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Die Welt · 1901-09-27 · 39 (27.9.1901) · p. 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
39 (27.9.1901)
Article
Die Geschichte einer Synagoge
Date
1901-09-27
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 39 Die a£ Welt60 Seite 9 nach den geschichtlichen- Aufzeichnungen durchstöbert und auf Grund dieser Urkunden die Geschichte der alten Synagoge geschrieben.1) J)r. Gaster beschränkt sich, ausgesprodieiiermassen auf die nackten Thatsaehen, hütet, sich vor VennutIllingen und Legenden, enthält sich auch sorgsam, so gross auch die Versuchung gewesen sein mag, des Gelüstes*, Schlüsse aus den angeführten Einzelheiten des sephardisehen Gemeindelebens auf den. jüdischen Gesamnitcharakter zu ziehen. Aber diese weise Verscliw.iegenh.eit des Meisters regt unser Nachdenken und unsere Einbildungskraft stärker an, als es die reichste Beredtsamkeit vermocht hätte. Für uns ist die Geschichte der alten Synagoge von Bevis Marks ein spannender Geschichtsroman, reich an grossen Gestalten und lehrreich für den Juden, der sich bemüht, Israels Charakter und seine Stellung innerhalb der Völker zu erkennen. Als Spanien auf der Höhe seiner Macht und seines Glückes war oder zu sein schien, als sich die ganze Welt vor spanisolier Sitte und spanischem Golde verneigte, hielten die Granden den Zeitpunkt für gekommen, sich der lästigen Juden zu entbürden. Taufe oder Ausweisung! sagten sie und erwarteten, wie so viele von ihnen, dass die Juden sammt'und sonders Spanien den Kücken kehren würden. Aber die Nachkommen Ilm Schapruts und aller der anderen jüdischen Granden hatten es zu gut auf der iberischen Halbinsel, und der Wohlstand hatte zu lange gedauert : es kam ihnen zu schwer an, sich, von Haus und Hof zu trennen. Und war es nicht eine herrliche Sache, zum grossen Volke der Spanier, zur ersten Nation der Welt zu gehören? War es wert, um der grossen Cultur willen das kleine Opfer der Scheintaufe zu bringen? So geschah es, dass ein erklecklicher Theil der spanischen Juden im Lande verblieb, zum grossen Aerger der frommen Bevölkerung. Aber die armen Marannen sollten die theuer erkaufte spanische Cultur bitter bereuen. Ihre charakterfesten. Stamniesgenossen, die freiwillig ins Exil gegangen waren, hatten alle Xoth der .Heimatlosigkeit auszukosten, sie litten unter Hunger und Durst, unter Kälte und Hitze — doch Avas waren alle diese Leiden gegen das, was die Inquisition den Marannen bereitete? Die dumme Charakterfestigkeit hat es wieder einmal besser getroffen, als die schlaue, berechnende Feilheit. Die Marannen starben auf dem Scheiterhaufen, nicht für ihren Glauben, den sie verleugnet hatten, sondern wegen dieser Verleugnung, und in den Flammen fanden sie den Charakter wieder, den sie in der Ueppigkeit verloren hatten, und das Licht dieser Flammen zeigte ihnen den rechten Weg. Eine Familie nach, der anderen wanderte aus — - sie zogen nach der Türkei, nach Italien, nach Holland, 11 a c h E n g 1 a n d. Diese vielgeprüften, weit- und leiderfahrenen Wanderer mit den stolzen iberischen .Namen waren die Gründer der Synagoge von Bevis Marks. Wohlgemerkt: der Synagoge, nicht eines „Tempels". Dr. Gaster hebt dies ganz besonders hervor. Die Synagoge von Bevis Marks wurde der Mittel- und Sammelpunkt des jüdischen Lebens in England. Die Flüchtlinge, die früher ihren Weg nach England gefunden hatten, waren ängstlich in ihrer Einsamkeit geblielien; kaum dass einer von der Existenz des anderen wusste. Mit der Gründung der Synagoge beginnt die Geschichte der jüdischen Gemeinde in London. Stolze Namen sind es, die wir unter den Zeichnern der ersten „Escamot" oder Statuten der spanisch-portugiesischen Gemeinde finden; David Abrabanel Dormido, Elia de Lima, Moseh Baruch Louzada, Abraham Eoiz da Costa, Jahacob Gomez Serra, Abraham Coen Gonsales ... Etwa dreizehn Jahre später wurden diese Eseamot ein wenig geändert; da finden wir unter den Zeichnern schon *) History ot the