Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 40 (4.10.1901)
- Article
- Geehrter Herr Redacteur!
- Date
- 1901-10-04
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10 „Die # Weit'6 Nr. 40 gesprochen worden. Von dem „Kol Machsike Hadas" oder auf einem anderen Wege ist diese Mittheilung in eine orthodoxe jüdische Zeitung in Budapest aufgenommen worden. ' '-'''-^ :- ' ' >• ' Nun ist an der ganzen Mittheilung kein Wort wahr. Wahr ist vielmehr das gerade Gegentheil. Am 29. August war ich als Sachverständiger im hiesigen Strafgericht vorgeladen und erklärte mit aller Entschiedenheit, dass d i e „M e s u s e" n a c h j üdis'chem Gesetze heilig ist und dass daher eine Verunglimpfung derselben unter den Begriff der Religionsverletzung falle. Auf Grund dieser Aussage wurden die Angeklagten laut Urtheil des k. k. L a n d e s g e r i c h t e s für Strafsachen, in Krakau vom 29. August 1901 z. ZI. Vr. XVI. 783/1 verurtheilt. Und zwar wurden drei Angeklagte, zwei Burschen von 11 und einer von 13 Jahren, der Bezirkshauptmannschaft zur Strafausmessung' überwiesen, während einer, der das 14. Lebensjahr schon erreicht hat, zu zwei Wochen verurtheilt wurde. Es scheint, das in der Bibelausgabe, die unsere Herren Orthodoxen in Lemberg und Budapest benützen, das „Midbar Scheker thirchak" nicht mehr vorkommt. Mit herzlichem Dank und aufrichtiger Hochachtung Krakau, den 30. September 1901. Dr. üsiasThon, Rabbiner und Prediger in Krakau. * Wie mir mitgetheilt wird, sind über meine Person thörichte und unwahre Gerüchte im Umlauf, welche aber doch geeignet erscheinen mir, und den S a ch en, di e ich vertrete, in den Augen der kritiklosen Menge zu schaden» Von mehreren Seiten in allerletzter Zeit hierzu angeregt, möchte ich hierdurch bitten, mir öffentlich oder privatim bekanntzugeben, auf wen diese Verleumdungen zurückzuführen sind. Vielleicht finden die Betreffenden auch selbst den Muth, mit ihren Namen für ihre Behauptungen einzutreten. Ich werde den Urhebern dieser Gerüchte Gelegenheit geben, den Wahrheitsbeweis anzutreten oder schuldig zu bleiben. Besonders rechne ich darauf, dass diejenigen, welche im guten Glauben die erwähnten Gerüchte weitergegeben haben, durch Nennung ihrer Gewährsmänner sich von dem Verdachte reinigen, selbst die Urheber zu sein. Wer in solchen Fällen sich zur Discretion verpflichtet fühlt, macht sich einer Art Hehlerei schuldig. Allen, die zur Aufklärung dieser hässlichen Angelegenheit beitragen, spreche ich im voraus meinen Dank aus. Berlin C, Fischerstrasse 6. Davis Trietsch. * Am 15. d. M. werden die Vortragsabende derToynbee- Halle wieder beginnen, ebenso die Bewirtung mit Thee und Cakes; es werden deshalb alle Frauen und Mädchen, die im Vorjahre schon mit so viel echter Lebenswürdigkeit und unermüdlicher Ausdauer die Bereitung des Thees und Herumreichung desselben bewerkstelligt haben, herzlichst gebeten, uns ihre Dienste neuerdings zu Verfügung zu stellen. Diesbezügliche Mittheilungen wolle man gütigst richten an den Bewirtungs-Aussch.iss drr Toynbee-Halle XX., Karajangasse 20. * Das gefertigte Comite* beehrt sich, die verehrten Gesinnungsgenossen zu dem Donnerstag den 10. October 1901, 7a9 Uhr abends, in den Sälen des Hotel „Goldenes Kreuz", VI., Mariahilferstrasse 99, stattfindenden S i mchas-Thor a- Ball ergebenst einzuladen. Die Tanzmusik besorgt die Salonkapelle S. S t e r n. Arrangement: Tanzmeister Otto Bl ö dy. ^3 Büffet vom Restaurateur Herrn Alois H e r- 1 i n g e r. Das Reinerträgnis ist zionistischen Zwecken gewidmet. Gesinnungsgenossen, erscheinet zahlreich! Für das Executiv-Comite: Anton P ic