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Die Welt · 1901-10-04 · 40 (4.10.1901) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
40 (4.10.1901)
Article
Zacharias Frankel
Date
1901-10-04
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8 „Die $ Welt* Nr. 40 ihnen kein rechtes Verständnis für das Leben oder gar Lust und Fähigkeit zu lebensvollen Schöpfungen aufkommen. Nunmehr aber, nachdem die Juden mit einemmale die Ghettothore gesprengt hatten und sich vor neue Aufgaben gestellt sahen, bedurfte es thatkräftiger, weitblickender Männer, die neue Gestaltungen verbreiten und zeitgemässe Institutionen treffen sollten. Unter den wenigen, die dazu berufen erschienen, nimmt unstreitig den ersten Platz Zacharias Frankel ein. Um die volle Bedeutung dieses Namens zu würdigen, müssen wir einen Blick auf die innere und äussere Lage der Juden in der ersten Hälfte des abgelaufenen Jahrhunderts werfen. Die Emancipation war erst in einigen Staaten durchgeführt, eine staatliche Organisation fehlte den Juden ganz, jede Gemeinde war eine Welt für sich, innerhalb der Gemeinden bekämpften sich die Orthodoxen, die von einem Eingehen auf den Zeitgeist nichts hören wollten, und die Reformer, die das ganze überlieferte Judenthum wenigstens in seinen äusseren Formen aufgeben wollten. Die Parteigegensätze hatten sich in einer Weise zugespitzt, wie man es sich heute gar nicht mehr vorstellen kann, und was das Traurigste war, über allen Streitigkeiten war die Hauptsache versäumt, worden, die jüdische Erziehung des heranwachsenden Geschlechtes. So bot das damalige Judenthum ein trauriges Bild : Starrheit und Steigerung auf der einen Seite, Unkenntnis, Gleichgültigkeit und Abfall auf der anderen, und die Rufe nach Mässigung, die von aufgeklärten und besonnen Juden gegen die extremen Parteien , erhoben wurden, verhallten ungehört im lauten Streite der Meinungen. Eine Versöhnung der Gegensätze oder gar eine völlige Einigung des in zwei feindliche Lager gespaltenen deutschen Judenthums schien für immer ausgeschlossen, da trat Frankel auf den Plan, und es gelang ihm, eine vermittelnde Richtung zu schaffen, der sich alsbald zwar nicht die Parteiführer von rechts und links mit ihrem Gefolge, aber ein grosser Theü der vernünftigen und ehrlich gesinnten Juden anschloss, und der noch heute die überwiegende Anzahl deutscher Gemeinden und deutscher Rabbiner angehört. Die Lösung dieser schwierigen Aufgabe war nur einem Manne möglich, in dem so viele und so grosse, selten vereinte Eigenschaften anzutreffen waren wie gerade Fr ankel: tiefe Religiosität und Pietät für das Ueberkommene neben Verständnis für das Leben uud die Bedürfnisse der Gegenwart, bedeutende jüdische, speciell talmudische Gelehrsamkeit neben gründlicher classischer und moderner Bildung, unerschütterliche Ueberzeugungstreue neben Milde und Toleranz gegen Andersdenkende. Geboren zu Prag am 1. October 1801, bereitete er sich in seiner Vaterstadt von früher Jugend auf zum rabbinischen Berufe- .vor und setzte dann seine Studien in Pest fort, bis er 1832 zum Rabbiner von T e p 1 i t z berufen wurde. Dort zeigte er schon seine organisatorische Begabung und erwirkte die Einrichtung eines zeitgemässen Gottesdienstes mit Predigt in der Landessprache. Schon nach 4 Jahren wurde er zum Oberrabbiner von Dresden berufen, wo sich ein weites Feld für seine Thätigkeit eröffnete. Die Juden Sachsens standen noch unter drückenden Ausnahmegesetzen und in einer Reihe von Schriften wie durch sein persönliches Einwirken erreichte er deren Milderung und baldige Abschaffung. Gleichzeitig suchte er in der von ihm begründeten „Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums" v) für seine Ideen und Pläne weitere Kreise zu interessieren. Er wollte ernstlich die äussere Emancipation der Juden herbeiführen, und zwar nicht bloss die Emancipation der Individuen, sondern die Emancipation der Gesammtheit, deren staatliche Anerkennung als Religionsgemeinde er anstrebte. Weiter wollte er eine Reform des Judenthums aus sich selbst heraus, nicht etwa durch Abstreifung alles specifisch Jüdischen, sondern durch tiefes Erfassen seines wahren Wesens, und als Haupthilfsmittel zu diesem Zwecke erschien ihm die Wissenschaft des Judenthums. Frankel besass zwar weder die universelle, alle Seiten des Judenthums mit gleichem Verständnis umfassende Gelehrsamkeit eines Zunz, noch die kühne, vor keiner Consequenz zurückschreckende Kritik eines Geiger, noch die philosophische Tiefe eines Joel, aber er überragte alle Genannten durch seine Fähigkeit, die Wissenschaft in weitere Kreise zu tragen und fürs Leben fühlbar zu machen, nicht in dem Sinne, als ob die Wissenschaft nur eine Dienerin des Lebens darstellen sollte, sondern in dem höheren und edleren Sinne, dass sie das Leben beherrschen und gestalten solle. In der Biographie seines gleichgesinnten und mitstrebenden Freundes Dr. Bernhard Beer, dessen hundertster Geburtstag am l) 3 Bände 1844-1846. 