Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 40 (4.10.1901)
- Article
- R. A. Braudes
- Date
- 1901-10-04
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Kr. m „Die s£ Welt06 Seite 9 in den Sechziger- und Siebzigerjahren, die in K. A. Braudes einen ihrer geistvollsten und begabtesten literarischen Wortführer gefunden hatten. Mag uns auch heute der Ideengehalt, der diese Kämpfe ausfüllte, armselig und diese selbst daher vielfach kleinlich erscheinen, so lässt sich doch nicht verkennen, dass ein reiner Wille, ein in seinem Ungestüm ehrlicher, tiefempfundener Drang nach geistiger Selbstbefreiung die Haskalahkiimpfer beseelte und dass s i e es überdies waren, die den Boden urbar machten für die Saat des nationalzionistischen Gedankens, die wir später ins Volk streuten. Die Bedeutenderen unter ihnen entwickelten sicih auch im Verlaufe der Zeit zu überzeugungstreuen Zionisten und predigten das Ideal der Wiedergeburt unseres Volkes mit dem gleichen Schwung, wie sie früher die„HimmelstochterAufklärung" gepriesen hatten. So Jehudah Leb Gordon, so Perez S m o - 1 e n s k y , so Mosch eh Leb Lilienblum und so auch Reuben Äscher Brande s. Braudes' literarische Blütezeit fällt in die Siebziger jähre des verflossenen Jahrhunderts. Nachdem er seit dem Jahre 1869 in verschiedenen hebräischen Zeitschriften publicistische Aufsätze und feuilletonistische Skizzen veröffentlicht hatte, erschien im Jahre 1874 in der Zeitschrift ■ „Haschachar" seine erste Novelle: „Die Geheimnisse des Hauses Zephanjah" («p;^ j-pa ^flCfc). Wiewohl der literarische Wert dieser Erzählung weit hinter dem seiner späteren Romane zurücksteht, so zeugt auch sie schon von Braudes' reicher Einbildungs- und Gestaltungskraft. Im Jahre 1875 kam Braudes nach Warschau. Dort erschien sein erstes Ruch, die Novelle Der reuige Sünrler"^«^ .Tritt), die sehr beifällig aufgenommen wurde. Zugleich kündigte er das Erseheinen eines grossangelegten Romans aus dem jüdischen Leben der Gegenwart an, dessen erste zwei Theile auch bald erschienen. Es ist dies Braudes' Meisterschöpfung: ..Religion und lieben" ('Q^^ rYi.T)» ^e bisher leider fragmentarisch geblieben ist,, an deren Vollendung er aber jetzt noch arbeitet. „Religion und Leben" schildert die Kämpfe der aufgeklärten jüdischen Jugend der Siebziger jähre gegen die intransigente, unduldsame Orthodoxie mit einer plastischen Kraft und einer rhetorischen Glut, die bis heute in der hebräischen Belletristik unerreicht dastehen. Dr. M. Ehrenpreis sagt von Braudes, dem Romanschriftsteller*) : „Wir können es getrost aussprechen, dass Braudes den hebräischen Roman geschaffen hat, noch mehr: dass der hebräische Roman in seinen (Braudes') Schöpfungen einen Gipfelpunkt seiner Entwickelung erreicFt hat. Keiner ist ihm vorangegangen und keiner hat ihn bis jetzt erreicht. Wie viel Schriftsteller besassen wir, die unsere ÜsToth geschaut und die tiefe Sehnsucht unserer Seele ergründet haben? Unsere Schriftsteller und Erzähler waren Sittenprediger, Weltverbesserer, Publicisten, aber keine Künstler. Bloss Mapu erhob sich zu echtem Künstlerthum, aber auch er lebte in Büchern und schaute mit geistigem Auge. Unsere sonstigen Romanciers aber, von Naftali Keller bis zu Smolensky — wie weit waren sie von der Feinheit des Empfindens, von der Weite des Gesichtskreises und von der Schöpferkraft entfernt, die den Dichter ausmachen! Braudes jedoch ist D i c h t e r. Er hat Gestalten hervorgebracht, die die Sehnsucht ihrer Zeit und den Gedankeninhalt ihrer Generation in dor vollkommensten und umfassendsten Art verkörpern. Sein Buch „Religion und Lehen" wird in der jüdischen Literatur von ewiger Dauer sein und dessen Held Samuel wird als ein Marmordenkmal in spätere Geschlechter hinüberragen, zum Andenken an die Zeit des Kampfes und Umsturzes, zu deren Heerführern Braudes gehörte."