Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 39 (27.9.1901)
- Article
- Der Golem
- Date
- 1901-09-27
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 39 „Die Welt44 Seite 13 zum Kaiser» Rudolf auf den Ilra'dschin berufen worden und ganz Prag von der hohen Auszeichnung sprach, die ihm und der ganzen Judenschaft widerfahren^ hatte das Kind kaum gelächelt. Und als dann der Vater von der Audienz heimkehrte und der Vorstand der Gemeinde, den reichen Mordeehai Meisl an der Spitze, ihn feierlich am Thore des Ghettos einholte, war ihm das Kind nicht einmal bis in den Flur entgegengelaufen. Es war doch sonst ihre Art nicht, still zu sitzen und sich die Lippen zu zerbeissen! Mutter Hanna hielt mitten im »Sticken inne, stach entschieden die Nadel in das Tuch, kreuzte die Arme, trommelte mit den kurzen rundlichen Fingern einige energische Takte und sah mit ganz kläglichen Augen, aus denen für den Moment alle Fröhlichkeit verschwunden war, ihren Liebling an. Und als fühlte Esther die Frage des Blickes, schob sie plötzlich die Arbeit von ihren Knien, liess sich vom Sessel zur Erde gleiten, schlang die Arme um Mutter Hanna und fieng bitterlich zu weinen an. Das Schluchzen schüttelte ihren ganzen Körper, und eine Zeit lang war es gar nicht zu mildern. Dann hörte es in seiner Heftigkeit langsam auf und gieng in ein stilles Jammern und Klagen über, aus dem nur manchmal stossweise ein neuer Thränenstrom hervorbrach. Mutter Hanna legte zuerst sorgsam die angefangene Stickerei neben sich auf das Tischchen — das unvorsichtige Kind hätte sie beinahe mit ihren Thränen verdorben! — dann mühte sie sich ab, aus dem fassungslosen Mädchen etwas wie ein Bekenntnis oder Geständnis herauszubringen. Aber Esther wollte nichts bekennen, schüttelte nur immer auf alle Fragen den Kopf, sprach nichts, sondern weinte bloss. Als das Fragen nichts half, versuchte Mutter Hanna ein anderes Mittel. „Schämst Du Dich nicht, mein Goldkind, unglücklich zu sein? Solltest Dich ja froh und glücklich fühlen wie kein zweites Mädel. Dein Vater ist der hohe Rabbi Löwe, der beste, weiseste Mann in ganz Prag, der Stolz, die eiserne Säule des Judenthums. Weit über die Erde geht sein Ruhm. Kaiser und Könige sprechen von ihm, und alle Gelehrten sind seine Freunde. Was er schreibt, ist kostbar wie Gold und Juwelen, und wras er spricht, wird ihm von Gott in den Mund gelegt. Hat doch der grosse Tycho de Brahe, weisst Du, der Sterndeuter unseres gnädigsten Kaisers, als er jüngst bei deinem Vater war, zu ihm gesagt — ich hörte es deutlich aus dem anderen Zimmer: ,Ich beuge mich vor Eurer Weisheit/ Hörst Du, er beugte sich! Macht Dich denn das gar nicht stolz?" Aber Esther weinte fort und gab keine Antwort. Mutter Hanna wiegte ihren Oberkörper hin und her und begann dann wieder: „Was willst Du denn eigentlich, mein Täubchen, mein Lämmchen, meine schönste Blume? Du hast alles, was ein reiches Mädchen sich wünschen kann; Und zu allem Guten stickst Du gerade Deine eigene Aussteuer. Dieses Tuch wird Dein Brautbett schmücken —" Plötzlich stockte sie. Sie hatte offenbar die Wunde berührt, denn mit einemmale gieng das leise Wimmern des Kindes aufs neue in lautes Schluchzen über. Hanna nickte einigemalc bedeutungsvoll und zog die Brauen empor. Dann setzi^e sie mit ganz anderem Tonfalle ein: „Darum also die Thränen, mein Närrchen?! 's ist nicht so schlimm, das Heiraten. Ist ja unser ganzes Glück im Leben! Unter dem Brauthhnmel hindurch geht der Weg zur Freude. Deine Mutter Per.1 ist ihn gegangen mit Thränen, wie Du sie jetzt weinst, und der hohe Rabbi Löwe hat ihr dann alle Rosen des Glückes vor die Füsse geschüttet. Und ich bin ihn gegangen, das ist lange, lange her, und habe gedacht, mein letztes Stündlein müsste kommen. Aber ich wäre dann denselben Weg gerne noch einmal gegangen, als ich um meinen Seligen genug getrauert hatte. Wovor wir uns fürchten, wie vor grimmigster Nacht, wandelt Gottes Fügung in lichtesten Tag. Wisch' Dir die Thränen ab