Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 39 (27.9.1901)
- Article
- Jüdische Mädchen und Frauen!
- Date
- 1901-09-27
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10 „Die x> Welt" Nr. 39 Kindringlinge betrachtet zu werden. Und wieder ists die „Moria*', die es zuwege brachte, dass in so vielen jüdischen Familien über ..jüdische Gesellschaft** anders gedacht wird, als dies früher der Fall war. Die Feier des zehnjährigen Bestandes will der Verein im Monate December würdig begehen und sind Vorarbeiten schon "»vährend des Kommers getroffen worden. — Der Ausschuss tritt Sonntag den 29. d. M. zusammen, um das Programm für die lit. Nachmittage zu entwerfen und dürfte der erste literarische Nachmittag für Sonntag den (i. Ocober festgesetzt werden. Der Verein wird auch weiterhin seinen Statuten treu bleiben, und seiner Aufgabe — Pflege der jüdischen Literatur und Geschichte, Pflege der Geselligkeit durch Veranstaltung nationaler Feste — nachkommen. Ks ist aber auch Pflicht aller jüdischen Mädchen und I-Vauen, einem jüdischen Vereine beizutreten, um so das nationale Zusammengehörigkeitsgefühl zu bezeigen, um so die zionistische Idee, die zu löretern jedes Juden heilige Pflicht sein sollte, zu betätigen, zu unterstützen! Nur wo jüdisches Wissen, da ist auch Verständnis tür die jüdische Sache zu finden, nur von gegenseitiger Aussprache und belehrender Discussion ist ein tiefergehendes Interesse vieler, unserer Idee noch fremd gegenüberstehenden Mädcnen und Frauen zu erwarten. Der Verein „Moria" ladet daher alle jüdischen Mädchen und Frauen ein, einein oder dem anderen Vortrage des Vereines beizuwohnen. Em solcher literarischer Abend wird gewiss für keinen der Gäste einen verlorenen Nachmittag bedeuten Viele werden erkennen, dass iure bisherigen Anschauungen über Judenthum verfehlt waren, üass ihr „Nichtjüdiseh-Seinwollen** ganz verächtlich i -t. Sie werden erkennen, dass wir auf unser Judenthum mit Feeht stolz sein können. Die Art und Weise unserer Bethätigung wird sicherlich auch bei unseren, in unserem Verein neu eingeführten Gästen Anklang finden, und wo Herz und Gemüth zu sprechen anfangen, da ist schon der Boden bereitet für unsere so erhabene Idee. So wollen wir denn das beste für das neue Vereins-Se?nester erhoffen. * Aufruf. Die zionistischen Vereine der Wiener Bezirke XII bis XV eröffnen am 16. Oc tob er 1901 im Saale des Herrn E. H erlinge r, XIV., Schwendergaese 1, ein J ü d isches Biidungsheim mit folgendem Programm : 1. Jeden Montag: Vorträge und Discussionen über jiidK sehe Geschichte und Literatur. % Jeden Dienstag: Gesang und Musikvortr äge. 3. Jeden Mittwoch: Curse für hebräische Sprache und Literatur. 4. Jeden Donnerstag: Vorträge aus verschiedenen Gebieten der Wissenschaft. Jeder Vortragsabend beginnt um 8 Uhr abends. Jeder, der uns dabei durch seine Kraft unterstützen will, wird gebeten, sich bei Herrn Nathan M e c h o r, XV., Herklotzgasse % zu melden. Wir erhoffen viele Anmeldungen und bitten insbesondere die Studenten- und Mädchenvereine um ihre Unterstützung. Das Executiv-Comite der zionistischen Vereine in den Wiener Bezirken XII bis XIV. Das deutsch-jüdische Milieudrama. Am Schlüsse des Aufsatzes „Ohne Drama"*) wurde erörtert, wie und wann die J vi (Ion die Fähigkeit gewannen, Dramen zu gemessen und zu schaffen. Wir vertraten dort die Ansieht, dass sie ihnen in letzter Linie aus ihrem Eintritte in den King der internationalen Culturmensehhcit erwuchs. Sind alle Juden in diesen King eingetreten? Ganz gewiss nicht. Doch vielleicht weit mehr, als sich so mancher träumen lässt — darauf kommen wir nächstens zurück — und jedenfalls jener Zweig des jüdischen Volkes, der in West- und Mitteleuropa und in den europäischen überseeischen Colonien heimisch ist und sich sprachlich an die verschiedenen europäischen Völker, zumeist an die Deutschen, iiiigeschlossen hat. Mit der dramatischen Dichtung dieses Zweiges wollen wir uns daher zuerst befassen. Dabei wollen wir uns auf die ohnehin ausschlaggebenden deutschen