Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 39 (27.9.1901)
- Article
- Das deutsch-jüdische Milieudrama
- Date
- 1901-09-27
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 39 „Die & Welt" Seite 11 Warum also nicht christliche Namen ins Personenverzeichnis setzen., da sie nun einmal hübscher, allgemeiner und — unverdächtiger sind. Ueber diese immerhin recht bequeme Künstlermoral erhob sich Hirschfeld. Ans welchen Trieben heraus? Täuschen wir uns nicht! Mit Gesinnung oder gar Tendenz hat seine Milieinvahl kaum was zu thun. Ja, es ist sogar wahrscheinlich, dass er sich's strenge verbitten würde, wollte man daraus irgendwie zweifelnde "Rückschlüsse auf seine .Deutschheit ziehen. Gewiss ist für ihn in erster Linie nichts anderes entscheidend, als sein besonders entwickelter Wahrheitsdrang. Das Milieu, da* er kennt, das er mit seinem feinen, tief humorvollen Blick täglich und stündlich beobachtet, das wählt er am liebsten, das zu wählen ist ihm Bedürfnis. Davon können ihn. alle Angriffe der Kritik nicht abbringen. Hirnrissige Antisemiten nehmen ihm seine sympathischen Juden übel, diese gütig-geduldigen, weisen Menschen, über welchen es wie Abendsonne schwebt, oder den jungen Goldner, diese glühende, wahrheitsfanatische Prophetennatur. Es schiert ihn nicht. Ileberschnappte Ueberjuden, Schmücke oder sonst was von Beruf, verargen ihm die wunderbare, übrigens nichts weniger als gehässige Zeichnung des eklen, und hohlen jüdischen Handels- und Börsenpöbels. Ihr Aerger lässt ihn kalt. Ehrliche Kritiker, die sonst ganz gereimte Ansichten zu äussern pflegen, aber wild werden, wenn irgendwo ein Schimmer jüdischer Besonderheit auftaucht, da doch in ihrem hundertjährigen Kalender der Judenart ewiger Neumond vorausgesagt ist, können sich nicht genug über seine Milieuwahl überhaupt entsetzen. Auch sie rühren ihn nicht. Er bleibt der Alte, mag ihm auch so ein neunmal weiser, aber das zehntemal thörichter Kritiker mit dem Verluste des deutschen Dichterdiploms drohen, wie das thatsächlich vorgekommen ist. Tnstinctiv empfindet er: Erstens, der künstlerische Wert eines Stückes i.t unabhängig vom Milieu, in dem es spielt. Zweitens, das deutsche Volk hat von Geschichts- und Culturwegen die verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, sich auch das in seiner Mitte wohnende bedeutende jüdische Volkselement im Drama vorführen zu lassen, und zwar in geraden und echten Bildern, nicht bloss, wie es das Auge germanischer Dichter zu sehen pflegt, in schiefen und falschen. Endlich drittens, der jüdische Stamm, soweit er unter Deutschen lebt, dieser gesialtenreiche, lebensvolle, schicksalsdurchwühlte Volkszweig, ltt*t ein Recht darauf, durch Dichter aus seinen eigenen Reihen sich auch im Drama leben zu sehen. Ja, auch für diesen letzten Punkt, für dieses Recht der Juden selbst, dürfte Hirschfeld Empfindimg haben — eine instinetive Empfindung, die bei seiner Milieu wähl mitwirkt. Ob auch seine Erkenntnis dabei betheiligt ist oder nicht, ist gl eich giltig. Wie e r sich selbst erklärt, wenn ers überhaupt thut, bekümmert uns hier nicht. Hauptsache ist, wie w i r ihn auffassen, die wir nicht in seiner Individualität befangen sind, sondern in ihm auch das geschichtlich eingeschmiedete Glied einer Entwicklungskette sehen. Und Hauptsache ist weiter, wie wir über ihn hinausdenken können, d. h. wie wir uns die Zukunftsglieder der Entwicklungskette vorzustellen haben.*) Es ist kein Grund vorhanden, warum wir uns für das jüdische Milieudrama in deutscher Sprache nicht noch viel sollten versprechen dürfen. Ein Stamm, der gleich nach seinem Eintritt in die dramatische Production Begabungen wie z. B. die Schnitzlers und Hirschfelds hervorbringt, kann von dem weiteren Verlaufe der Dinge recht viel erwarten. *) Wir nehmen hier von Hirschfeld Abschied mit dem Vorsatze, späterhin wieder auf ihn zurückzukommen, und zwar, wenn es sich darum handeln wird, zwei Themen, die heute übergangen werden mussten, zu behandeln: Die in diesem Artikel nur gestreifte Frage nach den Symptomen des Jüdischen bei den deutsch-jüdischen Dichtern und die Würdigung der in deutschen und deutsch-jüdischen Dramen auftretenden jüdischen Personen. Die dramatischen Anlagen werden sieh ja sicherlich umso-, mehr vertiefen, je mehr die mehrtausendjährige