-- „Religion und Leben" erschien zuerst in der Zeitschrift „Haboker Or", die Braudes in Gemeinschaft mit A. B. Gottlober seit Ende 1875 in Lemberg herausgab. Im Jahre 1879 erlangte Gottlober von der russischen Cersurbehörde die Erlaubnis, ..Haboker Or" in Russland erscheinen zu lassen. Braudes siedelte sich daher wieder in Warschau an, wo er die Redaction der Zeitschrift weiter leitete. Infolge eines Zerwürfnisses mit Gottlober legte jedoch Braudes die Redaction des ...Haboker Or" nieder, und *) „HascFiloah", Bd. III., S. 364. bald finden wir ihn in Bukarest, wo er eine Jargonzeitschrift unter dem Titel „Jehuditlr begründete. In dieser seiner Zeitschrift redete er der jungen nationalen Palästina-Bewegung feurig und mit vielem Erfolge das Wort. Im Jahre 1884 ergieng wider ihn wie gegen viele andere jüdische Schriftsteller ein ministerielles Ausweisungsdecret. Nun wandte sich Brandes nochmals nach Lemberg. Hier entfaltete er eine reiche Thätigkeit als Volksredner im Dienste der Palästina-Bewegung. Zugleich setzte er seine publicistische und schriftstellerische Arbeit fort. In Gemeinschaft mit Josua M es ach gab er die hebräische Halbmonatsschrift „Hajahaduth" (Das Judenthum) heraus, von der aber bloss wenige Hefte erschienen sind. Zugleich gab er mit Michael Wolf die „Romanbibliothek" (q^sq,^ ipy) heraus, in der nebst den bereits früher veröffentlichten ersten zwei Theilen von „Religion und Leben" ein neuer dritter Theil, ferner der Roman „Zwei Extreme" \nt£>)' CjTflatpH eln weiteres Meisterwerk von Braudes, erschien. Wie „Religion und Leben" übten auch die „Zwei Extreme" eine nachhaltige, fascinierende Wirkung auf das hebräische Lesepublikum aus. Im Gegensatze zu dem erstgenannten Buche tritt in den „Zwei Extremen" die Tendenz ganz zurück zugunsten einer rein künstlerischen, in ihrer vollendeten Realistik gewaltig packenden Darstellung jüdischen Lebens und Strebens. Darum stellen auch manche Beurtheiler „Zwei Extreme" höher als selbst „Religion und Leben", vor welchem jene ja auch den Vorzug der Vollständigkeit voraus haben. Im Jahre 1866 erschien eine Sammlung kleiner Erzählungen und SJvizzen von Braudes unter dem Titel „Die Alten und die Jungen" (Q"n#: qjj D^i)« ^m (üe*e Zeit hatte er auch in Lemberg drei Jahre lang die Redaction des „Jahrbuchs für Literatur" (nraD^ -nik) inne. Im Jahre 1891 finden wir Braudes in Krakau. Dort redigierte er eine Zeitlang die hebräische Zeitschrift '(tt'n,, (>3ie Zeit"), in der die Anfänge seiner Erzählungen „Alte Gesänge" (D^p-n? D"-nr) mul «Woher — Wohin?" rSfc) zum Al)" druck gelangten. Die erstgenannte Erzählung hat Braudes erst vor kurzem handschriftlich vollendet und dürfte sie in nächster Zeit publicieren. „Woher und wohin" geht ebenfalls der Vollendung entgegen. Auch an dem Abschlüsse von „Religion und Leben" arbeitet der Dichter in neuester Zeit. Es ist bewundernswert, wie er sich trotz der in den letzten Jahren gesteigerten Ungunst seiner Lebensumstände verhältnismässig rege Schaffenslust und geistige Frische bewahrt hat. Von bis 181)5 hielt sich Braudes wieder in Lemberg auf, wo er die Jargonzeitschrift „Hakarmel", nachmals ,,Der Wecker", herausgab, die zuletzt als „Jüdisches Wochenblatt*'. Organ des Vereins „Zion" in Lemberg, erschien. Seit 1896 lebt Braudes als Journalist in Wien. Zu Beginn der Wiener politischzionistischen Bewegung erneuerte er seinen Ruhm als Volksredner und seine Verdienste um die zionistische Sache durch eifrige Betheiligung ß$L unserem Vereins- und Versammlungsleben. «üle Verehrer des Jubilars und Freunde der hebräischen Dichtung vereinigen sich in dem Wunsche, dass es Braudes gegönnt sein möge, seine herrlichen Schöpfungen, vor allem das unvergängliche Kunstwerk „Religion und Leben", in ungetrübter Schaffenskraft zu würdigem Absehluss zu bringen. M. Z. ^ribuiK. Geehrter Herr Eedacteur! Sie würden mich zu Dank verpflichten, wenn Sie folgende Zeilen in ihrem geschätzten Blatte gütigst veröffentlich en möchten: In einem in Lemberg erscheinenden Blatte „Kol Machsike Hadas" wurde vor einigen Wochen die Mittheilung gebracht, dass ich als Sachverständiger vor dem Krakauer Ländesgericht für Strafsachen ausgesagt habe, der „Mesuse" komme keine religiöse Heiligkeit zu. Auf Grund dieser Aussage wären die Angeklagten, vier christliche Burschen, frei-