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Die Welt · 1901-10-04 · 40 (4.10.1901) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
40 (4.10.1901)
Article
Brief aus Rumänien
Date
1901-10-04
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Seite 6 „Die jJi Welt?" Nr. 40 Wege ist nicht zu denken. Aber ein enger Zusammensehl uss könnte vieles bessern und die Lage erträglicher machen. Das haben einsichtige Zionisten schon lange erkannt und darauf hingearbeitet/'lirä'iffer^ntifemüs und Misstrauen gegen alle, die für das Volk kämpfen, hat die Arbeit gelähmt. Nun hat letzthin das zionistische A.-C. in Wien sich gleichfalls dieser Frage angenommen und in einem Circulare seinem besonderen Interesse für diese Sache Ausdruck gegeben. Dadurch wurde der Bewegung ein neuer Impuls gegeben, und es ist zu erhoffen, dass dieselbe jetzt Erfolg haben wird. Das -Organisations- und Propaganda- Comite in ßraila hat sich auch dieser Frage mit Wärme und Energie angenommen. Da durch eine gegebene Anregung Elemente für eine Discussion nicht gewonnen werden konnten, gieng das Comite" in Braila im Vereine mit einer Commission von fünf Handwerkern daran, ein Froject auszuarbeiten, welches allen Vereinen als Grundlage empfohlen werden soll. Die Grundzüge der Organisation, zu welcher langwierige Berathungen geführt haben, sind folgende: Die Handwerker schliessen sich zu einem Vereine zusammen und verpflichten sich, nur bei den Kaufleuten zu kaufen, die eine gewisse Remise gewähren, welche nach der Natur der Waren verschieden hoch angesetzt wird. Dadurch wird ohne directe Beiträge seitens der Mitglieder ein Einkommen gesichert, welches allen Handwerkern, die sich der Organisation anschliessen, bedeutende Vortheile gewährt. Bei einer starken Betheiligung könnte dieses Einkommen sich in Braila auf mindestens 50.000 Francs belaufen. Dieses Einkommen soll in folgender Weise verwendet werden: Ein Drittel soll die Administrationssprsen, den Schekel für die Mitglieder, den Betrag für zionistische Propaganda, regelmässige Unterstützungen im Krankheitsfalle, Arzt uud Apotheke decken. Mit einem zweiten Drittel soll eine Vorschusscasse gegründet werden. Der Handwerker, der eine Arbeit übernimmt, soll, wenn er eine kleine Summe braucht, dieselbe hier bekommen können. Die Höhe der Summe, die jeder leisten kann, wird auf folgende Art bestimmt: Jedes Mitglied erhält ein Buch, in welches periodisch die von ihm gesammelten Coupons eingetragen werden. Drei Viertel des Betrages, welcher nach Abzug des verfügbaren Drittels zurückbleibt, soll er leihen können. Das letzte Drittel endlich soll in zinstragenden Papieren, eventuell in Actien der Jüdischen Colonialbank, nach ihrer Eröffnung, angelegt werden. Dieses bildet einen inatacablen Fonds und kann nur ganz ausnahmsweise zu gemeinsamen Actionen verwendet werden. Wir haben im Vorjahre das Bild des Handwerkers gesehen, der, aller Mittel entblösst, auswandern will. Gegen eine Wiederholung dieser Situation soll er geschützt werden. Und uns schwebt noch etwas Besseres vor. Wenn einst — und wir hoffen, in nicht allzu ferner Zeit — der Moment kommt, wo uns das Land unserer Väter zur Uebersiedlung überlassen wird, dann wäre es für eine solche Gemeinschaft ein leichtes, mit ihrem Fonds eine gemeinsame industrielle Unternehmung zu schaffen (eventuell nöthige Credite würde die Jüdische Colonialbank gewiss gewähren), welche ihren Mitgliedern eine Existenz sichern würde. Nicht als Bettler auf fremde Hilfe angewiesen, würden dann die Handwerker in die alte neue Heimat ziehen, sondern sie könnten mit dem frohen Bewusstsein, das eine unabhängige wirtschaftliche Stellung verleiht, ein neues Leben beginnen. Das Organisations- und das Propaganda-Comite hat bereits verschiedenen Städten auf Verlangen dieses Project mitgetheilt. Wir täuschen uns nicht über die Schwierigkeiten der Aufgabe, und