1. Juli d. J. von den meisten jüdischen Zeitungen mit undankbarem Schweigen übergangen wurde, beklagt Frankel mit Recht (p. 196) „ein Abhandenkommen der Kenntnis des nationalen Heiligthums, das, dem Geist des Judenthums zuwider, der Obhut einiger Theologen überlassen bleiben soll". Die genannte Zeitschrift und ihre Nachfolgerin, die von Frankel 1852—1868 geleitete und noch heute erscheinende „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenthuins'*, hat sich unter seiner Redaction nicht wie heute darauf beschränkt, rein gelehrte Artikel zu bringen und das Judenthum als ein der Gegenwart entrücktes Forschungsobject, etwa wie das classische Alterthum, zu behandeln, sondern suchte jederzeit Fühlung mit dem Leben und behandelte die brennenden Tagesfragen mit Würde und Entschiedenheit, aber immer in einem versöhnlichen Sinne mit wahrem, wissenschaftlichem Ernste : die Veredlung desGottesdienstes, der Religionsunterricht, die Vorbildung der Rabbiner, die Rabbiner Versammlungen, alle einer ernsten Discussion würdigen Fragen, werden da in der Regel von Frankel selbst mit Wärme und Gründlichkeit nach allen Seiten besprochen. Die theilweise vor mehr als einem halben Jahrhunderfc geschriebenen Artikel sind noch heute lesenswert, ja vielfach sogar noch actuell, und zeigen uns, wieso Frankel zu einer so einzig dastehenden, führenden Rolle im Judenthum gelangen konnte. Heutzutage ist vielfach der Glaube verbreitet, man müsse gesinnungs- und charakterlos sein, dürfe eigentlich gar keinen Standpunkt haben, müsse nur äusserlich recht glatt und verbindlich gegen jedermann sein, dann erst könne man mit allen Parteien auskommen und in Frieden leben. Nichts von alledem bei Frankel! Hier stehen wir einem Manne gegenüber, der nicht etwa in allen Farben schillert und geschickt zwischen den verschiedenen Richtungen laviert — fürchteten und begeiferten ihn doch die Kampfhähne von beiden Parteien — sondern einer abgeschlossenen Persönlichkeit, die unbeugsam an dem als recht Erkannten festhält. Es ist gerade der feste, positive Standpunkt, der sich durch kein Parteigeschrei von rechts und links beirren lässt, der immer das ganze Judenthum und nicht etwa bloss e Mi e Richtung innerhalb desselben im Auge behält, wodurch Frankel schnell einen so grossen Kreis von Anhängern, Mitarbeitern und Jüngern um sich scharte, die mit seltener Begeisterung und Verehrung au ihrem Meister hiengen. Und wo lagen die Wurzeln seiner Kraft, wodurch gewann er diesen festen und positiven Standpunkt? Aus seiner überlegenen Kenntnis des jüdischreligiösen Schriftthums. Und eben darum glaubte er und mit Recht, die von verschiedenen Seiten versuchte Regeneration des Judenthums könne bloss aus einer wissenschaftlichen Erforschung und Darlegung seines Lehrgehaltes hervorgehen. Charakteristisch für Frankel sind nachstehende Worte1) : „Das Judenthum hat seine Gewähr in sich, in den ewigen Wahrheiten, die es lehrt. Erhalterin und Nährerin dieser Wahrheiten ist die Wissenschaft, sie stellt jene dem Geiste als Lebendiges und Leben Ausströmendes gegenüber, gibt ihm die spannende und anregende Beschäftigung, durch die diese Wahrheiten ein lebendiges, ohne die sie ein todtes Gut sind. Wissenschaft ist das Herz des Judenthums, aus dem das Blut sich durch alle Adern ergiesst; die Erhaltung des Judenthums liegt im Gedanken, ohne den Gedanken siechen und versiegen die Handlungen." (Schluss folgt.) R, A, Brandes. Zu seinem 5 0. Geburtstag. (25. EM 5661.) DieErinnerungslosigkeit unseres raschlebigen Geschlechtes und die Bescheidenheit eines ausgezeichneten hebräischen Schriftstellers hätten um ein Kleines die Wirkung gehabt, dass ein bedeutsamer Gedenktag ganz unbeachtet vorübergegangen wäre: der 50. Geburtstag von R. A. Brande s. Zur Ehre unseres Zeitalters gibt es noch manche unter uns, die inmitten des ruhelosen Vorwärtshastens der Gegenwart für eine Weile gern und dankbar zurückdenken mögen an die schönen Kämpfe und stolzen Mühen vergangener Tage. Wir dürfen sie nicht gering schätzen, die Bildungsunä Aufklärungsbestrebungen unserer östlichen Brüder 0 Aus einem Briefe an das Curatorium des Breslauer Rabbiner-Seminares (abgedruckt in dem Berichte über die ersten 25 Jahre des Seminars, Breslau 1879, S. 70.)

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