Ohne- Drama-Tradition in den jüdischen Dichterseelen verblasst. Denn werden sich wohl dem jüdischen Milien Dramatiker von noch ganz anderem Caliber zuwenden. Ebenso werden immer neue Schichten der jüdischen Bevölkerung als Drama-Milieus herangezogen werden. Aber alles das dürfte a:ich alles sein. VAne Entwicklung um einen gewissen Punkt herum, keine zu neuen Punkten! insbesondere wird wohl niemals der Schritt vom deutsch-jüdischen Milieudrama zum jüdischen Drama schlechthin gethan werden. Zu einem Drama nämlich, das Lebensbeispiele aus einem streng abgegrenzten, selbständigen, nicht aus einem grenzenunsicheron, abhängigen Oulturkreiso bringt. Nie wird ein deutschjüdischer Dramatiker imstande sein, uns ein Werk zu schenken, von dem man wird sagen können, dass es ganz jüdisch i.-t. Auch wenn er uns bloss Juden und Jüdinnen vorführen wird, selbst in etwaigen historischen Dramen, wird er es nie f\ rtig bringen. Stets wird sein Stück auf dem Boden eines germanisch-jüdischen Zwischenreiches stehen, weil er selbst stets darauf stehen wird. Dafür sorgt, das Verhältnis zwischen Deutschen und Juden, das stets ein 'Neben-, An- und Miteinander ist, ohne auch nur einen Augenblick lang ein ineinander oder ein Auseinander zu sein. Dafür sorgt auch — die deutsche Sprache. Unnöthig, sich darüber zu freuen oder darüber zu kiagen. Das Werden, cultureller Werte richtet «ich nicht nach unseren Wünschen, sondern nach den thalsächlichen Voraussetzungen. Und diese stecken der jüdischen Dramatik in deutschen Landen das Milieudrama als äusserstes. Ziel. Ueber dieses hinaus kann nur jener (grosste) Theil des jüdischen Volkes gelangen, der eine festgefügte, in sich selbst ruhende Individualität vorstellt und seine eigene Sprache spricht. Darüber nächstens! Pantarhei. Bücher- und Zeitschriften-Rundschau. Ueber die Entstehungsgeschichte der in Amerika erscheinenden „Jüdischen Encyelopädie'* und über die Persönlichkeit I)r .Isidor Singers, des Redacteurs der Encyelopädie plaudert K. B r a i n i n in der vorletzten Nummer des „Hador" in sehr anziehender Weise. Wir heben aus dem Artikel folgende Stellen heraus: ., . . . Tm J-.ihre 18!) 1 entschloß «ich Dr. Singer, die Herausgabe einer vollständigen jüdischen Encyelopädie in deutscher oder französischer Sprache in die Hand zu nehmen. Fünf Jahre laiig bemühte er sich, in Europa einen Verleger für dieses literarische Riesenunternehnien zu gewinnen. Zu diesem Zwecke nahm er die moralische Unterstützung der meisten jüdischen Gelehrten und der grossten Verhigshäuser Europas wie B r o c k h a u s, in Anspruch. Aber allen Versprechungen, Anfängen und Experimenten, Aufrufen, Inhalts- und Mitarbeiterveizeiehnissen, allen Zeitungsartikeln zum Trotz, wollte ihm die »Sache nicht glücken. In Europa, wo nahezu alle Gelehrten lebten, die das für eine jüdische Encyelopädie nothwendige Material zusammentragen konnten, wo noch heute die meisten ständigen Mitarbeiter der „Jewish Encyclope- <lia*' leben, fand der Schöpfer dieses nationalen Werkes nicht das Capital für seine Unternehmung. Die jüdischen Gekehrten und Schriftsteller sowie viele christliche Gelehrte, die mit freudiger Erwartung dem Werke entgegengesehen hatten., das die in unserer alten und neuen Literatur verstreuten Bruchstücke und Bausteine der jüdischen Wissenschaft zu einein grandiosen Bau vereinigen sollte, mussten bald enttäuscht wahrnehmen, dass Singer kein Verständnis für seine Idee bei den Capitalisten ur.d grossen Verlegern fand. Fast belächelten nunmehr diese Gelehrten ihre eigene Leichtgläubigkeit, die sie hatte hoffen lassen, dass ein solches Werk bei den gegenwärtigen Verhältnissen zustande komme; könne. Sie vergruben sich wieder in ihre wissenschaftliche Special ecke, wo sie weiter für einen ganz beschränkten Kreis forschten und arbeiteten. Eine Zeitlang schien es zwar, als sollte wieder etwas aus der Sache werden. Die Aufsätze A c Ii a d - 11 a a m s in den hebräischen Blättern und seine Mittheilung, dass Herr W. W issotzky bereit sei, den Grundstein zu legen zu diesem grossen Werk (der erste Artikel Achad Haams über ..Eine Encyelopädie des Judenthums in hebräischer Sprache" erschien im Juni 1804 im ..Hameliz") übten einen grossen Eindruck auf unsere Gelehrten im Westen. Sie alle gaben zu3 dass eine jüdische Encyelopädie he-