Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 40 (4.10.1901)
- Article
- Ein jüdischer Studententag
- Date
- 1901-10-04
- Page
- 7 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 40 „Die # Welt?6 Seite 7 Ein jüdischer Studententag. Ein jüdischer Studententag findet am Sonntag den 13. October in Lemberg statt. Auf der Tagesordnung sind folgende Referate festgesetzt: 1. Gründung eines Vereines „Jüdisches Wissen". Referent: Jacob Thon. 2. Jüdischer Turn- und Sportclub. Referenten: Jacob Setzer und David Hescheles. 3. Ein jüdisches Studentenheim in Lemberg. Referent: Gustav Bromberg. 4. Die Lage der jüdischen Jugend. Referent: Heinrich Loewenherz. 5. Das Verhältnis der jüdischen Studenten zu ihren Collegen anderer Nationalität. Referent M. B o h r e r. Anmeldungen sind zu richten an die Redaction des „Wschöd", Kosciuszkogasse 3. * Wir werden die Bedeutung des Studententages, der einen neutralen Boden zu gemeinsamer Erörterung der Grundinteressen der jüdischen Studentenschaft schaffen und damit einen gesunden und fruchtbaren Gedanken zum erstenmale zur Verwirklichung bringen will, in unserer nächsten Nummer des Näheren würdigen. Russische Chronik. Versammlungen und Conferenzen: Bis nach Petrosawotsk am Onega-See, in den hohen Norden Russlands, hat der Zionismus seinen Weg gefunden. Weitab vom Weltverkehr hatten die dortigen Juden bis zum Sommer dieses Jahres keine Kenntnis von der jüdisch-nationalen Bewegung und den Namen Herzl und Nor da u. Erst der agitatorischen Thätigkeit eines aus Kasan zugereisten Studenten und einer Dame gelang es, in Vorträgen und Versammlungen die Leute so weit aufzuklären, dass man an die Gründung eines Vereins gehen konnte. Gleich am Gründungsabende meldeten sich 80 Mitglieder, die Folgendes beschlossen: Gründung einer Bibliothek und eines Chores, Veranstaltung von Vortrags- und Bildungsabenden und Berufung eines Lehrers der hebräischen Sprache. Am 21. Juli begann der Verein seine officielle Thätigkeit. Die .Rayonsconferenz der Zionisten des Kaukasus fand inTiflis anfangs September statt. IngenieurUssischkin eröffnete vor zahlreichem Publicum die Versammlung mit einer feierlichen Ansprache, in der er auf die weite Verbreitung der jüdischen Nationalidee hinwies. Er theilte ferner den officieilen Beschluss mit, neben den Congressen Tagungen der Rayons und Subrayons regelmässig eiuzuberufen. Die Conferenz erledigte zahlreiche Fragen localer und allgemeiner Natur. In Bobrujsk tagten die Delegierten des Homeler Rayons und fassten Beschlüsse über Fragen der culturellen und ökonomischen Hebung, der Organisation, Agitation und Coloriialbank. Ueber diese und die vorhergehende Conferenz bringen wir noch nähere Berichte. Bildungsfragen : Die Odessaer Abtheilung des „Vereines zur Verbreitung der Bildung unter den Juden Russlands" gibt einen Bericht über die kolossale Schulnoth der Odessaer und der übrigen russischen Juden heraus. In Odessa sind allein 29.000 schulreife Kinder. Davon geniessen Schulunterricht 10.000, das Cheder besuchen 3000. Somit stehen 19.000 in Gefahr, Analphabeten zu werden. Es ist eine lebhafte Agitation im Gange, aus Privatmitteln Schulen jeder Kategorie für jüdische Kinder zu gründen, womit man auch die percentuelle Beschränkung ihres öffentlichen Schulbesuches zu paralysieren hofft. Aehnliche Missstände wie die angeführten werden aus dem ganzen Reiche gemeldet. In Wilna sollte eine Handelsschule gegründet werden. Es meldeten sich 338 Juden und 19 Christen. Da nur Theilpercente der Juden aufgenommen werden dürfen, kommt die ganze Gründung in -Frage. Nur 5—10 Percent Juden nimmt man in die öffentlichen Schulen auf, angeblich analog der Bevölkerungsziffer verglichen mit den Russen. Da aber gesetzlich die Juden concentriert wurden, entsteht zu ihren Ungunsten ein Missverhäitnis. Im Lande bilden sie zwar 5 Percent der Einwohnerschaft, in ihren Städten aber 50 Percent. Zur Aufnahme ins Technologische Institut meldeten sich 90, Juden, aufgenommen wurden — 7. In einer Realschule in Ekaterihoslaw wurden von 135 Angemeldeten 10 Percent aufgenommen 15. Die Zulassung zu den Hochschulen wird alljährlich ministeriell bestimmt. Heuer wurden statt der üblichen 10 Percent nur 7 Percent aufgenommen. Die „Budusfcschnostj" vom 13. September 1901 veröffentlicht folgenden, noch nicht erschienenen Artikel des berühmten Publicisten W. G. So lowjew, der erst voriges Jahr in jungen Jahren starb: „Ueber die antisemitische Bewegung in der Pressse : Die in der russischen Presse merkliche Bewegung gegen das Judenthum widerspricht den primitivsten Forderungen der Gerechtigkeit und Nächstenliebe. Wir erachten es als nothwendig, die russische Gesellschaft an diese Thatsache zu erinnern. Die Ausserachtlassung der Grundbedingungen der Menschlichkeit ist die alleinige Ursache der sogenannten jüdischen Frage, ebenso wie ihre aufrichtige Anerkennung der einfachste Weg zu ihrer Lösung ist. In jeder Nation gibt es unnütze und schädliche Menschen, aber unnütze und schädliche Nationen kann es nicht geben, weil dadurch jede persönliche moralische Verantwortlichkeit entfallen würde; jede gegen das Judenthum oder gegen die Juden als solche gerichtete Feindseligkeit ist daher auf nichts anderes zurückzuführen, als auf sinnlose Verirrung infolge eines olinden nationalen Egoismus oder eine niedrige persönliche Gesinnung. Es ist ungerecht, die Judenheit für die Erscheinungen verantwortlich zu machen, welche lediglich die Folge jahrtausendlanger Verfolgungen der Juden in Europa und durch die anormalen Verhältnisse derselben hervorgerufen worden sind. Wenn man ihnen Jahrhunderte hindurch nur Geldgeschäfte aufzwang und ihnen andere Erwerbszweige verschloss, so kann man diese einseitige Richtung ihrer Kräfte durch weitere Bedrückungen nicht beseitigen, sondern nur verstärken. Die Zugehörigkeit zur semitischen Rasse oder die Bekennung zu Mosis Gesetz kann kein Grund zu Vorurtheilen sein, kann noch nicht den Grund zu einer Sonderstellung der Juden unter den anderen Vöikerstämmen und Confessionen geben. Da die russischen Juden denselben Pflichten nachkommen, wie die anderen Bürger, so verlangt es die Gerechtigkeit, ihnen dieselben Rechte zuzuerkennen. Die Anerkennung und die Anwendung dieser Grundwahrheiten ist für uns selbst wichtig und unentbehrlich. Ein verstärktes Aufwühlen nationalen und religiösen Haders, der christlichem Geist widerspricht und Gerechtigkeit und Humanität vergessen lässt, kann auf die Gesellschaft nur demoralisierend wirken. Deshalb ist die antisemitische Bewegung schon aus rein nationalem Selbsterhaltungstriebe zu verwerfen und als unmoralische und der Zukunft Russlands gefährliche Gesinnung zu verdammen." Jüdische Wissenschaft und Literatur. Zacharias Frankel. Zu seinem hundertsten Geburtstage (1. October 1901). Von Dr. Felix Perles. Das neunzehnte Jahrhundert, das wahrlich nicht arm ist an „Grossen in Israel % an Männern, die ihre ganze geistige und sittliche Kraft in den Dienst des Judenthums gestellt haben, hat verhältnismässig nur wenige Persönlichkeiten hervorgebracht, die auch ins Leben der Juden mächtig eingriffen, die ihren durch ernste Forschungen gewonnenen tieferen Einblick ins Wesen des Judenthums nicht nur in gelehrten Werken, sondern auch in lebensvollen Schöpfungen bekundeten, die durch die Macht ihrer Persönlichkeit auf die äussere Lage der Juden entscheidenden Einfluss übten und gleichzeitig auch nach innen consolidierend wirkten. Im Grunde war dies nur die natürliche Folge jener einseitigen Geistesrichtung, die in der stillen Beschaulichkeit des Ghetto ihren Nährboden gefunden hatte und nunmehr wie ein verhängnisvolles Erbtheil auch unter den vollkommen veränderten Verhältnissen sich fühlbar machte. In den vorangangenen Jahrhunderten bot sich den Juden fast keine Gelegenheit zu anderer als rein geistiger Bethätigung, durch die von aussen aufgezwungene Abschliessung war es ihnen verwehrt, in die Welt der Thatsachen einzugreifen, und so konnte bei