Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1901-09-27 · 39 (27.9.1901) · p. 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
39 (27.9.1901)
Article
[Ohne Titel] / M. Z.
Date
1901-09-27
Page
12 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
chapter
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3315905-3315945--28263-3400148
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 12 „Die # Welt' Nr. a9 bräiseh geschrieben werden müsse, als in der Sprache, die von allen Pflegern der jüdischen Wissenschaft verstanden wird. Die Freude, die diese Botschaft hervorrief, war eine doppelte: Erstens sollte Aehad-Haam die Redaction" der1 Encyclopädie leiten, ein Mann, der für diese Arbeit vermöge seiu«« KeniriÜnissej seiner organisatorischen Begabung, seiner Besonnenheit, seines klaren Verstandes, seiner Vorliebe für Prägnanz und Fülle des Ausdruckes und seiner Hingabe an das Judenthum und dessen Ideale besonders geeignet erschien: und zweitens war der materielle Förderer der Jdee gefunden, der sich bereit erklärt hatte, das für die ersten Anfänge nöthige Capital vorzustrecken. Aber auch diese Freude sollte nicht lange dauern. Der großartige Gedanke Achad-Haams wurde nicht verwirklicht, sondern in dem Massengrab verscharrt, in dem wir seit Jahrtausenden die meisten unserer grossen Gedanken und Hoffnungen bestatten. Es ist hier nicht am Platze, zu untersuchen, wer eigentlich die Schuld daran trägt. Schliesslich sind ja doelr wir alle schuldig. Unsere Schuld ist es, .dass wir so arm an materiellen und geistigen Gütern sind. Achad-Haams Schuld ist. dass er in moralischer Hinsicht so heikel, ein solcher literarischer Aristokrat ist und so sehr an den lntellectualismus unseres Volkes glaubt. Achad-Haain gieng nicht zum Berg, sondern wartete, dass der Berg zu ihm komme. Anders Dr. Singer. Er ist ein moderner Mensch mit allen Licht- und Schattenseiten,die man mit diesem Begriffe verbindet. Er wusste, dass der Berg nicht zu ihm kommen würde. Er hatte die Ueberzeugung gewonnen, dass die alte Welt ein unergiebiger Boden für die Saat grosser Gedanken sei und wandte sich nach Amerika. Im Jahre 180(5 kam er nach Ncw-York. In kurzer Zeit hatte er sich in die Verhältnisse seines neuen Thätigkeitsgebietes eingelebt. Ihm ist die Gewandtheit des Weltreisenden, der offene Sinn des Erfinders und ein feines psychologisches Empfinde*! für die Eigenart der Leute, in deren Mitte er lebt, eigen. Diese seine natürlichen Vorzüge Hessen ihn in der neuen Welt die Leute finden, die er für sein grosses Ziel brauchte. Er wirkte geistig anregend auf alle jüdischen Gelehrten Amerikas. Mit Hilfe des Rectors der Rabbinerbildüngsanstalt in Cincinnati, Dr. Wise, gewann. Singer eines der grössten Verlagshäuser für seinen Plan, welches ein riesiges Capital, hunderttausende von Dollars, zur Herausgabe der Encyclopädie bereitstellte. Dieses Verlagshaus ist, wie man sich wohl denken kann, kein jüdisches und an dessen Spitze steht ein Christ von Geburt, Dr. Funk. Mit ausserordentlichem Geschick begann nun Dr. Singer, den Redaction s- und Mitarbeiterstab, der sich aus allen Ländern recrutierte, zu organisieren und jedem einzelnen Mitarbeiter die für ihn geeignete Arbeit zuzuweisen. Wenn schon im allgemeinen jeder Organisator einer Menschengruppe, der sie e i n e m Ziele zuführt und über die Disciplin m ihrer Mitte wacht, besondere Fähigkeiten mitbringen muss, so,.gilt dies in noch viel grösserem Masse von einem, der eine Gruppe \on jüdischen Gelehrten und Schriftstellern zu überwachen hat, eine Gruppe, deren einzelne Glieder über alle Welttheile zerstreut sind, deren jeden in der Sprache seines Wohnlandes schreibt. Mit ganz besonderem Takt und mit grosser Sachkenntnis wusste Singer den grossen Mitarbeiterstab zusammenzustellen, in dessen Reihen sich unsere grössten Gelehrten aus allen Ländern befinden, und jeden einzelnen auf den geeigneten Posten zu stellen. Nur derjenige, der unsere Gelehrtenwelt kennt, in der jeder Einzelne eine Welt für sich ist und seinen eigenen Weg geht, wird den Wert dieser leitenden, ordnenden und überwachenden Thätigkeit zu schätzen wissen. Ich selbst, erzählt Brainin, war als Mitarbeiter der „Jewish Kncyelopedia" oft erstaunt über den ungeheuren Fleiss des Chefredakteurs Dr. Singer, über seine häufigen ausführlichen Briefe, die voll schätzenswerter -Anregungen waren, besonders aber über sein organisatorisches Talent. Mit einem Blicke überschaut er gar viele Dinge und weiss zu jeder Zeit und bei jeder Gelegenheit das richtige Wort zu finden. In glücklicher Weise versteht er jedes Hindernis wegzuräumen, jeden Streit zu schlichten, zwischen den Extremen zu vermitteln. In der Redaction der Encyclopädie, der die Firma Funk und Wagnalls ein ganzes Stockwerk, ihres Verlagsgebäudes