Ancient Synagogue of the Spanish and Portuguese Jevvs, The Cathedral Synagogue of the Jews in England, situate in Bevis Marks. Ä Memorial V olume. By The Rev. The Haham, Dr. Moses Gaster. London 5661—1901. einen Moeatta (die ' Nachkommen dieses Mannes nehmen heute einen allerersten Platz ein nicht nur innerhalb der jüdischen Gemeinde, sondern in England überhaupt) und noch eineii Hed,Lna.' liiese Namen zaubern einem den Gegensatz zwischen dem Lande, das die jüdischen Granden verlassen hatten und dem engen Plätzchen, das ihnen in London vergönnt wurde, vor die Seele: Früher Glanz, Reichtbum, Macht, jetzt ein stiller Winkel, schwerer Kampf ums Dasein, Deniuth und Furcht .... Aber die junge jüdische Gemeinde sehnte sich nicht nach der Herrlichkeit der verlorenen Heimat zurück, nichts erinnert in. ihren Einrichtungen daran, dass sie jahrzehntelang sich einem aufgezwungenen Glauben gebeugt hatten. Diese Granden sind so glücklich in ihrem jüdischen Leben wie die Zeitgenossen Esras in dem wiedergewonnenen einzigen Gott, und sie erfüllen, ihre gesammtjüdischen Pflichten mit einem Eifer, der andere alte Gemeinden beschämte. Die Synagoge ist (das wird a u s d r ü c k 1 i c h bemerkt! ) allen Juden geöffnet, nicht nur denen spanisch-portugiesischer Abkunft; die Verfolgten, aller Länder finden bei ihnen reichliche Enterstützung, eine eigene Gasse für die Auslösung von gefangenen Juden (Sedaea do Cantivos) wurde gegründet, und dem heiligen Lande ein besonderer Fonds, die „Sedaca of Terra Santa", gewidmet. Einer der ersten Vorgänger Dr. Gasters, der Hab am Salomo Aylion, kam aus dem heiligen Lande. Das Talmudstudium wurde aufs eifrigste gepflegt. Ein im Besitze Dr. Gasters befindliches Talmudexemplär tragt das Datum „Juni 1699" und den Namen des damaligen Gemeindevorstehers K. Fidanque und. seiner Schüler Iiodrigues, Xunes Fernandes, Moeatta. Es ist selbstverständlich, dass die Geschichte der spanisch-portugiesischen Synagoge zum grossen Theil eine Geschichte der Hachamin oder Rabbiner ist. Dr. Gaster hat seine Vorgänger mit Liebe und Unparteilichkeit zugleich geschildert, wieder sehr gegenständlich, wieder mit Enthaltung persönlicher Kritik. Das Portrait Gasters schliesst die Reihe der Hachamim. Wie nimmt sich für uns, die Fernstehenden, der Hacham von heute neben denen von einst aus? Die Entfernung der Zeit wirkt im Gegensatze zu der des. Ortes wie ein ungeheures Vergrösserungsglas, deshalb werden die Sasportas, die Nieto, die Mesquitta der Gegenwart als Riesen erscheinen. Aber Dr. Gaster bedarf keiner künstlichen Vergrößerung, um den Vergleich mit ihnen auszuhalten; ja, wer den Mann kennt, seinen unbeugsamen Charakter, sein grosses Wollen, seine bewunderungswürdige Gelehrsamkeit, der kann ohne Scheu und ohne Gefahr, der TTebertrcibung geziehen zu werden, sagen: Moses wiegt sie alle auf. L. K. f>f*ibcit)e. Der zionistische Verein „Zionah" in Leipzig gibt hiermit bekannt, dass er stets gerne bereit ist, allen denjenigen, die in Leipzig ihre Studien zu vollenden gedenken, Aufschlüsse über die verschiedenen Studienzweige, auch über die hiesigen Lebensverhältnisse zu ertheilen. Anfragen, die in jeder Sprache abgefasst werden können, sind an Herrn Moses G 1 i k i d, Flossplatz 1, IL St. r., zu richten. *■ Jüdische Mädchen und Frauen! Der Sommer ist vorüber, die eingestellte Arbeit der Vereine wird mit dem beginnenden Herbste wieder aufgenommen. Auch der lit. Ges.-Verein jüdischer Madchen Moria" rüstet zur Fortsetzung seiner TJiätigkeit. Die „Mona" war es, die sich zuerst an die jüdischen Mädchen und Frauen gewendet hat. um in ihnen das jüdische Selbst - bewusstsein zu neben. Die „Moria" war es, die durch Veranstaltung ihrer Familienabende den jüdischen Mädchen und Frauen den Beweis erbrachte, dass man sieh im eigenen Kreise — unter .lauter"' Juden — wohler fühlte und die Juden es nicht nöthig haben, hinüber zu laufen zur fremden Sippe, um bei dieser als

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