ist. Versonnene Augen sehen Palästina, wie es heute wäre, wenn nicht... o, des Conditionalsatzes unseres Unglücks! Gerade hätte vielleicht eine jener segensreichen Sturzwellen das Land befruchtet, die, zurücktretend, nie gesehene Wunder an Fruchtbarkeit erschauen lassen. Eine Epoche etwa wie das Cinquecento in Italien, blühte in Palästina! Von Israel würde nochmals; ein Lieht ausgehen über die ganze Welt! Und diesmal nicht das mystische frommen Wunderglaubens, sondern das strahlende der Schönheit... Das glänzende Traumbild versinkt, und unser geblendetes Auge findet sich wieder, wohl oder übel, in der Nacht der Wirklichkeit zurecht. Langsam beginnen wir Umrisse zu unterscheiden, leise Umrisse, schwankende Linien, huschende Schatten, und ein winziges verlorenes Fünkchen glüht. Vielleicht ist es vom jüdischen Herdfeuer! Von demselben, das, von mehr Glück entfacht, als eines grossen Volkes Wahrzeichen heute zum Himmel lodern würde, heiss und prächtig. « * Es sollen nun einige Schriftsteller, zunächst Wiener oder doch solche, die nach Wien rangieren, in den Kreis unserer Betrachtung gezogen werden. Ich will versuchen, ein oder das andere Stück der starken und feinen Kette blosszulegen, die zwischen jenen und dem Judenthum schleift. Aber ich werde mich wohl hüten, fortwährend sozusagen das jüdische Specificum triumphierend mit der Pincette emporzuhalten. So kann man ebenso leicht als verhängnisvol irren. Darin hat Ihr „Pantarhei"*) vollkommen recht. Persönliche Vermuthungen werde ich allerdings nicht immer zurückhalten können, aber im grossen und ganzen denke ich mir die Sache als eine Art literarpsychologischer Registrierarbeit von möglichster Kühlheit und Objectivität. Quaerens. (Forts, folgt.) Bücher und Zeitschriften-Rundschau. J|äcber«ßii)laaf. Altjüdische Romane und Novellen in griechischer Sprache. Eine neue Theorie zur Erklärung der erzählenden Apokryphen des Alten Testamentes. Von Dr. M. Rosenmann, Bezirksrabbiner in Floridsdorf. Mittheilungen der Gesellschaft für jüdische Volkskunde. Heft VITT. Hamburg 1901. t wttnn. nasm ,rrw npwbirn *ibd ,pwn -pD ♦«ans ♦« n*a .«önn amn^ nnp ♦Kwn wtnKn ♦(rrap) w # -toDsbj?! |ot nyt^jm yjT«! & d s b y t vk fcäbyn -lytsDytaby /D^odt) jis toDKeiys .wik s&iv "ikö ^"fi ♦nrnn iwikti ♦^arijn-ötföKDKB pwnv •nrntnKYi irrsrra djh pa „Jung Juda% früher: „Jüdisches Gefühl", Prag, Teingasse 17. Die erste Nummer dieser Zeitschrift für unsere Jugend liegt vor Uns und wir constatieren mit Vergnügen ihren gut entsprechenden Inhalt und ansprechende Ausstattung. Jeder, dem daran liegt, in die Erziehung seiner Kinder das jüdische Element zu bringen, wird gut daran thun, ein Abonnement der Zeitung aufzunehmen. Sie ist gehalten wie alle Kinderzeitschriflen, doch in gut jüdischem Geiste. Soeben ist der siebente Jahrgang des von Gustav Bader in Lemberg herausgegebenen „Jüdischen VolJeskaleiiders" (Jargon; durch die Administration unseres Blattes zu beziehen) erschienen. Er enthält in seinem literarischen Theile folgende Beiträge: Max Nordau — Der Zionismus und die Colonien in Palästina; Gustav Bader — Kleine Geschichten für grosse Kinder; Josef Klausner — Unsere Gegenwartsarbeit; M. Wirth — Erreicht. Ein Bild in einem Act; K. Brainin — Alfred Nossig. Erinnerungen. Mit dem Bildnisse JNossigs und der Abbildung seiner Sculpturen; J L Perez — Beb Jochanan Gabbe. Ein Geschichteten.; M. Wirth — Mein Volk. Gedicht; R. Brainin — Die jüdische Nationalbibliothek in Jerusalem. Mit dem Bildnisse von Dr. Chasanowitseh; J. Wortsmann — Die Arbeiter und der Zionismus; M. Wirth — Blumen (Liebesklänge); R. Brainin — Lazar Schulmann. Mit dessen Bildnisse. . *) S. vorige Nummer der «Welt*.