je näher wir ihr treten, umsomehr Avachsen dieselben. Dennoch wollen wir hoffen, dass die Wirklichkeit nicht ailzurauh sein wird. Wenn wir aber aunehmen, dass auf dieser Basis eine Anzahl von Handwerkervereinen in verschiedenen Städten sich organisieren, so könnte dadurch ein Theilchen jener grossen Idee realisiert werden, welche unser Führer in die schlichten Worte gekleidet hat: Wir organisieren die Juden für ihre künftigen Geschicke. * Die rumänische Justiz kennt zwei Formen für die Eidesleistung der Jude*n : den einfachen Eid auf die Bibel „in praetorio" und den Eid „more judaico* der im Gotteshause geleistet wird. Diese letztere Form ist nichts anderes als ein Rest mittelalterlicher, inquisitorischer Vorgänge. Man bedenke, welcher Spielraum der Phantasie des Richters, respective dessen, der den Eid auferlegt, offensteht, da das Ceremoniell des Eides nicht feststeht. Alle jüdischen Gebräuche werden hier profaniert. Mit dem Abschneiden der Nägel beginnend, gelangt man zum Blasen des Schofar und zum Hineinlegen in einen Sarg, Dass die fürchterlichsten Flüche nicht fehlen, ist leicht begreifllich. Dieser Schwur wird fast immer dort auferlegt, wo es sich um eine ungerechte Forderung handelt; der genieinen Lhantage ist 'Ihür und 'Ihor geöffnet. Denn begreiflicherweise weigert sich ein anständiger Mensch, sich dieser erniedrigenden Procedur zu unterwerfen. Mit der Verbreitung des zionistischen Gedankens, mit der ja die Hebung des jüdischen Selbstbewusstseins Hand in Hand geht, wurde vielen der Gedanke an den Schwur „more judaico~ unerträglich. Die Lösung lag aber durchaus in der Hand der Rabbiner. Durch consequente Verweigerung ihrer Assistenz konnten sie jede Eidesleistung in dieser Form hindern. Das that denn auch unser wackerer Gesinnungsgenosse Dr. Nacht in Focsani. Dadurch wurde die Frage ins Rollen gebracht (übrigens hatten früher Rabbiner dasselbe gethan, doch waren sie nicht conseqaent geblieben). Der Justizminister sah sich schliesslich veranlasst, eine ßnquete einzuleiten, und unabhängige rumänische Blätter interviewten die bedeutendsten RabDiner des Landes. Das Resultat des Enquete sieht noch aus. Wie immer aber das Resultat derselben ausfallen möge, die einstimmige Verwerfung des Eides „more judaieo" durch die interviewten Rabbiner zeigt uns, .dass die Frage gelöst ist. Wir können hoffen, dass kein Rabbiner mehr zu dieser, die jüdische Religion, Ehre und Manneswürde so herabwürdigenden Komödie seine Hand bieten wird. Für uns Zionisten aber hat diese Lösung einen hohen inneren W^ert: sie beweist uns die Richtigkeit unserer Theorien von dem WTerte engen Zusammenschlusses und der Selbsthilfe. * Für den 27. und 28. October ist die Einberufung eines jüdischen Gemeindetages nach Focsani angekündigt. Derselbe soll sich hauptsächlich mit der Frage beschäftigen, wie es möglich wäre, eine gesetzliche Anerkennung der jüdischen Gemeinden zu erlangen. Die Frage ist von der grössten Wichtigkeit. Die Existenz aller unserer culturellen Institutionen, die jetzt in einem heillosen Zustande vegetieren, könnte durch gesetzliche Regelung der Gemeinden gesichert werden. Ein solcher Congress hat bereits vor Jahren in Galatz getagt. Die von demselben beschlossenen Schritte führten zu keinem Resultat. Wir können leider auch jetzt nicht an eine gesetzliche Regelung glauben. Als Herr Carp, der dieselbe für absolut nothwendig anerkannte, die Durchführung nur in Aussicht stellte, wurde das als Hochverrath erklärt und rumänische Studenten kündigten Demonstrationen an. Dennoch begrüssen wir Zionisten diesen Gemeindetag als ein Symptom jüdischer Organisationsbestrebungen mit Freude und werden gewiss nicht verfehlen, wenn uns das Programm erst bekannt sein wird, zu demselben Stellung zu nehmen und eventuell an demselben mitzuarbeiten. Ben Esra Hazophe.

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