eingeräumt hat, sind 35 Schriftsteller und Gelehrte ständig thätig, und ausserdem hat die Encyclopädie mehr als 250 auswärtige Mitarbeiter, die ihre Beiträge nach einer genau festgesetzten Ordnung einsenden. Ueberdies vereinigen sich von Zeit zu Zeit einzelne jüdische und christliche Gelehrte in beiden Welttheilen, um an den Redactionsberathungen t heil zunehmen. Dr. Funk hat bis jetzt über 300 000 Rubel auf die Encyclopädie verwandt und ungefähr 700 000 Rubel wird er bis zu ihrer Vollendung noch auszugeben haben. Der erste Theil, ber mehr als tausend grosse Seiten enthält,, ist bereits erschienen (die Encyclopädie wird wenigstens 12 solcher Bände umfassen). Die Ausstattung und der Bildschmuck ist von seltener Pracht. Das Werk soll alles Wissenswei te über Juden und Judenthum in allen Zeitaltern und allen Ländern enthalten. Dr. Singer schreibt mir in einem seiner Briefe: „ . . . Unsere Encyclopädie soll ein wohlgefüllter Speicher nicht nur des Judenthums der Vergangenheit sein, nicht nur ein Todtendenkmal,. sondern ein Abbild des lebendigen Judenthums und der zeitgenössischen Grossen unseres Volkes." Es ist sehr zu bedauern, dass dieses kostbare Schriftwerk englisch geschrieben ist und die Juden der östlichen Länder, wie auch die Juden des Westens, die nicht englisch lesen* keinen Gebrauch davon machen können. Es ist jedoch zu hoffen, dass es uns gelingen wird — liegt erst das Buch fertig vor —> eine h e. b r ä i s c h e Ausgabe davon zu veranstalten, wobei man auch die in der ersten Ausgabe unvermeidlichen Irrthümer wird berichtigen können." M. Z. 4f Israel Zangwills „Kinder. das Ghetto" erschienen vor kurzem in der „Svetovä knihovnau (Weltbibliothek), ins Czechische von Univ.-Prof. Bartosch vorzüglich übersetzt. - Heimatlos. Aus dem Jüdischen des A. Reisen. Von Berthold Feiwel. 's ist Feiertag. Ich sitz' am fremden Tisch, Mein Wirt füllt mir den Teller an und schenkt mir ein: „Liebt Ihr vielleicht die Speiden mehr gewürzt? Hier'ist das SaJzfass, thut nur Salz hinein." Am fremden Tisch. . . . Ich denk' zurück An mein verlor'nes Heim. Das Herz wird schwer Und in den Teller eine Thräne fällt: „Es ist genug gesalzen, Herr. Ich dank' Euch sehr . . . " Der Golem. Von Rudolf Lot hur. Stille war es in der Stube. Im Erker sausen zwei Frauen und stickten. Die Aeltere rührte fleissig die Finger. Ueber dem Oesicht mit den rothen Bäckehen und dem Gewirre von Falten und Runzeln lag eine zufriedene Fröhlichkeit. Die kleinen listigen Augen glitten beweglich immer wieder von dem goldenen Muster des Tuches zum Fenster und schauten neugierig auf die Strasse. Dort gab es freilich nicht sonderlich viel zu sehen. Um diese Zeit des Nachmittags war es ruhig in der ludenstadt, und nur selten schritt ein Wanderer die Mauer des Friedhofes entlang, der dem Fenster gerade gegenüberlag. In dichten Flocken wirbelte der Schnee vom Himmel, setzte den LeieJiensteinen wreisse Mützen auf, breitete seinen Hermelin über die Sarkophage und seinen glänzenden Teppich über die Wege. Hatte Mutter Hanna eine Weile dem Wirbeln und Tanzen in der Luft zugeguckt, so senkte sie eifrig wieder den grauen Kopf auf die Arbeit und zog doppelt so schnell die Nadel mit dem blinkenden Goldfaden in die Höhe. Dir gegenüber hob das junge, blasse Geschöpf nicht einmal die Augen von der Stickerei. Nein, so still, so traurig und vergrämt hatte Mutter Hanna ihren Liebling nie gesehen. Und es gab Ii och keine Stunde im Leben Esthers, deren Geheimnis sie nicht kannte. Sie war ja ihre Amme gewesen, sie hatte ihr ganzes Leben behütet und bewacht, hatte wie ein treuer Hund vor der Schwelle ifirer Erfahrung gelegen, alles Böse abgehalten, jedem düsteren Gedanken, jedem traurigen Empfinden den Eintritt verwehrt. Als Perl, die Gattin des hohen Rabbi Löwe, starb und sie im Hause des Rabbi Wirtschaft und Regiment übernahm, hatte sie sich zugeschworen mit den furtbarsten Eiden, die ihre Phantasie nur erfinden konnte und deren Ausführung nach ihrem festen Glauben unwiderruflich in Gottes Händen lag, für des Rabbi Töchterchen zu sorgen wie eine Mutter. Und. diese Sorge um den lieben ,schönen Leib, um die gute, reine Seele und das brave, aber etwas schweigsame Herz war nun der Inhalt von Mutter Hannas Dasein. Was aber gieng jetzt in dieser Seele vor, was machte das Herzchen erbeben, was hielt den Körper in seiner Blüte und Entfaltung zurück? Denn Esther magerte ab und liess das Köpfchen hängen wie eine verdurstende Blume. Dabei kochte Mutter Hanna das Beste und Ausgesuchteste. Nicht einmal freuen konnte sich das Kind mehr. Als jüngst der Vater *) Im Einverständnisse mit dem Verfasser dein Buche „Der Golem", Leipzig und Berlin, S. W. Bernbürgerstrasse 3, bei Georg Heinrich Meyer 1900, entnommen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.