und hör' mir zu: ich will Dir erzählen, wie herrlich es bei Deiner Hochzeit zugehen wird. Denke Dir nur —" Aber sie sprach mitten im Satze ab. Esther hatte das Gesicht erhoben und starrte sie an mit einem solchen Ausdruck des Entsetzens, dass Hanna plötzlich mit all ihrer Weisheit zu Ende war; fast schüchtern setzte sie dennoch ihre Trost versuche fort: „Ist denn Dein Bräutigam Elasar nicht ein kluger, ein gelehrte]- M;,uin? . Er, wejss, das., Wiwt zu deuten wie keiner. Selbst Deinem Vater hali^-ei? stand. •••Und er weiss auch die Worte zu fügen und zu kleiden, dass sie glänzen und duften wie ein Strauss von Blumen, die auf Zion wuchsen. Er hat ein Herz wie Gold und er liebt Dich. 0. das weiss ich! Wenn er Dich anschaut, so spricht die Liebe aus seinen Augen wie Gott aus dem brennenden Dornbusch!" (Fortsetzung folgt.) Nekrologe. Chacham Moses Alkalay. Am 15. d. M. ist in Belgrad unser alter treuer Gesinnungsgenosse, der Privatgelehrte Moses Alkalay, vormals Chacham der türkisch-sephardischen Gemeinde in Wien, eines plötzlichen Todes sanft verschieden. Chacham Alkalay, der ein Alter von 68 Jahren erreichte, bewahrte sich bis an sein Lebensende jugendfrische Begeisterung für das Ideal des Zionismus. Er verfolgte alle Phasen der Bewegung mit grossem Interesse. Da er der deutschen Sprache nicht kundig war, liess er sich alle wichtigen Artikel der deutsch geschriebenen zionistischen Zeitschriften, besonders der „Welt",insSpaniolische übersetzen. Seine Kinder, 7 Söhne und 2 Töchter, die in Belgrad hervorragende Positionen einnehmen, erzog er zu strammen Zionisten. Die Leichenfeier gestaltete sich überaus imposant. Vom Hause unseres Gesinnungsgenossen Dr. D. Alkalay, eines Sohnes des Verstorbenen, bewegte sich der Trauerzug zur grossen Synagoge, in der die Bahre vor der heiligen Lade aufgerichtet wurde. Hier hielt der Rabbinatsverweser der Belgrader jüdischen Gemeinde dem Verblichenen einen warmen Nachruf. Auf dem neuen jüdischen Friedhof, wohin die Leiche später geleitet wurde, hielt unser Gesinnungsgenosse Dr. C o e n eine tiefempfundene Trauerrede in serbischer Sprache, in welcher er Chacham A 1 k a 1 ay als Juden, Zionisten und jüdischen Gelehrten würdigte. Was der Verstorbene uns Zionisten bedeutete, führte auch ein Belgrader Rabbinatscandidat in sehr schönen, schwungvollen Worten aus. Chacham Alkalay hat sich in seinen letzten Lebensjahren mit dem Gedanken getragen, nach Palästina auszuwandern, doch sollte sich sein heisser Wunsch, in heimatlicher Erde gebettet zu werden, nicht erfüllen. Ausser einer Grammatik des spaniolischen Idioms, die vor Jahren erschienen ist, schrieb der Verstorbene zahlreiche wissenschaftliche Abhandlungen, die sich in seinein Nachlasse vorfinden.! nann*? pns -dt Belgrad. 1 L. P. L. [ Dr. Bernhard Cohn. Sonntag den 22. September haben wir unserem Gesinnungsgenossen Dr. med. Bernhard Cohn das letzte Geleite gegeben, nachdem er wenige Tage zuvor einer schleichenden Krankheit in seinem 62. Lebensjahre erlegen war. Mit Bernhard C o h n verschwindet eine interessante Persönlichkeit aus unserem Parteileben. Er war ein charakteristisches Paradigma für die Entwicklung zum Zionismus hin — die psychologischen Voraussetzungen unserer Bewegung haben wir bei ihm in ihrer elementaren, treibenden Kraft scharf herausgekehrt erkennen können. Aus einer Familie stammend, in der die jüdischen Traditionen noch lebendig waren, hatte er sich nach Ueberwindung vieler materieller Schwierigkeiten medicinischen Studien gewidmet, nach deren Abschluss er in einem Vororte Berlins einen weitausgedehnten Wirkungskreis fand. Als ihn dann zunehmende Kränklichkeit zwang, seinem Berufsleben zu entsagen, lebte er hier der jüdischen Erziehung seiner Kinder und dem Studium unserer Vergangenheit. Aber die innige Liebe zu unserem Volksthum riss ihn bald aus seiner Stille heraus. In einer Schrift, die er „Vor dem Sturm" benannte, trat er auf den Kampfplatz. Die Broschüre hatte bei ihrem Erscheinen gewaltiges