Juden beschränken. „Die Welt" Nr. 87 vom 13. September 1901. Es ist vor allem selbstverständlich, dass, so plötzlich «ueh die jüdischen Dramatiker deutscher Zunge auftraten, dennoch Zeit genug für einige Entwicklung blieb. Diese» war durch zwei Momente gegeben: Durch die Entwicklung des deutschen Dramas selbst und durch die Art und Geschichte des deutseh jüdischen Elementes. In ersterer Beziehimg muss vor allem hervorgehoben werden, dass die ersten dramatischen Versuche deutscher Juden in die Aera der Epigonen fallen. So kam es, dass sie die Spuren gleichzeitig von Kindheits- und Altersschwäche an sich tragen. Man denke an Mosenthal. Aber als die Zeit der marklosen Xaehtreter vorüber war und, allerdings nicht ohne Anregung aus der Fremde, ein stärkeres deutsches Drama neuer Prägimg entstand, da giengen auch die Dichter jüdischen Stammes mit ein in die neue Zeit — manche von ihnen sogar in den ersten Reihen. Sie hatten damals keine Ahnung und haben sie wohl auch jetzt noch nicht, dass damit ihr Werdegang auch nach einer anderen Richtung entschieden ward. Das neue Kraft- ■und Wahrheitsregime inusste ihre jüdische Eigenart, die in der allgemeinen Ausdruckslosigkeit der Olassiker fast gar nicht zum Ausdruck gekommen war, schärfer herausmeisseln. Es wäre eine ebenso interessante als lohnende Arbeit, diesen jüdischen Charakterzügen, in den Werken deutschjüdischer Dramatiker nachzugehen, d. h. im Einzelnen aufzuweisen, wie Schnitzler, Langmann, Jacobowsky usw. den jüdischen Bestandtheil ihres Wesens in ihren Stücken nicht verleugnen konnten. Aber es ist dies fürs erste kein so einfaches Beginnen. Schillernde "Unterscheidungen, die nur ein rasch zerfliessendes Wortleben führen, Ii essen sich ja leicht vorbringen. Der dazu gehörige geistreichelnde Feuilletonstil ist bald getroffen. Allein gewissenhafterweise darf an eine ausserordentlich schwierige Aufgabe wie diese nicht so en passant gegangen werden. Sie gehört ja, strenge genommen, gar nicht zum heutigen Thema. Nicht darum handelt es sich gegenwärtig, festzustellen, 'woran der jüdische Kunsttypus der deutsch-jüdischen Dramatiker zu erkennen ist. Auch nicht einmal darum, dass wir, ohne uns um das Wie zu kümmern, von. dem that- Stichlichen Bestände dieses Typus überzeugt sein können. Wozu es übrigens keiner schweren Vorarbeit bedarf, da es \on selber einleuchtet. Man braucht sich nur zwei Dinge vor Augen zu halten und in Verbindung zu bringen : Zunächst, dass die Juden überhaupt eine Eigenart darstellen, und dann, dass sie endlich die Fähigkeit erlangt haben, Dt amen zu schrei ben. Das erste eine alte Thatsache, an der kein Festzunehmender welcher Gesinnung immer mehr zweifelt, das zweite ein neues und grosses Foreignis in der Entwicklung des jüdischen Geistes! Von diesem neuen und grossen Ereignis aber müssen wir ausgehen, um auf geradem Gedanken- und Entwicklungswege zu einem zweiten, ebenso neuen, minder grossen, aber hinlänglich bedeutenden' Ereignis zu gelangen. Es vollzog sich in jenem Augenblicke, i:> dem ein deutsch-jüdischer Dramatiker zum erstennialc in bewusste Beziehung zum Judenthum trat, wir erlebten es in Georg IT i r s c F. f e 1 d , dem Schöpfer des jüdischen Milieudramas in deutscher Sprache. Das Wort Milieudrama soll, hier nicht im strengsten ( iassiricierungssinne gemeint sein. Der Nachdruck liegt auf dem vorhergehenden „jüdisch", die Bedeutung in der Ausder-Art-Gcschlagenheit des Dichters, der sich für seine Stücke jüdische Milieus wählt. Man erinnere sich nur, dass es den Juden nie leicht gemacht wurde, Anerkennung als deutsche Dichter zu finden. Was Wunder, dass sie, die ausser in den obligaten Künstlerkreisen meist nur in jüdischen Bürgerkreisen verkehrten, es doch vorzogen, christlich-germanische Milieus auf die Bühne -zu bringen? Es braucht da nicht gleich bewusste Fälschung vorzuliegen. Der Selbsterhaltungstrieb ist im Spiel — unterstützt von ererbten Anschauungen. Ob ein „christlicher" oder „mosaischer" Kaufmann, Professor oder sonst was — ist ja in der Sache gleich.