k, Obmann, XV., Mariahilferstrasse 140. Dr. M. Deutsch, Obmann-Stellvertreter, VI, Stumpergasse 65. Adolf Neu fei d, Cassier, XV., Mariahilferstrasse 181).. S. M. Hönigsberg, Schriftführer, XV., Krantzgasse 20. Familienkarte (4 Personen) 6 Kr., Einzelkarte 2 Kr. Kartenverkauf: Cafe Schwenderhof, XIV., Mariahilferstrasse 189, Restaurant Herlinger, XIV., Schwendergasse 1, Cafe Westend, VIL, Mariahilfestrasse 128, Cafe Mariahilf, VI., Mariahilferstrasse 89 a, Cafe Eiektra, VI, Mariahilferstrasse 79, Bureau des Zionisten-Congresses, IX., Türkenstrasse 9, und an der Abendcasse. Europäer. EinExperiment. Mitten auf breiter Heerstrasse, wo das Leben am stärksten wogt, steht eine mächtige Litfass-Säule. Bunt ist sie beklebt mit Worten und Namen. Da gibt es solche, die marktschreierisch prahlen, und wieder solche, die stillen magischen Schein geben, der oft so stark ist, dass er sich gar nicht überkleben lässt, während jene allzu lauten häufig unter neuen Schichten der Vergessenheit anheimfallen. Das Leben hastet vorbei Von den Karrenden werfen viele nicht einen Blick auf die Bunte, Ragende, Und doch ist stete Wechselwirkung zwischen ihr und dem Leben. Die Erde zittert von Lärm, von den Schritten, der Wucht der Maschinen all dieser Menschen, und sie erschüttert im gleichen Takte die Säule, die wieder ihre Lichter auf der fernsten, einsamsten Wange spielen lässi * * * Bücher sind der Zeiger der Cultur. Ein Zeiger in jenem Zustande, wo er noch vage hin- und herschwankt zwischen einigen Theilstrichen, unter denen sich auch der befindet, bei dem er schliesslich zur Ruhe gelangen wird. Nicht ganz müssig mag es sein, diesen Schwingungen zu folgen, während andere sich damit abquälen, die Cultur» zu definieren, 2u ergrübein, was die Zeit, die grosse Masse ein Stamm oder der eine Mensch für Einfluss auf sie genommen; zu ermitteln, wieviel Theile Wissenschaft und Technik, wieviel Kunst im Decoct enthalten seien. Unstreitig wichtig sind diese Untersuchungen, aber rascher und befriedigender ist der monographische Weg. Diese Flut von bedrucktem Papier muss doch einiges Culturgold mit sich führen. Auch bei nachlässigem Baggern und Sieben muss uns hier leichter reines Gold in die Hände gelangen als im mühsamen Bergwerk oder im noch mühsameren Schmelzofen. Zumindest ist dieser Weg kein verfehlter, will man einer oder der anderen Culturfrage rasch auf den Grund kommen. * * * Ich kenne eine solche Frage, die für uns nationale Juden vielleicht nach Palästina die brennendste ist. Es ist eigentlich gleich ein ganzes Bündel Fragen. Wo steht heute die jüdische Cultur? Gibt es überhaupt moderne jüdische Cultur? Wenn ja, wurde sie von der Cultur der Wirtsvölker wesentlich beeinflusst oder war sie selbst die stärkere, einflussnehmende? In welchem Umfange ist das eine oder das andere oder gar beides vor sich gegangen? Welcher Schaden, welcher Nutzen resultiert daraus für unser Volk? Der Fragen nach dieser Richtung ist kein Ende. Unbeantwortet können sie uns zermalmen, wie eine Sturzlawine, gerade wenn wir einmal auf dem besten Wege sind. Ich will damit sagen, dass ein noch so gesinnungstüchtiges Festhalten an unserem politischen Ideale nicht ausreicht. Politik allein ist eine viel zu arme Parole für ein aufstrebendes Volk, denn sie wirkt culturausschaltend. Und bei uns tritt noch der besondere Umstand hinzu, dass Schwierigkeiten, mit denen wir von Anfang an rechnen müssten, selbst einem realpolitischen Sichausleben in grossem Stile noch für einige Zeit im Wege stehen. Von seiner Nationalhymne allein kann ein Volk nicht leben. Wir müssen uns ehrlich eingestehen, dass wir auf Kosten der